Trauma-Zeitschriften
als „Feigenblätter“?
Oder:
Wer hat
(keine) Angst vor Otto F. Kernberg?
Haben Fachzeitschriften zum Thema „psychisches Trauma“
reine Alibifunktion?
Sollen
sie die beschämende Blöße bedecken, die in diesem Bereich herrscht?
Sind die Herausgeber zu feige, sich mit Otto F.
Kernberg anzulegen?
Erfahrungen bei dem vergeblichen Versuch,
zwei Fachzeitschriften einen kritischen Artikel
über den Ansatz von Otto F. Kernberg anzubieten
(„Mit Sophie Freud gegen falsche Propheten:
Kritik der Verleugnung und Verharmlosung von Traumata!“
bzw.
„Mit Sophie Freud gegen falsche Propheten -
Verleugnung und Verharmlosung von Traumata von Freud bis Kernberg“).
Zum 10-jährigen Jubiläum von
Kernbergs „Lindauer Thesen“ aus dem Jahr 1997 hatte ich mich einmal mehr
bemüht, einige Fachleute, die mit dem Thema „Trauma“ und „Traumaverarbeitung“
beschäftigt sind, darauf hinzuweisen. Von der Redaktion einer Fachzeitschrift
bekam ich am 20.02.2007 die Einladung, einen Artikel einzureichen:
„Gerne würden wir Ihnen vorschlagen, zu
diesem wichtigen und [Begriff ausgelassen; K.S.] Thema Ihre Kritik in
einem Beitrag in der Zeitschrift ... [Name der Zeitschrift]
einzureichen.
Haben Sie daran Interesse?“
Natürlich hatte ich! Auf meine am selben Tag
gegebene Zusage bekam ich prompt ein knappes „wunderbar!“ zur Antwort. Und
in einer dritten Mail desselben Tages die folgende Anmerkung:
„wir haben uns überlegt, dass sinnvoll wäre,
wenn wir neben Ihrem beitrag auch den einstigen aufsatz von kernberg in der ...
[Name der Zeitschrift] veröffentlichen würden. was halten Sie von der
idee? so könnte auch nicht der vorwurf kommen, man würde zitate aus dem
zusammenhang reissen - allerdings müsste der verlag der PPT zustimmen.
... wir finden Ihre kritik sehr berechtigt und freuen aus auf Ihren beitrag“
Diese Idee fand meine volle Zustimmung; die
Zeitschrift, in der Kernbergs Artikel erschienen war, stellte jedoch eine finanzielle
Forderung für die Wiederabdruck-Erlaubnis (1.000,00 € zzgl. Steuer), die der
anfragenden Redaktion zu hoch war, so dass sie von dieser Idee Abschied nahm.
Einige Antworten, die ich im Jahr 2000/2001 auf
eine Umfrage zu Kernbergs Artikel hin erhalten hatte, wollte ich namentlich
zitieren. Bereits damals hatte ich sämtliche angeschriebene Personen ausdrücklich
auf meine Absicht aufmerksam gemacht, die Antworten zu veröffentlichen.
Trotzdem hatte mich die Redaktion gebeten, noch einmal die vierzehn Urheber der
zum Abdruck vorgesehenen Antworten anzuschreiben und um eine ausdrücklich
Zustimmung zu deren Veröffentlichung zu bitten. Dies hatte ich getan. Nur eine
Person hatte nicht geantwortet (Prof. A). In vier Fällen wurde die Zustimmung
ausdrücklich nicht erteilt (drei Professoren, ein Doktor). Alle vier hatten in
2000/2001 meiner Kritik ausdrücklich zugestimmt, jedoch in drei Fällen auch
angemerkt, dass man bei Kritik mit (unangenehmen, verständnislosen) Reaktionen aus
psychoanalytischen Kreisen rechnen müsse. Zehn Autoren (acht Professoren, darunter
u.a. Sophie Freud, und zwei Doktoren) hatten ausdrücklich die Erlaubnis
erteilt, ihre damalige Antwort namentlich zu veröffentlichen.
Sigmund Freuds Enkelin, Prof. Sophie Freud, hatte
meiner Kritik übrigens sehr engagiert zugestimmt: „Ihre
Entrüstung gegen Kernberg scheint mir sehr berechtigt. Der Kerl hat so viele
aggressive Klienten weil sein Verhalten solche Gefühle herausfordert, und er
sieht die Aggressionen nicht als Antwort auf sein Benehmen, sondern
interpretiert sie ganz anders. Ich weiss wirklich nicht warum er so beliebt
ist, vor allem in Europa. ... Sie sollten im deutschen Bereich ihre Stimme erheben,
eben so, daß sie mehr gehört wird. Ich wünsche Ihnen besten Erfolg“.
Am
26.03.2007 lag der Redaktion der Artikel vor, ebenso die Veröffentlichungs-Zustimmungen.
Der Bescheid kam am 30.03.2007:
„leider kam die rückmeldung, dass Ihr
beitrag nicht veröffentlicht werden kann.
für eine sachliche diskussionsgrundlage müsste - so die gutachter - der
einstige beitrag von herrn kernberg wieder abgedruckt werden, was für die ... [Name
der Zeitschrift] nicht erschwinglich ist.
nur so könnten verzerrungen umgangen werden, was für eine wissenschaftliche
zeitschrift wie die ... [Name der Zeitschrift] wesentlich ist.
es tut mir leid, Ihnen keine andere rückmeldung geben zu können.
die gutachter sehen keine möglichkeit zur publikation in der ... [Name der
Zeitschrift].
vielleicht könnten Sie es bei der PSYCHE versuchen?“
Auf mein Angebot, unter diesen Umständen sämtliche
Kosten für den Wiederabdruck von Kernbergs Artikel zu übernehmen, hieß es am
31.03.2007:
„es wurde insgesamt angemerkt, dass Ihr beitrag
nicht die kriterien einer wissenschaftliche auseinandersetzung erfüllt, wie sie
für die ... [Name der Zeitschrift] nötig ist:
zum einen wäre das der wiederabdruck des beitrag von herrn kernberg, zum andere
wäre ein anderer stil nötig, u.a. das zitieren von literatur.
die ... [Name der Zeitschrift] ist eine wissenschaftliche zeitschrift,
was bestimmte kriterien einer arbeit impliziert, die gutachter sahen diese
leider nicht in ausreichendem maße gegeben.
es tut mir leid, Ihnen keine bessere nachricht übermitteln zu können.“
Auf diesen Bescheid gab es
nicht mehr viel zu antworten:
„Überlassen wir die
Wissenschaft also lieber Herrschaften wie Sigmund Freud und Otto F. Kernberg!
Ha, ha, ha!”
Meinen Artikel hatte ich kurz
danach – überarbeitet – an eine andere Zeitschrift weitergereicht. Deren
Herausgeber hatte mir im Januar 2007 geschrieben:
„Sehr geehrter Herr Schlagmann,
ich bin beeindruckt, auch von Ihrer homepage!
Und stimme sehr vielem zu.
Erlauben Sie mir trotzdem einen Tipp: Ich finde
es schade, wie Sie Ihre Kraft und Ihr Wissen einsetzen. An dieser einen Stelle
könnten Sie es vielleicht mit Freud halten: Die Gegner links liegen lassen, und
eigene Positionen aufbauen. Wollen Sie kämpfen oder gewinnen? Wenn Sie gewinnen
wollen, sollten Sie, pardon für die Belehrung! - vermeidbare Schlachten
vermeiden. Wenn Sie in Lindau einen Vortrag hielten, hätten Sie mehr Wirkung.
Die wünsche ich Ihnen. Und ‚unseren’ Patienten.“
Meine Reaktion:
„Sehr geehrter Herr Prof. X,
vielen Dank für Ihre ermutigende Antwort! Auf
jeden Fall würde ich es begrüßen, in Lindau einen Gegenakzent setzen zu dürfen.
In verschiedenen Bereichen habe ich dies auch bereits getan (MEG, Positive
Psychotherapie, BDP, Symposion zur Geschichte der Psychoanalyse). Die
Organisatoren der Lindauer PW hatte ich auch bereits im Jahr 2000
angeschrieben. Sie hatten noch nicht einmal geantwortet. Von daher fürchte ich,
dass die Bewerbung dort um ein Referat nicht wirklich sehr aussichtsreich ist.
(Aber Sie haben recht: ich sollte es auf jeden Fall - gerade aus gegebenen
Anlass - zumindest versuchen. ... Die diesjährigen Organisatoren, Frau Prof.
Kast und Herr Prof. Cierpka, hatte ich übrigens auch im Jahr 2000
angeschrieben. Beide hatten mir geantwortet, Sie hätten leider keine Zeit, sich
damit zu beschäftigen.)“
Am 02.04.2007 schrieb ich ihn erneut an:
„Sie hatten mich gefragt: ‚Wollen Sie
kämpfen oder gewinnen?’ und mir geraten: ‚Die Gegner links liegen lassen,
und eigene Positionen aufbauen.’ Natürlich möchte ich gewinnen. (Manchmal ist
dies ohne ‚kämpfen’ leider nicht möglich.) Die Gegner nur ‚links liegen lassen’,
fiele mir schwer: Wenn ich in einer Studie von 1999 lese, dass ca. 65 % von 91
befragten ExpertInnen verschiedenster Therapierichtungen die Gewaltschilderungen
von KlientInnen für eine ‚retrospektive Phantasie’ halten, wenn die Betroffenen
mit größerer Sicherheit davon ausgehen, dass das Ereignis real stattgefunden
hat bzw. wenn die Betroffenen eher die Schuld bei Täter oder Täterin suchen,
dann halte ich das für katastrophal. Da scheint mir ‚links liegen lassen’ zu
wenig, wenn nicht gar unverantwortlich.
Natürlich bastle ich auch an ‚eigenen
Positionen’. Dazu zähle ich meine neue Sicht auf die Mythen von Ödipus und
Narziss, deren Verständnis als Geschichten von Traumatisierung und Gewalt, die
sich daran anschließende theoriegeschichtliche Reflexion zu Freud, meine
Überlegung zur menschheitsgeschichtlichen Entwicklung des Konfliktes zwischen
Männern und Frauen, mutterzentrierten und patriarchalischen Gesellschaften, zu
dem aus diesem Urkonflikt resultierenden Problem in Familien, dass Kinder in
den Konflikt der Eltern immer wieder vereinnahmt wurden und werden. (Das ist
aus meiner Sicht die zentrale Aussage des Mythos von Ödipus, von Sophokles in
unvergleichlicher Brillanz auf die Bühne gebracht.)
Als ‚eigene Leistung’ sehe ich auch die
Wiederentdeckung und den Rehabilitationsversuch von Josef Breuer, der - unter
Verweis auf den ‚König Ödipus’, den Schiller 1797 als ‚tragische analysis’
bezeichnet hatte - für sein Vorgehen (zu recht!) den Begriff ‚Psychoanalyse’
geprägt hatte. (Die systematische Verleugnung von Trauma und Gewalt nenne ich
dagegen - etwas polemisch - bisweilen ‚Psychoanalüge’.) Breuer hatte vor seinen
PatientInnen m.E. sehr viel mehr Respekt, als z.B. Janet, der die ‚Hysterikerinnen’
doch eher für geistig schwach hielt, während Breuer ihnen eine besondere
Begabung und Sensibilität attestierte.
Damit solche Positionen wahrgenommen werden und
sich aufbauen können, bedarf es natürlich eines Forums, in dem sie sich
präsentieren können. Leider ist - aus meiner Sicht - die Offenheit für Kritik
in der psychotherapeutischen Zunft nicht sehr stark ausgeprägt. Es besteht
wenig Bereitschaft, eine kritische Sicht zuzulassen bzw. zu
diskutieren. Ich erwarte ja gar nicht, dass mir von allen Seiten Zuspruch
entgegen kommt. Aber etwas mehr Bereitschaft, die fatale Verleugnung von
Trauma und Gewalt innerhalb der Therapie-Szene zumindest zu diskutieren, würde
ich mir schon wünschen. (Manchmal denke ich, dass sich die Verhältnisse seit
Semmelweiß wenig verändert haben; man setzt lieber eine alteingefahrene Methode
fort, als über deren mögliche Gefahren nachzudenken.)
In diesem Zusammenhang eine Frage an Sie: Sie
geben die Zeitschrift ... [Name der Zeitschrift] heraus. Darf ich Ihnen für
diese Zeitschrift einen Beitrag zu Kernbergs Artikel anbieten? Quasi zum
10jährigen Jubiläum seiner Thesen? (Nach Kernberg beschäftigen Sie sich übrigens
mit einem hoffnungslos veralteten Thema; er wirft die Frage auf, ‚ob
Trauma noch ein hilfreiches Konzept sei’. Und nach dem Aufwerfen dieser
Frage konstatiert er, dass - jedenfalls in Amerika - eine Gruppe von Forschern,
zu denen er sich zählt, ‚absolut verneint’, das ‚komplexe[.] und
chronische[.] Trauma[.] als hilfreich’ anzusehen.)
Für den Beitrag hatte ich 14 ‚Prominente’
angeschrieben, die mir bereits in 2000 auf meine Kernberg-Aktion geantwortet
hatten. Ich hatte kürzlich um Erlaubnis gebeten, ihre Antworten namentlich zu
veröffentlichen. 13 Rückmeldungen habe ich erhalten. (Sehr gefreut hat
mich die ausdrückliche Zustimmung von Frau Sophie Freud zum Abdruck ihrer sehr
scharfen, klaren, direkten Kritik an Kernberg, die ich ein wenig zum Aufhänger
gemacht habe. Sie hatte in 2002 beim Weltkongress Psychotherapie in Wien ihren
Großvater einen ‚falschen Propheten’ genannt. Neben 9 ausdrücklichen
Zustimmungen gab es vier ausdrückliche Nicht-Zustimmungen zur namentlichen
Veröffentlichung der Antwort. Drei der vier AutorInnen hatten ursprünglich
meiner Kritik eindeutig zugestimmt, bei dem vierten Autor klang eine gewisse
Zustimmung zumindest an. Das finde ich sehr interessant, weil es m.E. die
Tendenz belegt, dass einer öffentlichen Kritik solcher Positionen eher aus dem
Weg gegangen wird. (Die drei eindeutig zustimmenden AutorInnen, die anonym
bleiben wollten, hatten in ihrer Stellungnahme auch schon bereits von
Schwierigkeiten gesprochen, die sie bei offener Kritik erlebt hatten.)“
Auch in diesem Fall liegt seit
dem 10.05.2007 eine Entscheidung vor:
„Sehr
geehrter Herr Schlagmann,
wir haben ihren Beitrag anonymisiert zwei Gutachtern zur Bewertung vorgelegt.
Gutachter 1 lehnt eine Publikation mit der Bemerkung „kein wissenschaftlicher
Beitrag“, kein "Praxisbericht" im eigentlichen Sinne ab. Gutachter 2
begründet seine Entscheidung:
Auszüge aus GA 2. Die Annahme, dass manche psychoanalytischen Theorien schwer
verständlich sind und bzgl. der neueren Traumaforschung sogar abwegig
erscheinen ist durchaus akzeptabel. Im vorliegenden Text, der sich mit der
Täter-Opfer-Dynamik in der Theorie Kernbergs auseinandersetzt, wird keine
konkrete Fragestellung aufgeworfen und vor allem auch keine wissenschaftliche
Methodik angewendet. Es handelt sich eher um eine persönliche Sicht des Autors,
wobei aus dem Zusammenhang genommenen Textstücke von Kernberg eher polemisch
diskutiert werden. Eine Methodik ist nicht erkennbar. Der Beitrag kommt daher
weder für die Rubrik „Wissenschaft“ noch für die Rubrik „Praxis“ in Frage.
Da beide Gutachter ihren Beitrag abgelehnt haben sprachen sich alle drei
Herausgeber, gemäß unserer in der Redaktionskonferenz festgesetzten Statuten,
gegen eine Veröffentlichung in Trauma & Gewalt aus.
Sehr geehrter Herr Schlagmann, ich bedaure Ihnen keine bessere Mitteilung
schicken zu können. Persönlich möchte ich noch anmerken, dass ein solcher
Beitrag wohl nur ohne einen Bezug auf Kernberg Erfolg auf eine Veröffentlichung
in einer Zeitschrift haben wird, evtl. in Form einer kritischen
(wissenschaftlich fundierten) Diskussion psychoanalytischer Konzepte.“
Auch
hier habe ich mich auf eine knappe Antwort beschränkt:
„ich bin sicher, Ihre ‚Gutachter’ hätten an
der Wissenschaftlichkeit von Kernbergs Aufsatz keine Zweifel. Es ist und bleibt
ein Trauerspiel (oder eine Komödie? Realsatire?), wie eine ‚wissenschaftliche’
Gemeinschaft den unsäglichen Ansatz eines Herrn Kernberg gegen jede Art von
Kritik in Schutz nimmt.
Der ... [Name der Zeitschrift]
weiterhin viel Erfolg als ‚Feigenblatt’.“
Um mir die Arbeit mit den
Texten nicht umsonst gemacht zu haben, stelle ich sie nun hier ins Internet.
Sollte sich irgendeine Zeitschrift für den Abdruck interessieren, dann stehe
ich dem – nach Rücksprache – sehr positiv gegenüber. Mit der weiteren Verbreitung
des Textes bin ich einverstanden.
Über den entsprechenden link
gelangt man zu den zwei Texten:
„Mit
Sophie Freud gegen falsche Propheten: Kritik der Verleugnung und Verharmlosung von
Traumata!“
(Version für Zeitschrift 1 vom
26.03.2007)
(Version für Zeitschrift 2 vom
05.04.2007)