Forschungsergebnisse der Universität des Saarlandes

Gewalterfahrung als Phantasie oder Realität

 

Dr. Anke Kirsch

 

Anfang 1999 hatte ich an einer Delphi-Studie der Uni Saarbrücken zum Thema „Trauma und Erinnerung“ teilgenommen. Die Studie wurde als DFG-Projekt unter der Leitung von Herrn Prof. Krause durchgeführt. Anke Kirsch war mit der Durchführung betraut.

„Experten“ (überwiegend psychologische oder ärztliche Psychotherapeuten der unterschiedlichsten Therapierichtungen) sollten sagen, wie sie zu der Einschätzung gelangten, dass der ihnen von PatientInnen berichtete sexuelle Missbrauch deren Phantasie entsprungen wäre.

Hier einige Ergebnisse der Studie [aus: Anke Kirsch (1999 a), Arbeiten der Fachrichtung Psychologie des Saarlandes: Nr. 190. Erste Ergebnisse eines Expertendelphis zum Thema „Trauma und Erinnerung“. Saarbrücken.] Es werden Kriterien benannt, die von TherapeutInnen als Hinweis für das Vorliegen einer „retrospektiven Phantasie“ gewertet werden (a. a. O., 31):

Die folgenden Statements beziehen sich auf Kriterien, die von Ther. als Hinweise für retrospektive Phantasien angesehen werden. Die Statements waren nach dem Ausmaß der Zustimmung zu gewichten.  

...

20.4: Die Schuldfrage wird eher externalisiert und bei dem/der Täter/in gesucht.

04,7 % stimme gar nicht zu   29,7% stimme überwiegend nicht zu   51,6% stimme im wesentlichen zu    14,1% stimme völlig zu

20.5 Die Pat. gehen mit einer größeren Überzeugung und Sicherheit davon aus, dass eine sexuelle Traumatisierung stattgefunden haben müßte.

04,9 % stimme gar nicht zu   31,1% stimme überwiegend nicht zu   50,8% stimme im wesentlichen zu    13,1% stimme völlig zu

(Anke Kirsch, 1999 a, S.31)

65,7 % bzw. 63,9 % der 91 „Experten“ ordnen die ihnen geschilderten Traumatisierungen eher einer „retrospektiven Phantasie“ zu, WEIL die Betroffenen dies OHNE EIGENES SCHULDBEWUSSTSEIN und MIT SICHERER ERINNERUNG berichten! Nur winzige 4,7 % bzw. 4,9 % lehnen eine solche Schussfolgerung deutlich und entschieden ab!

Bei der Studie waren übrigens drei Antwortende ausgeschlossen worden. Meine Antwort gehört offenbar dazu. Von meiner siebenseitigen detaillierten Rückmeldung zu den einzelnen Statements, die ich Anke Kirsch bei einer persönlichen Begegnung und einem längeren Gespräch übergeben hatte, ist nichts in die Sammlung aufgenommen. Dass ich zu einzelnen Fragen dezidiert keine Kategorie ankreuzen KONNTE, wird jedenfalls auch in der Präsentation der Ergebnisse nicht berücksichtigt (z.B. durch die Kategorie: Antwort verweigert). Auf meine spätere Anfrage, was mit meinem Beitrag zur „Studie“ geschehen sei, bekam ich nur ausweichende Antworten. 

Dass ich bei einigen Fragen ganz bewusst keine Antwort angekreuzt hatte, hatte seine Gründe: Eine Zustimmung zu dem einen Teil der Antwort hätte ja auch gleichzeitig die Zustimmung zu dem anderen bedeutet.

Z.B. bei Frage 2.5 (S.13): „Aufgabe der Psychotherapie ist nicht nur zu schauen, wie ist das erlebt worden und was haben die Pat. für Phantasien dazu, sondern auch zu schauen, was hat das für einen Realitätsgehalt.“ Ich hielte es für eine Zumutung, Missbrauchsopfer danach zu befragen, was für „Phantasien“ ihnen zu dieser Situation durch den Kopf gingen! Das ist für die Therapie wohl ziemlich bis vollkommen irrelevant, wenn nicht gar schädlich! Zu diesem Teil der Frage hätte ich sagen müssen: „stimme überhaupt nicht zu“; der andere Teil der Frage: „zu schauen, was hat das für einen Realitätsgehalt“ könnte von einem absolut begrüßenswerten Interesse an der Wirklichkeit der KlientInnen künden. 

Oder bei Frage 2.7 (ebd.): „Zwar spielen in der Psychotherapie die Phantasien eine ganz wichtige Rolle, aber für das Gelingen einer Therapie ist auch die Rekonstruktion der Wahrheit wichtig.“ Dass „die Phantasien“ (offenbar im Sinne von: eingebildeten Zusammenhängen) in der Psychotherapie eine wichtige Rolle spielen, dem stimme ich überhaupt nicht zu; dass die Rekonstruktion der Wahrheit wichtig ist, halte ich dagegen für ein ganz zentrales Moment der Therapie!

 

Für dasselbe Heft, in dem Herr Kernberg 1999 seine Thesen publiziert, hat auch Anke Kirsch (1999 b) einen Artikel beigesteuert („Trauma und Wirklichkeits(re)konstruktion: Theoretische Überlegungen zu dem Phänomen wiederauftauchender Erinnerungen“ in: PTT, 1999, Heft 1). Nachdem sie diverse Forschungsergebnisse zur Funktion des Gedächtnisses referiert, lässt sie offen: „Unklar ist auch, inwiefern es im therapeutischen Kontext überhaupt möglich ist, zwischen Erinnerungen an reale traumatische Erinnerungen beziehungsweise retrospektive Phantasien zu unterscheiden. Fraglich ist zudem, ob die Wahrheitsfrage in der Therapie zu lösen ist.“ Und der Satz, mit dem sie ihren erhellenden Artikel abschließt: „Möglich scheint jedoch, auch eine Haltung, in welcher dieser Wahrheitsfrage keine therapeutische Relevanz zugeschrieben wird.

Folgt man der Logik dieser Argumentation, dann kommt es also gar nicht darauf an, was die Menschen real erlebt haben, sondern nur darauf, was ihnen an Phantasien durch den Kopf geht. (Diese Phantasien werden selbstverständlich sehr ernst genommen.) Da gehören dann natürlich auch die ganzen ödipalen Phantasien und Perversionen dazu. Und hier hat sich Herr Kernberg dann seine Hauptarena gesichert, innerhalb derer er Grundschulkindern weiter einreden darf, dass sie bei der Vergewaltigung durch ihre Papas sexuell erregende Triumphe über ihre Mamas gefeiert hätten.

Folgt man dieser Logik, dann ist es auch psychotherapeutisch nicht mehr relevant, ob z.B. 6 Millionen Juden tatsächlich umgebracht worden sind, ob weitere Millionen in KZ’s, unter der Flucht oder sonstwie gelitten haben, sondern es kommt dann nur darauf an, dass einige Menschen davon ausgehen, dass es so war und deshalb darunter leiden. Da hätte Anke Kirsch kein Problem, sich ganz vorurteilslos dieser Menschen anzunehmen – spielt ja keine Rolle, was sie wirklich erlebt haben. Hauptsache sie haben ihre subjektiven Empfindungen dazu. Und für die hat man ja in der modernen Psychoanalyse ein ganz ernstes, offenes Verständnis.

 

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Interessant in diesem Zusammenhang der Diskurs über Kriegskinder, die nach Jahrzehnten von Erinnerungen grausiger Erlebnisse überrollt werden. Und die Expertenschaft der Psychoanalyse ist schon munter dabei, ganz vorne auf dem Kutschbock des Wagens, der da anrollt, mit ihrem Expertenwissen die Lenkung zu übernehmen. Man hat sich ja schon immer mit Kindheitserinnerungen beschäftigt. Aber Vorsicht ist geboten: Von Frau Kirsch und Herrn Krause wissen wir ja, dass Erinnerungen nur äußerst schwer einzuschätzen sind. Womöglich handelt es sich ja da auch nur um Phantasien. Vermutlich mit grausamem, sadistischem Hintergrund. Ist ja nicht wichtig, ob das wirklich passiert ist. Ist doch auch kaum glaubhaft, dass die Menschen in den wohlgeordneten Verhältnissen des Dritten Reiches und des Wiederaufbaus derartig viele Gruseligkeiten erlebt haben sollten. Aber solange es deren subjektive Realität ist, werden wir es auch mit unseren bewährten Konzepten behandeln. Wir werden ja doch auch schließlich gut dafür bezahlt. Da kann man schon mal diese Quengeleien über sich ergehen lassen.

Dabei kann man sich die Worte des Meisters Trost sein lassen. Wie schreibt doch Freud so schön an Ferenczi im Mai 1909: „die Patienten sind ekelhaft“ (nach Gay 1989, S. 595). Derselbe Adressat notiert noch mehr als 20 Jahre später, am 4. August 1932, in sein Klinisches Tagebuch die von Freud „einzelnen Vertrauten mitgeteilte pessimistische Ansicht: die Neurotiker sind ein Gesindel, nur gut, uns finanziell zu erhalten und aus ihren Fällen zu lernen, die Psychoanalyse als Therapie sei wertlos (Ferenczi, 1989, S. 249).

Der letzte Teil dieses Satzes ist eine von den ganz wenigen Einschätzungen Freuds, die ich rückhaltlos unterschreiben würde!

 

 

Hier zu einem Artikel mit ähnlichem Tenor von Professor Krause, Saarbrücken, hier zur Übersicht zu den Arbeiten der Universität Saarbrücken, da zu dem PsychotherapeutInnen-Warndienst für das Saarland.