Es ist wohl nicht der Mühe wert, mit Joel Naber und Tjark Kunstreich
eine Diskussion zu versuchen. Kommentare und Reaktionen auf ihr Web-Tagebuch,
in dem sie in verschraubten Phrasen meinen Artikel aus der „Jungen
Welt“ vom 30.10.09 kommentieren, sind nicht vorgesehen, also wohl auch
nicht erwünscht. Immerhin erlaubt die Position der beiden allzu
anschaulich, die platte Rhetorik bei der Verteidigung der Psychoanalyse etwas
eingehender zu betrachten. Sie war für einige Zeit unter http://totenatur.wordpress.com/2009/11/01/der-hass-auf-das-unbewusste/
zu finden, ist aber dort inzwischen herausgenommen. Zu Anschauungszwecken habe
ich den Text, den ich mir damals kopiert hatte, auf meine eigene Webseite
gestellt: Naber & Kunstreich –
das Original.
Dass die „Junge Welt“ meinen Artikel – „Die Heilslehre von der oralen Wut“ – abgedruckt hat, das entlarvt – so glauben die Autoren – ihre antisemitische Tendenz. In der „Jungen Welt“ habe ihr „Antizionismus“ bisher als „gängige Rationalisierung des Antisemitismus fungiert“. Jetzt aber breche auch das „kleinbürgerlich-wahnhafte[.] Ressentiment[.] gegen die Psychoanalyse in eine nicht minder wahnhafte linke Vorstellungswelt“ ein, „die sich bislang mangels Qualifikation und Interesse an dieses ‚Thema’ nicht herangewagt hat.“ So ist das also. Bisher waren die AutorInnen der „Jungen Welt“ zu desinteressiert und zu blöd, um sich mit der erlauchten Psychoanalyse auseinanderzusetzen. Und nun versucht die „Junge Welt“ hier – mit antisemitischen Tendenzen – verlorenes Terrain wieder zu erobern. Wie bös!
Der Antisemitismus
– so werden wir aufgeklärt – kenne zwei Zerrbilder des Juden:
Einerseits seien „die Juden als Feinde von Wärme
und Empfindsamkeit“
diffamiert. Andererseits gebe es das Gegenteil, das „Ressentiment“
gegen die „’jüdische[.]’ Behauptung vom Unbewussten, vom
Irrationalen“. Da regt sich bei mir das Bedürfnis, die armen Autoren
sofort zu trösten: Das „Irrationale“ und das „Unbewusste“
sind mir nicht fremd oder unsympathisch. Und ob es sich bei den Vertretern
eines psychotherapeutischen Unsinns um Juden, Christen, Moslems, Hindus,
Schamanen, Buddhisten oder sonstige Anhänger irgendwelcher Heilslehren
handelt, ist mir herzlich egal. Es geht mir in meinem Artikel nur um die –
mit konkreten Zitaten belegte – besonders menschenverachtende Lehre von
Otto Friedemann Kernberg.
(Übrigens: Als ich in der psychoneuro vom
September 2007 einen Artikel über Otto Kernbergs unsägliche
„Weisheiten“ publizieren konnte, hatte ein von der Redaktion dazu
eingeladener Professor Ernst R. Petzold meinen Artikel kommentiert. Zu Beginn
seiner Kritik verweist er breit auf die Geschichte von Adam und Eva. Mit keiner
einzigen Silbe ging er jedoch auf die kritisierten Fallschilderungen ein.
Offenbar sind also sowohl christliche, als auch jüdische Mystik geeignet,
die Gehässigkeit und Menschenverachtung eines Kernbergschen
Therapiekonzepts mit nichtssagendem Wortnebel zu verschleiern.)
An Kernberg kritisiere
ich ja immerhin gerade das Folgende: Dass er allen Ernstes bei einem –
vermutlich jüdischen – Mann analysiert, er habe seine
„chronische Aggression“ bereits als Säugling an der
Mutterbrust entwickelt, und nicht etwa in einem KZ, in dem er als 12-Jähriger
die Ermordung seiner ganzen Familie vor seinen Augen miterleben musste. Aber
diese Kritik, so bescheinigen mir die neunmalklugen Autoren, scheint nichts
anderes zu sein als eine besonders raffinierte Form des modernen
Antisemitismus, der „nicht ohne den identifikatorischen Bezug auf KZ-Opfer
auskommt“. Fest steht für die zwei besonders g’scheiten
Köpfe: Weil ich – wie fälschlich unterstellt – die
„’jüdische’ Behauptung vom Unbewussten, vom
Irrationalen“ antaste, zeigte ich „das andere Gesicht des
zeitgenössischen Antisemitismus“. Bei so intimer Kenntnis
komplexester Zusammenhänge erübrigt sich natürlich jeglicher
Abstieg in die Niederungen konkreter inhaltlicher Auseinandersetzung.
Don’t confuse me with the facts! (Verwirre mich nicht mit den Fakten!)
Dass eine (ob
jüdische oder nichtjüdische) sexuell missbrauchte Grundschülerin
von Kernberg einen „sexuell erregenden Triumph über ihre
Mutter“ attestiert bekommt – das ist für die Autoren offenbar
nicht zu beanstanden. Ebensowenig, dass sie „ihre Schuld
tolerieren“ soll. Dass Kernberg einer in seiner Klinik durch sexuellen
Missbrauch ihres Therapeuten in den Suizid getriebenen Patientin
nachhöhnt, dass „sie im Tode sich noch r…[ächte]“
(denn es war danach zu einer Anklage des Therapeuten und der Klinik gekommen) –
das bietet den Autoren ebenso keinerlei Anlass zu Kritik. Gravierend ist
für sie, dass eine Kritik dieser Positionen (angeblich) dabei per se eine
antisemitische Tendenz offenbart.
Wirklich? Ist es –
wie auf meiner Webseite nachzulesen – „antisemitisch“, die
Bedeutung und Verdienste des jüdischen Arztes Joseph Breuer zu betonen?
Ist es „antisemitisch“, der Jüdin Bertha Pappenheim zu
attestieren, dass sie in bewundernswerter Weise soziales Engagement gezeigt
hatte? Ist es „antisemitisch“, die Diffamierung der jungen
Jüdin Ida Bauer durch Sigmund Freud zu widersprechen? Ist es
„antisemitisch“, ihren zunächst jüdischen, später
konfessionslosen Bruder Otto Bauer, der als langjähriger Führer der
Austro-Marxisten den Nationalsozialisten in Österreich den wirksamsten
Widerstand entgegengesetzt hatte, gegen widerwärtige psychoanalytische
Schmähungen in Schutz zu nehmen? Ist es „antisemitisch“, die
Vergiftung des Juden Ernst Fleischl von Marxow mit Kokain (durch den Juden
Sigmund Freud) zu kritisieren und zu bedauern? Ist es
„antisemitisch“, die „Behandlung“ der Magenbeschwerden
der Jüdin Emma Eckstein durch Herausschneiden von Teilen ihrer Nase durch
den Juden Wilhelm Fließ zu kritisieren, der durch eine verpfuschte und
sinnlose, von seinem Wahn geleitete Operation beinahe den Tod der jungen Frau
hervorgerufen hatte? Ist es „antisemitisch“, Freuds
Schmähungen gegen den deutschen Autor Wilhelm Jensen zurückzuweisen,
der als einer der wenigen Autoren – z.B. in einer erst kürzlich
wieder neu herausgegebenen Novelle „Die Juden von Köln“
(Erstausgabe 1869), aber auch in anderen Texten (wie Helmut Richter gezeigt
hat) – antisemitischen Tendenzen deutlich entgegentritt? Ist es
„antisemitisch“, diesem Wilhelm Jensen, der z.B. mit seiner
Kölner Novelle Theodor Herzl inspiriert hatte, – gegen Freuds
Diffamierung – eine Wertschätzung entgegenzubringen?
Genauso ungeprüft,
wie der „Antisemitismus“-Vorwurf in dieser Debatte gezückt
wird, genauso ungeprüft werden von den zwei Autoren munter weitere
Diffamierungen bemüht: Bei der Kritik handele es sich um die „kosmisch
verstrahlten Botschaften aus einem Orbit jenseits jeder
Diskursivität“. (Und ich frage mich, welche der sich hier
streitenden Parteien sich „jenseits jeder Diskursivität“
befindet: wohl diejenige, die sich peinlichst bemüht, jegliche
Email-Erreichbarkeit zu vermeiden.) Die von mir verbreiteten Thesen unterlägen der Logik
eines „Vatermordprogramms“. Aber – wie seltsam – der
„ödipale Hass“ gelte hier einmal nicht dem Vater, sondern der
Mutter. (Ausnahmsweise? Wie genau, wo er doch angeblich
„ödipal“ ist?) Und als Kritiker Freuds und Kernbergs wird mir
ein „Hass auf die Existenz des Unbewussten
überhaupt“ attestiert. Bei mir liege die „Projektion eigener
Aggression“ vor, die wiederum „immer die Quelle und das Motiv des
Opferwahns“ sei. Attestiert wird mir, ich sei ein
„kleinbürgerlich-paranoider Frauenfeind“. Darüber hinaus
sei mir „völlig gleichgültig“, „wie
KZ-Überlebenden und Opfern sexuellen Missbrauchs individuell geholfen werden kann“. So die glitzernd-schillernde, inhaltsleere, verlogene Hass-
und Diffamierungsrhetorik, wie sie den Schreibstuben von Propagandaministerien
jeglicher Couleur entstammen könnte.
Ein weiteres Unverständnis von Kunstreich & Naber: „Schlagmann beruft sich auf Breuer[s] und Freuds erste Trauma-Theorie, …“. Logisch, dass sich die Autoren dagegen sträuben zu begreifen, dass – wie ich immer wieder betone – zwischen Breuers differenziertem Modell von „Psychoanalyse“ und Freuds frühem, grob vereinfachendem Väter-Vergewaltigungs-Modell ein himmelweiter Unterschied klafft. Und genauso einsichtsresistent – wohl auch durch keinerlei psychotherapeutische Erfahrung getrübt – die Huldigung an das (angebliche) Verdienst des Meisters Freud, „die Vorstellung des sexuellen Verhältnisses zu Vater oder Mutter als Ödipus-Komplex begriffen zu haben, der meistenteils phantastisch und eben nicht real inzestuös abläuft“. Hymnen des Lobes werden angestimmt auf Freuds und Kernbergs „mühsame analytische Durchdringung der seelischen Gewordenheit der Traumatisierten“, welches in einem unermüdlichen Bemühen um die „Auseinandersetzung mit Schuldgefühlen und Mitverantwortung“ der Betroffenen resultiert. Denn die Missbrauchsopfer sollen ja schließlich den „sexuell erregenden Triumph“ über ihre Mütter und Väter oder sonstige Erwachsene erkennen können, als Beitrag zu einer Therapie, in der die Traumatisierten „nicht als Opfer, sondern als Subjekte begriffen werden“.
Wie sehr wird es doch den KZ-, Folter- und
Missbrauchs-Opfern helfen, in einer Therapie (nach Kernberg) zu verstehen, dass
sie unter ihren Erfahrungen nur deshalb so leiden, weil sie zuvor als
Säuglinge ihre Perversionen nicht in den Griff bekommen hatten! So werden
sie jetzt ihren eigenen Handlungsanteil an dem Geschehen weit besser begreifen
können!
Die
„Argumente“ der Autoren der „toten natur“ (wer
weiß, wie viel bei ihnen schon abgestorben ist) sind in der Tat ziemlich
überlebt. Schon der alte Freud hatte vor über hundert Jahren gegen
seine Kritiker in ganz ähnlicher Manier gewettert:
1.) Wer ihn kritisierte,
hatte ihn nicht verstanden.
2.) Wer nachweisbar
Freuds Schriften gelesen hatte, und ihn dennoch kritisierte, der hatte seinen
Ödipuskomplex (= Vater-Tötungsimpuls = Freud-Tötungsimpuls)
nicht gebändigt.
3.) Wenn das nicht half,
dann wurde auch schon mal der Antisemitismus als Triebfeder der Freud-Kritik
bemüht – womit impliziert war, dass sich eine Kritik an Freuds
kostbarem Gedankengut selbstredend keineswegs auf inhaltlich gerechtfertigte
Begründungen stützen konnte, sondern nur auf dunkle, irrationale
Ressentiments. Der alte Freud konnte freilich mit der Antisemitismus-Keule noch
nicht so richtig draufhauen. Da hat’s die heutige Gefolgschaft, mit der
Gnade der späten Geburt – gerade in Deutschland – doch sehr
viel leichter.
Ja, auf diesem festen
Fundament der Selbstgefälligkeit inszenieren Tjark Kunstreich und Joel
Naber die inhaltsleere Verteidigung der Heilslehre von Freud und Kernberg. Bis
in das verwirrende Gefasel ihres letzten Satzes hinein
illustrieren sie eindrucksvoll die phrasenhafte Geistlosigkeit eines solchen
Unterfangens. Mit der Autorität eines selbst ausgestellten
Alleinvertretungsanspruchs für die Angelegenheiten des
„Unbewussten“ und der „frühkindlichen
Vorgeschichte“ werden „psychoanalytisch-therapeutische“
Unterstellungen in die Phantasiewelt des Säuglings hinein geheimnist.
Reale Gewaltverhältnisse werden außer Acht gelassen. Opfer bleiben
sich selbst überlassen. Kleinkinder werden ihrer Entartung beschuldigt. Um
diese konkrete Menschenverachtung aufzubringen, braucht man einen festen,
unerschütterlichen Glauben an die Freudsche Psychoanalyse. Allzu leicht
entspringt daraus auch eine gnadenlose Verachtung für die
Ungläubigen.
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