Die Große Göttin
(Teil II)
In den griechischen Mythen
schlägt sich der Konflikt zwischen Männern und Frauen in besonderer Weise
nieder. Hierzu im folgenden nähere Ausführungen:
Die Vereinnahmung des Sohnes für die
Beseitigung des Ehemannes
Der bewusste Mutter-Sohn-Inzest
Inzestneigung oder Inzestscheu
Die psychologische Wirkung
gesellschaftlicher Prozesse: eine Verknüpfung
Im alten Griechenland, in einer
Zeit, als Frauen noch stärker respektiert waren, soll es rituelle Tötungen von
heiligen Königen gegeben haben. Ranke-Graves rekonstruiert (S. 13 f.): „Die
Stammesnymphe oder Königin wählte aus ihrem Gefolge junger Männer den
Liebhaber für ein Jahr, um ihn dann, bei Jahresende, zu opfern: Er war eher ein
Symbol der Fruchtbarkeit als der Gegenstand ihrer Lust. Sein Blut wurde
versprengt, um Bäume, Getreide und Vieh zu befruchten, und sein Fleisch
wahrscheinlich roh vom Nymphengefolge der Königin verzehrt“.
Borkenau stellt dar (1957,
S. 3): „Es handelt sich um eine im ganzen vorderen Orient herrschende und
alle dortigen Religionen des Altertums beherrschende Vorstellung von einem
Götterpaar, dessen weiblicher Partner eben die Magna Dea (Isis, Inanna, Ischtar,
Kybele), deren männlicher Partner aber ein eher weibischer Jüngling (Dumuzi,
Tammuz, Adonis, Attys) ist. Die Göttin ist unsterblich, Verkörperung der ewigen
Fruchtbarkeit der Erde, und sie spielt die beherrschende Rolle; der Jüngling,
der ihr ‚beisitzt’, stirbt hingegen jährlich mit dem Eintritt der Dürre, sein
Tod hat gewaltsamen, tragischen Charakter, doch es gelingt der Göttin, ihn
wieder zu beleben: Symbol der Wiedergeburt der Toten, Wiederspiegelung einer im
höchsten Grade matriarchal geordneten Gesellschaft.“ Und (S. 7): „Ungewiß
bleibt, in welchen Zeitabständen die Opferung des Paredros [Liebhaber der
Königin] erfolgte. Ursprünglich gewiß jährlich, und man muß es als
selbstverständlich ansehen, daß bei einem solchen Opferfest nicht nur der Paredros,
sondern auch das zahlreiche Gefolge dieses ‚Gottes auf Zeit’ dahinsank – die
Theseus-Sage berichtet aber von einem jährlichen Blutzoll athenischer
Jünglinge und Mädchen, der dem ‚Minotauros’ geopfert wurde. Ob sich die
Zeitabstände für die Opferung des Paredros später ausdehnten, ob die
Jährlichkeit nur an den übrigen Menschenopfern haften blieb, läßt sich derzeit
noch nicht ausdrücklich ausmachen, sowenig wie die Art der Opferung, die sich
allerdings, wo immer ethnologisches oder mythologisches Material vorliegt,
ausnahmslos als sehr grausam erweist.“ Der symbolische Ritus des
regelmäßigen Königsmordes wird nach Borkenau abgeleitet aus natürlichen
Abläufen: die Erde, die alljährlich Früchte hervorbringt, wird repräsentiert
durch die Frau, der Jahreszyklus, der Lauf der Sonne, durch den befruchtenden
Mann. Die Erde bleibt, die Sonne kommt und geht. Der Sinn einer solchen
Ritualisierung könnte darin bestanden haben, mit dem Königsopfer die Minderwertigkeit
der an Kräften überlegenen Männer zu inszenieren, somit den Machtanspruch von
Frauen zu stärken – vielleicht gerade in einer Zeit, in der das Geschlechterverhältnis
durch hierarchisches Denken zunehmend unter Druck geriet.
Riane Eisler hält solche
Darstellungen eher für unwahrscheinlich (Anm. 24, S. 354). Dagegen stellt
Barbara Walker rituellen Königstötungen dar (Walker, 19995,
Stichwort: Königtum), die beispielsweise in Nubien bis ins erste vorchristliche
Jahrhundert bestanden, in Simbabwe sogar bis ins Jahr 1810 gereicht hätten. Und
(Walker, S. 560): „Bis vor nicht allzu langer Zeit wurden Könige in Nigeria
stranguliert, sobald die jeweilige Königin schwanger war.“ Dieses Ritual –
sollte es tatsächlich so bestanden haben – hätte drastisch unterstrichen, dass
Väter nach dem Zeugungsakt für die weitere Entwicklung ihrer Sprösslinge nichts
Wesentliches mehr beizutragen haben.
In den griechischen
Ur-Mythen sind über eine Kette von drei Generationen hinweg zwei verwirklichte
beziehungsweise eine drohende Vater-Tötung beschrieben, bei der die Mutter und
ihr Sohn in enger Verbindung stehen:
Uranos ist mit Gaia liiert,
die ihn „aus sich hervor[gebracht]“ hatte (Dirlmeier, S. 25). Die
Mutter ehelicht also ihren Sohn. Mit ihm zusammen zeugt sie die Kyklopen, die
von Uranos jedoch in die Unterwelt verbannt werden, nachdem sie einen Aufstand
angezettelt hatten. Kronos, ein Kind aus dieser Verbindung, wird schließlich
von seiner Mutter Gaia erfolgreich dazu vereinnahmt und angestachelt, den Vater
zu entmannen. Hierfür hatte sie ihm eine steinerne Sichel in die Hand gedrückt
(Ranke-Graves, Kap. 6).
Dem Kronos war von seinem
sterbenden Vater und seiner Mutter geweissagt worden, er werde durch die
eigenen Söhne entthront werden (Ranke-Graves, Kap. 7). Er ist später mit seiner
Schwester Rhea liiert. Angeblich verschluckt er wegen des Orakels die eigenen
Kinder. (Sie tauchen jedoch später alle wieder auf.) Eines dieser Kinder, Zeus,
wird von seiner Mutter kurz nach der Geburt versteckt. Als er groß geworden
ist, räumt er – vereinnahmt und tatkräftiger unterstützt von seiner Mama – den
Papa aus dem Weg.
Zeus ist mit seiner
Schwester Metis liiert. Sie habe mehr gewusst, als alle Götter und Menschen
(Dirlmeier, S. 18). Metis wird schwanger. „Ein Orakel der Mutter Erde
verkündete dann, daß es ein Mädchen sein würde und daß Metis, sollte sie wieder
empfangen, einen Sohn gebären würde, der vom Schicksal bestimmt wäre, Zeus zu
entthronen, so wie Zeus Kronos entthront hatte und Kronos den Uranos. Daher
lockte Zeus sie mit honigsüßen Worten auf sein Lager, öffnete plötzlich seinen
Mund und verschlang sie. Dies war das Ende der Metis, obwohl Zeus später
behauptete, sie säße in seinem Bauche und gäbe ihm Ratschlag.“ (Ranke-Graves,
S. 37 f.). Bei Zeus
hätte sich also beinahe das gleiche Schicksal der Beseitigung durch Sohneshand
fortgesetzt, wie bei seinem Vater Kronos beziehungsweise seinem Großvater
Uranos: auch hier steht das Orakel im Raum, dass der eigene Sohn den Vater aus
dem Weg räumen wird. Aber anstatt zum eigenen Sohn in Rivalität zu treten, sein
Kind mit Vernichtungsabsichten zu verfolgen, wendet sich Zeus gegen seine
Gemahlin – nicht gegen den wehrlosen Knaben!
Während bei Uranos und Kronos noch alles
nach Plan verläuft, und die jeweiligen Mütter ihren Söhnen beim Mord an ihrem
Erzeuger unbehelligt Hilfestellung leisten, so hat sich das Bild bei Zeus
gewandelt: selbst nur knapp dem angeblichen Tötungsversuch durch den Vater
entgangen, ist er später auch in den Tod des eigenen Vaters verstrickt. Doch
anstatt seinerseits in Konkurrenz zu seinem angekündigten Sohn zu treten,
wendet er seine Gewalt nun gegen die Ehefrau. Die Kette von Sohnes- und
Vatermord ist beendet! Der alte Vater darf nun eher auf Respekt und hilfreiche
Unterstützung durch den Sohn hoffen, als seine Vernichtung befürchten zu
müssen. Umgekehrt unterliegen nun die Söhne – als Stammhalter – der besonderen
Obhut des Vaters.
Sollte ein rituelles
Königsopfer fester Bestandteil einiger alter Kulturen gewesen sein, das sich
womöglich gerade in der Zeit eines heftigen Widerstreits zwischen frauen- und
männerzentrierten Gesellschaften herausgebildet hat, so wäre es durch die
Geschichten von den Mordabsichten der Väter gegenüber ihren Kindern quasi
zusätzlich legitimiert worden. Möglicherweise war auch diese Fabel den
Naturerfahrungen nachgebildet: Die Sonne ist in ihrem jahreszeitlichen Verlauf
für das Kommen wie für das Vergehen (Verschluckt-Werden) der Kinder der Mutter
Erde, beispielsweise den Pflanzen, verantwortlich. Eine solche Inszenierung
hätte den Nebeneffekt gehabt, dass die Rivalität von Vätern und Söhnen quasi
festgeschrieben worden wäre, sie hätten sich wechselseitig vor der Vernichtung
durch den jeweils anderen zu fürchten gehabt, wären also recht fundamental
einander entfremdet gewesen. Dadurch wäre die Macht des anderen Geschlechts
gestärkt worden. Mütter und Gattinnen hätten damit mehr Möglichkeiten gehabt,
die Fäden in ihrer Hand zu behalten.
Auch wenn es wohl schwierig
ist, die genauen Begründungen für Menschenopfer in alter Zeit zu
rekonstruieren, so treten derartige Geschichten in der Mythologie deutlich
hervor. Zumindest diese Überlieferungen – wenn nicht gar tatsächliche
Opferkulte – bilden nun sicherlich einen Hintergrund für die Geschichte von
Ödipus. In dem Drama von Sophokles spiegelt sich dieser Teil der griechischen
Ur-Mythologie: der Orakelspruch, vom Sohn aus dem Weg geräumt zu werden, führt
zu einem – angeblichen! –
Tötungsimpuls des Vaters gegen den Sohn. Dieser misslingt, weil die Mutter das Kind weggibt. Später beseitigt der Sohn den Vater, wovon die
Mutter unterrichtet ist.
Ranke-Graves geht davon
aus, dass eine Art der Tötung des Königs darin bestanden habe, ihn von einem
Pferdegespann zu Tode schleifen zu lassen. Anklänge an diese Art des Todes
finden sich in den Geschichten von Hippolytos, Oinomaos, Hektor und Phaeton
(Ranke-Graves, 1990, S. 209). Diese Art der rituellen Tötung des Königs wird
auch bei Borkenau (1957) diskutiert und bekräftigt. Damit sollte vermutlich
eine Analogie zur Sonne dargestellt werden, die nach antiker Vorstellung in
einem Wagen über das Firmament gezogen wurde. Schmidbauer (1970, S. 131)
erwähnt eine Quelle, wonach eine solche rituelle Tötung eines menschlichen
Sündenbocks (hier eine Frau) noch Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in Afrika
vorgekommen sei. Laios ist – nach Sophokles – beim Streit mit Ödipus aus dem
Wagen gefallen. Ob er dabei zu Tode geschleift wurde, bleibt offen. Damit
könnte Sophokles zumindest anklingen lassen, dass der Tod des Laios in dieser
Form eines ritualisierten Königsopfers geschehen sei. Auch Ödipus selbst – so
Borkenau – sei genau für ein solches Opfer vorgesehen gewesen: das Durchbohren
der Fersen und Zusammenbinden der Füße – bei einem drei Tage alten Säugling
eigentlich völlig unnötig – mache Sinn, wenn man eine erwachsene Person
möglichst stabil zum Geschleift-Werden an einem Wagen festbinden wolle. Das
Durchstechen der Fersen mache Ödipus symbolisch zum Ersatz für den erwachsenen
Herrscher, an dessen Stelle er zur Opferung vorgesehen gewesen sei (vgl. S. Fehler! Textmarke
nicht definiert. f.).
Als eine andere Art und
Weise, den alten König aus dem Weg zu räumen, wird beschrieben, dass der
Betreffende von einem Felsen gestürzt wurde. Wir wissen nicht, wie die Sphinx
die jungen Männer beseitigt hat, die nicht in der Lage waren, ihr Rätsel zu
lösen. Der Vater der Iokaste, Menoikeus, stürzt sich jedenfalls selbst aufgrund
eines Orakels von der Stadtmauer in den Tod, um damit die Herrschaft der Sphinx
zu beenden (Ranke-Graves, S. 339). Auch die Sphinx stürzt sich von einem
Felsen, nachdem ihre Macht gebrochen ist. Ähnlich opfert sich – durch einen
Sprung von der Stadtmauer – der Sohn des Kreon, Menoikeus mit Namen (wie sein Großvater),
aufgrund eines Seherspruches für den Sieg seiner Heimatstadt Theben. Die Mythen
geben also einen weiteren Hinweis auf die Existenz eines ritualisierten
Männeropfers in Theben. Die Vernichtung von Männern durch die angebliche Sphinx
könnte dazu gedient haben, ihre minderwertige Rolle durch kultische Handlungen
zu unterstreichen.
Die Abschaffung des
rituellen Königsmords – sollte er denn in Theben tatsächlich praktiziert worden
sein – wäre zweifellos begrüßenswert gewesen. Ödipus ließe sich als Repräsentant
einer Gesellschaft sehen, in der – durch das Lösen des Sphinx-Rätsels, durch
eine neue Deutung des Ur-Mysteriums der Zeugung – die Rolle des Vaters
besonders bedeutsam wird, dessen Tötung zum Tabu wird [1].
Dieses männerzentrierte, dominatorische Gesellschaftssystem hat ohne Frage
andere Probleme aufgeworfen.
Ranke-Graves (S. 17)
behauptet, dass mit zunehmendem Widerstand gegen das Ritual des Königsmordes
schließlich stellvertretend für den alten König ein Knabe als Zwischenkönig am
letzten Tag eines Regierungs-Jahres in das Amt eingesetzt und am Ende des Tages
geschlachtet worden sei [2].
Gerade in Theben, der
Heimat des Ödipus, war das Aussetzen oder Töten von Kindern anscheinend nichts
Ungewöhnliches:
Kerényi berichtet (Bd. 2,
S. 108), dass in Theben jeden Monat ein Kind ausgesetzt worden sei: „Theben
wurde damals von einem Fuchs heimgesucht. Das gefährliche Tier hatte am Berg Teumessos
seine Höhle. Und da es so schnell laufen konnte, daß es nie eingeholt wurde,
raubte es in der Stadt, was es wollte. In einem jeden Monat setzten die
Thebaner ihm ein Kind aus, damit das Tier sie sonst verschone.“
Pentheus, ein Großonkel
zweiten Grades von Ödipus (vgl. Kerényi, Bd. 2, S. 284), wird als junger Mann
von einer Horde wildgewordener Frauen in Stücke gerissen; seine eigene
Mutter Agaue wirkt dabei als Anführerin kräftig mit, trägt dann den auf einen
Stab gespießten Kopf ihres Sohnes im Triumphzug nach Theben (vgl. S. 112 ff.).
Dionysos, der dieses Verhängnis angestiftet hat, rächt damit seine Mutter
Semele, über die unter anderem die Mutter des Pentheus gelästert hatte, sie
habe nicht von Zeus, sondern von einem Sterblichen ihr Kind empfangen.
Der Nachfolger von Pentheus
ist König Nykteus. Seine Tochter Antiope wird von Zeus geschwängert. Deswegen
fällt sie bei ihrem Vater in Ungnade, worauf sie flieht. Der Vater lässt sie
über seinen Tod hinaus von seinem Bruder Lykos verfolgen. Als Lykos seine
geflohene Nichte gefangen hat, schleppt er sie als Sklavin in die Heimat
zurück. Dort hat sie seiner herrischen Gattin Dirke zu dienen. Unterwegs hat
Antiope Zwillinge zur Welt gebracht, Zethos und Amphion, die sie einem Hirten
überlässt, der sie in seiner Höhle aufzieht. Jahre später flieht Antiope
erneut, wird von Dirke jedoch aufgespürt an dem Ort, an dem sie ihre Söhne
damals zurückgelassen hatte. Die inzwischen erwachsenen Zwillinge leben immer
noch dort; Dirke erteilt ihnen den Befehl, Antiope zu töten, die sie nicht als
ihre Mutter erkennen. Der Hirte klärt die Söhne auf, die daraufhin Dirke töten
und Lykos zum Abdanken zwingen (Kerényi, Bd. 2, S. 37f.).
Amphion, der nun das
Königsamt übernimmt, ist mit Niobe verheiratet. Niobe hat sieben Söhne und
sieben Töchter. Sie stellt sich anmaßend über Leto, die nur zwei Kinder habe
(die mit Zeus gezeugten Zwillinge Apollo und Artemis). Daraufhin entsendet Leto
ihre beiden Sprösslinge, dass sie Niobes Nachkommenschaft und ihren Gatten
Amphion töten (Ranke-Graves, S. 234f.).
Amphions Bruder Zethos ist
ebenfalls König in Theben (Kerényi, S. 76f.): „Es wurde von der Gattin des
Zethos erzählt [Aedon mit Namen], sie ... hätte aus Versehen Itylos, den sie dem Zethos geboren hatte, getötet. Ein
attischer Vasenmaler stellt uns die Szene dar, wie sie den Knaben in seinem
Bett ermordete. Sie tat es in einem Zustand der Geistesgestörtheit. Es hieß
auch, die verblendete Frau wollte nicht den eigenen Sohn, sondern einen kleinen
Neffen treffen, aus Neid auf die Schwägerin. ... Zethos starb vor Kummer, und die Thebaner beriefen Laios, den Sohn des
Labdakos, zum König.“ Zethos, dessen kleiner Sohn von seiner Gattin
ermordet wird, ist also der unmittelbare Vorgänger von König Laios, dessen
neugeborener Sohn von seiner Gattin ...
Auffällig scheint mir, dass
in drei der hier zitierten thebanischen Geschichten die Vaterschaft von Zeus angefochten (Semele/Dionysos), angefeindet
(Antiope/Zethos & Amphion) oder entwertet wird (Leto/Artemis & Apollo),
worauf jeweils eine massive Bestrafung erfolgt. Dies könnte die mythologische
Verarbeitung der Unterwerfung der ehemals von matristischen Gesellschaften
besiedelten Region um Theben durch patriarchalische Eindringlinge
widerspiegeln: die lebensspendende Kraft (Vaterschaft) des von den Eroberern
verehrten obersten Gottes Zeus wird zunächst angezweifelt, dann jedoch durch
die Sanktionierung der Frevler quasi bewiesen. Diese Geschichten sollen also
wohl den Glauben an die schöpferische Macht des männlichen Gottes festigen.
Womöglich sind hier ältere Mythen eingeflossen, in denen tatsächlich der Spott
über die (Selbst‑)Herrlichkeit männlicher Gottheiten zum Ausdruck
gekommen war.
Von der Inszenierung her
würde zu einer ursprünglich mutterzentrierten Gesellschaft sehr gut passen,
wenn eine Frau die Verbringung ihres neugeborenen Sohnes in die Wildnis
anordnet: Als Ritual, um die große Bedeutung der Mütter eindrucksvoll vor Augen
zu führen. In aller Regel dürfte nämlich der zwei- bis dreitägige Aufenthalt
eines Vaters mit seinem Säugling in der Wildnis automatisch den Tod des
Kleinkindes aufgrund von Nahrungsmangel und Flüssigkeitsverlust zur Folge haben
– ein klarer Beleg für die zentrale, lebenserhaltende Bedeutung von Müttern! In
der veränderten Version des Geschehens ist es dann kein Problem für einen Mann,
einen Hirten, beispielsweise das Zwillingspaar Amphion und Zethos eigenständig
in der Wildnis aufzuziehen.
Alle oben zitierten
Geschichten greifen das Thema ‚Kinderopfer’ auf, unterstreichen dabei meist die
Tragik dieses Geschehens und wecken damit den Widerstand dagegen. Recht
deutlich wird diese Abkehr von einem Kinderopfer im Mythos um Tantalos
ideologisch abgesichert, der seinen eigenen Sohn Pelops den Göttern als
Festschmaus vorsetzt, die diesen Braten jedoch aus Abscheu nicht anrühren.
Das Opfern von Kindern
scheint ein altes Ritual darzustellen. Auch die Geschichte von Ödipus, Iokastes
Tötungsabsicht gegenüber dem Neugeborenen, lässt sich hieraus verstehen. Nach
dem Willen seiner Mama hätte der Knabe im Wald von Kithairon mit durchspießten
und zusammengebundenen Fersen sein Leben beenden sollen. Pech für Iokaste, dass
sie den Job nicht selbst erledigt hatte. Auf die Dienerschaft ist eben oft kein
richtiger Verlass. Die ganze Tragik der (missglückten) Sohnes-Opferung erweist
sich dann am Ende des Dramas – ein klares Plädoyer für deren Abschaffung!
Vielleicht ist es kein
Zufall, wenn ein Hirte sich als Retter der ausgesetzten Säuglinge betätigt (bei
Ödipus, wie auch bei Amphion und Zethos), der sich damit dem bisherigen
rituellen Kindesopfer entgegenstellt, das mutterzentrierten Gesellschaften
zugeordnet wird. Das patriarchalische Gesellschaftssystem ist ursprünglich eng
mit Hirtenvölkern verbunden (Gimbutas, 1996 a, 352), während die matristischen
Gesellschaften wohl stärker auf den Ackerbau konzentriert waren.
Die
Vereinnahmung des Sohnes für die Beseitigung des Ehemannes
Es ist interessant, dass sich
Euripides bei seiner Darstellung der Ödipus-Geschichte (in den Phönikerinnen)
stark an die Ur-Mythen anlehnt: Iokaste ist zunächst mit Ödipus liiert, der
Laios getötet hat. Später entmachten ihre Enkel/Söhne (Polyneikes und Eteokles)
ihren Bruder/Vater Ödipus. Iokaste regiert danach an der Seite ihrer
Enkel-/Söhne weiter. Am Ende steht sie ganz auf der Seite von Eteokles, der
seinen Bruder Polyneikes verbannt hat (vgl. die Übersicht in der folgenden
Abbildung). Die Mutter geht mit demjenigen eine Verbindung ein, der den
Vorgänger aus dem Weg geräumt hat.
Wolfgang Christlieb (1979) meint,
etwas salopp, dass sich der Kern des Ödipus-Mythos darauf reduzieren lasse,
dass Iokaste ihren Ödipus für den Mord am Vater instrumentalisiert habe (S. 31
ff.). Er zieht die Parallele zur schottischen Ballade Edward, die von
Herder übersetzt wurde (vgl. Deutsche Balladen, 1991, S. 34 f.): die Mutter
stellt Edward zur Rede, warum sein Schwert „von Blut so rot“ sei. Nach
einigen Ausflüchten gibt er zu, dass er den Vater ermordet habe. Die Frage der
Mutter: „Was willst du lassen deiner Mutter teur?“ beantwortet der Sohn
mit: „Fluch will ich Euch lassen und höllisch Feur, denn Ihr, Ihr rietet’s
mir – O!“ Christlieb kommentiert: „Die Ballade vom schottischen Edward
ist tatsächlich ein Grundriß: der Iokaste-Ödipus-Stoff auf den Kern reduziert.
... Es gibt nur ein einfaches, kleines Komplott in engstem Familienkreis ...“
(Christlieb, S. 32).
Der bewusste Mutter-Sohn-Inzest
Wolfgang Christlieb geht –
auf der Grundlage der oben bereits zitierten Textstelle von Homer (vgl. S. 71)
– davon aus, dass gerade auch bei frühen Versionen Iokaste um die Identität des
Ödipus als ihrem Sohn wusste (S. 25 f.): „Bei ihm [Homer] heißt es
wörtlich: ‚... die schöne Epikaste [Iokaste], die das ungeheure Werk
vollbrachte, wiewohl verblendeten Sinnes, sich dem eigenen Sohne zu vermählen;
der aber nahm sie, nachdem er erst den Vater umgebracht (eigtl. ‚aus der
Rüstung gezogen’) hatte ...’ ... Die schöne Epikaste wird hier mit homerischer
Gelassenheit auseinandergenommen. Der Wortlaut ‚méga érgon érexen’ kann nur
stehen für eine vorsätzliche, das heißt willentlich und wissentlich vollbrachte
Tat; die beiden Wortstämme von ‚érgon’ (Werk) und ‚rhézo’ (bewirken,
ausrichten) sind sogar identisch ..., so daß man pleonastisch, die
Wortbedeutung häufend, übersetzen könnte: ‚das Werk bewirkte’, was nur heißen
kann, daß auch vorher alles Nötige bedacht und berechnet war,
einschließlich der dem Ödipus zufallende Teil des ‚Werkes’, nämlich der Tötung
des Laios. ... Das also, die wissentliche Tat (der Iokaste) und die schnelle
Entdeckung, sind die Merkmale der Sage, wie Homer sie kennt und wie sie bis
Anfang des 6. Jahrhunderts verbreitet war.“ Und er beschreibt den
Iokaste-Komplex (S. 33): „... die Mutterlist: Der Ehemann ist längst schon
lästig, der Junge wäre ideal, einen Hauskönig von ihren Gnaden will sie
haben, daß es der Sohn ist, zum Teufel, wen geht das an (insgeheim: ‚man wird
ja wohl seinen eigenen Sohn zurückhaben dürfen’), und außerdem kennt ihn ja
keiner. Hier übrigens die Funktion des von Homer eingeschobenen ...
‚verblendeten Sinnes’, das heißt nicht etwa ‚in Unkenntnis der Sachlage’,
sondern ‚uneinsichtig’, ‚hirnverbrannt’, nämlich in der an Wahnsinn grenzenden
Annahme, das von ihr Erstrebte könne ‚gutgehen’.“
In einer recht
ausführlichen Darstellung hat sich Franz Borkenau (1957) des Themas
Mutter-Sohn-Inzest in der antiken Welt angenommen. (Von diesem Phänomen
berichtet beispielsweise auch Bischof 1997, S. 32 ff.). Borkenau stellt dar (S.
22): „Wir stehen da einem massiven Tatbestand gegenüber, einem die gesamte
griechische Sagenwelt beherrschenden Thema, von dem die Ödipusmythe nur ein
Einzelfall ist. Es [das Inzesttabu von Mutter und Sohn] läßt sich, wie
schon ganz zu Anfang angedeutet, als die direkte Umkehrung des
matriarchalischen Verhältnisses von Mutter und Sohn definieren, wobei an einem
Hauptzug der vorderasiatisch-minoischen Religion zu erinnern ist, den wir
bisher beiseite gesetzt haben. Adonis ist ja der Sohn der Astarte, Attis der
Sohn der Kybele, alle Paredren [Liebhaber der heiligen Königin] sind in
der Mythologie und ursprünglich offenkundig auch in der Wirklichkeit Söhne der
von ihnen geliebten Göttin gewesen. Da stoßen wir also zum ersten Mal an Stelle
eines fiktiven auf ein reales Inzestmotiv – nicht aber auf ein Inzestverbot,
sondern auf eine Pflicht zum Inzest als höchsten Glaubensritus. ...
ethnologisch [lassen sich] zahlreiche sehr archaische Formen nachweisen [...],
in denen gerade der Mutterinzest keineswegs verboten oder – was beinahe noch
schwerwiegender – nur ganz leicht mißbilligt wird“. Der Autor widerspricht
auf diesem Hintergrund der Freudschen These, wonach im Ödipus-Mythos der
Aufstand des Sohnes gegen den Vater thematisiert sei. Es sei – umgekehrt! – der
Aufstand des Sohnes gegen die mütterliche Welt angesprochen. Eine solche
Überlegung hat bereits Bachofen angestellt (nach Fromm, 1951/1987, S. 153).
Oben habe ich ausführlich
argumentiert, dass auch die Inszenierung des König Ödipus durch Sophokles nahe
legt, dass Iokaste von Anfang an um den Inzest
weiß: sie erkennt bei ihrem Gatten die Ähnlichkeit mit ihrem früheren
Mann; sie dürfte sich im Klaren sein darüber, dass er ungefähr zu der Zeit
geboren wurde, wie der Knabe, den sie als Säugling weggegeben hat; er trägt
seinen Namen nach einer Wunde an den Fersen, die Iokaste bekannt vorkommen
müsste, die sie – als sie darauf zu sprechen kommt – allerdings bewusst
verschleiert; sie möchte das Auftreten des Kronzeugen verhindern, der die
Identität des Ödipus lüften kann; sie spricht am Ende ausdrücklich davon, dass
Ödipus nicht erkennen möge, wer er sei.
Das für uns heute
unvorstellbare Ritual der Mutter-Sohn-Heirat mag in Theben in grauer Vorzeit
existiert haben. Bis heute gibt es ähnliche Vorkommnisse in gestörten Familien
– keineswegs nur in Königshäusern (vgl. Wieck, 1995, S. 84, 2000, S. 141). Es
mag aber auch nur symbolisch gemeint gewesen sein. Mit der Erzählung von Ödipus
wird jedenfalls der Inzest-Verstoß zum Greuel erklärt, der Mutter-Sohn-Inzest
als Unheil dargestellt, somit wird Werbung für die Übernahme eines neuen
Normensystems betrieben. Sophokles hat offenbar diese alte Thematik aufgegriffen
und sehr geschickt und subtil in sein Drama eingewoben.
Ödipus will am Ende des
Stückes seine Mutter umbringen. Und dies, nachdem er sich kurz zuvor noch
ausführlich mit dem Frevel des Königs- und Vatermordes auseinandergesetzt
hatte, nachdem er glaubhaft bezeugt hatte, dass er eine solche Tat zutiefst
verabscheuen würde. Dennoch ist er bereit, einen Muttermord zu begehen.
Muttermord ist kein
Kavaliersdelikt. Im Gegenteil: Er gilt als eines der schlimmsten Verbrechen.
Eine solche Tat bedarf besonderer Motive. In der griechischen Mythologie ist
Muttermord – jedenfalls in zwei ausführlich dargestellten Fällen – nur unter
einer ganz bestimmten Bedingung denkbar:
Agamemnon wird nach seiner
Heimkehr aus Troja von seiner Gattin Klytemnästra ins Bad gelockt, und dort von
ihr (oder zusammen mit ihrem Buhlen Aigisth) ermordet (Aischylos, Agamemnon;
Euripides, Elektra; Sophokles, Elektra). Der einzige Sohn aus
dieser Ehe – Orest – entgeht nur knapp der Ermordung durch Aigisth, der in dem
Knaben einen künftigen Rächer fürchtet. Orest wird vor seiner Mutter und dem
Stiefvater versteckt aufgezogen. Als erwachsener junger Mann kehrt er in seine
Heimat zurück. Er behauptet, die sterblichen Überreste des Orest überbringen zu
wollen. Diese falsche Nachricht soll die Mörder in Sicherheit wiegen. Mit
dieser List verschafft sich Orest ungehinderten Zugang zum Königshof. Seine
Mutter zeigt sich deutlich erleichtert über die Nachricht von seinem
(vermeintlichen) Tod. Auf Geheiß von Apollo vollzieht Orest an ihr die Rache
für die Ermordung seines Vaters. Er wird wegen des Muttermords zwar von den
Rachegöttinnen verfolgt, jedoch ergreift Apollo für ihn Partei und hält eine
flammende Verteidigungsrede für ihn (Aischylos, Die Eumeniden). Am Ende
schlägt sich sogar die Göttin Athene auf seine Seite, und er kann in Frieden
weiterleben.
Eriphyle wird von
Polyneikes, dem Sohn des Ödipus, mit einem magischen Halsband, das ewige
Schönheit verleiht, bestochen, damit sie ihren Mann Amphiaraos – gegen dessen
Willen – in den Krieg der Sieben gegen Theben schickt. Bei diesem
gescheiterten Unternehmen kommt er zu Tode (Ranke-Graves, 1990, S. 341-352).
Aus dieser Erfahrung hat Eriphyle scheinbar nichts gelernt, denn durch eine
weitere Bestechung – diesmal durch ein Zauberkleid, das wiederum besondere
Schönheit verleiht – schickt sie Jahre später auch noch ihren Sohn Alkmaion in
den Krieg um die gleiche Sache. Bestochen wird sie diesmal von Thersandros, dem
Sohn des Polyneikes. Die Partei von Alkmaion war diesmal erfolgreich, und der
blinde Thebaner Teiresias ist bei dieser Gelegenheit zu Tode gekommen.
Zufällig bekommt Alkmaion ein Gespräch des Thersandros mit, der sich seiner
Bestechung rühmt, und ebenso diejenige seines Vaters erwähnt (Ranke-Graves, S.
349): „So erfuhr Alkmaion zum ersten Mal, daß die Eitelkeit Eriphyles den
Tod seines Vaters verursacht hatte und ebensogut seinen eigenen hätte
herbeiführen können.“ Apollo ist es, der Alkmaion im Orakel zu Delphi
mitteilen lässt, dass seine Mutter den Tod verdient hätte. Mit einem Muttermord
rächt er daraufhin den Tod seines Vaters. Er wird danach von den Erinnyen
verfolgt und in den Wahnsinn getrieben. Wieder zur Ruhe gekommen, stirbt er
später durch die Brüder seiner Ehefrau, der er untreu geworden ist.
In beiden Fällen geht es
darum, dass Frauen den Tod der Ehemänner zu verantworten haben, ja sogar
beinahe noch die Söhne auf dem Gewissen hätten. Die Söhne rächen dann den Tod
der Väter. Orest und Alkmaion stehen bei ihrer Tat ausdrücklich unter dem
Schutz des Gottes Apollo.
Dieselbe Handlungslogik
liegt der Geschichte von Ödipus zugrunde, wie Sophokles sie erzählt: Apollo
regt Ödipus dazu an, die Hintergründe des Todes seines Vaters aufzuklären und
den Verantwortlichen zu bestrafen. Es ist Iokaste, an der am Ende die
Hauptverantwortung für den Tod des Laios hängen bleibt, denn sie hat die
Aussetzung des Ödipus als Kleinkind veranlasst. So konnte zwischen Vater und
Sohn keine richtige Beziehung entstehen, womit der tödliche Konflikt erst
möglich wurde. Hätte Ödipus seinen Vater erkannt, er hätte sich selbst im Zorn
niemals dazu hinreißen lassen, ihn umzubringen. Als Ödipus die Dynamik des
Geschehens begriffen hat, will er seine Mutter eigenhändig töten, damit also
die Sühne herbeiführen, die „Tod mit Tod vergilt“ (100), so wie es
Apollo verlangt hatte. Am Ende ist mit Iokastes Suizid genau diesem Gebot
Genüge getan.
In den Geschichten von
Orest, Alkmaion und Ödipus geht es also darum, dass die Verantwortung für den
Tod des Vaters die Tötung der Mutter rechtfertigt – wenngleich dies mit inneren
Qualen der Betroffenen verbunden ist. Der (patriarchalische) Gott Apollo ist
jeweils derjenige, der die Täter gegen die (mutterrechtlichen) Erinnyen
beziehungsweise Eumeniden in Schutz nimmt (vgl. Bachofen, S. 172 ff.).
Ödipus hat allen Grund,
sich des Vatermordes und der Mutterheirat unschuldig zu fühlen. So kann er in
einer frühen Versionen des Mythos als erfolgreicher König weiter regieren, bis
er schließlich ruhmreich in einer Schlacht fällt (vgl. S. 71).
Dass Ödipus sich im Drama
von Sophokles dann die Augen aussticht und sich die Verbannung wünscht, das ist
keineswegs unlogisch oder unverständlich: es geschieht, nachdem Iokaste als
unmittelbares, eigentliches Ziel seiner Wut sich ihm durch den Suizid entzogen
hat. So ist er auf sich selbst zurückgeworfen und vollzieht – überwältigt vom
Affekt – die Selbstbestrafung, die er später, auf Kolonos, völlig zu Recht als
übereilt und unangemessen bezeichnet.
In einem Aufsatz über
modernen Muttermord stellt Hans v. Hentig einige Fälle hierzu aus der Literatur
zusammen (v. Hentig, 1968). Er referiert dabei eine Statistik von Morris und
Cooper, wonach bei 396 Verwandtenmorden (zwischen März 1957 und Dezember 1962)
fünfundzwanzig mal der Sohn die Mutter umbrachte. Nur einmal habe eine Tochter
die Mutter getötet. In neueren – wie älteren – Fällen von Muttermord erkennt v.
Hentig als deren Grundlage eine quasi inzestuöse Bindung zwischen Mutter und
Sohn, die von der Mutter ausgeht. Die Dynamik, die den Sohn zum Muttermord
treibt, sieht von Hentig wie folgt (S. 21 f.): „In dichteres Gestrüpp
geraten wir bei all den Fällen, bei dem, was man das ‚Trennungstrauma’ nennen
könnte. Ich meine damit eine stille Leidenschaft der Nähe, des beinahe
animalischen Zusammenhockens, das mit gelegentlichen harten Worten, Spott und
Krach einhergeht und sich doch dem Alleinsein widersetzt, vor allem, wenn der
Sohn Botmäßigkeiten neuer Herkunft anheimzufallen droht. Der Raub durch eine
andere Frau wird nicht geduldet. Es ist, als sei auf seelischem Gebiete die
Nabelschnur noch nicht zertrennt und fange wieder an zu bluten. Der Nestflucht
ihres Sohnes setzen manche Mütter rücksichtslosen Widerstand entgegen. Beharrt
der Sohn auf seinem Abmarsch, vertauscht er mütterliche Herrschaft mit der eingedrungenen
jugendlichen Konkurrentin, ist die Krise da. Anstatt für ihn zu sorgen, macht
die Mutter ihm das Leben schwer, und ihre Eifersucht läßt sie zu allen Mitteln
greifen, die Haß und Mißgunst wohl ersinnen mag. Treulose Söhne können ihrer
Wut zum Opfer fallen. Viel öfter martern Mütter ihn so lange, bis alle Stränge
reißen und er zur Lösung durch Gewalttat greift. Die Heftigkeit des Ausbruchs
kann ihn nahe an den Selbstmord führen. ... Die Reihenfolge, in der er mit dem
Dolche tötet – zuerst die Mutter –, wahllose Wut, die ihn auch den Hund
erstechen läßt, sind der Beweis extremer Spannung.“
Auch Ödipus wird durchaus
gepeinigt davon, dass die Mutter immer nur sein Bestes will, und dass sie
versucht, ihn auf diese Weise für sich zu vereinnahmen. Ihr ist völlig klar,
dass sie den Sohn nicht von dem Inzest in Kenntnis setzen darf, denn, wie sie
aus seinem Mund erfahren hat, will er dem voller Entsetzen ausweichen. Sie darf
also nicht durchblicken lassen, welch enge Bindung an sich sie ihm zumutet. So
lässt sich bei Ödipus der Impuls zum Muttermord durchaus auch als Abwehr der
mütterlichen Vereinnahmung verstehen, als er sich dessen so deutlich bewusst
wird. Allerdings tritt dieses Motiv wohl klar zurück gegenüber dem Wunsch,
Rache für den Tod des Vaters zu nehmen.
Inzestneigung oder Inzestscheu
Norbert Bischof hat eine
Fülle von Material zusammengetragen, um den „biologischen Wurzeln des Urkonfliktes
zwischen Intimität und Autonomie“ nachzuspüren. Er widerspricht Freud, der
von einer angeborenen Inzestneigung ausgeht, und behauptet das Gegenteil: es
gibt eine biologisch verankerte Inzesthemmung. Sie ist bei Tieren wie bei
Menschen zu beobachten und setzt vor allem in der Zeit der sich entwickelnden
Geschlechtsreife ein.
Bischof führt das Phänomen
des Inzesttabus im Tierreich keineswegs auf erbschadenbedingte
Selektionsnachteile bei Inzest zurück. Vielmehr sei Inzest „erbbiologisch
wertneutral“ (S. 91), da einerseits Individuen, die mit schlechten
Erbanlagen ausgestattet sind, eher aussterben, andererseits hochwertige
Erbanlagen konstant weitergegeben würden (ebd.): „Inzucht [könnte] sogar
einen besonders hochwertigen Stamm hervorbringen“. Beispielsweise würde bei
der Zucht von Mais planmäßig Inzucht betrieben, wobei nach einer Periode
extremer Schwankungen im Vitalitätsgrad der entsprechenden Zuchtprodukte
schließlich ein konstanter Typ mit positiven Eigenschaften entsteht.
Das Problem von Erbschäden
durch Inzest sei aufgekommen, weil die Menschen sich nicht nur endogam, also
innerhalb des Stammes, sondern auch exogam, mit stammfremden Partnern,
verbunden hätten (S. 92): „Die zeitweilige Gefahr der endogamen Verbindung
erwächst – wenn sie überhaupt existiert – offensichtlich überhaupt erst aus
einer schon bestehenden Tradition der Exogamie, sie kann also gar nicht deren
Ursache sein!“
Die zweigeschlechtliche,
exogame Fortpflanzung sorgt für einen Austausch von Erbinformation. Eine
ständig sich wandelnde Umwelt – geprägt durch „Klimaschwankungen, fluktuierendes
Nahrungsangebot, Wechsel im Parasitenbefall und viele ähnliche Faktoren“
(S. 411) – erzeugt einen hohen Anpassungsdruck, der bei einer Konstanz des
genetischen Materials gar nicht zu bewältigen wäre (ebd.): „Anpassung ist
überhaupt kein Zustand, den man erreicht oder verfehlt, sondern ein Prozess,
der nie ans Ziel kommen kann, weil es gar kein definierbares Ziel gibt: ein
sisyphaler Wettlauf des Gestaltwandels, bei dem der Schnellere die bessere Chance
hat. Der Schnellere aber ist der, der sich offenhält für den Austausch von
Erbinformation.“ Dieser Vorteil rechtfertigt den Aufwand, den die Suche
nach einem jeweils passenden Geschlechtspartner erfordert. Die Inzestscheu
garantiert in diesem Zusammenhang, dass bei der Fortpflanzung tatsächlich auf
den Träger von anderer Erbinformation zurückgegriffen wird. „So findet die
Frage nach dem biologischen Sinn der Inzestbarrieren am Schluß eine ebenso
einfache wie tiefliegende Antwort: Ihr Sinn ist derselbe wie der der Sexualität
überhaupt“ (S. 413) – nämlich: durch die Mischung genetischen Materials die
Anpassungsfähigkeit von Organismen an eine sich verändernde Umwelt zu
verbessern. Eine Inzestscheu ist also
biologisch sinnvoll – was nicht dem widerspricht, dass besondere kulturelle
Rituale einen Inzest regelrecht erfordert haben, beziehungsweise dass gestörte
familiäre Beziehungen zu inzestuösen Beziehungen führen können. Der erwachsene
Ödipus hat sich jedenfalls aufrichtig und vehement gegen solche Gepflogenheiten
verwehrt.
Wie immer eine Inzestscheu
sich entwickelt hat, sie kann nicht gegen Familienangehörige an sich gerichtet
sein (S. 95 f.): „Ich stimme natürlich zu,“ legt Norbert Bischof Eduard
Westermarck in den Mund, „daß der Mensch keinen sechsten Sinn besitzt, der
unfehlbar anschlägt, wenn er nahen Verwandten begegnet. Vielmehr
unterstelle ich einen angeborenen Widerwillen gegen den geschlechtlichen
Verkehr zwischen Personen, die von früher Jugend auf beisammen leben.
Das werden dann in der Regel ganz automatisch auch die nächsten Verwandten
sein; aber die Scheu wird freilich auch Adoptivgeschwister einschließen, obwohl
dies biologisch sinnlos ist. Und wenn umgekehrt zwei Geschwister getrennt
voneinander aufwachsen, so kann in späterer Begegnung durchaus echte Liebe
zwischen ihnen entbrennen, ohne daß eine innere Stimme sie davor warnt. Es mag
sein, daß sich diese Liebe irritieren läßt, wenn man den beiden mitteilt, wie
nahe sie verwandt sind. Denn die gesellschaftlichen Normen sind ja auch eine
psychologische Realität. Mein Argument ist nur, daß diese nicht allein und
primär die Inzestscheu begründen, sondern daß sie bereits ein
abgeleitetes Phänomen darstellen, eine gesellschaftliche Konstruktion, an deren
Basis die irrational empfundene Scheu vor dem geschlechtlichen Umgang mit
Personen steht, deren Vertrautheit bis in die Kindheit zurückreicht.“ Damit
entspricht das Stück von Sophokles – überträgt man diesen Gedanken auf den
Mutter-Sohn-Inzest – genau den zitierten Überlegungen von Westermarck/Bischof:
das Entsetzen vor dem Inzest ist jedenfalls bei Ödipus deutlich ausgeprägt. Es
richtet sich allerdings zunächst auf die Adoptivmutter, bei der er aufgewachsen
ist. Gegenüber der leiblichen Mutter Iokaste, die er in der Kindheit nicht
erlebt hat, sind diese Schranken selbstverständlich nicht existent. Jedoch
erweckt die nachträgliche Enthüllung des Sachverhaltes in Ödipus eine große
Abscheu dagegen.
Die psychologische Wirkung gesellschaftlicher Prozesse: eine Verknüpfung
Archäologische Befunde
legen nahe, dass sich in Europa vor circa siebentausend Jahren Kulturen
auszubreiten beginnen, in denen Männer eine besondere Machtstellung
beanspruchen. Diese Gesellschaften basieren auf einem strengen System von Über-
und Unterordnung. Damit verbunden ist eine prinzipielle Entwertung von Frauen,
die in den unterworfenen Gesellschaften zuvor wohl eine besonders geachtete
Stellung innehatten. Kinder in diesem neuen System erleben, wenn sie ‚nur’
Mädchen sind, dass sie weniger wertvoll sind, dass sie in ihrer Rolle auf niedere
Dienstleistungen innerhalb der Familie festgelegt werden. Diese fundamentale
Einschränkung, die allein auf dem Geschlecht beruht, setzt sich ins
Erwachsenenalter fort. Sie muss geradezu zwingend bei einigen der Betroffenen
Wut und Rachebedürfnisse schüren.
Frauen versuchen deshalb
eventuell, auch die Männer in ihrer geschlechtlichen Identität zu verletzen, so
wie sie selbst in ihrer Identität als Frauen gekränkt sind. Die belastenden
Gefühle, beispielsweise Wut und Trauer über die erfahrene Entwertung aufgrund
des eigenen Geschlechts, werden bei einem Gegenüber ausgelöst – mittels dieses
Mechanismus kann frau ihre schlechten Gefühle ‚loswerden’ und sich ansehen, wie
mann damit umgeht.
Die eigenen Kinder und
Ehemänner sind die am leichtesten erreichbaren Opfer für eine solche, womöglich
unbewusst ablaufende Rachestrategie. Eine Handlungsmöglichkeit der Frauen
besteht beispielsweise in sexueller Verweigerung. Das frustriert die Männer,
lässt sie sich selbst in ihrer Geschlechtlichkeit minderwertig fühlen, wie es
die Frauen von sich bestens kennen. Die erlebte Frustration macht die Männer
womöglich aggressiv und führt eventuell zu einer weiteren Unterdrückung der
Frauen, was diese wiederum weiter auf Rache sinnen lässt. Der Teufelskreis
bleibt geschlossen.
Eine solche Strategie der
sexuellen Frustrierung – die sich schon in die Geschichte der vom Orakel
geforderten Kinderlosigkeit des Laios hineindeuten lässt – könnte die
Verbreitung der Knabenliebe in Griechenland erklären: die Männer weichen zu
ihrer sexuellen Befriedigung auf die Knaben aus, deren ‚sexueller Gebrauch’
gesellschaftlich gebilligt wird.
Die eigenen Kinder lassen
sich vielfältig in den Geschlechterkampf mit einbeziehen. Die Mutter
kokettiert vielleicht mit dem Knaben, um damit dem Vater eine weitere Abwertung
zuzufügen, beziehungsweise um den Sohn als möglichen Rächer gegen ihn
großzuziehen. Der Vater rivalisiert dann vermutlich mit dem Sohn. Dadurch
verstärkt sich auch gleich der Eindruck bei dem Sohn, wie gemein und ekelhaft
doch die Männer sind. Der Vater seinerseits flirtet möglicherweise mit der
Tochter, die für ihn zum Partnerersatz wird. Die Mutter wird dann womöglich
verstärkt mit ihrer Tochter rivalisieren. Die Identifikation mit der Rolle als
Frau wird für das Mädchen damit erschwert. Kinder können also nicht mehr
unbefangen ihre geschlechtliche Identität entwickeln; Selbstwertgefühl und
Selbstbewusstsein werden beeinträchtigt. Das Beziehungschaos der nächsten
Generation ist vorprogrammiert – auch dies ein Beitrag zum Teufelskreis.
Eine besonders enge Bindung
zwischen Tochter und Vater beziehungsweise zwischen Sohn und Mutter kann also
ein Zeichen davon sein, dass ein Kind von seinen Eltern subtil in deren
Beziehungskonflikt mit einbezogen ist. Dieses Muster gestörter Familienbeziehungen
setzt sich bis in unsere Zeit fort. Stimmt meine Analyse, so geht es letztlich
auf die Entwertung von Frauen durch Männer zurück – ideologisch begründet durch
die (scheinbar) größere Bedeutung von Männern bei der Hervorbringung von
Nachwuchs.
Der Mythos von Ödipus lässt
sich auf einer anthropologisch-soziologischen Ebene deuten als Verarbeitung
eines gesellschaftlichen Wandels im alten Theben, als Übergang zu einer
Gesellschaftsstruktur, in der Männer eine starke Vormachtstellung beanspruchen
und durchsetzen, nachdem zuvor Frauen besonders geachtet waren. Königs- bzw.
Vatermord und Sohnesopfer lassen sich, ebenso wie ‚Mutterheirat’, womöglich als
alte Riten verstehen, die in der Phase des
Umbruchs zwischen diesen beiden Systemen entstanden sind, quasi um dem
sich abzeichnenden Wertewandel entgegenzuwirken. Die Rolle der Männer wird
durch entsprechende Opfer-Rituale entwertet. Ödipus repräsentiert den Vertreter
eines neuen Normensystem in Theben, das für die Abschaffung dieser Riten
steht und die begonnene Umwertung im Verhältnis von Mann und Frau vollendet:
die Verantwortung für den Tod des Königs rechtfertigt nun die Tötung der
Königin. Folgt man Borkenau und Ranke-Graves, dann gehörte es zuvor noch quasi
zu ihren Amtsgeschäften, im zeitlichen Rhythmus für die Beseitigung des Gatten
zu sorgen und sich mit seinem Nachfolger zu verbinden.
Sophokles hat in seine
Version der Geschichte von Ödipus sehr geschickt die Elemente der griechischen
Urmythologie einfließen lassen, die diesen alten, unbewältigten Konflikt
spiegeln. In dem Drama wird gezeigt, wie er sich in einer konkreten familiären
Dynamik niederschlägt. Eine Mutter/Gattin spinnt – ihr selbst womöglich gar
nicht bewusst – auf der Bühne unglaublich geschickt eine Intrige, an der eine
Königsfamilie und ein Gemeinwesen schließlich zugrunde gehen. Vor allem das
Kind – Ödipus – wird zu ihrem unschuldigen Opfer. Aber auch Iokaste selbst
bleibt am Ende nicht unberührt von dem Verhängnis, das sie da angerichtet hat.
Ein Problem der Menschen
scheint darin zu bestehen, dass sie sich schwer tun, zwei Gegensätze als
gleichberechtigt anzuerkennen. Männer und Frauen sind nun mal unterschiedlich,
vielleicht sogar in gewisser Weise gegensätzlich. Das macht ja eigentlich
nichts – im Gegenteil. Beide können nur
zusammen fruchtbar sein. Das Vorrecht eines Geschlechts lässt sich
daraus keinesfalls ableiten. Typisch patriarchalische Systeme, in denen massive
Formen von Dominanz und Autorität bestehen, sind mir unsympathisch. Falls in
mutterzentrierten Gesellschaften eine minderwertige Rolle von Männern durch
blutige Rituale betont gewesen sein sollte, so wäre ich davon genauso
abgestoßen. Statt dessen würde ich dafür plädieren, wie auch zum Beispiel Riane
Eissler, Gesellschaftsstrukturen zu fördern, die die Zusammenarbeit und die
Gleichberechtigung fördern. Eine Versöhnung beziehungsweise Vertöchterung
zwischen den Geschlechtern scheint dabei in jüngerer Zeit durch Arbeit an einer
Gleichberechtigung greifbarer geworden zu sein. Das war auch höchste Zeit.
Hier geht es zum vorigen Kapitel (Die Große Göttin – der ursprüngliche Respekt vor den Frauen als Lebenspenderinnen), hier zur Startseite.
Endnoten:
[1] In „Ödipus –
komplex betrachtet“, S. 106, habe ich auf ethnologisches Material verwiesen,
das deutlich macht, wie weit in manchen Gesellschaften das Bemühen geht, den
besonderen Wert der Männer hervorzuheben bei der Nährung und Kräftigung der
Knaben.
[2] Auch in der
hebräischen Mythologie war ursprünglich die ‚Opferung‘ eines Säuglings durch
den Vater vorgesehen (vgl. Ranke-Graves & Patai, 1994, 219). So wird
Abraham zunächst von Gott angewiesen, seinen Sohn Isaak zu schlachten, dann
erhält er jedoch die ausdrückliche Order, dies zu unterlassen. Statt dessen
opfert er einen tierischen Sündenbock. Also spiegelt sich im alten Testament –
ganz ähnlich, wie in der griechischen Mythologie – ein gesellschaftlicher
Prozess, in dem ein zuvor anscheinend nicht ungewöhnliches Kindesopfer
abgeschafft wird.