Forschungsergebnisse der Universität des Saarlandes

Gewalterfahrung als Phantasie oder Realität

 

Professor Rainer Krause, Saarbrücken

 

In demselben Heftchen, in dem sein Freund Otto F. Kernberg über den „sexuell erregenden Triumph“ vergewaltigter Kinder berichtet, will uns auch Professor Krause über das Thema „Trauma und Erinnerung“ (PTT, 1999, S. 36-44) aufklären.

Es beginnt mit einem furiosen Auftakt: Wir werden mit der Arbeit von Frau Loftus bekannt gemacht, die sich mit der Frage auseinandersetzt, was passiert, wenn auftauchende Erinnerungen dazu führen, dass harmlose Menschen vor Gericht gezerrt und auf einmal des Missbrauchs beschuldigt werden. Nach Krause kommt es da „knüppeldick“ (a. a O., 36). Denn wie sollen wir entscheiden, ob die Erinnerungen der Betroffenen tatsächlich wahr sind? Da müssen wir von gewaltigen Irrtümern ausgehen. Krause greift eine Metapher auf, die von Loftus stammt: Wir sollen uns das Gedächtnis wie eine Schüssel mit klarem Wasser vorstellen. Jede Erinnerung sei wie ein Teelöffel Milch, der dort hineingerührt werde. „... wer von uns“, so Loftus (ebd.), „würde sich zutrauen, das Wasser von der Milch zu trennen?“ Also: Jede unserer „nebeligen“ Erinnerungen ist wie ein „Teelöffel Milch“: Undurchsichtig, nebelig. Mit jeder neuen Erinnerung wird es schlimmer. Immer mehr Milch auf immer weniger Wasser. Irgendwann, so gestalte ich mir entsetzt das angerissene Szenario aus, kann ich natürlich gar nicht mehr erkennen, was in der Suppe eigentlich alles herumschwimmt.

Meine Frau, Dr. rer. nat. Evelyn Schlagmann, hat mich übrigens beruhigt. Es sei schon mit relativ einfachen Verfahren möglich, das Gesöff zumindest so klar zu bekommen, dass man wieder vorzüglich hindurchsehen kann. Bei Bedarf und mit geeigneter Apparatur könne man die ursprünglichen Zutaten auch weitergehend trennen.

Professor Krause gibt sich hier jedoch tief beeindruckt, beinahe beunruhigt, glaubt, dass Europa noch etwas bevorstehe, was in Amerika schon Realität geworden zu sein scheint: Hexenjagd, Anti-Aufklärung. Stündlich scheinen dort Menschen vor Gericht gezerrt zu werden, die des sexuellen Missbrauchs angeklagt werden, von angeblichen „Opfern“, die sich erst plötzlich wieder an die entsprechenden Szenen erinnern, manipuliert von unwissenden oder skrupellosen Psychotherapeuten. [Vier Seiten weiter bekennt Krause selbst übrigens vorsichtig, ein solches Szenario zu bezweifeln.]

Glauben wir den ersten Ausführungen Krauses, dann gibt es wohl nur eine Schlussfolgerung: Wann, wo und wie wir zur Schule gegangen sind, was wir im Elternhaus, mit Freunden, während des Studiums erlebt haben – da dürfen wir uns nichts vormachen: Alles Milch. Undurchsichtig. Unsere Wasserschüssel mutiert immer mehr zum Milchtopf. Wahrscheinlich fängt es schon an zu stocken und zu stinken. Suchen wir also lieber nach hieb- und stichfesten Beweisen, beschränken wir uns besser auf das Blättern in unseren Alben, Zeugnissen und Tagebüchern, als dass wir in Erinnerungen schwelgen und uns dabei blind auf unser Sauermilchsoßen-Orakel verlassen. In puncto Vergangenheit blicken wir nämlich nicht mehr durch.

Nun lässt uns Krause an zwei eigenen Fällen teilhaben. Die eine Klientin, Frau A., berichtet von einer zweimonatigen Amnesie im Alter von 13 Jahren, als sie mit dem alkoholkranken Vater alleingelassen war, produziert jedoch präzise Bilder aus dieser Zeit vom Stoff des väterlichen Schlafanzuges, oder von einer offenstehenden Cordhose des Vaters, unter der keine Unterhose zu sehen ist. Vom Therapeuten gefragt, „ob sie mir eine wie auch immer geartete Erklärung anbieten könne, warum da die Unterhose fehlt“ (37) [als wäre die Klientin diejenige Instanz, die für die „Erklärung“ derartiger Zustände zuständig wäre!?!?], wird die Klientin wütend und rennt weg. „Da ähnliches öfter geschah“, kommt es zu einem Abkommen: Die Klientin darf die in emotionalen Krisen niedergeschriebenen Gedanken auch nachts noch in den Briefschlitz ihres Therapeuten schieben. [Die geübten psychoanalytischen LeserInnen erkennen in diesem Akt natürlich sofort die Re-Inszenierung der alten Traumatisierung, auch ohne dass dies vom Autor ausdrücklich hervorgehoben werden müsste.] Dann malt sie irritierende Bilder: „eine in der Mitte durchtrennte Person, links als Mann mit erigiertem Penis, ... rechts als Frau mit Brust, langem Haar und Vulva mit einem Kinderarm“. Das alles lässt den Behandler – in Intervision mit einer Kollegin – zu dem Schluss gelangen, hier sei ein Missbrauch wahrscheinlich, obwohl dessen Thematisierung von der Klientin heftig abgewiesen wird.

In der anderen Fallgeschichte, Frau Z., genau das Gegenteil: Im Verlauf der Behandlung wird von der Klientin selbst die Frage aufgeworfen, ob wohl etwas mit dem Vater gewesen war, was der Behandler – in Übereinstimmung mit seiner Intervisorin – schließlich verwirft. Die Klientin glaubt das dann am Ende auch.

Eingebettet zwischen diese Falldarstellungen und Ausführungen über das Gedächtnis wirft Krause die Frage auf (Krause, 1999, 39): „Kann man aus der Behandlungssituation heraus die historische Wahrheitsfrage überhaupt beantworten? Ich meine, die Antwort darauf ist, wie bei allen retrospektiv gewonnenen Informationen, die nur von einer Person stammen, eindeutig nein.“ Ja natürlich. Wenn Herr Krause seine Frage so formuliert, dann bekommt er auch die entsprechende Antwort. Natürlich darf er in seinen Aussagen über die Biografie seiner KlientInnen keine päpstliche „Unfehlbarkeit“ für sich reklamieren! Natürlich wird kein kritischer Historiker, kein kritischer Richter die absolute Sicherheit haben dürfen, die Erzählung eines einzelnen Menschen spiegle die vollständige Wahrheit. Aber manchmal haben wir eben nur einen einzelnen Zeugen, der uns über wesentliche Abläufe dieser Welt informiert. Und bei sehr privatem Geschehens gibt es eben nun mal i.d.R. wenig Zeugen. Die wenigen sollte man dann auch sehr respektvoll behandeln.

Mir scheint, Krause will uns zur Kapitulation überreden. Wir können die „historische Wahrheitsfrage“ nicht beantworten – also überlassen wir die „objektive Realität“ lieber den HistorikerInnen und RichterInnen. Als PsychologInnen können wir uns doch gut genug mit der „subjektiven Realität“ beschäftigen. Das genügt doch vollkommen. Und hier haben wir es doch über die Jahrzehnte zu einer besonderen Kennerschaft gebracht, oder nicht?

An dieser Stelle kann Rainer seinem Freund Otto die Hand reichen: Wir wollen uns gar nicht im Detail damit beschäftigen, wie der Vater seine noch nicht 10 Jahre alte Tochter vergewaltigt hat. Das muss ja nicht einmal strittig sein – obwohl wir uns nie sicher sein können, was gewesen ist, wenn wir es ja doch nur von den KlientInnen hören. Auf jeden Fall ist die Aufgabe von uns Fachleuten, dass wir uns mit den „subjektiven“ Aspekten des Geschehens beschäftigen, was da an „sexuell erregendem Triumph“ eingefahren wurde, und wie daraus – wohl zu Recht – ein gehöriges ödipales Schuldgefühl gegenüber der Mama resultieren musste.

Ich würde Herrn Krause gerne bitten, einmal sein wohl schon angestaubtes Exemplar der „Studien über Hysterie“ (1895) hervorzuholen. In den dort abgedruckten Ausführungen von Josef Breuer über die Behandlung von Bertha Pappenheim [ergänzt durch die umfangreiche Dokumentation von Breuers Arztbriefen zu Bertha Pappenheim in der hervorragenden Breuer-Biografie von Hirschmüller (1978)] findet er eine Fülle von Situationen, in denen der großartige Wiener Arzt und Psychotherapeut die psychischen Symptome seiner Klientin dadurch zum Verschwinden gebracht hat, indem er mit ihr die Symptome bis in die Situation ihres Entstehens hinein zurückverfolgt hat. Breuer macht sich auf die Suche nach der WAHRHEIT. Er nutzt dabei herbeigeführte Trance-Zustände (d.h. Zustände großer innerer Achtsamkeit, in denen eigene Empfindungen oder Erinnerungen oft leichter zugänglich sind), um sich den Episoden anzunähern. (Heute benutzt man hierzu häufiger das sog. EMDR.) Breuer regt seine Klientin an, zunächst über Geschichten und Märchen, also in symbolischer Form, ihr Erleben zu beschreiben (mit moderner Art von Selbsthypnose vergleichbar). Auf dem Boden dieser ersten emotionalen Entlastung kann Bertha das Geschehen oft überhaupt erst rekonstruieren. (Wie bei einem Dampfkochtopf wird über ein Ventil der Druck abgelassen, so dass sich danach der Deckel öffnen lässt.). Der Zwang, sich wie ein wohlerzogenes Mädchen zu benehmen, hatte sie darin blockiert, ihre eigentlichen Gefühle – Überforderung, Wut, Ekel, Angst, Abneigung, Selbstbehauptung – zum Ausdruck zu bringen. Dank Breuers einfühlsamen Zuhörens kommt es dann zu Tage: Die im Halbschlaf erlebte Angst um den Vater, verbunden mit einer aufgrund des Schattenspiels fantasierten Schlange, der Ekel vor dem Hund der Gouvernante, die Gewalttätigkeit des Bruders, die Einengung durch Religion und gesellschaftliche Konvention und vieles mehr.

[Bevor die LeserInnen jetzt ihr ganzes kritisches Wissen über die Behandlung Bertha Pappenheims mobilisieren, möchte ich ihnen versichern: Das meiste davon ist wohl nichts als Mythos, Diffamierung, üble Nachrede. Der Hauptvorwurf, Breuer habe Bertha zu einem chloral- und morphinabhängigen Wrack heruntergewirtschaftet, ist, soweit anhand der Dokumente nachzuvollziehen, falsch. Näheres zu Breuer an anderer Stelle dieser Webseite.]

TherapeutInnen haben meiner Auffassung nach die klare AUFGABE, die Entstehungsgeschichten der Symptome ihrer KlientInnen zu rekonstruieren! Es ist für mich ein Armutszeugnis, vor dieser Frage zu kapitulieren. Es müssen daraus nicht sofort Gerichtsprozesse oder Anklagen resultieren. Aber so, wie die Opfer von Hitler, Stalin, der Konquistadoren, der Inquisitoren, Sklavenhändler und aller sonstigen Gewalttäter dieser Welt ein Recht haben, dass ihr Elend beachtet und gewürdigt wird, dass sie – sofern möglich – in ihrem Anspruch auf Wiedergutmachung und Respekt ernst genommen werden, so haben auch die KlientInnen in psychotherapeutischen Praxen in aller Regel verdient, in ihren Leidensgeschichten verstanden zu werden. Und dies heißt, die Vergangenheit (zwangsläufig retrospektiv) sorgfältig zu rekonstruieren. Und in aller Regel wird man dabei auf größere oder kleinere, häufig sich wiederholende „Traumatisierungen“ stoßen! [Man denke an die aktuelle Diskussion über die Generation der Kriegskinder.]

Neben meinem Vorwurf an Herrn Krause, dass er so ohne Not – aber vermutlich auf dem Hintergrund der Freudschen Theorie nur folgerichtig – vor der Frage der Wahrheitsfindung vollkommen kapituliert, wird hier ein weiterer wichtiger Mangel an dem Krauseschen Durcheinander deutlich: Wie selbstverständlich scheint er davon auszugehen, dass sich Traumatisierung in sexuellem Missbrauch weitestgehend erschöpft. Aber Traumatisierung – jedenfalls so, wie sie z.B. ursprünglich im Wesentlichen von dem klugen und differenzierten Josef Breuer gemeint war und die GRUNDLAGE für die „Studien über Hysterie“ gebildet hat – bedeutet dabei NICHT allein Vergewaltigung und sexuellen Missbrauch, sondern GENAUSO permanente Entwertung, Missachtung, anhaltende Aufoktroyierung eines rigiden Regelsystems, Zwang zum Erdulden ekelhafter Erfahrungen, Überforderung bis zur Erschöpfung, Gewalt in allen möglichen Formen, Konfrontation mit Erfahrungen, die den eigenen kulturellen Normen (z.B. Prüderie) stark widersprechen, Erkrankung, Invalidität, Tod eines geliebten Angehörigen und was auch immer für Erlebnisse, die die emotionale Bewältigungsfähigkeit der Betroffenen überfordert hat.

Bisweilen ergeben sich – wenngleich nicht „historisch belegbare“ – hochinteressante, plausible Rekonstruktionen, wenn man nur die Einzelheiten eines Symptoms ernst nimmt und umkreist. So kam einmal eine Frau von über 50 Jahren zu mir, die u.a. an einer Panik vor Federn litt. Sobald aus Kissen oder Federbetten das Ende eines Federchens herausragte, oder wenn auf dem Balkon eine Taubenfeder lag, geriet sie in Panik. Ihr Mann oder ihre im Haushalt lebende Mutter mussten das Federchen dann beseitigen. Das Symptom bestand, solange sie denken konnte. Im Laufe des Umkreisens von diesem Symptom trug die Klientin – auch durch Befragung der noch lebenden Mutter – folgende Information zusammen: Die Mutter der Klientin lebte zur Zeit ihrer Schwangerschaft (während des Krieges) auf dem Bauernhof ihres Mannes. Ein erstes Kind war kurz nach der Geburt gestorben. Es gab dann Streit mit einer ebenfalls auf dem Hof lebenden Schwester des Mannes: Die Frau beschuldigte die Mutter der Klientin, sie habe Bettfedern gestohlen. Im Laufe dieser Auseinandersetzung schrie die Schwägerin die Mutter der Klientin an: „Soll doch dein Kind in den Federn ersticken!“ (Später stellte sich heraus, dass die Schwägerin selbst die Federn entwendet hatte.) Nun kann ich mir lebhaft vorstellen: In der Zeit, als die Klientin noch ein Säugling war, dürfte die Mutter beim Anblick von Bettfedern einen ziemlich beunruhigten, entsetzten, angewiderten Gesichtsausdruck gemacht haben. Die Klientin hat wohl bereits als Kleinkind das wahrgenommene Entsetzen ihrer Mutter mit den Federchen in Verbindung gebracht. („Immer wenn Mama ein Federchen sieht, guckt sie ganz entsetzt – die müssen ja ganz gefährlich und ekelhaft sein!“) Für die Mutter selbst waren Bettfedern im Prinzip völlig harmlos. Die entsetzte Reaktion dürfte für sie, die wohl ursprünglich durch unkomplizierte Erfahrungen mit Bettfedern geprägt war, auf die Säuglingszeit ihrer Tochter beschränkt gewesen sein.

Nun wäre die Symptomatik sicher allein durch Konfrontationsübungen, ohne Rekonstruktion der Entstehungsgeschichte, zu behandeln gewesen. Aber durch die Suche nach der „Wahrheit“ war der Klientin ihr eigenes Verhalten plausibel geworden. Sie war nicht eine verrückte, hysterische Ziege, sondern sie war geprägt durch ein Gefühl, das ihr die Mutter – gut nachvollziehbar – in einer sehr frühen Phase ihrer Kindheit in Verbindung mit Bettfedern gespiegelt hatte. Auf dem Hintergrund dieses Verständnisses fiel es der Klientin leicht, die angeordnete Hausaufgabe durchzuführen – mehrmals für ca. eine halbe Stunde eine Feder in die Hand zu nehmen und sorgfältig wahrzunehmen (anschauen, fühlen). Dieses Symptom hatte sich dann recht bald in Luft aufgelöst.

Es fällt mir dazu auch ein einige Jahre zuvor erlebter Fall ein: Eine Klientin hatte eine unüberwindliche Abneigung gegen Katzen; sie musste die Straßenseite wechseln, wenn ihr ein solches Tier begegnete. Die Klientin hatte eine Mutter, die immer Katzen sehr gemocht hatte und auch aktuell noch mochte. Sie hatte mit ihrer Schwiegermutter in einem sehr schwierigen Verhältnis gelebt (Rivalität um den Sohnemann). Als die Mutter mit der Klientin schwanger war, hatte ihr die Schwiegermutter gesagt: „Sollst du doch eine Katze gebären!“ Auch hier kann ich mir sehr gut vorstellen, dass die Mutter der Klientin in der Säuglingszeit ihrer Tochter beim Anblick von Katzen einen sehr befremdlichen Gesichtsausdruck angenommen hatte.

Die Rekonstruktion von Entstehungszusammenhängen ist aus meiner Sicht zentral für die Behandlung in der Psychotherapie. Körperliche Symptome in den unterschiedlichsten Formen, Unsicherheiten, Ängste lassen sich immer wieder als plausible RE-AKTIONEN begreifen, gewissermaßen als Reflexe auf bestimmte Schlüsselreize, wobei die RE-AKTION auf die Ursprungssituation durchaus plausibel und nachvollziehbar erscheint, als wertzuschätzender Versuch, eine schwierige Situation möglichst gut zu bewältigen. Problem ist jedoch, dass die sich verselbständigenden, reflexartig ablaufenden Programme, die durch bestimmte, an sich neutrale Schlüsselreize (Feder, Katze) ausgelöst werden, rasch dysfunktional und hinderlich werden. Diesen Mechanismus hatte bereits Josef Breuer sehr präzise beobachtet und beschrieben. Einige Jahre später hat Pawlow dies ausführlich erforscht und als „klassisches Konditionieren“ bekannt gemacht.

Interessant, dass die REKONSTRUKTION DER WAHRHEIT ursprünglich selbst für Sigmund Freud einen zentralen Ansatz in der Therapie seiner KlientInnen dargestellt hat, so z.B. im Fall der „Katharina“ in den Studien über Hysterie. Aber schon damals weicht Freud von dem Konzept seines weitaus differenzierteren und klügeren Kollegen Breuer immer mehr ab. Einerseits ist er darauf fixiert, dass allein Erfahrungen sexuellen Inhalts als Traumatisierung gewertet werden könnten. Andererseits beginnt er immer öfter, seine eigenen Phantasien in die Erzählungen seiner KlientInnen hineinzudichten, bspw. im Fall Elisabeth v. R., wo Freud gegenüber seiner Patientin penetrant deutet, sie sei in den Mann ihrer gerade verstorbenen Schwester verliebt. Unbeeindruckt vom heftigen Widerspruch der Betroffenen, die den Schwager widerwärtig findet, spricht Freud die Mutter der Patientin darauf an, ob sie nicht eine Heirat der Patientin mit dem frisch verwitweten Schwager arrangieren könne (Studien, 175 ff.). Die Patientin hatte daraufhin offenbar – konsequent – den weiteren Kontakt zu Freud boykottiert.

Ein paar Jahre später ist Freud immerhin bereit, seiner Klientin Ida Bauer zu glauben, dass der eigene Vater sie als 13- bis 15-Jährige seinem Freund zugeschoben hatte und es dabei zu deutlicher Übergriffigkeit und Vereinnahmung gekommen war. Der Vater wollte damit offenbar den Ehebruch ausgleichen, den er mit der Gattin seines „Freundes“ fortwährend beging. Darüber hinaus berichtet Freud eine Fülle traumatisierender Erfahrungen für die Klientin: Eine zwanghafte Mutter, die konstant jede Lebendigkeit erstickt; ein Elternpaar, das in seine Lebenslügen verstrickt ist und sich beharrlich weigert, den Kindern gegenüber die heile-harmlose-Welt-Inszenierung aufzugeben; die fortwährende Missachtung der Tochter in dem, was sie an klarer eigener Wahrnehmung mit ihren Eltern teilen will. Dass Freud die junge Frau in ihrer Darstellung ernst genommen hat, hat ihr sicherlich gut getan. In der eigenen Familie hatte man ihr (vorgeblich) nicht geglaubt, was sie zunehmend in die Verzweiflung bis hin zu Selbstmordgedanken getrieben hatte. Aber ungeachtet dessen, dass Freud ihr die Schilderungen der Verhältnisse abnimmt, redet er der jungen Frau beharrlich ein, sie leide an ihrem Hang zu Inzest, Homosexualität und Selbstbefriedigung. Freud anerkennt die Wirklichkeitsschilderung von Ida Bauer, aber er nimmt ihre Leidenserfahrungen nicht ernst! Aufgrund seiner selbstgestrickten theoretischen Verblendung – der Mensch ist von Geburt an ein Schwein, und die Neurotiker sind diejenigen, die von den Schweinereien nicht loskommen – traktiert er seine KlientInnen. Die kluge Ida Bauer, damals eine junge Dame von 18 Jahren, hat sich das nur 10 Wochen lang angehört, dann – konsequent und sogar witzig – die Behandlung von einem Tag auf den anderen abgebrochen. 

Es ist schon bizarr, dass man seit vielen Jahren gerade innerhalb der Psychoanalyse so pikiert ist, wenn die Wahrheitsfrage angesprochen wird. Josef Breuer hatte den Begriff „Psychoanalyse“ geprägt – unter Bezug auf die von Friedrich Schiller ungefähr einhundert Jahre zuvor in einem Brief an Goethe als „tragische Analysis“ benannte Tragödie „König Ödipus“: Dort werden aus der Rückschau die Verhältnisse aufgelöst [ana (griech.) = u.a. „zurück“, lyein (griech.) = „lösen, befreien, auflösen“]. Ödipus – wie an anderer Stelle von mir ausführlich dargestellt – ist in der Tat nichts anderes als ein genialer, selbstloser, kluger, aufrichtiger Wahrheitssucher, dem es am Ende gelingt, das Gespinst von Unwahrheit und Intrige zu durchdringen und die Verhältnisse aufzuklären. (Mit dieser Glanzleistung hat er es am Ende verdient, von den Göttern leibhaftig – wie ein Heiliger – in die Unterwelt aufgenommen zu werden.) Das Vorgehen des Ödipus ist in der Tat ein glänzendes Modell für die Art und Weise, wie Josef Breuer in der Behandlung von Bertha Pappenheim vorgegangen war und sie in wesentlichen Symptomen geheilt hatte. So hat der kluge Breuer dann Freud gegenüber diese Analogie unterstrichen und das Verfahren „Psychoanalyse“ benannt. [Dies – wie ich von einem zuverlässigen Informanten erfahren habe – der Inhalt eines Briefes von Breuer, der im Freud-Archiv in New York aufbewahrt wird, der jedoch bis weit ins 22. Jahrhundert hinein nicht für die Öffentlichkeit freigegeben ist.] Freud selbst (1896) hat an der Stelle, an der er erstmals den Begriff „Psychoanalyse“ gebraucht, diese als das Verfahren benannt, das Josef Breuer entwickelt habe.

Freud hat für seine pervertierte Form der Breuerschen „Psychoanalyse“ in der „Traumdeutung“ (Freud, 1899/1999, S. 180-183) die Analogie zum „König Ödipus“ zu übernehmen versucht. Er spricht – widersinnig – von dem Stück des Sophokles als einer „kunstvoll verzögerten Enthüllung“. (Tatsächlich werden die Enthüllungen mit stringenter Klarheit und atemberaubender Geschwindigkeit von Ödipus vorangetrieben.) Auch glaubt Freud, dass die Enthüllungen auf die Entlarvung perverser kindlicher Impulse gegenüber den Eltern hinausliefen. Sophokles und Breuer sehen jedoch – umgekehrt – die Kinder als die Opfer der Erwachsenen, die ihre eigenen Lebenskonflikte nicht bewältigt haben.

In meiner eigenen Praxis geht es mir auch immer wieder um die Aufklärung von Zusammenhängen. Auf der Grundlage dieses Verständnisses lassen sich dann leichter die Barrieren überwinden, die der Umsetzung neuer Verhaltensweisen oder der Konfrontation mit angstauslösenden Situationen entgegenstehen. Das Symptom „Angst“ lässt sich immer wieder auf Einengungen zurückführen (lat. angustiae = Enpass), die jemand erlebt, jedoch aus Furcht vor Sanktionen nicht benennen und abstellen kann. Psychosomatische Symptome lassen sich immer wieder mit konkreten Erfahrungen verbinden, in denen sie sinnvolle Reaktionen dargestellt haben. Auf der Grundlage von einem Verständnis des Entstehungszusammenhangs lassen sich dann Verhaltensalternativen zu dem etablierten Verhaltensreflex entwickeln, die auch sicherstellen, dass die ursprüngliche „gute Absicht“ des Symptoms weiterhin beachtet wird.

Aber wenn ...

- wenn man es als Aufgabe der Psychotherapie betrachtet, KlientInnen dahingehend zu bearbeiten, dass sie ihre kindlichen Perversionen bekennen, beispielsweise ihre Inzestwünsche gegenüber Vater und Mutter, und dass sie bei realen Inzestsituationen ihre resultierenden Triumphgefühle bereuen, ihre dabei aufgeladene Schuld tolerieren sollen,

- wenn die Opfer von brutalem KZ-Terror, die erlebt haben, dass ihre ganze Familie vor ihren Augen abgeschlachtet wurde, wenn diese Menschen ihr Problem vor allem darin suchen sollen, dass sie als Säuglinge ihre „orale Wut“ und ihren „oralen Neid“ gegenüber ihrer Mama nicht kontrollieren konnten,

- wenn Kernberg einer Klientin, als Kind sexuell missbraucht und von ihrem spätern Therapeuten [übrigens: in Kernbergs Klinik] sexuell ausgebeutet und dadurch in den Suizid getrieben, in einer Art wissenschaftlichem Nachruf attestiert, dass sie nun vom Opfer zum Täter geworden sei, weil sie das Verhalten des Therapeuten dokumentiert hatte und dieser sich jetzt mit einem Gerichtsverfahren herumschlagen muss,

wenn man all dies und noch viel mehr als Ausdruck einer gelungenen Psychotherapie ansieht, dann hat man zwangsläufig an der „historischen Wahrheitsfrage“ kein Interesse, dann überlässt man diese Kleinigkeiten lieber den JuristInnen.

Das wäre vermutlich gar nicht so schlecht. Denen könnte man nämlich ziemlich beruhigt auch gleich noch die ganze Psychotherapie überlassen! Denn JuristInnen sind offenbar bessere Menschenkenner, als viele PsychologInnen. In einem Vortrag am 27.04.2005 in der SIAP, Saarbrücken, referierte Professor Jürgen Margraf ein Experiment: Studenten verschiedener Fachgruppen (u.a. angehende Psychologen und Juristen) bekamen ein Videoband vorgespielt, auf dem ein junger Mann zu sehen war, der aus seinem Leben erzählte. Die Aufgabe der TeilnehmerInnen dieses Experiments bestand darin, aufgrund des Videos die gezeigte Person zu beurteilen. Die einzelnen Fachgruppen waren jeweils in zwei Untergruppen eingeteilt. Der einen Untergruppe erzählte man, es handle sich um ein Bewerbungsgespräch. Die andere Untergruppe bekam als „Information“, es sei das Erstgespräch einer Psychotherapie. Das Ergebnis: Bei den Psychologen gab es die größten Unterschiede zwischen den zwei Untergruppen. Unter der Rubrik „Bewerbungsgespräch“ wurden dem jungen Mann eher Eigenschaften wie offensives, selbstbewusstes, sozial kompetentes Verhalten bescheinigt. Unter der Rubrik „Erstgespräch bei einer Psychotherapie“ wurde sein Verhalten eher als passiv-aggressiv, depressiv oder selbstunsicher bewertet. Bei den JuristInnen waren die Unterschiede in den Beurteilungen zwischen den zwei Untergruppen am geringsten. Sie lassen sich offenbar in der Beschreibung von Menschen weniger von induzierten Vorurteilen leiten.

Rainer Krause berichtet uns leider nichts darüber, ob und gegebenenfalls welche Versuche er unternommen hatte, seine Klientinnen darin zu fördern, ihre Geschichten im Gespräch mit ihm selbst oder mit eventuellen Zeugen abzusichern und zu erhärten. Entsprechende Bemühungen unternimmt er wohl eher im Zwiegespräch mit seiner Intervisorin, sofern er sie nicht sowieso eher für entbehrlich hält. In seinem Schlusskapitel „Zusammenfassung und klinische Schlußfolgerungen“ resümiert er jedenfalls (a.a.O., 43): „Der Generalvorbehalt, dass wir retrospektiv nicht wissen können, was geschehen ist, besteht immer und bleibt unauflöslich.“ Bei dieser Ergebenheit in die Position des Wir-könne-ja-nichts-wissen fällt es einem – jedenfalls als PsychotherapeutIn – dann leichter, sich ganz den eigenen Phantasien und Vorurteilen zu überlassen.

Und da sind PsychotherapeutInnen ja recht subtil und pfiffig. Eine Umfrage von Krauses Doktorandin Anke Kisch zu der Frage, wie geschulte Fachleute erkennen, dass es sich bei den Schilderungen ihrer KlientInnen von einem sexuellen Trauma um eine „retrospektive Phantasie“ handelt, antworten 65,7 % bzw. 63,9 % der 91 befragten „Experten“: Sie ordneten die ihnen geschilderten Traumatisierungen einer „retrospektiven Phantasie“ zu, WENN die Betroffenen die Schuld eher beim Täter suchen oder mit größerer Sicherheit davon ausgehen, dass die Ereignisse real stattgefunden hätten. Nur winzige 4,7 % bzw. 4,9 % lehnen eine solche Schussfolgerung deutlich und entschieden ab.

Auch wenn Rainer Krause uns suggerieren möchte, er habe von A. bis Z. alle möglichen Problemfälle von „Trauma und Erinnerung“ umfassend abgearbeitet, so bin ich selbst höchst unzufrieden mit seinem Aufsatz. Seine kurzen kritischen Bemerkungen (40-43) können nicht darüber hinwegtäuschen, dass er sie nur als Feigenblatt benutzt, um seine theoretische und praktische Blöße schamhaft zu bedecken, oder dass er sie womöglich – noch schlimmer – als vorausschauende Abwehr von kritischen Einwänden gegen seinen unausgegorenen Grundtenor missbraucht. Eingerahmt werden seine Ausführungen jedenfalls mit markanten Warnungen davor, von Symptomen übereilt auf reales Geschehen zu schließen. Insgesamt also ein Plädoyer für einen neutralen Standpunkt. Da ist er mit seinem Freund Otto sicher im Einvernehmen, der in demselben Heftchen seinen jungen KollegInnen warm ans Herz legt, bei der Behandlung von KZ-, Folter- und Missbrauchs-Opfern folgende Regel einzuhalten: „Wie Sie wissen ist Mitleid eine sublimierte Aggression. ... Wir müssen daher versuchen ... den Patienten, die uns fragen ‚Glauben Sie mir nicht? Sind Sie nicht meiner Meinung? War das nicht entsetzlich?‘ zu erwidern: ‚Warum brauchen Sie meine Meinung, anstatt eine eigene zu haben?‘

 

In der Tat: Man sollte der Meinung bestimmter „Fachleute“ keinerlei Wert beimessen.

Menschen mit psychischen und/oder psychosomatischen Störungen sei  dringend empfohlen, auf die Meinungen von Herrn Kernberg und Konsorten zu verzichten.

 

Hier zu einem Artikel von Anke Kirsch, hier zurück zur Startseite des PsychotherapeutInnen-Warndienstes für das Saarland.