Interview
im SPIEGEL mit David Cronenberg über seinen Film „Eine dunkle Begierde“
„Künstler
sind wie Seelenärzte“
Der
Regisseur David Cronenberg über seinen Freud-Film "Eine dunkle
Begierde", die revolutionäre Kraft der Psychoanalyse und den Einfluss der
freudschen Erkenntnisse über die menschliche Seele auf die Filme des 20.
Jahrhunderts
SPIEGEL: Mr. Cronenberg, Ihr Film beginnt damit,
dass die Schauspielerin Keira Knightley von einem Anfall gepeinigt wird:
Minutenlang brüllt sie herum, windet sich in Krämpfen, um zu zeigen, wie eine
psychisch kranke Frau leidet. Ist das nicht ein bisschen dick aufgetragen?
Cronenberg: Keineswegs. Denjenigen, die das zu
hysterisch finden, kann ich nur sagen: Liebe Kritiker, ich habe einen Film
gedreht, der von Hysterie handelt! Der muss hysterisch anfangen. Ich habe mir
zusammen mit Keira Knightley eine Menge alter Fotografien angeschaut, auf denen
Hysteriekranke zu sehen sind. Diese Fotos sind schockierend, fast unerträglich,
weil die Gesichter der Menschen darauf oft schrecklich entstellt sind. Im
Vergleich dazu ist der Film eher zurückhaltend. Vielleicht ist es ganz
natürlich, wenn sich der Zuschauer erst mal denkt, o Gott, hoffentlich wird
nicht der ganze Film so wie dieser Anfang. Aber Keira Knightley spielt nun mal
eine Frau, die dringend Hilfe braucht.
Selig sind die
Ahnungslosen, denn sie dürfen sich groben Unsinn zusammenträumen und in
Filmbilder umsetzen, und sich dennoch für vollkommen nüchtern halten!
Wo soll man da anfangen,
bei so viel (scheinbarer) Ahnungslosigkeit, die sich als profunde Kennerschaft
tarnt, und in diesem neuen, kaiserlichen Kleid auf Propagandafeldzug geht?
Cronenberg hat ja scheinbar
– mitsamt der Schauspielerin Knightly – gründlichst recherchiert, sich sogar
alte Bilder von Hysterikerinnen angesehen! Unglaublich! Welch tiefe Einsicht in
menschliche Abgründe! Welch ein Mut, den schockierenden, fast unerträglichen
Blick in die schrecklich entstellten Gesichter auszuhalten!
Nur: Wie soll das
Laienpublikum wissen, dass es sich hier wohl nur um die Fotosammlung des Herrn
Charcot handeln kann, der seine Hysterikerinnen gerne ablichten ließ und sie
suggestiv für seine Shows instrumentalisiert hatte? Konnten Herr Cronenberg und
Frau Knightly nicht lesen, oder haben sie nicht verstanden, warum Herr
Didi-Hubermann seinen Bildband über die „Hysterikerinnen“ des Herrn Charcot mit
„Invention de l’hysterie“ (1982) bzw. „Invention of Hysteria“ (2003) betitelt
hat? Die „Erfindung“ der Hysterie. Das war es, was Herr Charcot
publikumswirksam in Szene gesetzt hat. Eine Erfindung.
Das hatte jedoch mit einem
wirklich wissenschaftlichen Verständnis von „Hysterie“ z.B. im Sinne von Josef
Breuer nichts zu tun. Breuer hat – anhand einer „Hysterikerin“, der überaus
bemerkenswerten Bertha Pappenheim („Anna O.“) – in den Jahren 1880-1882 die
„Psychanalyse“ [ja, damals begriffslogisch korrekt noch ohne „o“] entwickelt.
Für ihn ist „Hysterie“ etwas ganz anderes: Das sind Kopf- oder Magenschmerzen,
Anfälle von Herzrasen, Lähmungserscheinungen, Verwirrungszustände, für die es
keine organische Erklärung gibt. Das sind Symptombilder, die ziemlich
unspektakulär sind. Das sind Störungsbilder, für die sich später Breuers
jüngerer Kollege und Schüler Sigmund Freud so interessiert, weil er sich
(jedenfalls in den Briefen an seinen verrückten Kompagnon Fließ) selbst als
„Hysteriker“ klassifiziert, weil er an ebensolchen Kopfschmerzen und
ebensolchem Herzrasen leidet.
SPIEGEL: Ihr Film "Eine dunkle Begierde"
erzählt die historisch verbürgte Geschichte der Sabina Spielrein, die erst Patientin
war und dann selber Psychoanalytikerin wurde, und den Kampf zwischen dem
Vernunftmenschen Sigmund Freud und dem Mystiker Carl Gustav Jung um diese
schöne Frau. Und dann thematisiert der Film vor allem das Ringen der beiden um
die Prinzipien der Psychoanalyse, was als Filmstoff etwas merkwürdig klingt.
Cronenberg: In meinen Augen sind die Entdeckungen
Freuds und Jungs ein welterschütternder Augenblick, ein Glanzpunkt in der
Geschichte der Menschheit. Ich glaube, dass sich ihre Wirkung nur mit dem Erdbeben
vergleichen lässt, das Charles Darwin ausgelöst hat. Durch Freud lernten die
Menschen die Welt und ihr eigenes Handeln neu begreifen. Sie lernten, dass in
unserem Inneren Triebe und Kräfte herrschen, über deren Macht man sich zuvor
keine Vorstellung gemacht hatte. Freud enthüllte auf völlig neue Art die Lust
und den Schrecken der Sexualität. Das revolutionierte das Denken des modernen
Menschen, und es verstörte viele zutiefst. Deshalb wird über die Lehren Freuds
und seiner Schüler auch bis heute ähnlich unerbittlich gestritten wie über die
Lehren Darwins. Für mich ist die Geburtsstunde der Psychoanalyse ein
Glücksmoment auch für die Kunst.
SPIEGEL: Warum?
Cronenberg: Ich finde, es gibt eine Menge
Gemeinsamkeiten zwischen dem, was Freud und Jung taten, und dem Job, den
Künstler machen: Künstler sind wie Seelenärzte, sie wollen herausfinden, was es
mit der menschlichen Natur auf sich hat, und die verborgenen Antriebe erkunden,
die im tiefsten Inneren wirken. Und viele Menschen, die keine Künstler und
keine Seelenärzte sind, finden das unangenehm.
Basierend auf seiner
vorgespielten Ahnungslosigkeit darf Cronenberg die ewige Leier von Freuds Lehre
als „Glanzpunkt in der Geschichte der Menschheit“ wiederholen, den Mythos
wieder aufwärmen, die Theorie hätte eine erdbebenartige Wirkung gehabt,
vergleichbar mit dem Effekt der Erkenntnis von Charles Darwin.
„Durch Freud lernten die
Menschen die Welt und ihr eigenes Handeln neu begreifen. … Freud enthüllte auf
völlig neue Art die Lust und den Schrecken der Sexualität.“ Die Lust auf
Sexualität kann bei Freud zur Zeit seiner Theoriebildung nicht mehr allzu stark
ausgeprägt gewesen sein. Den sexuellen Verkehr mit seiner Frau hatte er zu
dieser Zeit bereits eingestellt. Stattdessen gibt er am 01. Juni 1910 in einer
Debatte der Mittwoch-Gesellschaft (Nunberg u.a., 1977, 519) in der Tat zum
Besten: Sexualität gehöre „zu den gefährlichsten Betätigungen des Individuums“.
In Freuds ziemlich simplem Ätiologie-Schema führt (ziemlich einzig und allein)
Masturbation zu Neurasthenie, ja, manchmal genügt bereits die Benutzung eines
Kondoms (Masson, 1986, 29f) zur Auslösung dieser Störung, bzw. es wird (ebd.)
„von stark [zur Neurasthenie; K.S.] Disponierten oder fortdauernd
Neurasthenischen […] bereits der normale Koitus nicht vertragen.“ Also führt
Sex in jeder Form zu Neurasthenie.
Coitus interruptus führt
dagegen immer zu Angstneurose. Am 6. Oktober 1893 schildert er seinem damaligen
Freund Fließ, dass er mit vier unterschiedlich diagnostizierten Fällen
konfrontiert ist, in denen es jeweils zu Coitus interruptus gekommen sei.
Damals ist Freud überzeugt, dass Coitus interruptus eine sehr spezifische
„giftige“ Wirkung habe: Er löse eine Angstneurose aus. Freud findet nun einmal
als Wirkung dieses „Giftstoffes“ unterschiedliche Störungsbilder (Masson, 1986,
51): „Angesichts solcher Reaktionen auf dieselbe Noxe [Giftstoff; K.S.] die
Spezifität der Wirkungen in meinem Sinne festzuhalten, dazu gehört Mut. Und
doch muß es so sein, und es ergeben sich selbst in diesen vier Fällen … gewisse
Anhaltspunkte.“ Wenn Freud sich also eine schöne Theorie zurechtgelegt hat, die
ihm gefällt, dann behält er sie bei, auch wenn die Wirklichkeit ihn etwas
anderes lehrt. Das nennt man „Egozentrik“.
„Künstler sind wie
Seelenärzte, …“ – ja, bisweilen finden sich Äußerungen Freuds, die sich so
deuten lassen. „Wertvolle Bundesgenossen [des Seelenkundigen; K.S.] sind aber
die Dichter, und ihr Zeugnis ist hoch anzuschlagen …“ textet Freud 1907 in der
Abhandlung über Wilhelm Jensens „Gradiva“. Aber der joviale Vergleich endet am
Schluss für den Schriftsteller wenig schmeichelhaft: Der Seelenarzt gewinne
seine Einsichten anhand seiner Kranken. Dem Schriftsteller stehe als
Beobachtungsobjekt dagegen nur die eigene Person zur Verfügung, anhand derer er
Einblick in seine perversen Abgründe gewinne. Folgerichtig wird der
künstlerische Ausdruck mit den seelischen Prozessen von Neurotikern und
Verbrechern gleichgesetzt. Wilhelm Stekel, Freuds Gefolgsmann der ersten
Stunde, erkennt in seinem Werk „Dichtung und Neurose – Bausteine zur
Psychologie des Künstlers und des Kunstwerkes“ (1909) die Probleme der
Schriftsteller (a.a.O., 13): „Nicht jeder Neurotiker ist ein Dichter. Aber
jeder Dichter ist ein Neurotiker.“ Ihre Probleme, die sie mit den Hysterikern
teilten („überall lässt sich ein sicherer Untergrund von Hysterie nachweisen“;
a.a.O., 14): Impulse zu Inzest, Homosexualität, Onanie, Sadismus, Masochismus,
Exhibitionismus und Voyeurismus. „Dass die meisten Dichter in ihrer Jugend der
Onanie übermäßig gefröhnt haben ist aus mehreren Selbstbekenntnissen erwiesen …
Leider ist dass Sexualleben der wenigsten Dichter genau bekannt“ (a.a.O., 23).
(An derartigen Widersprüchen darf man sich nicht allzu sehr stören.)
Die Dichter hat Freud
selbst am Ende eher in Ruhe gelassen, nachdem er mit seinen Deutungsbemühungen
von Jensens Gradiva so böse auf die Nase gefallen war. Der Dichter müsse in
seine Schwester verliebt gewesen sein, die vermutlich mit einem Spitzfuß
körperlich behindert war. So reimt Freud es sich im Briefwechsel mit C.G. Jung
zusammen, nachdem seine Abhandlung schon erschienen ist, er aber im Grunde
immer noch nach einer schönen Perversion sucht, die er dem Dichter nachweisen
müsste, um seine Thesen auch wirklich plausibel zu machen. So bedrängt er den
Dichter mit Bitten, er möge doch Angaben machen über seinen persönlichen
Hintergrund. Er wolle auf jeden Fall auch Diskretion wahren. Er sei jedoch auch
nicht böse, wenn Jensen nicht antworte. Mit allem, was Jensen sage, wolle er
zufrieden sein. Wie das denn mit einem Schwesterchen gewesen sei? Und war
dieses Schwesterchen nicht vielleicht krank und gehbehindert? So steht es in
Freuds Briefen an Jensen, die seit mehr als 100 Jahren verschollen waren, die
nun Ende des Jahres von mir in der „Integrativen Therapie“ publiziert werden,
nachdem sie mir in diesem Jahr – im Jahr von Jensens 100. Todestag (am
24.11.1911) – von den Erben, die sie kurz zuvor in einem Nachlass entdeckt
hatten, zur Publikation anvertraut worden waren. (Klaus Schlagmann: "Die
Deutung des Wahns oder der Wahn der Deutung?" i.V.)
Jensens (wahrheitsgetreue)
Aussage ist für Freuds Hirngespinst niederschmetternd: Nein. Er habe keine
Schwester gehabt. Überhaupt keine Blutsverwandte. Jensen war als uneheliches
Kind eines Bürgermeisters und einer Dienstmagd ab dem 3. Lebensjahr bei einer
kinderlosen unverheirateten Pflegemutter aufgewachsen. Er hatte keinerlei Bezug
zu irgendwelchen Verwandten.
Freud ist beleidigt. Über
die Schwester habe er schon wieder nichts gesagt, jammert er gegenüber Jung.
Und zu der Hauptfrage – nach ihrer Körperbehinderung – habe er gar nicht
Stellung genommen.
Der Dichter habe die
Mitwirkung an der psychoanalytischen Interpretation seines Werkes versagt - so
publiziert er in der zweiten Aufklage seiner Abhandlung 1912. Ein Jahr nach Jensens
Tod. Da kann dieser nicht mehr darauf antworten. Ein über hundert Jahre lang
unentdeckt gebliebenes Spottgedicht auf Freud hatte Jensen allerdings bereits
1907 in seinem letzten Gedichtband untergebracht (Schlagmann, 2009).
1910 versucht sich Freud
noch an einem anderen Künstler, an Leonardo da Vinci. Leonardos (angebliche)
künstlerische Gehemmtheit und seine (unterstellte) Homosexualität will er
mittels einer Kindheitserinnerung begründen: Aus ihr deutet Freud eine
überstarke Mutterbindung heraus (die faktisch wohl gerade nicht gegeben war).
Dabei übersetzt Freud den Vogelnamen „nibbio“ (ital.) fälschlich mit „Geier“,
anstatt mit „Milan“ (der für Leonardo eine sehr spezifische Bedeutung hatte).
Über die Mythologie und die dort vorgefundenen Bedeutung des Geiers gelangt
Freud dazu, seine Phantasien als unumstößlich belegte Tatsachen zu verkaufen.
Vielleicht nicht verwunderlich, dass Freud bei(m) Vögeln leicht ein wenig in
Verwirrung geraten konnte.
Bei seinen Kranken bewegt
sich Freud – der „Entdecker [und] … großartige[.] Stilist“ (so der ahnungslose
Cronenberg) – auf sehr viel sichererem Terrain. Nehmen wir die Behandlung der
Hysterikerin Ida Bauer (1900). Als 13-jährige wird sie von dem 27-jährigen
Freund ihres Vaters in seinem ansonsten menschenleeren Büro an sich gepresst
und gegen ihren Willen auf den Mund geküsst. Sie spürt den Druck des erigierten
Penis an ihrem Körper. Da reißt sie sich los und rennt weg. Weil die Ehefrau
des Mannes ein Verhältnis mit dem Vater des Mädchens unterhält, wird der
fortgesetzte Übergriff durch die umstehenden Erwachsenen ignoriert. So auch,
als der Mann zwei Jahre später der 15-Jährigen einen „Liebesantrag“, macht, den
sie mit einer Ohrfeige quittiert. Sie erzählt es ein paar Tage später ihrer
Mutter. Die Eltern stellen den Mann zur Rede, der alles abstreitet. Die Eltern
glauben ihm. Im weiteren Verlauf wird die Jugendliche immer wieder sich selbst
überlassen, gerät dabei in ihrer Verzweiflung an den Rand eines Suizids.
Mit 18 Jahren beginnt sie
eine Therapie bei Freud. Dort fühlt sie sich zunächst wohl, weil Freud ihr
glaubt. Er lässt sich detailliert die Übergriffe schildern und hört aufmerksam
zu. Aber seine Bewertungen der Situationen wirken auf die Klientin – wie auch
auf mich – äußerst seltsam. In seinem Fallbericht („Bruchstück einer
Hysterieanalyse“, 1905) heißt es: Dass sie als 13-Jährige sich aus der
stürmischen Umarmung des Freundes ihres Vaters losreißt, zeige, dass sie hier
bereits „ganz und voll hysterisch“ sei. „Anstatt einer genitalen Erregung, die
bei einem gesunden Mädchen unter solchen Umständen gewiß nicht gefehlt hätte,
stellte sich bei ihr … der Ekel [ein]“. Freud kennt zufällig den Freund des
Vaters, den er – fast entschuldigend – so beschreibt: „ein noch jugendlicher
Mann von einnehmendem Äußeren“. Als dürfe es keinen Grund geben, dass eine
13-Jährige vor den ungebetenen Küssen eines 27-jährigen verheirateten Mannes
von „einnehmendem Äußeren“ Reißaus nimmt. Zu der Reaktion der 15-Jährigen auf
den Liebesantrag heißt es: „Dass sie von dem Vorfall ihre Eltern in Kenntnis
gesetzt hatte, legte ich so aus, dass sie dabei unter dem Einfluss krankhafter
Rachsucht stand. Ein normales Mädchen wird, so meine ich, allein mit solchen
Angelegenheiten fertig.“
Freud erkennt also „gesunde
Mädchen“ daran, dass sie in der Situation eines sexualisierten Übergriffs ihre
sexuelle Erregung genießen und die Situation vor ihren Eltern geheim halten. Er
sieht die eigentliche Ursache der psychischen Probleme der jungen Frau, wie er
aus ihren Erzählungen und Träumen deutet, in einem starken Drang zu
Homosexualität und Selbstbefriedigung, vor allem in inzestuösen Wünschen
gegenüber ihrem Vater. Schließlich sei sie (unbewusst) auch in den Freund ihres
Vaters verliebt, den sie – so die Unterstellung – ja doch am liebsten geheiratet
hätte. Dass die Betroffene all diesen Unterstellungen widerspricht, zeige ihren
Widerstand, womit sie beweise, dass der Therapeut genau ins Schwarze getroffen
habe. Nach knapp 10 Wochen beendet die Betroffene von heute auf morgen – völlig
zu Recht! – diese „Therapie“ – und ist wieder ganz sich selbst überlassen.
SPIEGEL: Und was wollen Sie Ihre Zuschauer über
diese geheimen Antriebskräfte lehren?
Cronenberg: Sie irren sich. Ich mache keine Filme,
um irgendjemanden etwas zu lehren. Ich mache Filme, um selbst etwas zu lernen,
um etwas herauszufinden. Freud beschäftigt mich schon lange. Während meiner
Studienzeit in Toronto gehörte es für jeden neugierigen jungen Menschen zur
Allgemeinbildung, die Freud-Essays und auch seine "Traumdeutung" zu
lesen. Das machte Spaß. Freud war nicht nur ein Entdecker, sondern auch ein
großartiger Stilist.
Man beachte die obigen
Ausführungen Freuds: Welch wunderbare Entdeckungen! Mit welch großartiger
Stilistik vorgetragen!
SPIEGEL: Sie schildern im Film auch, dass die Ablehnung
der Lehren Freuds sehr oft antisemitisch motiviert war.
Cronenberg: Für mich ist das ein zentraler Punkt.
Freud wollte Jung zum führenden Kopf der psychoanalytischen Bewegung machen,
weil Jung Christ war. Freud wollte damit die judenfeindlichen Attacken auf
seine Lehren entkräften. Er hat zeit seines Lebens erfahren, wie man die
Psychoanalyse als jüdische Wissenschaft und als wertlos denunziert hat. So
geschieht es bis heute.
Natürlich werden solche Ausführungen,
wie oben zitiert, nur von Antisemiten attackiert. So einfach ist das.
Wahrscheinlich ist es besonders antisemitisch, die Behandlung von Emma Eckstein
(Jüdin) zu kritisieren. Freud weiß (Freud, 1905/1993, 78): „Es ist bekannt, wie
häufig Magenschmerzen gerade bei Masturbanten auftreten.“ So sieht es auch sein
(jüdischer) Freund Wilhelm Fließ (Fließ 1902, zit. n. Masson, 1995, 117 f):
„Von den Schmerzen ex onanismo möchte ich einen wegen seiner Wichtigkeit
besonders hervorheben: den neuralgischen Magenschmerz.“ Nach Fließ hängt die
Nase eng mit dem Geschlechtsorgan zusammen; Masturbation habe „eine sehr
charakteristische Schwellung und neuralgische Empfindlichkeit der nasalen
Genitalstelle“ zur Folge. Sein Rezept bei Magenschmerzen: „Exstirpiert man
gründlich diese Partie der linken mittleren [Nasen ]Muschel, was leicht mit
einer geeigneten Knochenzange ausgeführt wird, so schafft man den Magenschmerz
dauernd fort.“ Bei Emma Eckstein, die Freud als Patientin mit (hysterischen)
Magenschmerzen im Jahr 1895 an Fließ vermittelt, verletzt Fließ bei seiner
„Operation“ ein größeres Gefäß. Wohl aus Schreck über das angerichtete Unheil,
verstopft er die Wunde notdürftig mit Gaze und reist nach Berlin ab. Emma
Eckstein steht für Wochen auf der Kippe zwischen Leben und Tod, als ein Arzt
die zunächst unentdeckte Gaze aus der eiternden Wunde entfernt und die Blutung
immer wieder aufbricht. Ihr muss am Ende ein Teil des Gesichtsknochens
weggemeißelt werden, um die Blutung stoppen zu können. Freud meint: „Eine Entstellung
bleibt ihr natürlich erspart.“ (Masson, 1986, 122) Freud beruhigt über fast
zwei Jahre hinweg seinen Freund, die Blutungen seien „hysterische“ gewesen,
„wahrscheinlich zu Sexualterminen“ (ebd., 193). „[D]aß es Wunschblutungen
waren, ist unzweifelhaft“ (ebd., 202) (4. Juni 1896). So leicht ist es für
Freud, der Phantasie eines Betroffenen die Verantwortung für ein verletzendes
Geschehen zuzuschreiben.
Hat es auch einen
antisemitischen Hintergrund, dass der Jude Freud den Juden Breuer und dessen
Behandlung der Jüdin Pappenheim diskreditiert, die sich – gerade durch Breuers
Behandlung – gestärkt gefühlt hatte, sich in bewundernswerter Weise um die
Opfer jüdischen Mädchenhandels zu kümmern?
SPIEGEL: Sie sagen, das Kino funktioniere für den
Verstand des Menschen wie ein Traum. Wie kommen Sie darauf?
Cronenberg: Durch eigene Erfahrung. Sobald ich ein
Kino betrete und der Film beginnt, lasse ich meinen Körper hinter mir und
begebe mich in einen anderen Raum und in ein anderes Leben. Selbst wenn ein
Film so tut, als wäre er extrem realistisch, selbst wenn ein Film sich
dokumentarischer Mittel bedient, für den Verstand des Zuschauers funktioniert
er doch wie ein Traum. Davon bin ich überzeugt. Die Logik des Kinos ist die
Logik des Traums.
SPIEGEL: Das gilt aber nicht für die Filmemacher.
Cronenberg: Nein, die dürfen nicht träumen. Die
müssen vollkommen nüchtern und bei sich bleiben. Sie sind dazu verdammt, um
Geld und um Schauspieler zu feilschen und Politik zu betreiben. Da kann man
sich keine Träume leisten.
Möge Cronenberg seinen
Alptraum schön weiter träumen. Auch davon, wie sehr er doch ein Realist sei.