Zwei bezeichnende Antworten auf mein Anschreiben an die
ReferentInnen der Lindauer Psychotherapiewochen des Jahres 2011
Bei meinen Anschreiben gab es zwei Versionen.
Mit der 1. Version hatte ich die ReferentInnen angeschrieben, die ich bereits 2008
kontaktiert hatte. (Der Text der 2. Version ist der Vollständigkeit halber am
Ende wiedergegeben.)
Dieser 1. Brief (auf den die hier angesprochenen
zwei Personen geantwortet haben) lautete:
Sehr geehrter Herr
XY,
Sie erinnern sich
vielleicht noch, dass ich Sie im Jahr 2008 – als Referenten der damaligen
Psychotherapiewochen in Lindau – angeschrieben und um Unterstützung gebeten
hatte. Anlass war ein Artikel von Otto Kernberg (Text eines 1997 in Lindau
gehaltenen Vortrags, gedruckt 1999), wonach eine Grundschülerin, die im Alter
von unter 10 Jahren Opfer eines väterlichen Missbrauchs geworden war, „ihre
Schuld tolerieren“ müsse. Eine Therapie nach solchen Prinzipien muss m.E. die
Opfer von sexuellem Missbrauch geradezu zwangsläufig re-traumatisieren.
Otto Kernberg saß 2008 –
wie bereits seit vielen Jahren – im wissenschaftlichen Beirat der „Lindauer
Psychotherapiewochen“. Damals hatte ich Sie gebeten, folgendes Anliegen von mir
zu unterstützen: Kernberg sollte vor die Wahl gestellt werden, entweder seine
„Lindauer Thesen“ ausdrücklich zu widerrufen, oder aber den wissenschaftlichen
Beirat zu verlassen. Nun war Herr Kernberg ab dem Jahr 2009 nicht mehr als
Mitglied des wissenschaftlichen Beirates geführt. Wieweit Sie mein damaliges
Anliegen unterstützt haben, weiß ich nicht. Wenn dem so gewesen ist, dann sage
ich Ihnen an dieser Stelle nachträglich meinen herzlichen Dank!
Im Anhang finden Sie –
als kleines „Dankeschön“ – einen Artikel von mir aus der „Psychodynamischen
Psychotherapie“ vom Juni 2009, der sich mit Freuds Verwerfung der
Trauma-Perspektive im Jahr 1897 auseinandersetzt. Mir scheint, dass Kernberg
die von Freud damals skizzierte Triebtheorie im Grunde nur konsequent zu Ende
denkt.
Natürlich bin ich Freud
dankbar dafür, dass er die Psychotherapie und das offene Sprechen über
persönliche, emotionale Probleme so populär gemacht hat. (Im ausgehenden 19.
Jahrhunderts war dies alles andere als eine leichte Aufgabe!) Und auch Otto
Kernberg bin ich in gewisser Weise dankbar, dass er (wohl ungewollt) in den 10
Seiten seines Artikels den krassen Widerspruch zwischen traumatischer Realität
und triebtheoretischer Deutung geradezu unübersehbar verdeutlicht hat.
Mir scheint
offensichtlich, dass Otto Kernberg mit seinem Vortrag – quasi zum 100jährigen
Jubiläum – den Freudschen Perspektivenwechsel von 1897 ausdrücklich validieren
und unterstreichen wollte. Ich halte jedoch dagegen (und andere haben es an
anderer Stelle durchaus ebenso getan), dass es bereits 1997 – und heute um
vieles mehr! – genügend ernstzunehmende Hinweise gegeben hat, dass eine solche
triebtheoretische Perspektive bei den Opfern von Gewalt im Wesentlichen eine
schädliche erneute Belastung erzeugt, die alles andere als hilfreich und
heilsam ist! Die von Kernberg dargestellten KZ- und Missbrauchs-Opfer dürfen
nicht attestiert bekommen, dass sie sich die Folgen ihrer Gewalterfahrung quasi
selbst zuzuschreiben haben!
Im letzten Jahr war die
Öffentlichkeit in der Bundesrepublik besonders sensibilisiert für die Belange
von Opfern von sog. „sexuellem Missbrauch“ bzw. „sexualisierter Gewalt“. Für
Kirchen und Reformpädagogik hatte sich eine z.T. schmerzhafte
Auseinandersetzung mit dem Thema ergeben. Über alle Parteigrenzen hinweg wurde
– am „runden Tisch“ – offen und engagiert darüber diskutiert. Diese aktuelle
Situation sollte m.E. Anlass sein, dass die Therapeutenschaft sich ausdrücklich
an die Arbeit macht, die Frage von Trieb- oder Trauma-Perspektive zu klären.
Auch in diesem Jahr ist
Otto Kernberg erneut in Lindau als Referent (zu „Liebe und Hass“) angekündigt.
Gerade Lindau, wo Kernberg seine Thesen bei einer der größten
Therapiefortbildungen im deutschsprachigen Raum 1997 verkündet hat, ist m.E.
der Ort, wo sie auch ausdrücklich – quasi in einer Art „Rückrufaktion“ – wieder
zurückgenommen werden sollten!
Lassen Sie mich dazu
einen Vorschlag machen: Konfrontieren Sie mit mir die wissenschaftlichen
Leitung der Lindauer Psychotherapiewochen, Frau Prof. Verena Kast (kast@swissonline.ch)
und Herrn Prof. Manfred Cierpka (manfred_cierpka@med.uni-heidelberg.de) bzw.
Herrn Prof. Peter Henningsen (P.Henningsen@tum.de) mit folgenden Wünschen:
- Otto Kernberg soll nicht mehr bei den Lindauer
Psychotherapiewochen als Referent zugelassen werden, sofern er sich nicht mit
seinen Thesen von 1997 einer kritischen Diskussion stellt und sie nicht in
nachgewiesen problematischen Aspekten ausdrücklich widerruft!
- In den nächsten Jahren soll – ausgehend von
den „Lindauer Thesen“ Otto Kernbergs – während der Lindauer
Psychotherapiewochen eine ausdrückliche, fortgesetzte kritische
Auseinandersetzung geführt werden zur Schädlichkeit von Therapieansätzen, die
den Opfern massiver Gewalt selbst Schuld anlastet!
- Unterstützen Sie meine Bewerbung um einen
Beitrag zu diesem Thema zu den „Lindauer Psychotherapiewochen“ 2012
Richten Sie Ihre
Stellungnahme auch an Otto Kernberg selbst (okernberg@med.cornell.edu)!
Sicherlich wird dieses
Anliegen mit einiger Beharrlichkeit vorzutragen sein. Meine bisherigen
wiederholten Eingaben bei den ersten zwei genannten wissenschaftlichen Leitern
bzw. bei den Organisatoren der LPTW waren bislang ohne ausdrückliche Resonanz
geblieben. Es würde mich freuen, wenn Sie auch mein Bemühen unterstützen, mit
einem eigenen Beitrag zum Thema bei den „Lindauer Psychotherapiewochen 2012“
zugelassen zu werden.
Gerade in diesem Jahr
werde ich mich selbstverständlich um eine Mobilisierung der Öffentlichkeit und
der Presse bemühen, die seit dem letzten Jahr zum Glück sehr viel stärker
sensibilisiert zu sein scheint.
Über eine Unterstützung
Ihrerseits und eine kurze Rückmeldung würde ich mich sehr freuen.
Mit freundlichem
Gruß
Klaus
Schlagmann
Die schroffeste Absage ließ nicht lange auf sich
warten:
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
ich denke, argumentiere und handele in dem von
Ihnen angesprochenen Problemfeld ausdrücklich ganz anders als Sie.
Ihren damaligen Antrag habe ich in keiner
Hinsicht unterstützt, sondern Ihre damalige Rund-Email einfach gleich gelöscht.
… [Inhaltlich unerhebliche Kürzung einer kürzeren
Passage, bei der die Anonymität des Schreibers nicht gewahrt bliebe.]
Einen verdienstvollen Forscher nicht frei und
öffentlich zu Wort kommen zu lassen, ist mit meiner Sicht der Freiheit von
Forschung und Lehre völlig unvereinbar.
Zudem verstehen Sie Kernberg in einer Form und in
einem Ausmass falsch, die ich bei einem Psychologischen Psychotherapeuten nicht
nachvollziehen kann.
Mit freundlichen Grüßen
Selbstredend erübrigen sich hier für den
Schreiber jegliche Konkretisierungen dazu, wo und wie genau ich Kernberg falsch
verstanden hätte.
Es lässt sich auch ein anderer LPTW-Referent –
zunächst etwas zögernd – auf meine Idee eines Austausches ein. Es gehen
zunächst drei Emails hin und her. Die 1. Mail:
Lieber Herr Schlagmann,
ich achte Ihr Engagement und werde Sie in dieser Angelegenheit unterstützen,
nachdem ich die Gegebenheiten recherchiert habe.
Mit freundlichen Grüßen,
Natürlich
freue ich mich sehr über den Zuspruch und bin gespannt auf die weitere
Reaktion! Als ich nach einiger Zeit nachfrage, was die Recherchen ergeben
haben, bekomme ich folgende 2. Mail:
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
ich habe in der Zwischenzeit mit Frau Kast Kontakt aufgenommen und bin zu der
Überzeugung gekommen, dass ich Sie in dieser Sache nicht unterstützen kann.
Gute Wünsche und herzliche Grüße,
In dem
Bemühen zu verstehen, welche gewichtigen Gründe denn Verena Kast gegen meine
Kernberg-Kritik vorbringt – die ich selbst ja leider nicht beurteilen kann,
weil Frau Kast auf mein Anschreiben vom 20. Februar 2011 nicht geantwortet hat
– frage ich bei dem Autor nach. Er will mir zwar nicht mitteilen, wie die
Argumentation von Frau Kast lautete, aber insgesamt klingt es durchaus
interessant was er schreibt in seiner 3. Mail:
Sehr geehrter Herr
Schlagmann,
…
Sollte Herr Kernberg das so gesagt haben, wie Sie es wiedergeben, dann wäre das
ein guter Anlass, das Phänomen des Missbrauchs und das Phänomen der
Schuldzuweisung an Unmündige durch Fachleute, die es besser wissen sollten, auf
die in unserer Zunft übliche Weise durch eine Veröffentlichung in einer der
einschlägigen Fachzeitschriften zu beleuchten.
Bitte nennen Sie mir die Referenz für die von Ihnen inkriminierte Aussage Herrn
Kernbergs, damit ich mir ein eigenes Bild machen und unter Umständen eine
Entgegnung in einer geeigneten Zeitschrift veröffentlichen kann.
… Mit guten Wünschen und freundlichen Grüßen
Nach der Vermittlung von umfangreichem Material
bekomme ich dann am Ende die gleich zitierte umfangreiche Mail.
Vorab möchte ich Folgendes sagen: Natürlich bin
ich sehr froh, wenn sich überhaupt jemand darauf einlässt, auf meine Mails zu
reagieren. Und natürlich kann ich ja nicht beanspruchen, dass jede/r meiner
Argumentation folgt. Aber diejenigen, die mir – wenn auch abweisend – reagiert
haben, mögen mir erlauben, dass ich – IM DIENST DER SACHE – ein ausgeprägtes
Interesse daran habe, dass eine KERNBERG-Debatte in der Zunft der
PsychotherapeutInnen wirklich GRÜNDLICH geführt wird, und nicht nur nach ein
paar gewechselten Phrasen im Sand verläuft.
Es ist m.E. VIEL ZU WICHTIG, dass Menschen mit
schweren Traumatisierungen vor einer re-traumatisierenden Therapie geschützt
werden! Und – auch nach der wiederholten Zurückweisung meiner Kritik wie hier
dargestellt – behaupte ich weiterhin mit den besten Gründen, dass Therapie nach
einem Konzept, das die Freudschen oder Kernbergschen Dogmen nicht gründlich
hinter sich gelassen hat, in größter Gefahr steht, den Hilfesuchenden Schaden
zuzufügen.
Die Antwort, die mir der durchaus engagierte
Antwortende am Ende in
etwas breiterer Ausführlichkeit zukommen lässt, liest
sich wie folgt:
Lieber Herr Schlagmann,
vielen Dank für Ihr reichhaltiges Textmaterial.
Ich vermute, dass Sie sich in Ihren Bemühungen auf den von mir unten kopierten
Text in rot beziehen. Ich kann darin keinerlei Anlass für Ihren Eifer
entdecken. So kompliziert Herr Kernberg auch schreiben mag, es wird doch
deutlich, dass er den Missbrauch als brutalen Eingriff und als Verletzung der
Identität, als verwirrenden Einbruch und Zerstörung der liebevollen Beziehung
wahrnimmt. Dass Missbrauchsopfer häufig an Schuldgefühlen leiden, weiß jeder,
der mit diesen Menschen arbeitet und keine ideologische Sperre gegen die
Wahrnehmung entsprechender Äußerungen der Patientinnen und Patienten hat. Diese
Schuldgefühle haben vielfältige Ursachen. Sie können zum Beispiel auf die
Schuldzuweisungen der Täter ("sie oder er hat mich verführt")
zurückgehen, auf die Neigung zur Idealisierung der Eltern, von denen man
abhängig ist, oder auf eine Abwehr von Ohnmacht nach dem Motto "Lieber
schuld als hilflos" – ich rede mir lieber ein, ich hätte etwas anderes tun
können, als zu ertragen, dass ich so ohnmächtig war. Ich kenne das von mir
selbst – Sie nicht? Und schließlich gibt es das Phänomen des Sekundärgewinns.
Das erste Missbrauchopfer, mit dem ich arbeitete, von sich aus: „Es war die
einzige Möglichkeit für das Kind, das ich war, wahrgenommen, beachtet und
berührt zu werden". Dafür schämen sich Erwachsene gelegentlich, wenn sie
sich erinnern.
In dem von Ihnen inkriminierten Abschnitt des Kernbergschen Textes spricht Herr
Kernberg nicht von einer Mitschuld am Inzest, sondern an den Schuldgefühlen der
Patientin auch wegen der Konkurrenz und Rachegefühle gegenüber der Mutter. Wer
solche Konkurrenz- und Rachegefühle in der eigenen Psychodynamik nicht kennt,
sollte unverzüglich in Supervision gehen.
Im genannten Fall hat die Aufdeckung der feindseligen Impulse der Patientin
auch einen Zugewinn an Autonomie und an Lustfähigkeit gebracht.
Ich wiederhole: Ich empfehle Ihnen, solche Auseinandersetzungen nicht
politisch, sondern wissenschaftlich durch Publikation in Fachzeitschriften zu
führen. Dabei würde etwas mehr Nüchternheit in der Kommunikation Ihrer Gedanken
der Akzeptanz Ihrer Arbeiten zur Veröffentlichung sicher dienen.
Ich bitte Sie, mich in dieser Sache nicht weiter zu bemühen.
Mit freundlichen Grüßen,
(Im
Folgenden das Kernberg-Zitat:)
Wie wir wissen, ist direkter Inzest die
schwerste Form ‑ das heißt ich spreche von intergenerationalem Inzest,
besonders vom Vater mit der Tochter unter einem Alter von 10 Jahren. Das
galt auch für diese Patientin, deren Vater eine antisoziale Persönlichkeit war.
Sie hatte in typischer Weise das Verhalten des Vaters in vielfältiger Art
erlebt, als brutalen Eingriff und Verletzung ihrer physischen Identität, als
verwirrenden Einbruch und Zerstörung der liebevollen Beziehung zu ihm und zu
beiden Eltern, als zerstörenden Einfluß auf die Entwicklung ihres moralischen
Gewissens und als einen sexuell erregenden Triumph über ihre Mutter. Dieses
letzte Element war natürlich vollkommen unbewußt und mit schweren
Schuldgefühlen verbunden, die in ihrer masochistischen Persönlichkeit zum
Ausdruck kamen und sie sich so ihr ganzes Leben wegen dieser ödipalen Schuld
opfern ließ. Von dem Moment an, als sie sich nicht mehr als Opfer sehen mußte,
konnte sie sich auch mit ihrer eigenen sexuellen Erregung in diesem unbewußten
und jetzt bewußten Sieg über die ödipale Mutter zurechtfinden und ihre Schuld
tolerieren. Sie erlangte so die Fähigkeit, sich mit dem Täter zu
identifizieren, nämlich mit der sexuellen Erregung des sadistischen, inzestuösen
Vaters, und so wurde es ihr auch möglich, den Haß gegen den Vater mit dem
Verstehen seines sexuellen und ihres sexuellen Verhaltens zu verbinden. Zum
ersten Mal in ihrem Leben war sie fähig, einen Orgasmus im sexuellen Verkehr
mit ihrem sadistischen Freund zu erleben.
Da der Autor keine Antwort mehr auf sein Schreiben erhalten
wollte, es mich jedoch trotzdem drängt, ihm zu erwidern, hier meine Gedanken
dazu – jeweils zu den Originalstellen:
Lieber Herr Schlagmann,
vielen Dank für Ihr reichhaltiges Textmaterial.
Ich vermute, dass Sie sich in Ihren Bemühungen auf den von mir unten kopierten
Text in rot beziehen. Ich kann darin keinerlei Anlass für Ihren Eifer
entdecken.
Der
Autor erkennt also „keinerlei Anlass“
für meinen „Eifer“. Na schön. Habe
ich mich dann also geirrt?
So kompliziert Herr Kernberg auch schreiben mag,
es wird doch deutlich, dass er den Missbrauch als brutalen Eingriff und als
Verletzung der Identität, als verwirrenden Einbruch und Zerstörung der
liebevollen Beziehung wahrnimmt.
Herr
Kernberg schreibt nicht so sehr „kompliziert“,
als vielmehr – wie ich in meiner umfangreichen Analyse im Einzelnen aufgezeigt
habe (vgl. http://www.oedipus-online.de/ Kernberg_ArtikelAnalyse.htm) – offensichtlich bewusst und
mit suggestiver Absicht verwirrend.
Wir sollten uns jedoch von dieser Irreführung nicht belämmern lassen. Kernberg
spricht zwar – offensichtlich rein „pro forma“ – von „brutalem Eingriff“, redet vom „Einbruch
der liebevollen Beziehung“, von „Verletzung
der Identität“ (was immer das heißen möge). Aber Kernberg macht genau hier keinerlei Aussagen dazu, wie er diese Folgen zu behandeln gedenkt. Nirgendwo in seinem Artikel vertieft
er, was solche brutalen Eingriffe an (überaus gesunden, berechtigten)
Gefühlsaspekten – Ängsten, Enttäuschung, Entsetzen, Ekel, Trauer, Wut,
Verwirrung, … – auszulösen vermag, und was genau er gegen diesen verwirrenden,
überwältigenden Gefühlsmix an Hilfe, Unterstützung und Bewältigungsmöglichkeit
anbietet. Vielmehr plädiert er ja sogar dafür, den Begriff „Trauma“ ganz zu
streichen und ihn durch das (äußerst diffuse) Konzept „chronische Aggression“ zu ersetzen.
Darüber
hinaus: Kernberg hat uns in seinem Artikel ja zuvor bereits aufgeklärt, dass
die unmittelbaren Folgen traumatischer Erfahrungen an sich – konkret benannt:
Folter, KZ, Vergewaltigung – nur zwei bis drei Jahre anhalten. Bei einem
gesunden Mensch scheinen sich entsprechende Symptome wie von selbst zu
verflüchtigen. Warum sollte er sich also weitergehend mit der Behandlung der
Folgen „brutaler Eingriffe“ auseinandersetzen?
Für
Kernberg gilt: Dann (und nur dann!), wenn Menschen ältere (frühkindliche)
Deformationen mitbringen, dann sind die Folgen solcher Gewalterfahrungen
gravierend. Hier setzt Kernberg an mit seiner Behandlungsstrategie. Da geht es
ihm um die Aufdeckung der Quellen dieser angeblich tief verwurzelten „chronische Aggression“. Und die liegen
eben in den „unbewussten“ Strebungen, in den frühkindlichen („ödipalen“ oder
gar „narzisstischen“) Impulsen, die (angeblich) verdrängt sind. Ziel von Kernbergs
Behandlung ist es, seinen Patienten diese Strebungen bewusst zu machen: „sie [konnte]
sich auch mit ihrer eigenen sexuellen
Erregung in diesem … jetzt bewußten Sieg
über die ödipale Mutter zurechtfinden“. Hier sieht Kernberg den wesentlichen
therapeutischen Ansatz.
Das
ganze Gerede vom „brutalen Eingriff“
ist für mich nichts als rhetorisches Geplapper, das davon ablenken soll, dass
der gesamte originäre Freudsche Ansatz (den Kernberg quasi gehorsam fortsetzt) keinerlei ernstzunehmende Methodik
anbietet, um massive Gewalterfahrungen einfühlsam und wirksam zu behandeln.
Dass Missbrauchsopfer häufig an Schuldgefühlen
leiden, weiß jeder, der mit diesen Menschen arbeitet und keine ideologische
Sperre gegen die Wahrnehmung entsprechender Äußerungen der Patientinnen und
Patienten hat.
Leicht
kann ich dem Autor zuzustimmen, dass die Opfer von Gewalt öfter von Schuldgefühlen geplagt werden. „Ideologische Sperren“ würde ich jedoch
bei dem Briefschreiber als Grundlage dafür vermuten, dass er noch nicht einmal
in der Lage ist, in einfachster Weise einen Text wiederzugeben: Er zitiert
selbst eine Passage, in der Kernberg zweimal von „Schuld“ redet, und NICHT
von „Schuldgefühl“!
Diese Schuldgefühle haben vielfältige Ursachen. Sie
können zum Beispiel auf die Schuldzuweisungen der Täter ("sie oder er hat
mich verführt") zurückgehen,
Ja,
o.k. – kein Problem meinerseits, das genauso zu sehen!
auf die Neigung zur Idealisierung der Eltern, von
denen man abhängig ist,
Ja,
o.k. – kein Problem meinerseits, das genauso zu sehen!
oder auf eine Abwehr von Ohnmacht nach dem Motto
"Lieber schuld als hilflos" – ich rede mir lieber ein, ich hätte
etwas anderes tun können, als zu ertragen, dass ich so ohnmächtig war. Ich
kenne das von mir selbst – Sie nicht?
Nein! So etwas kenne ich nicht von
mir! Hier werden für mich auch zwei Dinge vermischt. Würde der Autor sagen:
„Die Betroffenen zermartern sich manchmal dass Gehirn, ob sie nicht doch etwas
hätten anders machen können!“ – dann würde ich sagen: „Ja, kann sein. Kenne ich
nicht von mir.“ Würde ich auch in der Therapie auch möglichst schnell als
irrationales Bewältigungsmuster abarbeiten, ohne dem allzu viel Gewicht
beizumessen. Es geht ja gerade darum, diese irrationalen Selbstvorwürfe loszuwerden.
Würden Betroffene sich also fragen: „Warum habe ich nicht Mama Bescheid gesagt?
Warum habe ich ihn nicht angezeigt?“, dann würde ich versuchen, das Verständnis
für die Situation zu vertiefen: Sicherlich hat das Kind dass eine oder andere
Signal gegeben. Oder es war einfach durch die Drohung des Täters massiv
eingeschüchtert. Oder es gab irgendeinen absolut nachvollziehbaren Grund,
nichts weiter gegen die TäterInnen zu unternehmen. Aber das hat doch – bitte schön – nichts „Schuldgefühl“
zu tun!
Aber
diese gedankliche Konstruktion ist mir schon öfter begegnet. Dem Schuldgefühl
der Opfer wird eine positive Wirkung zugesprochen. Und zwar ungefähr so: „Durch
den Gedanken, ich wäre selbst schuld an der Situation, gewinne ich meine
Handlungsfähigkeit zurück. Ich verlasse dadurch die Opferrolle, indem ich das
Geschehen von damals so sehe, dass ich es selbst gewollt habe.“ Klienten, die
so etwas gesagt haben, sind mir noch NIE begegnet. Und selbst, wenn Klienten
etwas Derartiges gesagt haben sollten, würde ich zunächst fragen, wer ihnen
diesen Unsinn eingeredet hat. Denn diese Phrase halte ich für vollkommen unpassend und falsch!
Dabei
ist mir selbst in meiner Arbeit immer
wichtig, nach einer „positiven
Absicht“ von Symptomen zu
suchen. Deshalb liegt es mir durchaus am Herzen, eine „positive Absicht“ von (falschen!)
Schuldgefühlen von Opfern zu suchen. Die „positive Absicht“ liegt hier für mich
allerdings im Wesentlichen in einer einzigen Sache. (Es ist ein Mechanismus,
der im sog. „Stockholm-Syndrom“ beobachtet werden kann.) Es ist die wie im
Reflex automatisch ablaufende Anpassung
an das Agieren eines Täters, dem man in einer Situation vollkommen ausgeliefert
ist, in der das eigene Leben von der Willkür dieses Täters abhängig ist. Die – aus der NOT geborene, unterbewusst
gesteuerte – Anpassung an den Täter stellt einen verzweifelten Versuch der
Betroffenen dar, ihr Überleben zu sichern.
Und schließlich gibt es das Phänomen des
Sekundärgewinns. Das erste Missbrauchopfer, mit dem ich arbeitete, von sich
aus: „Es war die einzige Möglichkeit für das Kind, das ich war, wahrgenommen,
beachtet und berührt zu werden". Dafür schämen sich Erwachsene
gelegentlich, wenn sie sich erinnern.
Ja,
o.k. – kein Problem meinerseits zu sehen, dass es eine solche Dynamik geben
KANN! (Habe ich aber selbst in den Fällen, mit denen ich zu tun hatte, noch
nicht wirklich erlebt.)
In dem von Ihnen inkriminierten Abschnitt des
Kernbergschen Textes spricht Herr Kernberg nicht von einer Mitschuld am Inzest,
sondern an den Schuldgefühlen der Patientin auch wegen der Konkurrenz und
Rachegefühle gegenüber der Mutter.
Unklar,
ob der Briefschreiber hier zunehmend in Verwirrung geraten ist, oder ob er sich
seinerseits der Kernbergschen Verwirrungstechnik bedient: „Herr Kernberg [spricht] nicht
von einer Mitschuld am Inzest, sondern an den Schuldgefühlen der Patientin …
“. Etwas aufgedröselt: Kernberg spricht also (angeblich) von der „Mitschuld (des Kindes) an den Schuldgefühlen“. Das wäre ja
wieder eine ganz neue Lesart. Wobei ja Kernberg auch eindeutig nicht von „Mitschuld“ oder „ödipaler Mitschuld“ redet. Erst recht nicht von
„Mitschuld an Schuldgefühlen“. Und –
streng genommen – redet er in dem „inkriminierten
Abschnitt“ auch nicht von „Konkurrenz
und Rachegefühlen“. Kernberg spricht bei der Grundschülerin (von unter 10
Jahren) von einem „sexuell erregenden
Triumph über ihre Mutter“. Sie war also (angeblich) sexuell erregt. Und die
sexuelle Erregung war womöglich noch nicht einmal so sehr gespeist aus der
sexualisierten Gewalt des Vaters, sondern womöglich allein aus dem
(angeblichen) Triumph über die Mutter. [Aber auch in dieser typisch
Kernbergschen Formulierung steckt etwas Verwirrendes: Woraus genau speist sich
die (ANGEBLICHE) sexuelle Erregung der Grundschülerin? Aus dem brutalen
Übergriff des Vaters? Oder aus dem (angeblichen) „Triumph“ über die Mutter?]
(Hier
wird einmal mehr deutlich, wie beliebig das ist, was sich angebliche Kenner der
Materie aus dem Text von Kernberg herauszusaugen verstehen.)
Sollte
der Autor uns gesagt haben wollen: „Herr Kernberg spricht nicht von einer
Mitschuld am Inzest, sondern von Schuldgefühlen der Patientin wegen ihrer
Konkurrenz und Rachegefühle gegenüber der Mutter“ – dann würde ich zunächst
wiederholen, dass Kernberg nicht von „Schuldgefühlen“ sondern von „Schuld“ bzw. von „ödipale[r] Schuld“
spricht. Darüber hinaus würde ich auf Freud verweisen (z.B. 1923): „Schon in den ersten Kinderjahren (etwa von
2-5 Jahren) stellt sich eine Zusammenfassung der Sexualstrebungen her, deren
Objekt beim Mädchen der Vater ist. Diese Objektwahl nebst der dazugehörigen
Einstellung von Rivalität und Feindseligkeit gegen die Mutter ist der Inhalt
des sogenannten Ödipus-Komplexes, dem bei allen Menschen die größte Bedeutung
für die Endgestaltung des Liebeslebens zukommt.“ (Weil für Kernbergs
Beispiel besser passend, habe ich hier die Dynamik, die Freud im Originalzitat
nur für den Jungen beschreibt, in der von ihm selbstverständlich so
mit-gedachten Analogie zum Mädchen formuliert.)
Die
(angeblichen) „Konkurrenz und
Rachegefühle“ sind also untrennbar mit den (angeblichen) inzestuösen
Impulsen verbunden. Jetzt ließe sich darüber streiten, woran sich die
(angebliche) Schuld, die die Grundschülerin (angeblich) empfindet, am stärksten
festmacht: An den „Sexualstrebungen“
gegenüber dem Vater oder an den „dazugehörigen
Einstellung von Rivalität und Feindseligkeit gegen die Mutter“. Eine
Differenzierung an dieser Stelle geriete m.E. zur sinnentleerten Haarspalterei.
Wer solche Konkurrenz- und Rachegefühle in der
eigenen Psychodynamik nicht kennt, sollte unverzüglich in Supervision gehen.
Nein danke! Kein Bedarf! Wenn der Gang in die „Supervision“ bedeuten würde, dass man
dort solche „Konkurrenz und Rachegefühle“
eingeredet bekommt, dann ist man m.E. besser beraten, um solche Veranstaltungen
einen riesigen Bogen zu schlagen! Und umgekehrt: „Supervisoren“, die – wider
besseres Wissen – weiterhin an die Universalität des „ödipalen Konfliktes“
glauben und diesen Unfug ihren beaufsichtigten Schützlingen einreden, denen
sollte m.E. schleunigst die Lizenz zur „Supervision“
entzogen werden!
Im genannten Fall hat die Aufdeckung der
feindseligen Impulse der Patientin auch einen Zugewinn an Autonomie und an
Lustfähigkeit gebracht.
Wirklich
Klasse! Die Klientin hatte – Kernberg sei Dank – auf einmal Spaß am Sex mit
ihrem sadistischen Partner! Was für ein grandioser „Zugewinn an Autonomie und an Lustfähigkeit“!
Ich wiederhole: Ich empfehle Ihnen, solche
Auseinandersetzungen nicht politisch, sondern wissenschaftlich durch
Publikation in Fachzeitschriften zu führen. Dabei würde etwas mehr Nüchternheit
in der Kommunikation Ihrer Gedanken der Akzeptanz Ihrer Arbeiten zur
Veröffentlichung sicher dienen.
Die auch in dieser Auseinandersetzung hier
gemachten Erfahrungen zeigen wieder einmal, dass auf „wissenschaftlichem“ Weg keine Auseinandersetzung zu führen ist
(s.u.). Da bleibt nichts anderes übrig, als – ergänzend – ein „politisches“ Vorgehen zu wählen. Denn
auf rationalem Weg ist den dogmatischen Glaubenssätzen der Freudschen Sekte
nicht beizukommen. [Die dogmatische Verbreitung dieses Unfugs ist ja selbst
nichts anderes als (Macht-)„Politik“.]
Ich bitte Sie, mich in dieser Sache nicht weiter
zu bemühen.
Ein solcher Satz in einem Brief, in dem
dem Angesprochenen selbst zuvor sogar noch eine Frage gestellt wurde („Ich kenne das von mir selbst – Sie nicht?“), hat eine
durchaus verwirrende Qualität (double-bind): Die Ermunterung zu „wissenschaftlicher Auseinandersetzung“
wird von der Formel begleitet, man wolle nicht mit weiteren Antworten behelligt
und in die Auseinandersetzung hineingezogen werden. Auf die verworrene
Position, zu der man sich durchgerungen hat, will man noch nicht einmal eine
Antwort hören. Kein Problem für mich. Vermutlich sind hier auch alle Bemühungen
zwecklos.
Inwieweit es Sinn macht, bei mir mehr
„Nüchternheit“ anzumahnen, und damit die Erwartung zu verbinden, dass dies der
Akzeptanz meiner Gedanken dienen könnte, bleibt mir rätselhaft: Der Autor geht
ja doch sowieso davon aus, dass meine Kritik gegenstandlos ist. Will er
womöglich sein schlechtes Gewissen beruhigen, indem er mir ein klein wenig
Hoffnung macht? Will er meine Hoffnung etwas nähren, damit er sich nicht gar so
sehr zu schämen braucht, dass er so kritiklos Partei für Kernberg ergreift?
Mit freundlichen Grüßen,
An
dieser Stelle ist dann für den Briefschreiber die ganze Auseinandersetzung um
das „reichhaltige Textmaterial“, für
das er sich eingangs noch bedankt, erledigt. Kein weiteres Eingehen auf die
ganzen weiteren Ungeheuerlichkeiten Kernbergs. So kenne ich das aus der Diskussion
mit Analytikern.
Diese
Antwort macht m.E. überdeutlich, dass es immer noch eine wichtige Aufgabe
darstellt, über diese Thematik in die Diskussion zu kommen. Es sind nicht etwa
irgendwelche Spinner, die die Gedanken Freuds und Kernbergs weiter propagieren,
sondern es sind aktuell tätige Fachleute mit größerem Einfluss, die sogar noch
zu den aufgeklärteren, moderneren Theoretikern gerechnet werden. Die ganze
unausgegorene Freudsche Dogmatik ist noch in diesem System noch fest verankert.
Leider ist die Bereitschaft, sich dieser Diskussion zu stellen, nicht sehr
ausgeprägt.
Von
den angeschriebenen über 200 ReferentInnen der LPTW des Jahres 2011 haben
übrigens 15 meiner Kritik zugestimmt. 5 Antwortende waren mit meiner Initiative
nicht einverstanden. Der Rest hat meine Initiative keiner Reaktion für würdig
befunden. Darunter die komplette „wissenschaftliche Leitung“ dieser
Veranstaltung, bei der Herr Kernberg vor 14 Jahren seine Ungeheuerlichkeiten
unter begeistertem Applaus seines Publikums vortragen konnte.
Hier der Vollständigkeit halber noch das 2. Anschreiben, das
diejenigen ReferentInnen erhalten haben, die zwar in 2011, aber nicht in 2008
ihren Auftritt hatten.
Sehr
geehrter Herr XY,
Sie
werden bei den diesjährigen Psychotherapiewochen in Lindau als Referent
auftreten.
Darf
ich Sie fragen, ob Sie mein Entsetzen über das Folgende teilen:
Die
Lindauer Psychotherapiewochen sind der Ort, an dem folgende Thesen verkündet
worden sind:
·
Eine
Frau, die als Grundschülerin (Alter unkonkret: „unter 10 Jahre“) von ihrem Vater sexuell missbraucht worden ist,
habe diese Situation „in typischer Weise
… als einen sexuell erregenden
Triumph über ihre Mutter“ erlebt; sie müsse „ihre Schuld tolerieren“. Der Behandlungserfolg: „Sie erlangte so die Fähigkeit, sich mit dem
Täter zu identifizieren, nämlich mit der sexuellen Erregung des sadistischen,
inzestuösen Vaters“.
·
Eine Frau, als Kind
sexuell missbraucht, leidet an Depressionen. Während eines Klinikaufenthaltes
wird sie von einem Therapeuten sexuell missbraucht. Daraufhin begeht sie
Selbstmord. Zufällig erfährt eine Freundin vom Hintergrund des Suizids. Sie
bringt daraufhin den Therapeuten und die Klinik vor Gericht. Für den Referenten
dieses Fallbeispiels ist die Situation klar: Es ist die „Patientin mit einer antisozialen Persönlichkeit“ die „ihren Therapeuten sexuell verführte“. Er
bringt sein Publikum (ca. 1000 KollegInnen in der vollbesetzten Inselhalle)
während seiner Schilderung zweimal zum Lachen. Am Ende heißt es: „Sie sehen, wie sie im Tode sich noch
r…[ächte?], wie sie Opfer und Täter zugleich
wurde. Ein tragischer Fall, der aber nicht
so außerordentlich oder ungewöhnlich ist, wie man erwarten würde.“ In der abgedruckten Version wird die gesamte Fallschilderung
abgehandelt unter der Überschrift: „Transformation
des Opfers in einen Täter“.
·
Ein drittes Beispiel: „Ich
spreche hier von einem Mann, der als einziger Überlebender seiner ganzen
Familie als Kind im Alter von 12 Jahren aus dem Konzentrationslager befreit
wurde, in dem seine ganze Familie vor seinen Augen ermordet wurde.“ Er habe sich später, als
Erwachsener, in seiner eigenen Familie (nicht konkretisiert) als „absoluter
Diktator“ gezeigt. Sein Problem – so der
Autor: Er müsse seine „chronische Aggression“ bereits im Säuglingsalter entwickelt und
diese dann ins KZ mit hineingebracht haben. „Klinisch gesehen steht also ein hasserfülltes Opfer hassvoll einem
hasserfüllten, sadistischen Täter gegenüber.“ Der Mann habe seine
Persönlichkeitsstörung eben nicht im KZ, sondern an der Mutterbrust entwickelt.
Sein Resümee: „Ich übertreibe nicht, wenn
ich meinen Eindruck wiedergebe, dass dieser Mann sich seiner Familie gegenüber
so verhielt, als ob er der Kommandant des Konzentrationslagers sei, in dem
seine ganze Familie ermordet wurde.“
·
Mitleid
hält dieser Autor – in Anlehnung an Sigmund Freud – für eine Form von
Aggression. „Wie Sie wissen, ist Mitleid
eine sublimierte Aggression. … Wir müssen daher versuchen, … den Patienten, die
uns fragen ‚Glauben Sie mir nicht? Sind Sie nicht meiner Meinung? War das nicht
entsetzlich?’ zu erwidern: ‚Warum brauchen Sie meine Meinung, anstatt eine
eigene zu haben?’“ Wohlgemerkt: Der Autor denkt dabei an Menschen, die
Folter, KZ oder Vergewaltigung überlebt haben! „Warum brauchen Sie meine Meinung, anstatt eine eigene zu haben?“
·
Als
Empfehlung für die Therapie heißt es (Originalton): „Wenn alles gut geht,
dann gibt es Momente, in denen wir sie [die Patienten; K.S] am liebsten aus dem Fenster werfen würden,
besonders wenn unser Büro im 80. Stock liegt, und dann langsam und freudevoll
lauschen, bis wir unten ein leises ‚Plopp’ hören.“ – Gelächter im
Publikum – „Ich meine das ganz ernst!“
Das,
was mir als Ungeheuerlichkeit erscheint, ist mit den obigen Zitaten noch
keineswegs erschöpft. Sie entstammen sämtlich dem Lindauer Vortrag
„Persönlichkeitsentwicklung und Trauma“ (1997) von Otto F. Kernberg. Bei
„Auditorium Netzwerk“ ist er bis heute als Audio-CD zu beziehen; abgedruckt
wurde er 1999 unter derselben Überschrift in der von Kernberg mit
herausgegebenen Zeitschrift „Persönlichkeitsstörungen – Theorie und Therapie“
(PTT), Jahrgang 3, Nr. 1, S. 5-15.
Schon
1996 hatte ich in einer Publikation Kernbergs Position, wie er sie in drei
älteren Büchern vertritt, kritisiert. Durchgängig schiebt er den Opfern
massivster Gewalt die Schuld für ihre Symptome selbst in die Schuhe, erklärt
sie praktisch systematisch selbst zu Tätern.
Nach
der Lektüre seiner „Lindauer Thesen“ im Jahr 2000, hatte ich spontan ein
11seitiges Papier verfasst und darin Kernbergs Artikel ausführlich zitiert und
kritisiert. Den Text hatte ich dann an knapp 800 PsychotherapeutInnen
verschickt. Auf meiner Webseite – http://www.oedipus-online.de
– können Sie unter dem Stichwort „Kernberg“ (Bild) meinen 11seitigen Text und die
darauf folgenden Reaktionen, u.a. von 22 Professoren, nachlesen.
Wie
auch schon in früheren Jahren ist mir ein Anliegen, die kindlichen und
erwachsenen Opfer von sexualisierter und sonstiger Gewalt besser vor einer
Re-Traumatisierung in einer Therapie geschützt zu wissen. Deshalb hatte ich für
deutlichen Widerspruch gegen Thesen wie die Otto Kernbergs geworben, die in der
Therapie der Opfer den Schwerpunkt legen auf die Suche nach dem „eigenen
(triebhaften) Anteil“ der Betroffenen an dem Geschehen und ihnen vermitteln,
sie sollten „ihre Schuld tolerieren“.
Prof.
Otto Kernberg saß 2008 – wie bereits seit vielen Jahren – im wissenschaftlichen
Beirat der „Lindauer Psychotherapiewochen“. Ich hatte die ReferentInnen der
„Lindauer Psychotherapiewochen“ damals gebeten, folgendes Anliegen von mir zu
unterstützen: Kernberg sollte vor die Wahl gestellt werden, entweder seine
Thesen ausdrücklich zu widerrufen, oder aber den wissenschaftlichen Beirat zu
verlassen.
Mir ist
nicht bekannt geworden, dass Herr Kernberg seine Thesen von 1997 widerrufen
hätte. Dafür war er aber auch ab dem Jahr 2009 nicht mehr als Mitglied des
wissenschaftlichen Beirates geführt. Dennoch wird er weiter nach Lindau
eingeladen. (In diesem Jahr soll er in der Woche vom 17.-22.04. zu „Liebe und
Hass“ referieren.)
Um die
Ursprünge von Kernbergs Denken zu verstehen, ist es wohl erforderlich, den
Bogen zu spannen zur Theorieentwicklung Sigmund Freuds. Ein zentraler Punkt ist
dabei Freuds Verwerfung der Trauma-Perspektive im Jahr 1897. Kernberg denkt die
Freudsche Position im Grunde nur konsequent zu Ende. Im Anhang finden Sie einen
Artikel von mir aus der „Psychodynamischen Psychotherapie“ vom Juni 2009, in
dem ich meine Sicht auf diese Entwicklung darlege: „Ein markanter Freudscher
Flüchtigkeitsfehler. Plädoyer für die Revision von Freuds Verwerfung der
Trauma-Perspektive.“
Natürlich
bin ich Freud dankbar dafür, dass er die Psychotherapie und das offene Sprechen
über persönliche, emotionale Probleme so populär gemacht hat. (Im ausgehenden
19. Jahrhunderts war dies alles andere als eine leichte Aufgabe!) Und auch Otto
Kernberg bin ich in gewisser Weise dankbar, dass er (wohl ungewollt) in den 10
Seiten seines Artikels den krassen Widerspruch zwischen traumatischer Realität
und triebtheoretischer Deutung geradezu unübersehbar verdeutlicht. Aber wie bei
den Klienten, mit denen ich in meiner Praxis zu tun habe, so reicht auch bei
der Psychoanalyse nicht aus, allein Verständnis zu haben für ihre schwierigen
Entwicklungsbedingungen. Ein trotziges Festhalten an alten Überzeugungen, bspw.
an einer Opferbeschuldigung, wie Freud sie z.B. im Fall ‚Dora’ erstmals in
einer Publikation durchexerziert hatte, ist sicherlich Ausdruck von
rückhaltloser Loyalität gegenüber dem Gründervater. Es behindert jedoch m.E. sehr
nachhaltig die Entwicklung freier, vernünftiger, souveräner Therapieansätze.
Mir scheint offensichtlich, dass
Otto Kernberg mit seinem Vortrag – quasi zum 100jährigen Jubiläum – den
Freudschen Perspektivenwechsel von 1897 ausdrücklich validieren und unterstreichen
wollte. Ich halte jedoch dagegen (und andere haben es an anderer Stelle
durchaus ebenso getan), dass es bereits 1997 genügend ernstzunehmende Hinweise
gegeben hat, dass eine Therapie nach triebtheoretischer Perspektive bei den
Opfern von Gewalt im Wesentlichen eine schädliche erneute Belastung erzeugt,
die alles andere als hilfreich und heilsam ist! Diese Erkenntnis ist heute um
vieles deutlicher! Ein ausdrücklicher Widerruf dieser Thesen ist mehr als
überfällig! Die von Kernberg dargestellten KZ- und Missbrauchs-Opfer dürfen
nicht attestiert bekommen, dass sie sich die Folgen ihrer Gewalterfahrung quasi
selbst zuzuschreiben haben!
Im letzten Jahr war die
Öffentlichkeit in der Bundesrepublik besonders sensibilisiert für die Belange
von Opfern von sog. „sexuellem Missbrauch“ bzw. „sexualisierter Gewalt“. Für
Kirchen und Reformpädagogik hatte sich eine z.T. schmerzhafte
Auseinandersetzung mit dem Thema ergeben. Über alle Parteigrenzen hinweg wurde
– am „runden Tisch“ – offen und engagiert darüber diskutiert. Diese aktuelle
Situation sollte m.E. Anlass sein, dass die Therapeutenschaft sich ausdrücklich
an die Arbeit macht, die Frage von Trieb- oder Trauma-Perspektive zu klären.
Gerade Lindau, wo Kernberg seine
Thesen bei einer der größten Therapiefortbildungen im deutschsprachigen Raum
1997 verkündet hat, ist m.E. der Ort, wo sie auch ausdrücklich – quasi in einer
Art „Rückrufaktion“ – wieder zurückgenommen werden sollten!
Lassen Sie mich dazu einen Vorschlag
machen: Konfrontieren Sie mit mir die wissenschaftlichen
Leitung der Lindauer Psychotherapiewochen, Frau Prof. Verena Kast (kast@swissonline.ch) und Herrn Prof. Manfred Cierpka (manfred_cierpka@med.uni-heidelberg.de) bzw. Herrn Prof. Peter Henningsen (P.Henningsen@tum.de) mit folgenden
Wünschen:
- Otto Kernberg soll nicht mehr bei den
Lindauer Psychotherapiewochen als Referent zugelassen werden, sofern er sich
nicht mit seinen Thesen von 1997 einer kritischen Diskussion stellt und sie
nicht in nachgewiesen problematischen Aspekten ausdrücklich widerruft!
- In den nächsten Jahren soll – ausgehend
von den „Lindauer Thesen“ Otto Kernbergs – während der Lindauer
Psychotherapiewochen eine ausdrückliche, fortgesetzte kritische
Auseinandersetzung geführt werden zur Schädlichkeit von Therapieansätzen, die
den Opfern massiver Gewalt selbst Schuld anlastet!
Richten Sie vielleicht
Ihre Stellungnahme auch an Otto Kernberg selbst (okernberg@med.cornell.edu)!
Sicherlich wird dieses
Anliegen mit einiger Beharrlichkeit vorzutragen sein. Meine bisherigen
wiederholten Eingaben bei den ersten zwei genannten wissenschaftlichen Leitern
bzw. bei den Organisatoren der LPTW waren bislang ohne ausdrückliche Resonanz
geblieben. Es würde mich freuen, wenn Sie auch mein Bemühen unterstützen, mit
einem eigenen Beitrag zum Thema bei den „Lindauer Psychotherapiewochen 2012“
zugelassen zu werden.
Gerade in diesem Jahr
werde ich mich selbstverständlich um eine Mobilisierung der Öffentlichkeit und
der Presse bemühen, die seit dem letzten Jahr zum Glück sehr viel stärker
sensibilisiert zu sein scheint.
Über eine Unterstützung
Ihrerseits und eine kurze Rückmeldung würde ich mich sehr freuen.
Mit freundlichem
Gruß
Klaus
Schlagmann
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