Meine Korrespondenz mit dem Veranstalter des Symposiums „Von
Lust und Unlust“ im September 2010, bei der als Star-Referent Otto Kernberg zu
Gast war:
Sehr geehrter Herr
Dr. Dulz,
seit Jahren arbeite
ich mich an einem Artikel ab, der 1999 in einer Zeitschrift veröffentlicht
wurde, in der Sie selbst auch einen Beitrag beigesteuert hatten. Dieser Artikel
- Kernbergs Aufsatz: „Persönlichkeitsentwicklung und Trauma“ in der PTT (1,
1999) - macht mich einerseits fassungslos, weil ich ansonsten noch nie einen
Text gelesen habe, der so unverblümt das Leid von Gewaltopfern geradezu
leugnet, sondern diese selbst zu Tätern erklärt. Andererseits bin ich geradezu
froh, dass dieser Artikel geschrieben wurde, weil er wohl so übersichtlich wie
sonst wenig andere Schriften das Auseinanderklaffen von traumatischer Realität
und triebtheoretischer Deutung auf den Punkt bringt.
Sie hatten Ihren
Beitrag als „Antithese“ zu Kernbergs Sicht dargestellt. Und Sie sind diesem
Anspruch - aus meiner Sicht - sehr gut gerecht geworden.
Wenn man sich den
Text von Kernberg näher betrachtet - ich habe mich ihm nun immer wieder auf
verschiedene Art und Weise genähert - dann kann ich nur sagen, dass ich
wirklich entsetzt bin darüber, wie sehr sich gerade Fachleute von einer
„Koryphäe“ solche Ungeheuerlichkeiten als Weisheit „verkaufen“ lassen. (Auf
einer Audioaufnahme des Vortrags ist das begeisterte Klatschen des Publikums zu
hören.) Allein, wenn Kernberg behauptet, dass bei gesunden Menschen ein
posttraumatisches Belastungssyndrom durch Folter, KZ oder Vergewaltigung nach
2-3 Jahren quasi von allein wieder verschwinde und nur bei Menschen, die schon
eine Persönlichkeitsdeformation mitbringen, gravierendere
Störungen hinterlässt. Oder seine Formulierung, dass eine von ihrem Vater im
Alter von (unkonkret) unter 10 Jahren sexuell missbrauchte Grundschülerin diese
Situation „in typischer Weise … als einen sexuell erregenden Triumph über ihre
Mutter“ erlebe und sie „ihre Schuld tolerieren“ müsse. Das macht mich wirklich
fassungslos.
Nun haben Sie diesen
Menschen nach Hamburg eingeladen, dass er dort an ihrem Symposium teilnimmt. Es
ist ja einerseits vielleicht gut, mit Menschen wie Kernberg in die Diskussion
zu treten - wenn sie denn wirklich einmal selbstkritisch Stellung beziehen
würden. Andererseits wünsche ich mir manchmal, dass er mit seinen Positionen
sehr viel deutlicher geächtet würde.
Den Versuch einer
Analyse des Artikels hatte ich in 2007 zwei Trauma-Zeitschriften
angeboten. Deren Gutachter hatten jedoch den Text jeweils abgelehnt. Ich lege
Ihnen hier diesen Text bei. („Mit Sophie Freud gegen ‚falsche Propheten’.
Verleugnung und Verharmlosung von Traumata von Freud bis Kernberg.“)
In 2009 konnte ich
auch in der „Psychodynamischen Psychotherapie“ (PDP) einen Beitrag zur Thematik
unterbringen: „Ein markanter Freudscher Flüchtigkeitsfehler. Plädoyer für die
Revision von Freuds Verwerfung der Trauma-Perspektive.“
Darf ich Sie fragen,
was Sie von meiner Kritik halten? Finden Sie nicht, dass es obsolet sein
sollte, Herrn Kernberg zu öffentlichen Vorträgen einzuladen, solange er seine
fürchterlichen Thesen nicht ausdrücklich widerrufen hat?
Mit freundlichem Gruß
Klaus Schlagmann
Antwort von Dr. Birger Dulz:
Sehr geehrter Herr
Schlagmann,
mich wundern Ihre
Äußerungen wie "diesen Menschen" doch sehr. Diese subtile Art der
Diskriminierung finde ich eigentlich immer unangebracht und wenig zielführend. So etwas hat nichts mit Kritik zu tun, und
insofern - Sie fragen mich nach meiner Meinung - halte ich von Ihrer
entsprechenden Äußerung nichts.
Unabhängig davon, wie
Sie, ich und andere zu einzelnen Positionen von Otto Kernberg stehen: Ohne ihn
gäbe es die heutigen umfassenden Kenntnisse zu Persönlichkeitsstörungen und das
eine oder andere Therapieverfahren nicht. Offenbar beziehen Sie sich in Ihrer
„Kritik“ auf einzelne Äußerungen, ohne die vielen anderen Äußerungen Kernbergs
und vor allem seine praktische Arbeit zur Kenntnis genommen zu haben. Leider
ist es auch in der Wissenschaft zunehmend Usus geworden, nur zur Kenntnis zu
nehmen, was in den eigenen „Kram“ passt; so kommt es denn auch zu Positionen,
die suggerieren, dass es den Könisgweg gäbe. Den gibt
es aber in unserer Disziplin nicht.
Ganz generell halte
ich von einem solchen undifferenzierten Vorgehen ebenfalls nichts. Ich wünschte
mir fachliche Diskussionen statt Aufrufen zu „Ächtungen“ etc. Dazu gehört
allerdings dann auch die Kenntnisnahme, dass eine PTSD tatsächlich eine hohe
Quote an Spontanheilungen aufweist; das ist eine gut belegte Tatsache, die noch
dadurch akzentuiert wird, dass ein sofortiges Einschreiten von Traumatherapeuten oft nicht nur unnötig, sondern sogar
kontraproduktiv ist. Das sehen kompetente Traumatherapeuten
so, weil die Datenlage nun einmal eindeutig ist. Übrigens finden Sie bereits in
dem DSM-IV wie der ICD-10 entsprechende Hinweise.
Zusammenfassend halte
ich unterschiedliche Positionen für die Wissenschaft und als Folge davon
therapeutische Möglichkeiten fördernd; von „Hexenjagden“ mit Diffamierungen
halte ich nichts.
Mit freundlichen
Grüßen
Dr. med. Birger Dulz
Chefarzt
II. Fachabteilung
Persönlichkeitsstörungen/Trauma
Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie
Facharzt für
Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
Asklepios Klinik Nord - Ochsenzoll
II. Fachabteilung
Persönlichkeitsstörungen/Trauma
Langenhorner Chaussee 560 - D - 22419 Hamburg
Tel.: 040 - 18 18 87 24 28/23 28 - Fax: -15 36
E-Mail: b.dulz@asklepios.com<mailto:b.dulz@asklepios.com> - www.asklepios.com<http://www.asklepios.com/>
Und meine Antwort:
Hallo Herr Dr. Dulz,
wie schön, dass Ihre
sensible Sprachanalyse anhand von wenigen Worten schon erkennt, was „mit Kritik
nichts zu tun“ hat, und wo eine „subtile Art der Diskriminierung“ lauert. So
ersparen Sie sich schon mal, Thesen etwas weitergehend zu hinterfragen, mit
denen aus den Reihen Ihrer Zunft heraus die Opfer brutalster Gewalt selbst an
den Pranger gestellt werden.
Bezeichnend
vielleicht, dass Ihr Kollege Sachsse an der Ignoranz,
dem Nicht-Wissen-und-nicht-Hinsehen-Wollen von
Kollegen wie Ihnen resigniert und nach vielen Jahren sich von seiner
„psychoanalytischen Identität“ verabschiedet hat. Ähnlich wohl auch Günther
Seidler, der seine Lizenz als Lehranalytiker schon vor langer Zeit aufgegeben
hat und jetzt eine Traumazeitschrift herausgibt.
Solche aufrechten Menschen haben meinen Respekt.
Ich wünsche mir, dass
einmal eine Zeit kommt, in der Menschen wie Sie sich einmal werden dafür
rechtfertigen müssen, dass sie über Jahre und Jahrzehnte an der Vertuschung des
Missbrauchs beharrlich mitgewirkt bzw. dazu geschwiegen haben, dass sie klare
Kritik an dieser systematischen Vertuschung im Brustton der Entrüstung abgewiesen
haben. Mit meinen bescheidenen Kräften werde ich jedenfalls weiter daran
arbeiten, die Öffentlichkeit auf Herrn Kernberg und seine Steigbügelhalter
hinzuweisen.
Klaus Schlagmann