OTTO F. KERNBERG
Persönlichkeitsentwicklung
und Trauma
(In:
Persönlichkeitsstörungen – Theorie und Therapie (PTT), 1999, Jg. 3, Heft 1, S.
5-15)
Beim Thema
Trauma und Persönlichkeitsentwicklung und insbesondere Trauma und
Persönlichkeitsstörung möchte ich hervorheben, daß
sich meine eigene Anschauung nicht notwendigerweise mit den offiziellen
Klassifizierungen, vor allem der amerikanischen Psychiatrie decken. Einleitend
möchte ich darauf hinweisen, daß ich die von Rainer
Krause (s. in diesem Heft) angesprochenen Probleme der Wirklichkeit der
Erinnerung und des Syndroms der falschen Erinnerung für sehr wichtig halte,
auch vor dem Hintergrund seiner Ergebnisse der Affektforschung und ihrer
Bedeutung für das Verständnis von Übertragung und Gegenübertragung.
Trauma, Aggression und
Persönlichkeitsentwicklung
Zuerst möchte
ich aber auf einige allgemeine Konzepte
eingehen. Erstens muß man unterscheiden zwischen
dem Syndrom der posttraumatischen Belastungsstörung und dem Trauma als ätiologischer Faktor von Persönlichkeitsstörungen. Zweitens
ist es wichtig, zwischen Trauma und chronischer Aggression zu differenzieren.
Trauma ist als eine einmalige intensive überwältigende und desorganisierende
Erfahrung beziehungsweise als ein Erleben zu sehen, das von der Psyche nicht
absorbiert und »metabolisiert« werden kann und das
von einer chronischen Auseinandersetzung mit aggressiven Einflüssen
unterschieden werden muß. Diese Unterscheidung ist
mir wichtig, da sonst das Spezifische des Traumabegriffs
verlorengeht. Chronische Aggressionen sind für die Entstehung von
Persönlichkeitsstörungen ein wichtiges ätiologisches
Element, und wir denken dabei zum einen an die angeborenen Fähigkeiten oder
Dispositionen zur Entstehung von Wut als einem Grundaffekt und an die
abgeleiteten aggressiven Affekte wie Haß und Neid,
andererseits an die Folgen schmerzlicher Erlebnisse und schwerer Krankheiten im
ersten Lebensjahr, weiterhin an die Auswirkungen von chronisch‑aggressivem
mißhandelnden Verhalten von Müttern oder beiden
Eltern, weiterhin an physischen und sexuellen Mißbrauch.
Alles sind Beispiele für intensive schmerzhafte Erlebnisse, die eine reaktive
Aggression auslösen und somit insgesamt das Vorherrschen primitiver Aggressivität
als den ätiologischen Faktor in der Entwicklung von schweren
Persönlichkeitsstörungen darstellen. Als problematisch sehe ich es also, daß häufig die Konzepte von Aggression und Trauma nicht
klar differenziert werden und somit das Spezifische der Traumapathologie
verwischt wird, da in einem breiten Verständnis Trauma als ätiologischer
Faktor von sehr vielen Störungen und Krankheitserscheinungen von Bedeutung sein
kann. Wenn schon das Kleinkind chronisch Aggressionen ausgesetzt ist, die
später auch zur Aggressionsbesetzung des Erwachsenen führen und Folgen für die
Entwicklung der psychischen Strukturen haben, so können wir davon ausgehen, daß das Vorherrschen von Aggression eine Hauptursache von
schweren Persönlichkeitsstörungen ist (Kemberg 1992).
Das
Vorherrschen schwerer chronischer aggressiver Affekte und aggressiver
primitiver Objektbeziehungen verhindert eine normale Integration von
idealisierten und verfolgenden internalisierten Objektbeziehungen. Liebe und
Aggression können nicht integriert werden mit der Konsequenz, daß das Selbstkonzept zwischen den idealisierten und
entwerteten, den guten und bösen Aspekten des Selbst gespalten bleibt und das
Konzept der Objektrepräsentanzen ebenfalls in idealisierte und verfolgende
Objektrepräsentanzen gespalten ist. Bei einer Persönlichkeitsstruktur, die
durch Spaltung der Selbst‑ und Objektrepräsentanzen charakterisiert ist,
finden wir klinisch eine Identitätsdiffusion als das grundlegende Syndrom, das
alle schweren Persönlichkeitsstörungen charakterisiert. Wichtig ist also die
Unterscheidung zwischen chronischer Aggression einerseits und dem Trauma
andererseits als einem einzigen oder zeitlich beschränkten Erlebnis. Die Verwischung
von Trauma und chronischer Aggression als ätiologischem
Element findet sich typisch in der Traumaliteratur,
in den Tendenzen vieler Autoren der Traumadiagnostik,
die vom Trauma ausgehend auf das Konzept des komplexen Traumas und des
chronischen Traumas gekommen sind und vorgeschlagen haben, daß
man die zehn wichtigsten pathologischen Erscheinungen, in denen Traumen einen
wichtigen ätiologischen Faktor bilden, als chronische posttraumatische Störung zusammenfaßt. In dem Konzept von Judith Hermann und Bessel
van der Kolk (1989) zum Beispiel sind alle diese
Erscheinungen sehr gut synthetisiert, und zwar in dem kleinen Satz: »Bad fears« ‑
also böse Ängste ‑ in dem jeder dieser Buchstaben für eine
dieser zehn »Plagen« steht; es sind
(van der Kolk et al. 1996):
0 die Borderline‑Persönlichkeitsstörung
0 die affektiven Störungen
0 schwere Depressionen
0 dissoziative Syndrome einschließlich
der multiplen Persönlichkeit
0 flash‑backs
0 schwere Essstörungen
0 antisoziale Persönlichkeitsstörungen
0 chronische Opferbereitschaft
(Readiness to make sacrifices)
0 Somatisierung
0 chronische Suizidalität
Traumakonzepte
Bei der
Frage, ob Trauma noch ein hilfreiches Konzept ist, gilt es zu berücksichtigen, daß es in den Vereinigten Staaten zwei Richtungen gibt: Während die Vertreter der einen Schulrichtung
das Konzept des komplexen oder chronischen Traumas als hilfreich ansehen, wird
diese Ansicht von den Vertretern der anderen Schuhrichtung absolut verneint.
Nach Ansicht der Befürworter wird dieses Konzept der Anerkennung und dem
Respekt der Überlebenden schwerer Traumen gerecht, begegnet Tendenzen, die
Opfer selbst zu beschuldigen und einer Verleugnung häuslicher familiärer und
sozialer Gewalt, also insgesamt eine Verleugnung traumatischer Ursachen. Mit
dieser Verallgemeinerung des Traumakonzeptes in der Traumaliteratur verbinden sich einerseits Respekt und
Anerkennung gegenüber den Opfern und Überlebenden schwerer Traumatisierung
sowie die Zurückhaltung, die Opfer zu belasten, andererseits aber auch eine
Kritik der Verleugnung der traumatischen Ursachen.
Diese
Einstellung, die ich direkt aus einem Buch von Judith Hermann (1992), einer
führenden Expertin in der Traumaliteratur, entnehme,
wird von anderen als zu sehr ideologisch begründet angesehen, da sie die spezifischen
und unterschiedlichen psychopathologischen Folgeerscheinungen der verschiedenen
Krankheiten, der zehn »Plagen«, die ich Ihnen nannte, unterschätzt, auch in
bezug auf die unterschiedlichen Behandlungsmöglichkeiten für Patienten, die an
den Folgen chronischer Aggression leiden. Die Gegner dieser Vermischung von
ideologischen Einstellungen und behandlungstechnischen Konzepten vertreten die
Position, daß diese Verknüpfung auch verhindert,
adäquate Behandlungsmethoden für diese Patienten einzusetzen (Kernberg 1994).
Ich schließe mich dieser Position an, da ich meine, daß
es aus klinischer und therapeutischer Sicht hilfreich ist, die posttraumatische
Neurose als solche von den psychopathologischen Folgen langwieriger
Aggressionen zu unterscheiden.
Zum Posttraumatischen Streßsyndrom
Auf das
posttraumatische Streßsyndrom (PTSD), das weithin
bekannt ist, möchte ich hier nur kurz eingehen (Davidson u. Foa 1993). Dieses akute Erscheinungsbild tritt in
ähnlicher Form auf als Folge schwerer Traumen durch Konzentrationslager, Krieg,
Unfälle, Vergewaltigung, Geiselnahme, Terror, politischen Terror, Folter und
anderer Formen schwerer körperlicher und sexueller Mißhandlung,
besonders in der frühen Kindheit und in den ersten 10 bis 15 Lebensjahren. Die
klinischen Charakteristika dieses
Syndroms, das 2 bis 3 Jahre lang anhalten kann, sind akute Angstzustände,
Einschränkung der Ich-Funktionen, Wutausbrüche, wiederkehrende Alpträume und Flash‑backs. In typischer Weise entwickeln sich
aufgrund schwerer traumatischer Einwirkungen auch Einschränkungen in
zwischenmenschlichen Beziehungen, in den Bereichen der Arbeit und des sozialen
und sexuellen Lebens. Schwere Traumen können somit langwierige
psychopathologische Folgen haben, die aber von typischen Persönlichkeitsstörungen
zu unterscheiden sind. Bei der Behandlung
dieses Syndroms steht eine Kombination von anxiolytischer Medikation und supportiver Psychotherapie mit einer stützenden und
empathischen Einstellung des Therapeuten gegenüber dem Patienten im Vordergrund,
verbunden mit dem Ermutigen, sich mit Situationen wieder auseinanderzusetzen,
die aufgrund der Traumatisierung phobisch vermieden
wurden. Es ist interessant, daß durch Wiedererinnern im Verlauf einer Behandlung, zum Beispiel an
das verdrängte Erleben an körperliche oder sexuelle Gewalt, ein akutes
posttraumatisches Streßsyndrom auftreten kann, das genau die gleichen typischen Charakteristika aufweist
und dessen Behandlung auch den genannten allgemeinen Prinzipien folgt.
Chronische Aggression als ätiologischer Faktor in der Entwicklung von
Persönlichkeitsstörungen
Im folgenden möchte ich auf Persönlichkeitsstörungen eingehen,
bei denen das Erleben von schwerer chronischer Aggression ein wichtiges ätiologisches Element ist. Hierbei geht es besonders um die
Borderline‑Persönlichkeitsstörung im engen
Sinn, aber auch um die antisoziale Persönlichkeitsstörung sowie einige andere
Formen schwerer Persönlichkeitsstörungen. Die drei entscheidenden ätiologischen Faktoren sind
(Kroll 1993):
0 körperliche Mißhandlung
0 sexueller Mißbrauch
0 das Miterleben körperlicher und
sexueller Gewalt
Auch wenn in
den Vereinigten Staaten die Datenlage über die Häufigkeit physischen Mißbrauchs nicht sehr zuverlässig ist können wir davon
ausgehen, daß ungefähr 30% aller Kinder chronisch
schweren körperlichen Mißhandlungen ausgesetzt sind.
Unsere klinischen Kenntnisse über sexuellen Mißbrauch
sind viel detaillierter. Aber die statistischen Daten sind noch sehr
unzulänglich, da sie von einer Spanne der Häufigkeit
sexuellen Mißbrauchs zwischen 10 und 80% ausgehen,
und was die hohen Werte betrifft, sehr stark ideologisch gefärbt sind, während
die Vertreter einer mehr kritischen und skeptischen Position nur eine
Häufigkeit von 20 bis 30% annehmen. Irgendwie wird die Wahrheit dazwischen
liegen. Mich persönlich haben die Befunde von Michael Stone (1987, 1990) sehr
beeindruckt, die er schon vor vielen Jahren bei 500 Borderline‑Patienten
in einem Projekt am Columbia‑Institut erhoben hat ‑ noch bevor wir
je ahnten, daß sexueller Mißbrauch
ein so bedeutender ätiologischer Faktor ist. Michael
Stone konnte nachweisen, daß in 20 bis 30% dieser 500
Borderline‑Fälle schwerer sexueller Mißbrauch vorlag, im Vergleich zu einer Häufigkeit von 10%
in der Allgemeinbevölkerung. Inzwischen gibt es zahlreiche weitere
Untersuchungen zu dieser Problematik, und ich meine, daß
die besten statistischen Befunde von der Arbeitsgruppe von Joel Paris (Paris
1993; Paris er al. 1994) stammen, die ideologisch vollkommen neutral ganz klar
nachgewiesen hat, daß bei Borderline-Persönlichkeitsstörungen
sexueller Mißbrauch wesentlich häufiger vorliegt als
bei allen anderen Persönlichkeitsstörungen. Andererseits wurde auch
festgestellt, daß sich bei 80% aller Personen, die
sexuellem Mißbrauch ausgesetzt waren, keine Hinweise
für posttraumatische Störungen fanden, was darauf hinweist, daß nicht alle Personen, die physischem oder sexuellem Mißbrauch ausgesetzt sind, auch eine posttraumatische
Störung entwickeln.
Ich möchte
jetzt auf die Psychopathologie der
Auswirkung von chronischer Aggression bei Patienten mit
Persönlichkeitsstörungen näher eingehen. Zu den wichtigsten Elementen gehört
das Überwiegen von aggressiven internalisierten Objektbeziehungen, die eine
normale Verschmelzung von idealisierten und verfolgenden internalisierten
Objektbeziehungen verhindern und eine Identitätsdiffusion bewirken, dem fundamentalen
Syndrom der schweren Persönlichkeitsstörung, das dadurch charakterisiert ist, daß der Patient nicht über die Fähigkeit verfügt ein einheitliches
Bild von sich und den wichtigsten anderen Personen in seinem Leben zu haben.
Daraus resultiert auch seine Unfähigkeit, sich selbst wirklich in der Tiefe zu
verstehen und zu entdecken und zu entwickeln, was er im Leben will. Dadurch
fällt es ihm auch schwer, sich in andere Personen einzufühlen, einen
Lebenspartner zu finden und mit Problemen umzugehen, die in
zwischenmenschlichen Beziehungen, in Paarbeziehungen, im sexuellen Kontakt und
in Arbeit und Beruf auftreten.
Der Einfluß
von Wut als Grundaffekt auf die Entwicklung von Selbst‑ und
Objektrepräsentanzen
Wie sieht das
im einzelnen aus? Ich greife hier auf die
Affekttheorie zurück, die von den Affekten als psychophysiologisch und
genetisch bestimmten, konstitutionell angeborenen Affektentladungen ausgeht und
denen eine basale kommunikative Funktion zwischen
Kleinkind und Mutter zukommt. Affekte sind subjektives Empfinden und
psychomotorische und vegetative Entladungen, die vor allem Ausdruck eines
emotionalen Zustandes sind. Das Kleinkind bringt von Geburt an eine Fähigkeit
zur affektiven Kommunikation mit der Mutter mit, die sich in psychomotorischen,
hauptsächlich spezifischen Gesichtsausdrücken manifestiert und die auch darin
besteht, aus dem Gesichtsausdruck der Mutter etwas zu lesen, ohne das je vorher
gelernt zu haben. Diese Grundaffekte verbinden sich mit den
Selbstrepräsentanzen und Objektrepräsentanzen, die als basale
dyadische Selbst‑ und Objektrepräsentanzen
internalisiert werden und den affektiven Rahmen der frühen Mutter‑Kind‑Beziehung
herstellen (Kemberg 1992).
Schmerzhafte Empfindungen lösen Wut aus, die der Grundaffekt der Aggression ist, und ich gehe davon
aus, daß praktisch von Beginn des Lebens an die
Fähigkeit besteht, Wut zu entwickeln. Die Wut des Kindes hat dabei zunächst
einmal die Funktion, zu zeigen, daß etwas nicht
stimmt, sozusagen, daß die Welt nicht in Ordnung ist
und die Mutter etwas tun muß, um das störende Element
zu entfernen oder gar zu vernichten. Somit ist Wut zunächst ein Signal, diesen
mit Verletzung einhergehenden Reiz auszuschalten, im weiteren kann Wut ein
Signal dafür werden, ein verletzendes Objekt zu zerstören, und schließlich
kann sich aus der Wut eine chronische Disposition zu einer internalisierten
Objektbeziehung entwickeln, in der eine wütende Selbstrepräsentanz eine
wuterregende Objektrepräsentanz aus dem Wege schaffen will. Bei dieser
Verbindung einer chronischen wuterregenden Selbstrepräsentanz mit einer
wuterregenden Objektrepräsentanz werden dann weitere Entwicklungen in Gang
gesetzt: Durch die Projektion der Wut auf die Objektrepräsentanz und auf ein
äußeres Objekt wird dieses als wütend und aggressiv und sadistisch gesehen, und
es folgt daraus der Wunsch, dieses Objekt zu zerstören. Wenn die Zerstörung
des Objektes zum Hauptmotiv dieser chronischen Wut wird, sprechen wir von Haß. Haß verstehen wir somit als eine strukturierte chronische
internalisierte Objektbeziehung, in der es zum einen um den Versuch geht das
Objekt zu zerstören, zum anderen aber auch um den Wunsch dem Objekt etwas
heimzuzahlen, das Objekt leiden zu lassen und schließlich Kontrolle über das
Objekt auszuüben. Mit dem Haß verbindet sich also der
Wunsch zu zerstören, Leid zuzufügen und zu kontrollieren. Während in der
Zerstörung reiner Haß und reine Aggression zum
Ausdruck kommen, vermischen sich Haßgefühl mit der
Lust Schmerz zuzufügen, und wir sprechen von Sadismus oder einer sadistischen Einstellung gegenüber dem Objekt,
die sich aus Haß entwickelt und schließlich mit dem
Wunsch einhergeht, Kontrolle über das Objekt auszuüben. Die Wünsche zu
zerstören, sich zu rächen, sadistisch Leid zuzufügen und zu kontrollieren sind
also Ausdruck haßerfüllter internalisierter
Objektbeziehungen.
Nun müssen wir allerdings davon ausgehen, daß
wir alle grundsätzlich diese Fähigkeiten besitzen, denn es ist praktisch ja
unmöglich, unser Leben so zu gestalten, aß wir nicht irgendwie und irgendwann
gegenüber einem haßerregenden Objekt auch ein
gewisses Maß von Haß empfinden, das sich allerdings
im allgemeinen in Grenzen hält und auch sublimiert werden kann. So hassen wir
das Böse, hassen das, was gegen unser Gewissen geht, und wir hassen die Täter
und Untäter, die im allgemeinen haßerfüllte
Reaktionen in uns auslösen. Im Falle schwerer Persönlichkeitsstörungen wird Haß jedoch zur wichtigsten unbewußten
Motivation der Persönlichkeit, die abgespalten von dem Verlangen nach Liebe und
idealisierten Vorstellungen ist. Die Tragödie besteht darin, daß Patienten, die in ihrer frühen Kindheit chronischen
Aggressionen ausgesetzt waren, mit chronischem Haß
reagieren.
Die besondere Funktion
von Haß und Neid für die Psychopathologie schwerer
Persönlichkeitsstörungen
Ich möchte jetzt noch auf eine besondere Komplikation bei der
Entstehung von Haß eingehen, und zwar auf den Haß, der sich gegenüber einem Objekt entwickelt, das
einerseits als schmerzauslösend und böse, zerstörerisch und leiderregend
gesehen wird und das andererseits auch potentiell gute Seiten aufweist und
sogar Liebe erweckt. Ich meine hiermit das Neidgefühl,
das sich mit der Vorstellung verbindet, daß das
gute Objekt etwas besitzt oder einem
wegnimmt oder einem vorenthält, was man selbst haben möchte. Dieses Neidgefühl,
das für mich eine Sonderform des Hasses ist, ist in gewisser Weise sogar auf
eine gefährlichere Art pathologisch als der Haß
selbst, da wir das beneiden oder neiden, was wir uns selbst wünschen und was
uns veranlaßt die Hand zu beißen, die uns füttert.
Diese Unfähigkeit, eine Abhängigkeit zuzulassen, weil man beneidet, was man
eigentlich braucht, führt zu schweren zwischenmenschlichen Konflikten und
findet Ausdruck in einer narzißtischen
Psychopathologie, die sich bis hin zu den schwersten Formen des Narzißmus, nämlich dem malignen Narzißmus,
und bis zur antisozialen Persönlichkeit entwickeln kann.
Diese so stark unter der Kontrolle von Haß
stehenden Persönlichkeitsstörungen sind im Rahmen der Borderline-Persönlichkeitsorganisation
auf einem sehr niedrigen Niveau angesiedelt, mit einer Entwicklungslinie, die
von der narzißtischen Persönlichkeitsstörung zum malignen Narzißmus
und zur antisozialen Persönlichkeit reicht. Von malignem oder bösartigem Narzißmus bei narzißtischen
Persönlichkeitsstörungen sprechen wir, wenn ein grandioses Selbst von Haß infiltriert ist, wenn diese Persönlichkeiten antisoziale
und paranoide Züge aufweisen und Aggression und Sadismus vorherrschen. Die
schwerste Ausprägungsform kommt in der antisozialen
Persönlichkeit zum Ausdruck, die durch eine schwere Über‑Ich‑Pathologie
gekennzeichnet ist, mit einem Überwiegen von Haß in
jeder Beziehung und der Unmöglichkeit, Liebe zu empfinden und Liebe zu äußern,
bei einem Vorherrschen von Haß und Neid gegenüber den
anderen (Kernberg 1992). Klinisch sehen wir Persönlichkeitsstörungen, in denen Haß eine dominierende Funktion hat, in gewissen typischen
Konstellationen und typischen Syndromen, auf die ich im folgenden
noch näher eingehen möchte. Wie ich schon ausgeführt habe, sind Haß und Neid immer in einer internalisierten
Objektbeziehung fest verankert, die aus einer Selbst‑ und einer Objektrepräsentanz
und einem fest damit verbundenen Affekt besteht.
Zur unbewußten
dyadischen Struktur der Täter‑Opfer‑Rollen
Klinisch gesehen steht also ein haßerfülltes
Opfer haßvoll einem haßerfüllten
sadistischen Täter gegenüber. Es besteht eine gegenseitige haßerfüllte
Beziehung zwischen Täter und Opfer, wobei ein haßerfüllter
Täter ein machtloses Objekt zerstören will, ihm Leid zufügen und es
kontrollieren will. Diese unbewußte dyadische Struktur stellt eines der Hauptprobleme in der
Behandlung dieser Patienten dar, da sie sich sofort in der
Übertragung/Gegenübertragung manifestiert. Dazu drei Fallbeispiele:
Ich möchte diese Problematik an einem ersten Beispiel
praktisch und klinisch näher erläutern: Ich spreche hier von einem Mann, der
als einziger Überlebender seiner ganzen Familie als Kind im Alter von zwölf
Jahren aus dem Konzentrationslager befreit wurde, in dem seine ganze Familie
vor seinen Augen ermordet wurde. Dieser Mann entwickelte später in seinem Leben
große organisatorische Fähigkeiten, mit denen er in eine führende politische
Position kam, Macht erlangte und eine Frau heiratete, mit der er mehrere
Kinder hatte. Viele Jahre später wandte er sich an mich, weil seine Tochter
schwer suizidal war, seine Söhne beruflich nicht mehr zurecht kamen, seine Frau
sich chronisch aggressiv ihm gegenüber verhielt und er selbst aufgrund dieser
unglücklichen Entwicklung in seiner Familie unter dauernden
Selbstmordphantasien litt. Die Untersuchung dieses Patienten und seiner Familie
ergab ein erschreckendes Bild eines Mannes, der ein absoluter Diktator seiner
Familie war, seine Tochter in ihrer Kindheit sexuell vergewaltigt hatte,
verhinderte, daß sich seine Söhne von ihm unabhängig
machen konnten und seine Frau wie eine Sklavin behandelte
und mir gegenüber als Therapeut mit dem Gefühl und Anspruch auftrat, daß er mich durch enorme Geldsummen zu seinem Agenten
machen könnte.
Ich übertreibe nicht, wenn ich meinen Eindruck wiedergebe, daß dieser Mann sich seiner Familie gegenüber so verhielt,
als ob er der Kommandant des Konzentrationslagers sei, in dem seine ganze
Familie ermordet wurde. Sie sehen an diesem Beispiel, wie aus dem Opfer ein
Täter wird, aber nicht nur ein Täter, sondern wiederum ein Opfer. Dieser Mann
litt unter schweren Depressionen, und er verübte schwere Selbstmordversuche.
Sie sehen also, wie Opfer und Täter in derselben Person vorhanden sind und so dyadische Situationen aktivieren, das heißt mit anderen
Worten, daß die internalisierten Objektbeziehungen
immer dyadisch repräsentiert sind. Und ich komme
hier zu der Schlußfolgerung, daß
sich chronische Aggression, wenn sie wirklich psychopathologische Folgen hat,
in einer doppelten Identifizierung mit Opfer und Täter äußert.
Als zweites Beispiel berichte ich über die Behandlung einer
Krankenschwester, die bereits zwei Therapien abgebrochen hatte, in denen es zu
sexuellen Beziehungen mit den Therapeuten gekommen war. Schon in ihrer
frühesten Kindheit mußte sie erleben, daß die Eltern mit ihr und den Brüdern Gruppensex hatten,
indem alle während der Kindheit und Adoleszenz der Patientin in einer riesigen
Badewanne sexuelle Kontakte miteinander hatten. Sie wuchs in einer fast
psychotischen Familie auf, in der der Vater immer zuerst sein Essen dem Hund
gab, um sich zu versichern, daß seine Frau ihn nicht
vergiften wollte. Diese Patientin ‑ eine hochintelligente
Krankenschwester ‑ litt an Fettsucht, Alkoholismus, Abhängigkeit von
verschiedenen Drogen, sowie an homosexueller und heterosexueller Promiskuität
und an einer schweren Borderline‑Störung. Nach
der 10. oder 12. Stunde entdeckte ich bereits, daß
sie immer zu den Stunden ohne Slip kam und sich so hinsetzte und die Beine
spreizte, daß ich ihre Genitalien sehen konnte [statt dessen im Originalton (1997): „so dass ich bis ins
Tiefste ihrer Seele sehen konnte“ – fröhliches Gelächter im Publikum],
und sie wurde dann entsetzlich wütend darüber, daß
ich mich weigerte, mit ihr Sex zu haben.
Wir sehen an diesem Fall, wie aus einem früh traumatisierten
Kind und verführten Jugendlichen später eine psychisch schwer gestörte,
verführende Persönlichkeit wurde, die sowohl Opfer wie Täter war.
Als drittes Beispiel wähle ich eine Patientin aus unserer
Forschung, die von ihrer Stiefmutter schwer körperlich mißhandelt
worden war. Jedesmal, wenn sie der Stiefmutter nicht
vollkommen gehorchte, nahm sie die Stiefmutter beim Arm, schwang sie mehrmals
durch die Luft und schleuderte sie gegen die Wand, so dass dieses Mädchen im
Alter von 5 bis 11 Jahren ständig schwarze und blaue Flecken hatte und sich
nicht traute, in der Schule bei der Gymnastik mitzumachen, damit man die Folgen
der Mißhandlungen an ihr nicht entdecken konnte.
Diese Patientin, die über 30 Suizidversuche mit schwer komatösen Zuständen im
Laufe der letzten Jahre gemacht hatte, die nur noch aus glücklichen Zufällen am
Leben war, provozierte mich massiv in der Therapie, indem sie mich dauernd
verspottete, angriff und versuchte, Gegenstände meines Büros zu zerstören und
sich weigerte, meine Praxis, am Ende der Stunde zu verlassen. Ich mußte sie mit der Polizei des Spitals aus meinem
Therapieraum herausschleppen lassen. Sie rief mich Tag und Nacht an, verfolgte
mich unter falschen Vorwänden und kam schließlich sogar unbemerkt zu einem
Familienfest, um mich zu bespitzeln. Hier wird die Intensität der Aggression
deutlich, in der die Patientin in Identifikation mit ihrer sadistischen
Stiefmutter mich einmal als ihr Opfer behandelte und in anderen Momenten sich
von mir wie ein Opfer sadistisch behandelt fühlte. Wenn ich ihr, nachdem sie
mich die ganze Stunde über verspottet hatte sagte: »So, jetzt ist die Stunde zu
Ende«, erwiderte sie: »Einen Moment, ich muß nur noch
was berichten, es ist etwas sehr Wichtiges.« Und wenn
ich dann klarstellte: »Die Zeit ist zu Ende, Sie müssen jetzt gehen«, ging sie
weinend und schluchzend weg, so daß meine
Sekretärinnen mich so ansahen, als ob ich ein Sadist wäre.
Die Versuchung für
Therapeuten, in den Opfern schwerer Traumatisierungen nur das Opfer zu sehen
Ich könnte viele Fälle beschreiben, in denen sich diese
Problematik stets wiederholt hat. Allerdings tritt in den meisten
Behandlungsfällen dieses Problem gar nicht in Erscheinung, weil viele
Therapeuten der Versuchung nicht widerstehen können, in diesen Opfern schwerer
Traumatisierung eben nur das Opfer zu sehen. Und natürlich versuchen die
Patienten die Situation so zu konstellieren, daß der Therapeut sie nur als Opfer sieht, und sie spalten
das aggressive Verhalten auf das Verhalten gegenüber anderen Personen ab. Ich
führe zur Erläuterung noch ein weiteres Beispiel aus unserem Forschungsprojekt
an und berichte über eine Patientin, die von einer unserer erfahrensten
Therapeutinnen behandelt wurde.
Bei dieser Patientin, die an einer schweren Borderline‑Störung litt, bestand ein Zustandsbild,
das ‑ wie sich am Ende herausstellte ‑ als eine falsche Erinnerung,
als ein »false memory syndrome«, zu bezeichnen ist. Sie war zuvor in einer
Klinik, die sich mit dem Erinnern von sexuellen Traumata beschäftigte. Da bei
ihr ausgeprägte Somatisierungen bestanden und sie über Bauchschmerzen,
Übelkeit und Brechreiz klagte, wurde ihr in der Therapie langsam suggeriert, daß sie sicherlich Fellatio mit ihrem Vater betrieben habe,
wovon sie dann auch überzeugt war. Im Verlauf der Behandlung bei unserer
Therapeutin schickte sie Briefe an alle Verwandte, um ihnen mitzuteilen, daß ihr Vater sie in der Kindheit sexuell mißbraucht hatte, wobei sie jedoch darum bat, dem Vater
nichts davon zu erzählen. Natürlich haben sich alle sofort an den Vater
gewandt, der uns im Spital wütend beschuldigte, daß
wir seiner Tochter diese Idee eingegeben hätten, und er drohte sofort mit einem
Gerichtsverfahren. Somit mußten wir uns sowohl mit
dem Problem eines möglichen Gerichtsverfahrens als auch mit der Frage der
Patientin an die Therapeutin befassen: »Glauben Sie mir, oder glauben Sie mir
nicht?« Die Therapeutin klärte die Patientin darüber
auf, daß es nicht ihre Aufgabe sei, ihre Erinnerungen
zu bestätigen oder nicht zu bestätigen. Vielmehr könne sie ihr dabei helfen, zu
erkennen, inwieweit ihre Vergangenheit ihre jetzige Realität beeinflußt habe, und sie könne ihr durch Lösung ihrer
Probleme im Hier und Jetzt ermöglichen, sich objektiv ihrer eigenen
Vergangenheit zu stellen und eine eigene Einstellung zu ihren Erinnerungen und
zu ihrer Familie zu finden. Die Patientin reagierte auf diese Intervention
sofort mit der Feststellung: »Aha, Sie sind also auf seiner Seite« und begann
mit schweren Angriffen auf unsere Therapeutin. Die erfolglos abgebrochenen
früheren Behandlungen dieser Patientin waren immer von Therapeutinnen durchgeführt
worden. Allerdings wurde die Patientin immer in ihrer Rolle als Opfer
unterstützt, und andere Personen wurden als Täter betrachtet, wodurch zwar eine
Stabilisierung in der Behandlung, aber keine wirkliche Besserung erzielt wurde.
Da sie nie von einem Mann behandelt werden wollte, hatten auch wir sie im
Rahmen unseres Projektes an eine Therapeutin vermittelt. Unsere Therapeutin gab
der Patientin die Deutung, daß sie den Eindruck habe,
daß sie sofort für sie zur Täterin werde, wenn sie
nicht die Rolle ihrer Verbündeten übernähme.
Es geht hier um die typische Spaltung der Borderline‑Patienten
nach dem Muster: Entweder bist du auf meiner Seite, oder du bist mein Feind.
Unsere Therapeutin hatte zunächst von der Patientin die Rolle einer Verbündeten
des Vaters bekommen, einer Sklaventreiberin. Es dauerte viele Monate, bis diese
Patientin in der Therapie verstand, daß sie in ihrer
inneren Vorstellung gleichzeitig das Opfer dieses sadistischen realen oder
imaginären Täters war und sich in ihrer Einstellung gegenüber der Therapeutin
wie auch dem Vater mit so einem Täter konfrontiert sah und sich in diesen
Beziehungen auch unbewußt mit dem Täter identifiziert
hatte. Es fanden sich keine Hinweise für wirkliche Erinnerungen an einen Mißbrauch, und auch alle anderen objektiven Untersuchungen
führten immer wieder zu dem Ergebnis, daß es sich
hier um eine suggerierte Annahme von Mißbrauch
gehandelt hat. Psychopathologisch hoch relevant war jedoch diese intensive
internalisierte Objektbeziehung von Opfer und Täter.
Störungen und
Gefährdungen der therapeutischen Beziehung durch typische Syndrome
Arroganz, Neugierde und
Pseudostupidität
Die wichtigste Voraussetzung für die Behandlung ist die
Kenntnis der typischen Syndrome, in denen sich diese dyadische
Einstellung zeigt. Vielleicht das schwerste Syndrom, das wir kennen, ist das
Syndrom der Arroganz, das Bion (1968) beschrieben
hat. Es handelt sich um Patienten mit schweren Persönlichkeitsstörungen, die
massive aggressive Arroganz dem Therapeuten gegenüber zeigen, eine starke
Neugierde für sein Privatleben entwickeln, während sie ihre eigenen Probleme
nicht sehen, verbunden mit einer Pseudostupidität an sich hochintelligenter
Personen, die innerhalb der Behandlung nicht einmal mehr das Einfachste, das
man ihnen sagt, verstehen können. Diese drei Symptome Arroganz, Neugierde und
Pseudostupidität zielen im Grunde darauf ab, jede Kommunikation zu verhindern,
um sich nicht den eigenen Haß eingestehen zu müssen,
das heißt der Haß wird agiert, ohne wirklich als
Affekt empfunden zu werden, was zu einer schwierigen psychologischen Aufgabe
innerhalb der Behandlung wird.
Absolute Spaltung
Ein zweites häufig beobachtetes Syndrom ist das einer
absoluten Spaltung zwischen idealisierten Beschützern und paranoid
verfolgenden, sadistischen Tätern. Vielleicht die schwerste Form findet sich
bei Patienten, die sich von einem Therapeuten verfolgt fühlen, diesen
Therapeuten unter irgendeinem Grund dann anzeigen und ein Gerichtsverfahren
einleiten, sich dann einen neuen Therapeuten suchen, den sie idealisieren und
von dem sie Hilfe gegen den ersten erwarten. Wenn das Gerichtsverfahren für sie
gut ausgeht und sie befriedigt den ersten Therapeuten zerstören, dann beginnen
sie ein Verfahren gegen den zweiten und suchen dann wieder einen neuen
Therapeuten auf, der dann idealisiert wird gegenüber der Enttäuschung an dem
zweiten. Wir kennen mehrere solcher Fälle, die natürlich die Instabilität des
idealisierten und verfolgenden Segmentes und gleichzeitig auch die dauernde
Spaltung anzeigen.
Transformation des
Opfers in einen Täter
Ein drittes Syndrom, das auch sehr häufig vorkommt, ist die
Transformation des Opfers in einen Täter.
Der schwerste uns bekannte Fall ist eine Patientin mit einer
antisozialen Persönlichkeit, die, nachdem ihr Vater sie sexuell mißbraucht hatte, unter den Folgen des Inzests an schweren
Depressionen und Selbstmordversuchen litt und die ihren Therapeuten sexuell
verführte. Sie rief ihn unter Androhung von Selbstmord zu sich nach Hause,
empfing ihn im Negligé und gab ihm zu verstehen, daß
nur er sie retten könnte ‑ ein junger Psychiater in Ausbildung mit
schweren narzißtischen Problemen. [Originalton: Gelächter im Publikum. Erheiterte Nachfrage von
Kernberg: „Ist das hier ungewöhnlich?“ Erneutes Gelächter im Publikum.]
Sie schrieb ein Tagebuch, beging Selbstmord, sandte zuvor das Tagebuch mit
einer genauen Beschreibung des sexuellen Verkehrs mit ihrem männlichen
Therapeuten ihrer homosexuellen Freundin, die ein Gerichtsverfahren gegen den
Therapeuten und gegen unser Spital einleitete.
Wir sehen hier, wie die Patientin noch im Tode Opfer und Täter
zugleich wurde. [Originalton: „Sie sehen, wie sie im
Tode sich noch r…[ächte], wie sie Opfer und Täter zugleich wurde.“] Ein
tragischer Fall, der aber nicht so außerordentlich oder ungewöhnlich ist, wie
man erwarten würde. Wir sehen hier eine leichtere Ausprägung der Problematik
der zuvor geschilderten Patientin, die ohne Slip kam und in Wut geriet, weil
ich mich als ihr Therapeut weigerte, mit ihr eine sexuelle Beziehung
aufzunehmen.
Dissoziationen
Als eine andere häufige problematische Situation sind
Dissoziationen anzusehen, schwere primitive Spaltungen, die manchmal leider von
Therapeuten unterstützt und verstärkt werden. Dissoziative Tendenzen kommen
gehäuft bei Borderline‑Patienten vor und sind
nicht selten Folgen von sexuellem Mißbrauch, obwohl
Dissoziationen auch als eigenständiges Phänomen auftreten können.
Eine Patientin dissoziierte plötzlich
während der Therapiesitzungen bei mir. Sie schaute mit einem etwas ängstlichen
und verzückten Gesicht in die Luft und weigerte sich, mit mir in dieser
Situation zu sprechen. Nach etwa, 5 bis 15 Minuten zeigte sich wieder ihr
normales vernünftiges Selbst. Bei meinem Versuch, sie auf diesen dissoziativen
Zustand anzusprechen, behauptete sie, nichts davon zu wissen, beziehungsweise
nicht diese Person gewesen zu sein, wobei sie mich dabei freundlich anlächelte.
Es war ganz klar, daß da eine absolute Spaltung
zwischen diesen dissoziativen Zuständen und dem normalen Befinden bestand und daß jeder Versuch von mir, ihre Aufmerksamkeit auf den dissoziierten Zustand zu lenken, sofort mit intensiver Wut
und Mißtrauen beantwortet wurde, das heißt also, daß sie mit großem Mißtrauen auf
jeden Versuch von mir reagierte, sie mit ihrem dissoziierten
Zustand in Verbindung zu bringen.
Typisch für diese Patienten ist, daß
sie versuchen, diese dissoziativen Zustände zu behalten und die Spaltung zu
bewahren. Jeder Versuch, diese Spaltung zu lösen und die Einstellung des
Beschützens dieser Spaltung zu deuten, führt in der Übertragung zu einer
paranoiden Einstellung, in der der Therapeut sofort zum Täter und der Patient
zum Opfer wird, das heißt also der Versuch, die Spaltung zu überbrücken, führt
zur Reaktivierung der primitiven dyadischen
Beziehung, die ich zuvor beschrieb.
Behandlungsstrategien
und die besondere Bedeutung der Übertragungs- und Gegenübertragungsanalyse bei
schwer traumatisierten Patienten und schweren Persönlichkeitsstörungen
Nun komme ich zur Behandlung und dabei auch wieder auf die
Stellungnahme von R. Krause (s. Beitrag in diesem Heft) zurück und die
fundamentale Bedeutung von Übertragungs‑ und Gegenübertragungsanalyse bei
diesen Fällen. Ganz kurz zusammengefaßt besteht die
Behandlung darin, daß man sich das pathologische Introjekt, die pathologische Beziehung in der Übertragung
aktivieren läßt, sie den Patienten in der Übertragung
voll erleben läßt und ihm hilft, sie durch Deutung zu
überwinden. Das bedeutet praktisch eine Behandlungsform, die mit der
psychoanalytischen Psychotherapie schwerer Persönlichkeitsstörungen
übereinstimmt, und zwar eine Behandlung, die sich auf die hauptsächliche
dominante Übertragung in der Behandlung konzentriert. Wir entdecken diese dominante Übertragung, indem wir
gleichzeitig über die drei Kanäle unserer
therapeutischen Wahrnehmung untersuchen:
• Was sagt uns der Patient, was also ist sein subjektives
Empfinden?
• Was zeigt der Patient in seinem Verhalten?
• Was spüren wir in unserer Gegenübertragung?
Dabei kann unsere Gegenübertragung auf zwei Arten erfolgen:
erstens eine Identifizierung mit dem, was der Patient spürt, also eine
konkordante Identifikation mit dem Erlebnis des Patienten, die uns hilft, uns
mit dem Patienten empathisch zu fühlen, uns in den Patienten einzufühlen, und
zweitens eine komplementäre Identifikation in der Gegenübertragung, das heißt
uns mit dem zu identifizieren, was der Patient in sich nicht toleriert. Typisch
für diese Patienten ist, daß die komplementäre
Gegenübertragung bei weitem vorherrscht. Ich erinnere an meine Patientin, die
sich weigerte, von meiner Ordination wegzugehen und die mich dauernd anrief, so
daß ich mich wie ein paralysiertes Opfer fühlte,
während sie sich mit einem sadistischen Objekt identifizierte. Als sie dann
wie eine weinende Madonna von meiner Ordination wegging, nahm sich diese
Patientin wieder in einer umgekehrten Rolle wahr, und zwar als mein Opfer und
mich als sadistischen Täter. Die Analyse der Übertragung und der
Gegenübertragung erlaubt uns also, diese verfolgende internalisierte Beziehung
herauszuschälen und die Identifizierung des Patienten sowohl mit dem Opfer als
auch mit dem Täter zu deuten (Clarkin et al. 1999).
Täter‑Opfer‑Rollen
und ihre Integration in der Therapie
Wenn der Patient es im Laufe der Therapie toleriert, sich
gleichzeitig als Opfer und Täter zu sehen, dann verliert diese pathologische
Identifizierung ihre Stärke und führt zu der Möglichkeit einer neuen
Integration, eines Erkennens, Liebe und Haß
vereinbaren zu können, Gegensätze, die der Patient früher nicht integrieren
konnte, und es kommt damit zu einer Befreiung von dieser Problematik. Wenn man
dagegen in der Therapie dem Patienten nur hilft, sich als Opfer zu
identifizieren und der Täter irgendwie nach außen projiziert wird, dann kann
die Beziehung zwar als eine gute erscheinen, der Patient sich gestützt fühlen,
aber diese Problematik wird im Grunde genommen doch nicht gelöst. Aggressionen,
die nicht anerkannt wurden, die von Rachegefühlen erfüllt sind, diese haßerfüllten Aggressionen zeigen sich dann immer in
paranoiden Einstellungen, die das Leben dieser Menschen beherrschen, und das
gilt genauso für sexuellen Mißbrauch und andere
schwere Traumatisierung. Nehmen wir als Beispiel einen extremen Fall von
Inzest:
Eine meiner Patientinnen mit einer masochistischen
Persönlichkeit war die Geliebte eines Bandenführers, der sie so behandelte wie
die Frau in der Novelle »0«. Er bot sie sozusagen als Geschenk seinen Freunden
an, so daß sie Sex mit der ganzen Bande hatte, in
masochistischer Unterwerfung und gleichzeitig mit einer schweren sexuellen Hemmung.
Bei dieser Patientin mit einer masochistischen Persönlichkeitsstörung ist in
meiner Behandlung dieses Inzesterlebnis doppelt aufgetaucht: als Opfer und als
Versucher in intensiven sexuellen Phantasien mit mir, die ich wiederum als eine
Reaktion auf den sexuellen Mißbrauch durch ihren
Vater zurückführen konnte.
Wie wir wissen, ist direkter Inzest die schwerste Form ‑
das heißt ich spreche von intergenerationalem
Inzest, besonders vom Vater mit der Tochter unter einem Alter von 10
Jahren. Das galt auch für diese Patientin, deren Vater eine antisoziale
Persönlichkeit war. Sie hatte in typischer Weise das Verhalten des Vaters in vielfältiger
Art erlebt, als brutalen Eingriff und Verletzung ihrer physischen Identität,
als verwirrenden Einbruch und Zerstörung der liebevollen Beziehung zu ihm und
zu beiden Eltern, als zerstörenden Einfluß auf die
Entwicklung ihres moralischen Gewissens und als einen sexuell erregenden
Triumph über ihre Mutter. Dieses letzte Element war natürlich vollkommen unbewußt und mit schweren Schuldgefühlen verbunden, die in
ihrer masochistischen Persönlichkeit zum Ausdruck kamen und sie sich so ihr
ganzes Leben wegen dieser ödipalen Schuld opfern ließ. Von dem Moment an, als
sie sich nicht mehr als Opfer sehen mußte, konnte sie
sich auch mit ihrer eigenen sexuellen Erregung in diesem unbewußten
und jetzt bewußten Sieg über die ödipale Mutter
zurechtfinden und ihre Schuld tolerieren. Sie erlangte so die Fähigkeit, sich
mit dem Täter zu identifizieren, nämlich mit der sexuellen Erregung des
sadistischen, inzestuösen Vaters, und so wurde es ihr auch möglich, den Haß gegen den Vater mit dem Verstehen seines sexuellen und
ihres sexuellen Verhaltens zu verbinden. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie
fähig, einen Orgasmus im sexuellen Verkehr mit ihrem sadistischen Freund zu
erleben.
Was ich hier dargestellt habe, ist zunächst nicht die ideale
Lösung des Problems dieser Patientin, das noch lange weiter bestand, bis sie
sich aus diesem entsetzlichen Kreis entfernen konnte. Aber es soll zeigen, daß nur diese doppelte Lösung den Opfern die Möglichkeit
erschließt, sich nicht nur mit Haß, Aggression und
Ambivalenz zurechtzufinden, sondern auch das eigene sexuelle Leben zu
bereichern und das sadomasochistische Element der normalen sexuellen
Befriedigung und Erotik aus der Charakterpathologie zurück in die normale
Sexualität zu retten und so die eigene Sexualität zu befreien und weiter zu
entwickeln. Diese Behandlungen erfordern vorn Therapeuten zuerst die
Festsetzung eines festen Rahmens der Beziehung, so daß
die Aggression des Patienten toleriert werden kann, ohne daß
die Beziehung zerstört wird und ohne daß der
Therapeut oder sein Raum verletzt oder zerstört werden.
Aggression in der
Gegenübertragung
Es ist wichtig, in der Gegenübertragung trotz aller
Provokationen das Interesse und die objektive Besorgnis für die Patienten zu
behalten, sich den aggressiven Gegenübertragungen auszusetzen, denn es gibt
Momente, in denen wir sie am liebsten aus dem Fenster werfen würden. [Originalton: „Wenn alles gut geht, dann gibt es Momente, in
denen wir sie am liebsten aus dem Fenster werfen würden, besonders wenn unser
Büro im 80. Stock liegt, und dann langsam und freudevoll lauschen, bis wir
unten ein leises ‚Plopp’ hören.“ - Gelächter im
Publikum - „Ich meine das ganz ernst!“]
Die Toleranz der Aggression des Täters, die auf uns projiziert wird, ist
unerhört entscheidend für den Erfolg der Therapie, indem wir zum Täter werden
können und wir uns als Täter identifizieren und es so dem Patienten
erleichtern, sich selbst als Täter zu identifizieren. Ich glaube, daß hier der schwerste Teil der Therapie liegt, denn
natürlich richtet sich das gegen unsere vertraute therapeutische Überzeugung.
Aber wenn ‑ ich glaube, ich übertreibe nicht ‑ Sie sich nicht bewußt in der Gegenübertragung mit dem identifizieren können,
was der Patient Ihnen auferlegt, dann ist es dem Patienten auch nicht möglich,
von dieser Introjektion frei zu kommen. Wir müssen
uns also mit dem Kommandanten des Konzentrationslagers, mit dem Folterer in der
Diktatur, mit dem inzestuösen Vater, mit der sadistischen Mutter
identifizieren können. Wir müssen so auch die Lust verspüren am Zerstören, die
Lust eine Brandbombe zu werfen, die Lust sadistische Aggressionen zu verspüren,
denn die Bereitschaft dafür haben wir alle in unserem Unbewußten.
Als Therapeuten dieser Patienten können wir es uns also nicht leisten, nicht
auch in uns selbst mit diesen Gefühlen und Affekten in Kontakt zu kommen.
Genauso wie wir bereit sein müssen, uns mit den sexuellen Gefühlen der
Patientin oder des Patienten zu identifizieren, um dem Patienten zu
ermöglichen, sich dieser Problematik zu bemächtigen. Das bedeutet also,
sexuelle erotische Gefühle dem Patienten gegenüber zu tolerieren, ohne
natürlich diese zu agieren, aber sie in unsere Deutungen einzubauen, genauso
wie wir natürlich nicht unsere Aggressionen agieren, sondern sie in unsere
Deutungen einbauen. Das heißt auch, eine objektive besorgte, aber nicht verführende
Einstellung dem Patienten gegenüber einzunehmen.
Technische Neutralität
Es bedeutet
weiterhin Einhalten der technischen Neutralität, aber technische Neutralität
bedeutet nicht verdrossene Indifferenz. Es ist wichtig, ‑ ich zitiere da
Freud in einem Brief von 1916 an Pfister ‑ daß
wir uns vor Mitleid schützen. Wie Sie wissen, ist Mitleid eine sublimierte
Aggression. Wenn wir Mitleid mit Patienten innerhalb einer Behandlung
empfinden, ich will das nicht zu sehr verallgemeinern, bedeutet
das, daß wir den Patienten herabsetzen und nicht als
vollwertige, normale Person respektieren. Das ist bereits eine Folge der Verführung
durch den Patienten, in die Spaltung zwischen idealisiertem und verfolgendem
Objekt einzutreten, das heißt wir müssen also direkt sein, wir müssen uns
trauen zu fragen, warum, wieso, und wir müssen uns trauen, den Patienten nicht
in seiner Mythologie zu bestätigen. Wir müssen daher versuchen, seine Übertragung
zu lösen und den Patienten, die uns fragen »Glauben Sie mir nicht? Sind Sie
nicht meiner Meinung? War das nicht entsetzlich?« zu
erwidern: »Warum brauchen Sie meine Meinung, anstatt eine eigene zu haben?« Das
bedeutet, daß ich hier meiner Arbeit treu bleibe,
anstatt den Wünschen der Patienten zu entsprechen, und natürlich ist das nur
der Anfang einer Übertragung, in der wir als sadistisches Objekt behandelt
werden. Es ist schwer für einen Therapeuten, zu tolerieren, daß
man so ein sadistisches Objekt wird. Aber ich glaube, daß
diese Toleranz im Grunde genommen eine Vorbedingung für eine gelingende Lösung
von Gegenübertragung wie auch Übertragung ist.
Fazit
Für die
Behandlung von Patienten, die unter schweren chronischen Traumatisierungen,
unter schweren chronischen Aggressionsaussetzungen leiden, gilt es in der
Übertragung, diese fundamentalen dyadischen internalisierten
Objektbeziehungen zu aktivieren, sie systematisch zu deuten, Liebe und Haß zu integrieren. Es gilt, dem Patienten zu helfen, sich
von psychopathischen und paranoiden Einstellungen langsam zu lösen und ihn in
seiner depressiven Trauer zu führen, und ihm zu helfen, sich von seiner
Vergangenheit zu befreien, die sadomasochistischen Elemente, die Teil normaler
Liebe sind, zurück ins Sexuelle zu retten, anstatt ins Charakterpathologische
und Selbstzerstörende einzubauen, ohne daß wir unsere
objektive Einstellung als Therapeuten verlassen müssen. Das bedeutet nicht, daß wir indifferent, apolitisch, unberührt von allen sozial
verursachten chronischen Traumatisierungen sind, die mit allen konkreten
Beispielen, die ich Ihnen gab, verbunden sind, Terror, politische Verfolgung,
Konzentrationslager, sexueller Mißbrauch, physischer
Mißbrauch. Es bedeutet jedoch, daß
wir unsere ideologische und politische Einstellung nicht dazu verwenden, mit
dem Patienten eine Allianz herzustellen, die uns daran hindert, die Übertragung
voll zu analysieren und zu lösen. Als Bürger können wir unsere Ideologie
ausdrücken, als Therapeuten müssen wir erschreckend neutral bleiben, neutral
nicht im Sinne der Indifferenz, aber in dem Widerstand gegen die Identifikation
mit den inneren pathologischen Mächten, gegen die der Patient anzukämpfen hat.
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