Eine
(angebliche) Fehlleistung Freuds vom September 1898
Falls die oben geknüpfte
Assoziationskette – Mat-Hilde / Hella / Hellas / Amerika / Amalia – fragwürdig
erscheint, hier ein Beispiel von Freud selbst aus dem Jahr 1898, als er sich über
das Vergessen von Namen Gedanken macht. Auch hier gelangt Freud über zwei Namen
zu zwei geographischen Begriffen, und von dort zu dem gesuchten Thema und
Namen: Botticelli / Boltraffio / Bosnien-Herzegowina / Trafoi / Signorelli. [10]
Freud erzählt, er habe auf
einem Ausflug von Ragusa nach Trebinje einen Reisegefährten gefragt, ob er
schon in Orvieto die berühmten Fresken gesehen habe. Den Namen des Malers ***
habe er in diesem Moment nicht erinnern können. Es seien ihm zunächst „Botticelli“, und dann „Boltraffio“ eingefallen. Als ihm
später der richtige Name genannt wurde – „Signorelli“
–, sei er sich dessen sofort sicher gewesen. Kurz
vor dieser Fehlleistung habe er mit dem Fahrgast über eine Eigenart der in Bosnien-Herzegowina
lebenden Türken gesprochen. Wenn man ihnen als Arzt sage, dass es für einen
ihrer Angehörigen keine Hilfe mehr gebe, dann bekomme man zu hören: „Herr, was ist da zu sagen? Ich weiß,
wenn er zu retten wäre, hättest du ihn gerettet!“ [11] Ihm sei dann noch eine Anekdote
eingefallen (Freud, 1901/1954, S. 14f): „Diese Türken schätzen den
Sexualgenuß über alles und verfallen bei sexuellen Störungen in eine Verzweiflung,
welche seltsam gegen ihre Resignation bei Todesgefahr absticht. Einer der
Patienten meines Kollegen hatte ihm einmal gesagt: ‚Du weißt ja, Herr,
wenn das nicht mehr geht,
dann hat das Leben keinen Wert.’ ... Ich stand damals unter der Nachwirkung einer
Nachricht, die ich wenige Wochen vorher während eines kurzen Aufenthaltes in Trafoi erhalten hatte. Ein Patient,
mit dem ich mir viele Mühe gegeben, hatte
wegen einer unheilbaren sexuellen Störung seinem Leben ein Ende gemacht.“
[12]
Peter Swales (1999) hat
Freuds Sommerreise aus dem Jahr 1898 detailliert rekonstruiert und dabei einen
ganz anderen Ursprung dieser angeblichen Fehlleistung plausibel gemacht.
Freud befand sich damals
zunächst für ein paar Tage mit seiner Schwägerin Minna Bernays auf einer
Wanderung über die Alpen, von Landeck über das Engadin nach Chiavenna. Bei
einer Tagesetappe von Prad in Österreich nach Bormio in Italien hatten sie am
8. August einen kurzen Aufenthalt von vielleicht ein bis zwei Stunden in dem
kleinen italienischen Ort Trafoi absolviert, von dem Minna in einem Brief an
ihre Schwester Martha kurz berichtet. Swales zweifelt daran, dass hier eine
Nachricht über den Suizid eines seiner Patienten an Freud gelangt sei, zumal
Minna in ihrem Brief von ihrer guten Stimmung in Trafoi berichtet [13]. Auf dem Weg zum Stilfser Joch habe jedoch eine Marmortafel
daran erinnert, dass dort ein Engländer im Jahr 1876 seine Gattin eine
Steilwand hinabgestürzt hatte, weil er ihrer überdrüssig geworden war. Im Jahr
1900 habe Freud mit seiner Gattin in dieser Gegend eine Woche Urlaub verbracht,
sei mehrfach den Weg auf und ab gelaufen und habe für die Schönheit der Gegend
geschwärmt. (Freuds Biograph, Ernest Jones, habe kommentiert, dass diese
Auffassung von der Schönheit der Gegend nicht allgemein geteilt würde.)
Den Ausflug von Ragusa nach
Trebinje, wo die angebliche Fehlleistung vorgefallen war, hatte Freud am 6.
oder 7. September 1898 unternommen. Danach
machte sich Freud – zum Ausklang seines Urlaubs – allein auf eine weitere
Exkursion in die Lombardei. Am 16. oder 17. September gelangte er nach Bergamo,
seiner letzten Station. Dort befand sich ein Museum mit Gemälden aus der
Sammlung eines Giovanni Morelli, Autor eines Buches über die italienische
Malerei, das Sigmund Freud laut Eintrag am 14. September 1898, also gerade zwei
oder drei Tage zuvor, erworben hatte. Morelli, ein Mediziner und Anatom, hatte
Jahre zuvor Aufsehen erregt, weil er die wahre Urheberschaft etlicher
Kunstwerke in verschiedenen europäischen Museen, die berühmten Malern
zugeschrieben worden waren, in Frage gestellt hatte, weil bestimmte Details in
der Darstellung (Form der Fingernägel, Ohrläppchen, Heiligenschein u.a.) von
der typischen Darstellungsweise des jeweiligen Künstlers abwichen. Freud hatte
im Jahr 1914 in einer zunächst anonym publizierten Abhandlung über den Moses
des Michelangelo die Vorgehensweise Morellis mit dem eines Psychoanalytikers
verglichen: Von scheinbar unbedeutenden Kleinigkeiten schließe auch er auf
verborgene und geheime Dinge.
Morelli (†1891) hatte seine
umfassende Kunstsammlung seiner Heimatstadt Bergamo vermacht. Swales
argumentiert plausibel, dass Freud – bei seinem Interesse für diesen Mann –
kaum versäumt haben dürfte, diese Ausstellung am 17. September 1898 zu
besuchen. Die Ausstellung umfasst, laut einem zeitgenössischen, nummerierten
Katalog:
Nummer 20: „Madonna mit Kind“ von Luca Signorelli.
Nummer 21: „Porträt von Giuliano de Medici“ von Sandro Botticelli.
Nummer 22: „Salvator
mundi“ (Der Erlöser der Welt) von Giovanni Antonio Boltraffio.
Am selben Tag um 23.15 Uhr
reist Freud per Zug von Bergamo in Richtung Wien, wo er am Abend des 18.
Septembers ankommt. Vier Tage später erwähnt er in einem Brief an seinen Freund
Fließ erstmals die angebliche Fehlleistung mit dem Namen Signorelli, weitere
fünf Tage später hat er seinen Aufsatz dazu bereits zur Publikation (1898/1952
b) versandt.
Peter Swales argumentiert
plausibel, dass Freud vom Besuch der Ausstellung in Bergamo her die Namen der
drei Künstler in einen Zusammenhang gebracht haben dürfte, und nicht – wie er
erzählt – auf einem Ausflug zehn Tage zuvor.
Sie tauchen in seiner Abhandlung in derselben Reihenfolge auf, wie sie im
Katalog der Ausstellung nummeriert sind. Der Name des eher unbekannten
Boltraffio könne Freud vor dem 17. September 1898 kaum geläufig gewesen sein.
Womöglich inspiriert durch einen eigenen Traum auf der
nächtlichen Bahnfahrt von Bergamo nach Wien, hat er offenbar ein Märchen
konstruiert, in das er zwar reale Begebenheiten mit einfließen lässt, das er
jedoch mit seiner eigenen Phantasie ausgestaltet.
Aufgrund seiner
überraschenden Entdeckung der Bilderreihe sucht Swales den symbolischen Bezug zum
Geschehen zu entschlüsseln.
In der Madonna von Signorelli
[14], der
jungfräulichen Mutter, sieht Swales für Freud eine Möglichkeit, an seine
unverheiratete Schwägerin Minna zu denken. Die vier Jahre jüngere Schwester
seiner Frau Martha lebte in der Familie Freud und hatte dort die Funktion eines
Kindermädchens übernommen. Freud selbst hat diese ‚Jungfrau‘ als eine der „zwei
Mütter“ bezeichnet (BaF, 423). Darüber hinaus scheint mir das Besondere an
diesem Bild, dass hier Maria mit ihrem Daumen den Penis des kleinen Knäbleins
stimuliert – in früheren Zeiten wohl ein bewährtes Mittel zur Beruhigung von
Kindern. Für Freud jedoch, der noch ein Jahr zuvor fortwährend über den
sexuellen Missbrauch von Kindern durch ihre Eltern räsoniert hat, müsste diese
Darstellung wohl als sexueller Übergriff einer Mutter gegenüber ihrem Sohn ins
Auge gefallen sein.
Bei „Giuliano“ de
Medici [15] zieht Swales Verbindungen zu Freuds
Bruder Julius, der, circa ein Jahr nach Sigmund geboren, noch als
Säugling verstorben war. Freud selbst schreibt am 3. Oktober 1897, also knapp
ein Jahr vor seiner Reise nach Bergamo (BaF, 288 f.): „Ich kann nur
andeuten, ... daß später (zwischen 2 und 2 ½ Jahren) meine Libido gegen matrem
erwacht ist, und zwar aus Anlaß der Reise mit ihr von Leipzig nach Wien, auf
welcher ein gemeinsames Übernachten und Gelegenheit, sie nudam [16]
zu sehen, vorgefallen sein muß (Du hast für Deinen Sohn
daraus die Konsequenz längst gezogen, wie mir eine Bemerkung verraten hat [17]);
daß ich meinen ein Jahr jüngeren Bruder (der mit wenigen Monaten gestorben) mit
bösen Wünschen und echter Kindereifersucht begrüßt hatte und daß von seinem Tod
der Keim zu Vorwürfen in mir geblieben ist.“ Freud sieht sich also offenbar
als Konkurrent zu Julius um die (erotische) Liebe zu seiner Mutter – eine
Phantasie, aus der er wohl einen Beitrag zu seiner Hysterie abgeleitet hat.
Der Titel des Bildes, „Salvator
mundi“ („Der Retter der Welt“), ist, wie Signorelli,
als Teilanagramm von Freuds Vornamen überaus tauglich [18], zumal ‚Sieg‘ und ‚Heil‘ (lat.: salvus) gedanklich nicht allzu
weit voneinander entfernt liegen. Swales glaubt, dass
der von seiner Mutter Amalia zum Überkind erklärte Sigismund sich selbst darin
gesehen haben dürfte. In dem oben angeführten Zitat Freuds zum
Mutter-Sohn-Verhältnis – „Auf den Sohn kann die Mutter den Ehrgeiz
übertragen, den sie bei sich unterdrücken mußte, von ihm die Befriedigung all
dessen erwarten, was ihr von ihrem Männlichkeitskomplex verblieben ist.“ –
klingt ja bereits an, dass Freud sich von Mama Amalia ganz schön unter Druck
gesetzt gefühlt haben dürfte. Der „Männlichkeitskomplex“ scheint ja bei
der schrillen, launischen und herrschsüchtigen Amalia recht ausgeprägt gewesen
zu sein. Eine solche Haltung, zum Erlöser/Beherrscher der Welt werden zu
wollen, hat Volker Elis Pilgrim (1996) mit spitzer Feder als eine typische
Haltung von Muttersöhnen (Nero, Konstantin, Napoleon, Bismarck, …) entlarvt.
Manche Söhne werden eben schon früh darauf getrimmt, nach dem Ruhm zu streben,
in dessen Glanz ihre Mütter gerne erstrahlen würden.
Interessant scheint mir in
diesem Zusammenhang ein Freudscher Reflex vom 16.10.1895 auf ein literarisches
Werk (BaF, S. 149): „Der Jacobsen (N.L.) hat mir tiefer ins Herz geschnitten
als irgendeine Lektüre der letzten neun Jahre.“ Freud spielt hier auf den
Roman Niels Lyhne von Jens Peter Jacobsen an. Der Vater von Niels ist
ein im Grunde bodenständiger Gutsherr, der mit seinem Ruf, weltmännisch zu
sein, bei der späteren Mutter von Niels großen Eindruck macht, die mit ihm der
Enge ihrer eigenen Familie entfliehen möchte. Die beiden heiraten, jedoch
erlischt der ursprüngliche Zauber schon nach einem Ehejahr, weil der Gatte
lieber den Alltag genießt, als nach immer neuen Höhen und Glücksmomenten zu
streben. Zu diesem Zeitpunkt ist die Mutter mit Niels schwanger. In ihren Sohn
projiziert sie all ihre Wünsche und Sehnsüchte hinein – jedoch vergebens. Niels
wird ein im Grunde beziehungs- und lebensunfähiger Mensch, der mit sich, der
Welt und Gott hadert, und der am Ende einsam und elend stirbt. Kurz vor ihrem
Tod konfrontiert die Mutter ihren Sohn noch einmal mit dem Auftrag, den sie
sich für ihn ausgedacht hatte (Jacobsen, 130): „,Erinnerst du dich’, sagte
sie gleich darauf, ‚wie oft du mir versprachest, wenn du groß seiest, wollest
du auf einem Schiff aussegeln und mir die Herrlichkeiten der ganzen Welt nach
Hause bringen.’ ‚Und ob ich mich erinnere! …’ ‚Ich habe auf dieses Schiff
gewartet – nein, sei still, mein Kind – Du verstehst mich nicht – es war nicht
für mich selbst; es war Deines Glückes Schiff . . . . ich hatte gehofft, daß
das Leben für Dich groß und reich werden würde, und daß Du die strahlenden Wege
fahren – Berühmtheit . . . . . Alles – nein, nicht das;
nur dieses, daß du mit dabei sein würdest, um das Größte zu kämpfen; ich weiß
nicht: wie, aber ich war so müde des Alltagsglücks und der Alltagsziele.
Begreifst Du das?’“
Die Lektüre dieses Romans
hat Freud also „tiefer ins Herz geschnitten als irgendeine Lektüre der
letzten neun Jahre“: Das Organ leidet, dessen psychosomatische Reaktionen
(‚Hysterie’) er so nachhaltig beobachtet, die er theoretisch zu erklären und zu
therapieren versucht. Da dürfte er bei der Lektüre wohl an einen wichtigen
Punkt seiner eigenen Neurose vorgestoßen sein – womöglich zu dem mütterlichen
Drängen gegenüber ihrem Sohn, als Retter ihrer Welt zu fungieren. Drei Jahre
später könnte Freud in dem Bild Boltraffios an den mütterlichen Auftrag – Sigmund
als Salvator mundi – erinnert worden sein.
Auf der Urlaubsreise von
1898, die ihn am Ende auch nach Bergamo gebracht hatte, war Freud erstmals in
alleiniger Begleitung seiner Schwägerin Minna unterwegs. Swales vermutet, Freud
habe ein erotisches Interesse an ihr entwickelt. Zu diesem Zeitpunkt hatte der
42jährige Arzt den sexuellen Verkehr mit seiner Gattin aus Gründen der
Schwangerschaftsverhütung bereits seit ungefähr drei Jahren eingestellt. Dabei
hatte er selbst seinen Patienten mit Angstneurose – von denselben körperlichen
Herzproblemen begleitet, wie Freud sie von sich kannte – dringend empfohlen,
auf sexuelle Abstinenz oder den coitus interruptus zu verzichten! Die
Möglichkeit zu erotischem Kontakt mag für ihn da ein zentraler Punkt gewesen
sein, um – wie ein bosnischer Türke – das Leben wieder lebenswert oder gar
lebensmöglich empfinden zu können. Dass Freud in Trafoi dann aber „eine
gewisse Nachricht“
erhalten habe, die ihn zur intensiven Beschäftigung mit den Themen „Tod und
Sexualität“ angeregt habe (1898/1952 b, 524), deutet Swales deshalb als
eine deutliche Absage von Minna, in deren Folge sich womöglich Resignation oder
gar Lebensmüdigkeit bei Freud eingestellt habe (drei Jahre später als Nachricht
vom Selbstmord eines Patienten aufgrund einer nicht zu behebenden ‚sexuellen Störung‘
bemäntelt).
Die „gewisse Nachricht“ könnte, nach Swales, zusätzlich durch
die Marmortafel auf dem Weg von Trafoi zum Stilfser Joch determiniert gewesen
sein: Als Anregung, über eine Möglichkeit nachzusinnen, sich Marthas zu
entledigen. Ähnlich, wie er – laut seiner eigenen Analyse – als Kind gewünscht
habe, den eigenen Bruder Julius zu beseitigen, um sich der Gunst der Mutter zu
versichern, könnte er die eigene Gattin aus dem Weg geräumt haben wollen, um
deren Schwester für sich zu gewinnen. Mag sein, dass Freud bei der Wiederholung
seines Ausflugs nach Trafoi in Begleitung seiner Gattin im Jahr 1900 erwogen
hat, diese Idee in die Tat umzusetzen.
Diese Deutungen von Swales
möchte ich noch ergänzen; Märchen (wie das von Freud erfundene) sind ja oft genug
mehrschichtig zu verstehen.
Das Material verweist
meines Erachtens deutlich auf eine sehr persönliche Geschichte von Sigmund
Freud („Sig[norell]i“; „S[igis]mundi“;
„Giuliano“ = Julius). Deswegen ist die
Auseinandersetzung mit seinem eigenen Problem und seiner Familiengeschichte
sicherlich ein zentraler Inhalt dieser Phantasie. Am
14. August 1897 notiert er (Masson, 1986, S. 281): „Der Hauptpatient, der
mich beschäftigt, bin ich selbst.“ In den Briefen spricht er wiederholt von seinem eigenen
psychosomatischen Herzproblem, seiner „kleinen Hysterie“ (am 14. August
bzw. am 3. Oktober 1897). Noch am 9. Juni 1898 informiert er über seinen
gesundheitlichen Zustand (BaF, 345): „Wenn es dich übrigens diagnostisch
interessiert, zwischen meinen Migränen und meinen Herzschmerzen etc. besteht
die rührendste Vertretungsrelation. Ich weiß seit Reichenau [19]
nicht, ob ich ein Cor [20] besitze,
dafür habe ich rinnenden Schnupfen und einen sehr labilen Schädel. Vorher war
es umgekehrt. Müssen also beide noch eine Weile halten.“ Seine ‚Hysterie‘
plagt ihn also mal wieder – sie schwankt zwischen Migräne und Herzschmerz.
Und während Freud seit
mindestens drei Jahren in verschiedenen Publikationen seine großartigen Erfolge
in der Behandlung dieser Störung betont, verzweifelt er im privaten Austausch
immer mehr an deren Aufklärung. Am 9. Februar 1898 schreibt er (BaF, 326): „Selbstanalyse
ruht zugunsten des Traumbuches. Die Hysteriefälle gehen sogar sehr schlecht
voraus. Ich werde auch in diesem Jahr keinen zu Ende bringen; fürs nächste bin
ich dann ganz ohne Patientenmaterial.“ Am 15. März (BaF, 332): „In
Hysterie bin ich jetzt völlig desorientiert.“ Am 3. April (BaF, 336): „Meine
Vorlesung langweilt mich, ich mag die Hysterie nicht vortragen, weil mir an
zwei wichtigen Stellen die sichere Entscheidung fehlt.“ Am 18. Mai (BaF
343): „Die Gewöhnung zu arbeiten – am Traum – tut mir nach der Hysteriequälerei
sehr wohl.“ Am 26. August (BaF, 354): „Die Hysteriearbeit wird mir in
Gedanken immer zweifelhafter, als hätte ich noch ein paar mächtige Faktoren
außer Rechnung, und vor der Wiederaufnahme der Arbeiten graut mir stark.“
Und schließlich am 31. August (BaF, 355 f.): „Das Geheimnis dieser [Freuds
eigener] Ruhelosigkeit ist die Hysterie. In der Untätigkeit ohne fesselnde
Neuheit hier hat sich die ganze Angelegenheit mir drückend schwer auf die Seele gelegt. Meine Arbeit kommt mir
sehr entwertet vor, die Desorientierung
komplett, die Zeit, von der wieder
ein rundes Jahr ohne greifbaren Fortschritt in den Prinzipien vergangen
ist, als inkommensurabel mit den Zeitforderungen des Problems. Dazu ist es die
Arbeit, auf deren Gelingen ich meine bürgerliche Existenz gesetzt habe. Die
Erfolge sind zwar gut, aber vielleicht nur indirekt, als hätte ich den Hebel in
einer Richtung angesetzt, die allerdings eine brauchbare Komponente für die
Spaltrichtung des Zeugs abgibt; letztere bliebe mir aber selbst unbekannt. So
will ich mir entfliehen und möglichst Frische und Objektivität sammeln, da ich
die Arbeit doch nicht verlassen kann.“
Trotz der Verkehrung seiner
zuvor mit Vehemenz verteidigten genialen Vergewaltigungs-Theorie in ihr
völliges Gegenteil vor ungefähr einem Jahr ist Freud keinen Schritt weiter
gekommen. Wie soll er nun seinem Publikum und sich selbst sein Scheitern
erklären, wo er doch die schönsten Erfolge vorgelogen hatte? Der Druck, unter
dem Freud (auch vor sich selbst) gestanden haben dürfte, hätte sich sicherlich
verstärkt, wenn in dieser Zeit tatsächlich noch ein Suizid eines seiner
Patienten stattgefunden hätte.
Freud publiziert erstmals
1901, dass ihn in Trafoi die Nachricht erreicht habe, einer seiner Patienten,
mit dem er sich „viele Mühe gegeben“, habe wegen einer „unheilbaren
sexuellen Störung seinem Leben ein Ende gemacht“ – was ihn dann mit dem
Thema „Tod und Sexualität“ konfrontiert habe.
Da er ohnehin im Verdacht
steht, bei seiner Story nicht aufrichtig zu sein, wäre es egal, ob er eine solche
Nachricht tatsächlich in Trafoi erhalten hätte, oder ob er sich – vielleicht
auf der Grundlage dessen, dass er real eine solche Botschaft in jüngerer Zeit
erhalten hatte – eine solche Szene auf der Heimfahrt von Bergamo nach Wien nur
erträumt hätte. Einem versierten Freud-Forscher verdanke ich die persönliche
Mitteilung, dass er über Hinweise verfüge, wonach im Jahr 1898 womöglich vier
von Freuds Patienten Suizid begangen hätten, einer davon im Juli, ein anderer
im August [21]. Es
könnte Freud also tatsächlich in Trafoi die Nachricht von einem dieser Vorfälle
erreicht haben. Denkbar wäre auch, dass diese Suizide ganz allgemein Freuds
Sommerreise überschattet hätten und er, aus welchem Grund auch immer, gerade in
Trafoi sehr lebhaft an sie gedacht hätte.
Sollten ein oder mehrere
solcher Suizide stattgefunden haben, so könnten sie – als Ausdruck einer misslungenen Intervention – für den um
Anerkennung bemühten Psychoanalytiker ziemlich unerfreulich gewesen sein.
Gerade für einen solchen Fall dürfte er sich einerseits eine Gelassenheit von
Angehörigen gewünscht haben, wie er sie von den bosnischen Türken berichtet,
dass sie ihm attestierten, er hätte das Bestmögliche getan (erstes Zitat).
(Denkbar, dass die Angehörigen eines solchen Patienten Freud gegenüber nicht
dieses Vertrauen gezeigt hatten.) Andererseits könnte Freud versucht haben,
sich mit der Vorstellung zu beruhigen, dass allein wegen der (angeblich)
vorliegenden sexuellen Störung sein ehemaliger Patient das Leben nicht mehr
lebenswert empfunden hätte (zweites Zitat), dass dessen Tod also beispielsweise
mit einem Kunstfehler seinerseits, mit der radikalen Wende seiner Theorie,
nichts zu tun gehabt hätte. Seine Patienten mussten ja damals in kurzer Zeit
ein Wechselbad über sich ergehen lassen – von der Suggestion, sie seien vom
Vater in der Kindheit sexuell missbraucht worden, hin zur Anklage, sie selbst
hätten inzestuös die Mutter begehrt und dazu den Vater aus dem Weg räumen
wollen. Gut vorstellbar, dass derartige Kapriolen bei manchen Betroffenen zu
starken Verunsicherungen und Schuldgefühlen geführt haben, die bei ohnehin
labilen Patienten sehr wohl den Anstoß zu einem Selbstmord geben konnten. Es
dürfte also die gärende Auseinandersetzung mit seiner theoretischen und
therapeutischen Entwicklung in Freuds Märchen von seiner Fehlleistung
einfließen.
Selbst, wenn Freud sich nur
für seine eigene Person Resignation und Lebensmüdigkeit, und damit das Scheitern
seiner theoretischen Bemühungen, hätte eingestehen müssen, so hätte er sich
sicherlich gerne bescheinigt – um sich vor Fremd- und Selbstkritik zu bewahren
–, das Menschenmögliche getan zu haben, nur an der Unheilbarkeit der Störung
gescheitert zu sein.
Freuds Hinwendung zu Themen
der allgemeinen Psychologie – dem Traum und dem Vergessen von Namen – scheint
Ausdruck dieser Kapitulation vor der „unheilbaren“ Hysterie zu sein. Am
26. August 1898 berichtet er über sein neues Vorhaben (BaF, 354 f.): „Eine
Kleinigkeit, lange vermutet, habe ich endlich gefaßt. Du kennst den Fall, daß
einem ein Name entfällt und sich ein Stück eines anderen dafür einschiebt, auf
das man schwören möchte, obwohl es sich als falsch erweist. So ging es mir
unlängst mit dem Namen des Dichters, von dem der Andreas Hofer (‚zu Mantua in
Banden‘) ist. Es muss etwas mit ‑au sein, Lindau, Feldau. Natürlich heißt
der Mann Julius Mosen, das ‚Julius‘ war mir nicht entfallen. ...“
Bei der Verdrängung habe auch „infantiles Material mitgewirkt“. Die
Idee, dem alltäglichen Vergessen von Namen auf den Grund zu gehen, wird also
nun in Angriff genommen. Und schon einen Monat später hat Freud in
der Geschichte von dem angeblichen Vergessen des Namens von Signorelli ein
Ereignis parat, das den Hauptbestandteil seiner Publikation (1898/1952)
ausmacht.
Worin mag nun das „infantile
Material“ bestehen, das nach Freud an dem Vergessensprozess (zwingend?)
beteiligt ist? In Frage kommt sicherlich die Auseinandersetzung mit dem früh
gestorbenen Julius, zu dem Freud, wie er selbst ein Jahr zuvor äußert, eine
kindliche Rivalität um die Gunst der Mutter empfunden haben will. [22]
Das Madonnen-Bild des
‚vergessenen’ Herrn Signorelli in Bergamo könnte jedoch bei Freud
eine noch tiefere Ebene berührt haben: Es stellt einen auffälligen Kontrast her
zu Freuds Theorie von 1896/97, wonach jeweils der Herr Vater durch seinen
sexuellen Missbrauch die Hysterie seiner Kinder verursache. Der Maler bringt
dagegen eine Frau Mutter zur Darstellung, die sich am Geschlechtsorgan ihres „S[igis]mundi“
zu schaffen macht. „Das Bild Signorellis“ – so betitelt Freud seinen
Aufsatz über das Namen-Vergessen am 20. Dezember 1898 gegenüber Wilhelm Fließ
(BaF, 370) –, jedenfalls dasjenige, welches Freud in Bergamo im Zusammenhang
mit den Werken Botticellis und Boltraffios gesehen haben dürfte, könnte ihn,
ihm selbst offenbar unbewusst, einmal mehr mit der Problematik mütterlicher Vereinnahmung und Verführung
konfrontiert haben. Die jungfräuliche Mutter mit dem Kind symbolisiert darüber
hinaus die Bedeutungslosigkeit des Vaters, unterstreicht damit die Distanz
zwischen Vater und Sohn, wie sie jedenfalls in der Konfliktdynamik der Familie
Freud so deutlich zutage tritt. Es lässt darüber hinaus eine sehr spezifische
Familienkonstellation – Josef/Maria/Jesus/Gottvater – anklingen: Der offizielle
Gatte der Mutter ist nicht der Vater des Kindes.
Dieser letzte Punkt bietet
eine Möglichkeit, den Assoziationsfaden noch weiter zu spinnen. Die Malerei
Signorellis im Dom von Orvieto wird von Freud in seiner ersten Mitteilung dazu
als „das Weltgericht“
betitelt (BaF, 357). Dies eröffnet eine gedankliche Querverbindung zu Freuds erstaunlich
ausführlichen Auseinandersetzung mit der Novelle Die Richterin von Conrad Ferdinand Meyer
(1885/1913). Seine Wanderung mit Minna von Landeck in Richtung Chiavenna, bei
dem sie Zwischenstation in Trafoi gemacht hatten, welches wiederum bei der ‚Fehlleistung’
eine Rolle spielte, sei von Fließens Bemerkung inspiriert, dass dieser das Land
so genau kenne, in dem der Jürg Jenatsch [23] spiele
(BaF, 351), nämlich Graubünden, wo auch die Handlung der Richterin
angesiedelt ist. Und auch die Richterin behandelt, wie das eine Bild
Signorellis, die Problematik mütterlichen
Verhaltens: In der Hauptgeschichte, wie auch in einer Nebengeschichte,
erweist sich, dass der offizielle Gatte einer Mutter nicht der Vater ihres
Kindes ist, weshalb der Gatte jeweils aus dem Weg geräumt wird – ein Thema, das
womöglich auch in die spezielle Situation von Sigmund Freud hineinspielt.
Beide Bilder Signorellis
zusammengenommen – die ‚Madonna mit Kind‘ in Bergamo, wie auch das
‚Weltgericht’ in Orvieto – ließen sich also als ein Querverweis zu der Richterin
verstehen. Deswegen möchte ich den Inhalt dieser Novelle und Freuds Deutung
dazu erläutern.
Ein Höfling von Karl dem
Großen, Wulfrin, der Sohn des Grafen Wulf, wird an seine alte Heimat erinnert,
was ihn nicht erfreut; bereits als Siebenjähriger hatte er seinen Vater
verlassen, nachdem dieser die krank gewordene Mutter – seine zweite Frau – in
ein Kloster gegeben hatte. Bald darauf war dem schon in die Jahre gekommenen
Wulf quasi auf der Durchreise bei dem Richter auf Malmort bei Wein und
Würfelspiel die 16jährige Stemma, dessen einzige Tochter, zur Frau gegeben
worden. Bei der Hochzeit war dann der Brautvater in einem Streit getötet
worden; Wulf bekam bei der Heimkehr von seinem einwöchigen Rachefeldzug von
seiner jungen Gattin den Willkommenstrunk kredenzt, von dem sie zuvor selbst
drei große Schluck genommen hatte. Nachdem er den Becher geleert hatte, war er
tot zusammengebrochen. Wulfrin, der diese Umstände von zuverlässigen Zeugen
detailliert geschildert bekommen hatte, ist misstrauisch gegenüber der Stiefmutter,
will aber eigentlich mit der Geschichte nichts zu tun haben. Sie selbst drängt,
dass er den Tod des Vaters kritisch untersuche. Das ärgert Wulfrin (285): „Das
Weib tritt mir zu nahe“.
Vom Kaiser mit einem
Auftrag zu seiner Stiefmutter geschickt, gerät Wulfrin nahe der Burg Malmort in
die Gefangenschaft einer lombardischen Bande; seine fünfzehnjährige
Stiefschwester Palma, die ihn bereits freudig erwartet, löst ihn – ohne Zögern
und ohne das geringste Anzeichen von Bedauern – mit ihrem ganzen Schmuck aus.
Kurz darauf bittet
Faustine, eine Dienerin, die Richterin, sie zu verurteilen, weil sie vor vielen
Jahren ihren Gatten ermordet habe. Als junges Mädchen sei sie von einem Mann
umworben worden, der dann bei einer Jagd umgekommen sei. Vom Vater der
Richterin kurz darauf mit einem anderen verheiratet, hatte sie bei der Hochzeit
gemerkt, dass sie bereits von dem ursprünglichen Bewerber schwanger war. Um das
Ungeborene vor ihrem jähzornigen Mann zu schützen, habe sie ihn vergiftet; der
heilkundige Mönch Peregrin hatte sie warnend auf giftige Pflanzen aufmerksam
gemacht. Jetzt, nachdem ihre Tochter erwachsen ist und das Haus verlassen hat,
will sie verurteilt werden. Die Richterin verhält sich sehr einfühlsam
gegenüber ihrer früheren Gespielin und verweigert ihr wegen Verjährung das
Todesurteil. Stattdessen solle sie sich vom Bischof eine Buße auferlegen
lassen.
Allein in der Burg mit
ihrer schlafenden Tochter erinnert sich Stemma an die Zeit, als sie ihr Erbe
angetreten und durch scharfsinnige Politik ihre Herrschaft gefestigt hatte.
Endlich zur Ruhe gekommen, war sie dann selbst ruhelos geworden. Sie hatte
nachts öfter mit zwei Kristallfläschchen gespielt, die Peregrin auf Malmort
zurückgelassen hatte. Eines davon ist mit einer kleinen Schlange markiert, auf
dem anderen ist „Antidoton“ [Gegengift] eingeritzt. Jetzt beschließt
sie, die zwei Flakons zu vernichten, und zertritt dasjenige, dessen Inhalt als
Gegenmittel gekennzeichnet ist. Erstaunt nimmt sie einen Mandelgeruch wahr,
denn sie dachte, zunächst das andere Fläschchen zertreten zu haben. Der
Versuch, auch dieses nun zu zerstören, scheitert an dessen überraschender
Festigkeit. So steckt sie es sorgfältig in ihr Gewand. Nun versinkt sie in
einen Traum, in dem ihr Peregrin erscheint, der andeutet, Palma sei sein Kind.
Er erzählt auch aus der Unterwelt, vom Grafen Wulf, der ständig überlege, ob
seine junge Gattin ihm damals ein Leid angetan hatte, oder nicht. Die Richterin
stellt die Vaterschaft Peregrins vehement in Abrede, behauptet, makellos zu
sein. Aber sie hätten sich beide geliebt; ihr Vater habe ihn jedoch erwürgt,
weil er ihn in den Armen seiner Tochter angetroffen hatte. Sie habe schon zuvor
mit ihm fliehen wollen, er sei dazu jedoch zu feige gewesen.
Am nächsten Morgen werden
Mutter und Tochter vom Klang eines Horns geweckt; der freigelassene Wulfrin hat
sich vor dem Burgtor eingefunden. (Dem Horn, von Wulf an Wulfrin übergegangen,
werden magische Eigenschaften zugesprochen: Bei der Heimkehr vor dem Burgtor
geblasen zwinge es die Burgherrin, dem Burgherrn eventuelle Verfehlungen zu
bekennen.) In einem Gespräch unter vier Augen fordert Stemma von Wulfrin, sie
freizusprechen. Wulfrin zeigt sich unwillig: er zweifle nicht an der
Schilderung vom Tod seines Vaters. Er habe jedoch seine Schwiegermutter nie
gemocht, weil sie seiner Mutter den Platz streitig gemacht habe, die von dem
groben Vater geschlagen und, nachdem sie alt geworden, ins Kloster verbannt
worden war.
Stemma beteuert, die
Verheiratung mit Wulf sei für sie erzwungen und entwürdigend gewesen. Sie habe
sich dabei der Gewalt des Vaters gefügt, der zuvor ihren „Liebling“ von
niederem Stand eigenhändig erwürgt habe. Durch den raschen Tod des Wulf sei sie
dann wieder zur Freiheit gelangt. Er solle nun sorgfältig abwägen, ob sie sich
eines Mordes schuldig gemacht habe. Wulfrin nimmt ihr die Ernsthaftigkeit ihres
Anliegens ab, ist jedoch in diesem Moment mehr von der hübschen Palma
eingenommen.
Die Augenzeugen des Todes
von Graf Wulf werden nun von der Richterin im Burghof versammelt. Sie
bestätigen die bisherigen Aussagen. Nun sieht Wulfrin sich genötigt,
seinerseits, wenn auch „hastig und unwillig“ (339), die Richterin
freizusprechen und zu schwören, er werde nie mehr die Frage vom Tod seines
Vaters berühren. Wulfrin ist, „als hätte er den Vater durch seinen Unmuth
und seine Hast preisgegeben und beleidigt“ (ebd.). Stemma nimmt ihm in
diesem Moment der Verwirrung sein Horn ab – „Als Pfand meiner Freigebung und
unseres Friedens ... Ich kann seinen Ton nicht leiden.“ – und wirft
es über die Burgmauer in die Schlucht des tosenden Bergbaches, bevor der
verdutzte Wulfrin noch zu sich kommt. Seinen Unmut lässt er an Palma aus, die
er, als sie sich nähert, anschreit und wegstößt.
Wulfrin zeigt gegenüber
Palma ein zwiespältiges Verhalten: Wenn sie sich an ihn hängt, stößt er sie
weg; dann sorgt er sich um sie, wenn sie deswegen weint. Stemma möchte, dass
Wulfrin die Verlobung Palmas mit dem benachbarten Graciosus in die Wege leitet.
Wulfrin will jedoch, weil er sich in der Enge der Burg und der Eintönigkeit des
Alltags schrecklich unwohl fühle, noch an diesem Tag aufbrechen. Er willigt am
Ende doch ein, noch einen Tag zu bleiben und Graciosus abzuholen. Der
Hirtenjunge Gabriel und Palma schließen sich der Wanderung an.
Wulfrin genießt die Natur
und die Gesellschaft seiner zwei jungen Begleiter. Sie rasten an einem See, wo
der Junge das Fehlen des Horns bemerkt. Wulfrin antwortet knapp, es sei in den
Strom gefallen. Als Gabriel anderweitig zu tun bekommt, überlässt er Wulfrin
und Palma für den Rest des Weges sich selbst. Ein schneebedeckter Gipfel, von
weißen Wolken umspielt, und die warme Mittagssonne am klaren See entrücken das
Paar in Seligkeit. Ein Blick ins Wasser spiegelt Wulfrin die Umarmung seiner
Schwester; erschrocken springt er auf, um den Weg fortzusetzen. Beide sind
etwas befangen, als sie gleich darauf Graciosus begegnen. Dieser plappert von
diversen Affären, auch von ehelicher Untreue, und bekennt die eigene uneheliche
Geburt, weshalb er selbst die Ehe heilig halten wolle. Wulfrin ist bereit, bei
Palma für ihn zu werben; unter Tränen willigt sie ein – um dem geliebten Bruder
einen Gefallen zu tun. „Dem Höfling aber wurde es offenbar, jetzt da er die
Schwester weggab, daß sie ihm das Liebste auf der Erde sei.“
Als sie zu dritt zusammen
sitzen, kommt Palma auf die Idee, den Gastgeber nach einem Buch zu fragen, das
er kürzlich ihrer Mutter gezeigt habe. Etwas unwillig bringt Graciosus es
herbei, und Palma deutet die Illustration des lateinischen Textes, es sei der
Bruder auf Malmort, der sie wegstößt [24].
Graciosus nimmt ihr verärgert das Buch weg. Auf Wulfrins Nachfrage erläutert
er, die Geschichte handle von der sündigen Liebe einer Schwester zu ihrem
Bruder. Bei dieser Aufklärung wird Wulfrin
totenbleich, zerfetzt die Seite des Buches und ordnet die sofortige Heimkehr
an, wobei er den Weg durch eine Schlucht nehmen wolle, während er Palma strikt
anweist, sich an die ursprüngliche Route zu halten.
Auf seinem Weg erlebt
Wulfrin die Natur als „Hölle“, begegnet hier Faustine, die er nach ihrem
Frevel befragt. Sie offenbart sich als Gattenmörderin. Auf ihre Gegenfrage bekennt
Wulfrin (369): „‚Ich begehre die Schwester!‘“ Faustine entflieht
entsetzt. Wenig später kommt ihm Palma flehend entgegen, sie lieber zu töten,
wie er gedroht hatte, als sie weiter zu hassen. Da schleudert er sie an einen
Felsen, an dem sie bewusstlos zusammenbricht, worauf er sie in seinen Armen ins
Tal trägt. Wie im Wahn ruft er, man solle auf Malmort seine Hochzeit mit der
Schwester vorbereiten. Dort angekommen, übergibt er das ohnmächtige Mädchen
seiner Mutter.
Am nächsten Morgen erwacht
Wulfrin im Wald, in dem er nachts umhergeirrt ist, in seelischem Zwiespalt:
Sorge um das Leben der Schwester, aber auch Abneigung und Trotz. Am Ende sitzt
er schluchzend da, überzeugt, nun bald sterben zu müssen, nachdem er den „tiefsten
Reiz“ und die „geheimste Lieblichkeit“ des Lebens gekostet hat. Da
gesellt sich die Richterin zu ihm. Schnell durchschaut sie das Geschehen: Palma
hatte ihr gegenüber die Ohnmacht als Folge eines Unfalls ausgegeben, die Mutter
ahnt jedoch dahinter die Tat Wulfrins, was dieser ohne Zögern gesteht. Auch das
Motiv dahinter – statt des Hasses die Liebe – wird von ihr sensibel erspürt,
und von Wulfrin bestätigt. Stemma zeigt Verständnis; die beiden hätten wie zwei
Fremde aneinander Gefallen gefunden. Einen Frevel an ihrer Tochter werde sie
jedoch nicht dulden. Wulfrin will wissen, ob Palma tatsächlich seine Schwester
sei, was Stemma sofort bestätigt. Der junge Ritter will sich daraufhin das
Leben nehmen. Die Richterin nennt ihn einen Feigling. Da beschließt er, sein
‚Vergehen’ dem Kaiser zu bekennen und sich dafür richten zu lassen.
Geschwisterliebe werde mit dem Scheiterhaufen bestraft, klärt ihn Stemma auf.
Das schreckt Wulfrin nicht; er fühlt sich nun frei, verbringt noch einige
Stunden bis zur Nacht an seinem Rastplatz, um dann ungesehen an Malmort vorbei
zu den Truppen des Kaisers zu stoßen.
Auf seinem Weg verweilt er
noch einen Moment am Ufer des Stroms, der in der Ebene sanft dahin fließt. Er
glaubt einen Elb zu sehen, der mit seinem Horn auftaucht. Tatsächlich ist es
der Hirtenjunge Gabriel, der es tagsüber im Wasser entdeckt und nun
herausgefischt hat. Als der Knabe zur Probe hineinbläst, erschallt es in alter
Weise. Wulfrin sieht in der Wiedergewinnung seines Erbes einen „Schimmer von
Geisterhilfe“, womöglich von Seiten des Vaters. Er will nun den Vater mit
dem Horn zu Hilfe rufen. Zu diesem Zweck folgt er Gabriel in den Burghof.
Währenddessen befindet sich
Stemma im Schloss in Unruhe: Sie hat gerade aus dem Tal den unliebsamen Ton des
Horns vernommen. Gleichzeitig beschäftigt sie die Frage, wie sie gegebenenfalls
über Wulfrin richten sollte. Es wäre ihre Art, einen solchen Fall genau zu
analysieren. „Aber sie durfte nicht untersuchen, denn sie hätte etwas
Begrabenes aufgedeckt, eine zerstörte Tatsache hergestellt, ein Glied wieder einsetzen
müssen, das sie selbst aus der Kette des Geschehenen gerissen hatte.“ (384
f.). Sie hat Visionen, gerät in einen Zustand von leichter Verwirrung, was
durch das noch lautere Ertönen des Hornes in diesem Moment verstärkt wird. Ihre
Tochter schläft ruhig weiter. Da erklingt das Horn erneut. Stemma glaubt, der
tote Wulf erscheine (387): „‚Er stört die Nacht! Er verwirrt Malmort! ...
Das leide ich nicht! Ich verbiete es ihm! Ich bringe den Empörer zum
Schweigen!‘ Und der Wahn gewann Macht über diese Stirn.“ Verärgert
stellt sie sich vor das Grabmal im Burghof (Wulfrin hat den Ort inzwischen
wieder verlassen) und schilt laut mit dem vermeintlichen Geist ihres Gatten.
Sie wolle ihn wissen lassen, wie es sich mit seinem Tod verhalte: Bei der
Hochzeit sei sie bereits von Peregrin schwanger gewesen. Wulf selbst habe sie
nie berühren dürfen. Der Wein, den sie ihm zum Empfang in dem Becher gereicht
hatte, und von dem sie selbst als Erste einen gehörigen Schluck getrunken
hatte, sei vergiftet gewesen. Sie selbst hatte allerdings kurz zuvor ein
Gegengift eingenommen. Palma habe ihn also umgebracht.
Da kommt die Richterin
wieder zur Besinnung, hält sich wegen dieses Auftritts für eine Närrin. Sie
will ins Bett zurückkehren und stößt dabei auf die hinter ihr stehende Palma,
die zur Zeugin der Szene geworden ist.
In den darauffolgenden
Tagen herrscht große Unruhe auf Malmort. Palma schläft nicht, weint unablässig,
rührt weder Speise noch Trank an, ist auf einmal ganz still und zahm. Das
Gesinde kann sich den Wandel des wilden Mädchens nicht erklären, man denkt an
Gift oder Zauberei. Die Richterin „ergrimmte ... und weinte zugleich in
ihrem Herzen über die Verwüstung des Einzigen, was sie liebte. Aber sie blieb
aufrecht und gürtete sich mit ihrer letzten Kraft. ‚Wie,‘ sagte sie sich, ‚mir
gelänge es nicht, dieses Gehirnchen zu bethören, dieses Herzchen zu
überwältigen?‘“ (392). So bemüht sie sich, der Tochter einzureden, das
Geschehen jener Nacht sei ein Wahngebilde. Aber Palma lässt sich nicht beirren.
Da lenkt die Mutter ein und bekennt sich zu ihrer Tat. Sie ist böse, dass sich
ihre Tochter in ihr Geheimnis hineingedrängt habe. Und sie verlangt von ihr
(395): „‚... Lerne Heucheln, mein Kind, es ist nicht so schwer, wie du
glaubst! ...‘“ Aber Palma trauert um Wulfrin, der womöglich geahnt habe,
dass ihretwegen der Mord an seinem Vater geschehen sei. Stemma verpflichtet
ihre Tochter jedoch zum Schweigen. Sie dürfe ihre Mutter nicht verraten. Um den
Glauben der Menschen an die Gerechtigkeit nicht zu erschüttern, dürfe nicht
offenbar werden, dass eine Sünderin über Sünde gerichtet habe. Palma ergibt
sich dem Willen ihrer Mutter, verweigert aber weiterhin jegliche Nahrung. „Stemma
sah eine Sterbende. Da starb auch sie. Ihr Herz stand stille. Ein Todeskampf
verzog ihr das Antlitz. Eine Weile kniete sie starr und steinern. Dann
verklärte sich das Angesicht der Richterin und ein Schauer der Reinheit badete
sie vom Haupt zur Sohle.“ Sie will dem Kaiser ihre Tat bekennen und sich
seinem Urteil zu unterwerfen. Da ist Palma bereit, einen Bissen anzunehmen.
In diesem Moment trifft
auch schon der Zug des Kaisers ein; in seinem Gefolge einige Höflinge und die
Bewohner der Umgebung. Zunächst eröffnet Karl der Richterin, dass er einen
Grafen für die Gegend einsetzen wolle. Die Richterin benennt Wulfrin als
geeigneten Mann. Dieser jedoch, so der Kaiser, habe sich eines großen Frevels
angeklagt. Die Richterin sagt zu, ihn und sich gemeinsam zu richten. „Karl
betrachtete sie erstaunt. Sie leuchtete von Wahrheit. ‚So walte deines Amtes,‘
sagte er.“
Der Tross war auf dem Weg
zur Burg auf den Leichnam Faustines gestoßen. Die Tote wird an das Grabmal des
Grafen gelehnt. Die Richterin verweist zunächst auf diese Magd; sie habe allen
als ehrenwerte Frau gegolten, habe jedoch ihren Mann vergiftet, weil sie von
einem anderen schwanger war. Sie selbst, die Richterin, habe die gleiche Tat
begangen. Palma und Wulfrin hätten nicht einen Tropfen gemeinsamen Blutes.
Palma wird von der Richterin als Zeugin ihrer Tat benannt; sie bestätigt die
Rede ihrer Mutter. Stemma unterwirft sich nun selbst einem Gottesurteil. Sie
trinkt das Gift aus dem Fläschchen (403): „‚Erstorbenes Gift, erstorbene
That! Lebendige That, lebendiges Gift!‘“ – und bricht entseelt zusammen.
Stemmas Leichnam wird neben denjenigen Faustines postiert, worauf sich das
Antlitz der Magd in den Schoß der Herrin neigt.
Nun ist noch über Palmas
Geschick zu entscheiden. Der Abt Alcuin empfiehlt den Weg ins Kloster, wogegen
Wulfrin Einspruch erhebt. Als Alternative komme die Verheiratung mit Graciosus
in Frage, so der Abt. Diesem graut jedoch vor dem Kind einer Mörderin.
Daraufhin bewirbt sich Wulfrin freudig um Palma. Der Kaiser bestimmt, dass die
Rückkehr des Wulfrin aus der nächsten Schlacht als Gottesurteil für diese
Heirat gewertet werde. Malmort aber solle niedergebrannt werden.
Es muss nicht verwundern,
dass Freud von dieser Geschichte angezogen ist: Sie handelt von rätselhaften
Verwirrungszuständen, von Träumen, von seelischem Leid, von Impulsen, die sich
nach außen in ihrer gegensätzlichen Form zeigen (die Liebe des Wulfrin zu Palma
zeigt sich in seiner gewalttätigen Abweisung). Wie in den Geschichten von
Ödipus oder Hamlet geht es auch hier um die Aufdeckung der Wahrheit, um Sühne
für den Tod eines Vaters. Auch hier spielen erstaunliche Zufälle eine Rolle.
Aber wie versteht Freud
diese Geschichte? An Fließ schreibt er am 9. Juni 1898, „ein kleiner Aufsatz“
(BaF, 346) über diese Novelle werde von ihm verfasst, der dann – unter der
Überschrift „Die Richterin“ – als Hauptteil seines Briefes vom 20. Juni
1898 folgt (BaF, 347 f.): „Kein Zweifel, daß es sich um die poetische Abwehr
der Erinnerung an ein Verhältnis mit der
Schwester handelt. Merkwürdig nur, daß diese genau so geschieht, wie in
der Neurose. Alle Neurotiker bilden den sogenannten Familienroman (der in der
Paranoia bewußt wird), der einerseits dem Größenbedürfnis dient, andererseits
der Abwehr des Inzestes. Wenn die Schwester nicht das Kind der Mutter
ist, dann ist man ja des Vorwurfes ledig. (Ebenso, wenn man das Kind anderer
Leute ist.) Woher nimmt man nun das Material von Untreue, illegitimen Kindern
u. dgl., um diesen Roman zu bilden? Gewöhnlich aus dem niedrigeren sozialen
Kreis der Dienstmädchen. Dort kommt dergleichen so häufig vor, daß man nie um
Material verlegen ist, und hat besonderen Anlaß dazu, wenn die Verführerin
selbst eine dienende Person war. In allen Analysen bekommt man darum dieselbe
Geschichte zweimal zu hören, einmal als Phantasie auf die Mutter, das zweite
[Mal] als wirklich Erinnerung von der Magd. So erklärt sich, daß in der
Richterin, die ja die Mutter ist, dieselbe Geschichte unverändert zweimal
erscheint, was als Komposition kaum eine gute Leistung wäre. Herrin und
Dienerin liegen am Ende entseelt nebeneinander. Die Magd geht am Ende vom Hause
fort, der gewöhnliche Ausgang von Dienstbotengeschichten, aber auch die Buße
der Dienerin in der Novelle. Außerdem dient dieses Stück des Romans zur Rache
gegen die gestrenge Frau Mama, die einen etwa beim Verkehr überrascht und
ausgezankt hat. Im Roman wie in der Novelle wird die Mutter überrascht und
gerichtet bloßgestellt. Das Wegnehmen des Horns ist ein echt kindlicher
Klagepunkt, das Wiederfinden eine geradezu kindische Wunscherfüllung. Der
Zustand der Schwester, die Anorexie, geradezu die neurotische Folge des Kinderverkehrs,
nur ist es in der Novelle nicht die Schuld des Bruders, sondern der Mutter.
Gift entspricht paranoisch genau der Anorexie der Hysterie, also der unter den
Kindern gebräuchlichsten Perversion. Sogar der ‚Schlag‘ spukt darin (die Angst
vor dem Schlag als Phobie bedeutet Kinderschläge). Die Rauferei, die in einer
Kinderliebe nie fehlt, ist auch in der Novelle durch das
An-die-Felsen-Schleudern der Schwester dargestellt, geschieht aber als
Gegensatz aus Tugend, weil die Kleine zu aufdringlich ist. Der Herr Lehrer
spielt mit der Person des Alcuin hinein. Der Vater winkt als Kaiser Karl in
seiner dem Kindertreiben fernen Größe und in anderer Inkarnation als der, dem
die Mutter das Leben vergiftet hat und den der Familienroman regelmäßig
beseitigt, weil er dem Sohn im Weg steht. (Wunschtraum vom Tod des Vaters.)
Zwistigkeiten zwischen den Eltern sind das fruchtbarste Material für die
Kinderromane. Die Erbitterung gegen die Mutter macht sie in der Novelle zur
Stiefmutter. Also in jedem einzelnen Zug identisch mit einem Rache- und
Entlastungsroman, den meine Hysteriker gegen ihre Mutter dichten, wenn sie
Knaben sind.“
Die Handlungslogik der Richterin
sollte eigentlich für jeden klar denkenden Erwachsenen verstehbar sein: Eine Frau,
die ihren Gatten umgebracht hat, weil ihr dieser gegen ihren Willen aufgedrängt
wurde, und weil sie das Kind aus einer anderen Verbindung schützen wollte,
versucht, zu ihrer Entlastung den Sohn des ermordeten Gatten zu vereinnahmen.
Bei ihrem Agieren nimmt sie auch in Kauf, dass ihr Stiefsohn ums Leben kommt.
Vieles bleibt bei Freud
wirr und unkonkret: Was meint er beispielsweise mit dem „‚Schlag‘“?
Vermutlich bezieht er sich dabei auf folgende Stelle (287), als Wulfrin fragt:
„Was will die Iudicatrix [25]?
Mich schwören lassen, dass wir Wölfe gemeinhin am Schlage sterben? Was freilich
auf die Wahrheit hinausliefe.“ Hier ist also ein ‚Schlaganfall’ gemeint.
Aber wieso will Freud aus dieser m.E. eher nebensächlichen Stelle irgendeine
Bedeutung ableiten („Angst vor dem Schlag als Phobie“)? Und was meint er
mit „Kinderschläge“ – Schläge, die gegen Kinder gerichtet sind, oder die
von Kindern ausgehen? Was soll es bedeuten zu sagen: „Gift entspricht
paranoisch genau der Anorexie der Hysterie“? Abgesehen davon: Wie kommt
Freud dazu, die Problematik ganz auf Seiten der Kinder anzusiedeln, ihnen zu
unterstellen, sie hätten ungehemmt ihre Inzesttriebe ausleben wollen („Verhältnis mit der Schwester“), was das
Mädchen dann in die Magersucht getrieben habe, während der unersättliche Sohn
auch den Vater noch aus dem Weg geräumt sehen wollte („Vater ... beseitigt,
weil er dem Sohn im Weg steht. (Wunschtraum vom Tod des Vaters.)“), wohl um
ungestört noch mit der Mutter vögeln zu können? Fehlverhalten von Erwachsenen
finde sich höchstens auf Seiten des Personals, das die Kinder womöglich
verführt, und damit zum Inzest angeregt hat. Die Mutter ist unschuldig,
wenngleich bisweilen die Verfehlungen der Dienstboten von den Kindern auf sie
projiziert werden.
Für Freud dokumentiert die
Novelle vor allem die Abwehr des Schriftstellers Meyer, seinen Racheakt gegen
seine Mutter, die ihn beim Inzest mit der Schwester erwischt habe, ein
typischer „Rache- und Entlastungsroman, den meine Hysteriker gegen ihre
Mutter dichten, wenn sie Knaben sind“. Freud scheint also in seiner Praxis
– wohl auch in seiner eigenen Selbstanalyse – mehrfach Material gefunden zu
haben, das die Mütter der Betroffenen in nicht allzu gutem Licht hat
erscheinen lassen. Er verschwendet jedoch keinen Gedanken daran, dass dieses
Material die Wirklichkeit womöglich ganz gut zum Ausdruck gebracht haben
könnte. Statt dessen wird es zum Dokument der kindlichen Perversion umgedeutet.
Dieselbe Verdrehungskunst hatte er bereits auf den König Ödipus und den
Hamlet angewendet.
Sehr auffällig ist dieses
In-Schutz-Nehmen einer Mutterfigur an einer zunächst unscheinbaren Stelle, als
Freud betont: „Wenn die Schwester nicht das Kind der Mutter ist, dann ist
man ja des [Inzest‑]Vorwurfes ledig.“ Freud will offenbar
sagen, dass Wulfrin so tut, als ob ihn der Inzest-Vorwurf nicht treffen würde,
solange Palma nur nicht die Tochter seiner Mutter ist (was in der Novelle ja
tatsächlich völlig unstrittig ist). Offenbar glaubt Freud, es wäre Wulfrin
egal, wenn Palma tatsächlich die Tochter seines Vaters wäre. Aber genau das
Gegenteil wird hier erzählt. Meyer zeigt Wulfrin so überwältigt von dem
Liebesgefühl zu Palma, dass er bewusst sterben will, wenn sie sich als Tochter
des Vaters erweist. Nachdem ihm Palmas Mutter versichert hat, dass Wulf auch
der Vater von Palma ist, will Wulfrin spontan Selbstmord begehen. Die Richterin
nennt ihn deswegen einen Feigling, was ihn von seinem Plan abbringt. Wohl eher
intuitiv, als bewusst kalkuliert schlägt er mit dem Mut der Verzweiflung einen
Weg ein, der ihm eine winzige Chance lässt, dass seine Liebe doch noch
Erfüllung findet. Er will eine gerichtliche Entscheidung über seine Liebe zu
Palma herbeiführen. Dabei muss dann nämlich geprüft werden, ob Wulf auch
wirklich der Vater von Palma ist. Wulfrin nimmt bei diesem Schritt bewusst
einen besonders grausamen Tod in Kauf. Und Wulfrins Mut wird am Ende belohnt.
In der alten Zeit, als es
noch keine Genanalyse gab, galt unverrückbar: Die Mutter ist immer sicher, der
Vater ist immer unsicher. Die Klärung der Vaterschaftsfrage macht den Dreh- und
Angelpunkt der ganzen Geschichte aus. Es ist genau das Problem, das gerade auch
in der Familie Freud von großer Brisanz ist: Ist die kleine Anna die Tochter
von Jakob oder von Philipp? Einmal mehr ist Freud von einer Geschichte
fasziniert, die genau seine Familientragödie spiegelt, und einmal mehr wehrt er
diese Einsicht ab, indem er vor der klaren Analyse und Benennung der relativ
simplen Zusammenhänge zurückschreckt.
Im
Umkreis dieser Überlegungen spielen Freuds Reflexionen über zwei weitere Texte
eine Rolle: Einerseits die sog. Philippsonsche Bibel, die Freud von seinem
Vater zu seinem 35. Geburtstag (im Jahr 1891) geschenkt bekommen hatte. Aus
diesem Anlass hatte Jakob das Buch mit einer sehr warmherzigen, liebevollen
Widmung an seinen Sohn versehen. Sie mag als ein Symbol für Sigmunds
Wissbegierde gemeint gewesen sein, der anscheinend schon als Kind von ca. 7
Jahren – unter Anleitung und Beihilfe des Vaters – darin gelesen hatte (vgl.
Krüll, 229-237). In einem Kindheitstraum, den Freud in der Traumdeutung
(1899/1999, S. 344-345) schildert, den er im Alter von 7 oder 8 Jahren geträumt
haben will, und den er „etwa 30 Jahre später der Deutung unterworfen habe“
(d.h. +/– um das Jahr 1894), habe er Bilder aus dieser Bibel vor Augen gehabt.
Freud erkennt in dem Traum „ein dunkles offenkundig sexuelles Gelüste“
seinerseits gegenüber der Mutter. Wenn Freud hier schon einen
Mutter-Sohn-Inzest assoziiert, dann sind auch Assoziationen zu dem
Mutter-Stiefsohn-„Inzest“ möglich (vgl. Krüll, 186-192), bei dem Philipp mit
seiner Stiefmutter mutmaßlich die kleine Anna gezeugt hat.
Andererseits
offenbart Freud etwa in dieser Zeit (am 16.10.1895) auch über seine Lektüre des
Romans „Niels Lyhne“ von Jens Peter Jacobsen, diese Lektüre habe ihm „tiefer ins Herz geschnitten als
irgendeine Lektüre der letzten neun Jahre“ – habe also das Organ seiner
hysterischen Reaktionen nachhaltig berührt.
Conrad Redinand Meyers „Richterin“
zeigt eine Mutter, die ihrem Gatten „das Leben vergiftet hat“, um den
Spross eines anderen zu schützen. Diese Thematik wird in der parallelen
Geschichte der Dienerin Faustine sogar verdoppelt. Es ist auffällig, mit
welcher Vehemenz Freud die leicht
durchschaubare Handlungslogik beiseite schiebt. Dies ließe sich als ein
weiterer Hinweis darauf deuten, dass eine derartige Thematik mit höchster
Brisanz auch auf der Familie Freud lastete. Aber es geht
dabei nicht nur um die ungeklärte Vaterschaft von Anna. Jörg Kollbrunner (2001) verficht die Hypothese, dass
Sigmund Freuds Geburtstag auf den 6. März zu datieren sei, Mutter Amalia also
bereits vor ihrer Hochzeit schwanger gewesen sein müsse. Die junge Amalia sei
womöglich – ähnlich wie Stemma – gegen ihren Willen verheiratet worden, Sigmund
entstamme dabei vielleicht einer von Amalias Eltern unterbundenen Beziehung zu
einem anderen Mann. Dieses Szenario würde jedenfalls vorzüglich zu der Dynamik
passen, wie sie in der Richterin durch die Verdoppelung bei Faustine und
Stemma so überdeutlich herausgestrichen wird. (Auch bei Jakob Freud wird
übrigens gemutmaßt, er habe – wie der Graf Wulf – insgesamt drei Frauen gehabt,
wobei er die zweite womöglich verstoßen habe; vgl. Kollbrunner, 89f.) [26]
Wie in der Richterin die Verdoppelung des Gattenmordes um des ungeborenen Kindes
Willen auffällt, mag vielleicht auch die doppelt ungeklärte Vaterschaft der
Kinder Sigmund und Anna in der Familie Freud auffallen. Symbolisch gesprochen
ist sich Sigmund selbst vielleicht gar nicht so sicher, ob er nun eher ein
legitimer Jacobs[o]n, oder vielmehr ein illegitimer Philippson ist.
Es fehlt Freud an
aufrichtiger, mutiger Wahrheitsliebe. Das in den Briefen an Fließ ausgiebig
beklagte Misslingen einer Erklärung der ‚Hysterie‘, seine Fehlschläge (Patientensuizide,
Fortbestehen seiner eigenen ‚Hysterie‘) auf der Grundlage seiner alten, wie
auch seiner neuen Theorie, mündet nicht etwa in einer kritischen
Auseinandersetzung. Vielmehr deutet er unbeirrt seine fixe Idee von der Anlage
des Menschen als „polymorph pervers[es]“ Wesen in Dramen, Novellen und
Lebensgeschichten hinein, anstatt nach außen ein Scheitern seiner theoretischen
Bemühungen einzugestehen.
Seine Deutungen dienen also
der Abwehr. Sein Märchen vom angeblichen ‚Vergessen‘ von Signorellis Namen
verweist, bei Betrachtung der Begleitumstände, deutlich darauf, dass er hier
erneut, unbewusst, seine eigene Familiendynamik umkreist. Ähnlich wie in dem
Traum vom Mai 1897 konfrontiert ihn sein Unbewusstes, ein Jahr
später, hartnäckig mit dem Kern seiner (persönlichen) Familienproblematik –
einer dominanten, vereinnahmenden, übergriffigen Mutter.
(Es sei noch einmal
ausdrücklich dazu gesagt, dass dies keineswegs regelmäßig das zentrale Problem
einer ‚hysterischen‘ Entwicklung darstellt!)
Hier geht’s zurück zum letzten Kapitel (Freuds Traum), und hier geht’s weiter zur Übersicht zu Freud, hier zur Startseite.
[10] Erste
Anspielungen auf diese Fehlleistung finden sich in einem Brief an Wilhelm Fließ
vom 22. September 1898, zuerst veröffentlicht wurden die Überlegungen in: Zum
Psychischen Mechanismus der Vergeßlichkeit (1898/1952 b), dann, in
abgeänderter Formulierung, in: Zur Psychopathologie des Alltagslebens
(1901/1954, 13 ff.).
[11] In der
früheren Ausgabe von 1898 schreibt Freud abweichend: „Herr, was ist da zu sagen? Ich weiss, wenn er zu retten wäre,
würdest du ihm helfen!“ Bei dieser Formulierung sticht deutlicher hervor,
dass der arme Kranke noch lebt, was bei beiden Schilderungen jeweils aus dem
Zusammenhang hervorgeht (1898/1952 b, 522: „Wenn der Arzt dem Familienvater
mitteilen muss, dass einer seiner Angehörigen dem Tode verfallen ist, so lautet
dessen Erwiderung: ...“; 1901/1954, 14: „Wenn man ihnen ankündigen muss,
dass es für den Kranken keine Hilfe gibt, so antworten sie: ...“)
[12] In dem Brief
an Fließ, kurz nach dieser Episode, wird kein Hinweis auf den Suizid eines
Patienten gegeben, Freud spricht lediglich von einem „Anklang an das auf der
ersten Reise gesehene Trafoi“; in der Veröffentlichung von 1898 (524) heißt
es, er habe sich mit den Themen „Tod und Sexualität“ beschäftigt, „ ... zu
keiner Zeit mehr [...], als einige Wochen vorher, nachdem ich eine gewisse Nachricht bekommen hatte. Der Ort,
an dem diese Nachricht mich getroffen, heisst Trafoi“.
[13] In seiner
ursprünglichen Darstellung (1898/1952,521) betont Freud noch in Bezug auf seine
Versuche, sich an den Namen des Malers zu erinnern: „ich konnte mir die
Bilder sinnlich lebhafter vorstellen, als ich es sonst vermag; und besonders
scharf stand vor meinen Augen das Selbstbildnis des Malers, -- das ernste
Gesicht, die verschränkten Hände -- ...“. Die Betonung der bildlichen
Qualität seiner Erinnerung mag die Vermutung stützen, dass Freud diese Episode
eher geträumt, als real erlebt hat.
[14] Von Peter Swales (1999, 8) habe ich die Anregung, in Signorelli
ein Anagramm von Freuds Vornamenskürzel zu sehen.
[15] Giuliano de
Medici wurde 25jährig während einer Ostermesse niedergestochen, als Opfer im
Kampf um Macht und Einfluss zwischen der Familie der Medici und der mit ihr rivalisierenden
Familie Pazzi. Dem Attentat hätte auch der Bruder des abgebildeten Giuliano,
Lorenzo de Medici, zum Opfer fallen sollen; er konnte sich jedoch retten; den
missglückten Putschversuch hat er blutig und grausam gerächt. Das Bild
Botticellis wurde wohl im Todesjahr von Giuliano de Medici vollendet.
[16] nudam =
nackt
[17] Nebenbei:
Ein interessanter Einblick in die Prüderie von Wilhelm Fließ und Sigmund Freud.
Die zwei Männer, die sich permanent in wildesten Spekulationen über (kindliche)
Sexualität ergangen haben, bewahren ihre eigenen Kinder peinlich davor, ihre
Mütter (und Väter?) nackt zu sehen. Jürg Kollbrunner (2001, 188 ff.) hat diese
(und andere) Besonderheiten der Freudschen Kindererziehung etwas breiter
erörtert.
[18] Swales hat
dies nicht ausdrücklich hervorgehoben, wenngleich er auf S. 34 einmal den
‚Salvator mundi‘ und den ‚Sigismund‘ in einem Satz zusammenführt.
[19] Offenbar
hatte dort wenige Tage zuvor eine Begegnung mit Fließ stattgefunden; Reichenau
wird jedenfalls sechzehn Tage zuvor in einem Brief als möglicher Ort eines
Zusammentreffens in Betracht gezogen.
[20] Cor = Herz
[21] Trotz der
Bitte, diese Information nicht zu verwenden, kann ich der Versuchung nicht
widerstehen, sie hier anzuführen, muss dabei jedoch den Namen meines
Gewährsmanns verschweigen.
[22] Schon hier
scheint die Auseinandersetzung mit seinem Bruder Julius wichtig gewesen zu
sein.
[23] Jürg
Jenatsch ist, wie Die Richterin,
ein Werk von C. F. Meyer.
[24] Die mit
‚Byblis’ betitelte Figur auf der Illustration verweist auf den in den Metamorphosen
des Ovid (IX, 454 ff.) erzählten Mythos von Byblis, die ihren Bruder Caunus
begehrt, worauf dieser entsetzt das Weite sucht.
[25] Iudicatrix
(lat.) = Richterin
[26] So gewagt
diese Spekulationen auch sein mögen, sie könnten zusätzlich erklären, warum Sigmund
von Amalia in ganz besonderen Ehren gehalten wurde. Der Tod des Bruders Julius
– mit dem sich Freud in dieser Zeit auch so besonders zu beschäftigen scheint –
könnte dann – treibt man die Mutmaßungen weiter – mit darauf zurückzuführen
gewesen sein, dass die Mutter den Spross ihrer eigentlichen Liebe etwas
exklusiver aufwachsen lassen wollte.