Initiative gegen die Verleugnung und
Verharmlosung von Missbrauch und Gewalt an Kindern
c/o Diplom-Psychologe Klaus Schlagmann, Scheidter Str. 62, 66123
Saarbrücken
Lobbyarbeit für
Kinderschänder?
Zu Otto Kernbergs Auftritt bei einem Festakt der Universität des Saarlandes
Die Psychoanalyse behauptet seit Sigmund
Freud, dass psychische Störungen aus (verdrängten) kindlichen sexuellen
Perversionen hervorgehen. Folglich wird z.B. abgeleitet, dass Kinder an einem
sexuellen Missbrauch durch Erwachsene Schuld tragen. Sie erlebten solche
Situationen „in typischer Weise … als einen sexuell erregenden
Triumph“. So Otto Kernberg (1999), langjähriger Präsident einer
internationalen psychoanalytischen Vereinigung. Parallel zur Opferbeschuldigung
behaupten Vertreter der Psychoanalyse gerne, dass die Schilderungen von
Gewalterfahrungen aus der Kindheit sowieso kaum glaubwürdig sind. Für
diese Position steht der Saarbrücker Psychoanalytiker und Professor Rainer
Krause. Kernberg und Krause haben ihre Thesen gemeinsam veröffentlicht. Am
8. Juni 2009 zur Emeritierung von Rainer Krause hat Kernberg eine Festrede
gehalten. Gegen diesen Auftritt von Kernberg bei einer Feierstunde der Universität
des Saarlandes hat die Initiative gegen die Verleugnung und Verharmlosung von
Missbrauch und Gewalt an Kindern protestiert.
Für den langjährigen
Präsidenten der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung, Otto
Kernberg, ist die Schuldfrage bei sexuellem Missbrauch von Kindern klar: Es
sind die Minderjährigen, die den Erwachsenen benutzen, um ihre eigenen
Perversionen auszuleben. Diese Erkenntnis publiziert Kernberg im Jahr 1999. Auf
diese Weise bekommen also Kinderschänder Rückendeckung für die
Rechtfertigung ihres Handelns aus den Reihen der sogenannten Psychoanalyse.
Konkret: Eine Frau leidet an schweren depressiven
Störungen. Sie ist als Kind von unter zehn Jahren von ihrem Vater sexuell
missbraucht worden. Kernberg deutet (1999, S. 13): Die Grundschülerin habe
diese Situation „in typischer Weise … als einen sexuell
erregenden Triumph über ihre Mutter“ erlebt. Sie müsse sich
„in dem Sieg über die ödipale Mutter zurechtfinden und ihre
Schuld tolerieren“[1].
Kernberg
hält auch für andere Gewalt-Situationen Opferbeschuldigungen parat:
·
Ein
Mann verhält sich seiner Frau und seinen Kindern gegenüber sehr aggressiv.
Seine Aggression – so Kernbergs Theorie – müsse er an der
Mutterbrust entwickelt haben, lange vor seiner Verschleppung in ein KZ, aus dem
er als Junge von 12 Jahren[2] befreit
worden war. Dort hatte man seine ganze Familie vor seinen Augen ermordet.
Für Kernberg kommt diese KZ-Erfahrung NICHT als Auslöser für die
Verhaltensstörung in Betracht. Nach ihm muss das Kind seinen Hass in das
KZ mit hineingebracht haben: „Klinisch gesehen steht also ein hasserfülltes
Opfer hassvoll einem hasserfüllten sadistischen Täter gegenüber.“
Und so geschmacklos wie unpassend fasst er zusammen: „Ich
übertreibe nicht, wenn ich meinen Eindruck wiedergebe, dass sich dieser
Mann seiner Familie gegenüber so verhielt, als ob er der Kommandant des
Konzentrationslagers sei, in dem seine ganze Familie ermordet wurde.“
Für Kernberg sind psychische Störungen, die direkt durch Ereignisse
wie Folter, Vergewaltigung oder KZ-Aufenthalt ausgelöst werden, relativ
harmlos: nach zwei bis drei Jahren verschwinden sie von selbst. Wenn sie
länger andauern, dann zeigt dies – für Kernberg –, dass
die betreffende Person bereits als Säugling „chronische
Aggression“ entwickelt haben muss (Kernberg, 1999, S. 6).
In Kernbergs „Therapie“ werden also Patienten gequält mit
obskuren Spekulationen über ihre perverse Gier als Säuglinge. Die von
ihnen nachweisbar und real erlebten Torturen bleiben unbearbeitet. Ihre
Verhaltensauffälligkeiten (wegen denen sie ja die Therapie aufsuchen)
werden unbekümmert gleichgesetzt mit erlebter Gewalt (z.B. im KZ), die das
eigene Tun fraglos unermesslich übersteigt.
·
Ein
Therapeut aus Kernbergs Klinik begeht sexuellen Missbrauch an einer Patientin
(in Deutschland inzwischen eindeutig strafbar). Die Patientin begeht daraufhin
Selbstmord. Nur durch Zufall kommt es zur Anklage gegen den Therapeuten (und
die Klinik), weil das Tagebuch (mit einer Beschreibung des Missbrauchs) einer
Freundin der Patientin in die Hand gefallen war. Kernberg handelt diesen Fall
ab unter der Rubrik „Transformation des Opfers in einen Täter“
(Kernberg, 1999, S. 11).
Bei einer Tonaufnahme des mündlichen Vortrags seiner „Lindauer
Thesen“ im Jahr 1997 bei den Lindauer Psychotherapiewochen hört man,
wie Kernberg das Publikum bei der Darstellung dieses Falles zweimal zum Lachen
bringt. Seine nicht nur falsche, sondern auch respekt- und geschmacklose
Einschätzung dort: „Also Sie sehen, wie sie im Tode sich noch
r…[ächte], – wie sie Opfer und Täter zugleich
wurde.“
Anstatt sich kritisch mit dem Problem von sexuellem Missbrauch in der
Psychotherapie auseinanderzusetzen, liefert Kernberg hier die argumentative
Grundlage einer Beschwichtigungsstrategie entsprechender Täter.
Wohl wenige Aufsätze aus der Fachliteratur
werfen in so knapper Form (auf nur zehn Seiten) ein so helles Licht darauf, wie
deutlich traumatische Realität und triebtheoretische Deutung
auseinanderfallen können. Damit bietet Kernbergs Beitrag eine
hervorragende Möglichkeit, ein altes Dilemma der psychoanalytischen Theorie
zu diskutieren: Die Psychoanalyse macht seit 1897 – nach einer
abenteuerlichen Kehrtwende Sigmund Freuds in seiner Theorieentwicklung –
(unterstellte) kindliche Perversionen für das Entstehen von psychischen
Problemen im Erwachsenenalter verantwortlich, die sich (angeblich) in
entsprechenden Phantasien von Missbrauch und Gewalt niederschlagen. Diese
(herbeidefinierten) „Perversionen“ sind z.B. der sog.
„Ödipuskomplex“ bzw. der „Narzissmus“. Aus der
entsprechenden Theorie resultiert – wie oben anhand dreier Fallbeispiele
dargestellt – eine systematische Opferbeschuldigung. Die entsprechenden Zusammenhänge
habe ich in mehreren Fach-Publikationen dargestellt.[3]
Warum bezieht sich nun Kernberg in seinem Lindauer Vortrag ausdrücklich auf einen Beitrag von Krause? Traditionell wird in der Psychoanalyse die Unterstellung von kindlicher Perversion begleitet von der Behauptung, dass Erinnerungen an kindliche Gewalterfahrungen sowieso unglaubwürdig sind. In einem doppelten Argumentationsstrang wird zunächst der Wahrheitsgehalt der PatientInnenenschilderungen von kindlichen Gewalterfahrungen in Frage gestellt. Wenn es dann nicht gelingt, die Gewalt von der Hand zu weisen, wird dem Opfer die Schuld für das Geschehen zugeschoben. So passt es gut, dass Krause in demselben Heft, in dem Kernberg seine Thesen publiziert, seine generellen Zweifel an der Erinnerungsfähigkeit seiner Patienten anmeldet[4]. Die Skepsis wird auch „empirisch“ abgesichert: In einer von Krause betreuten Doktorarbeit werden (geradezu suggestiv) 91 Psychotherapeuten befragt: Woran erkennen sie, dass die Erzählungen ihrer Klienten von sexuellem Missbrauch der Realität entsprechen? Einzelne Aussagen erhellen die groteske Paradoxie solcher Expertenschaft: Ca. zwei Drittel der Experten schließen auf ein Phantasiegeschehen, wenn die Betroffenen die Schuld eher beim Täter suchen, anstatt bei sich selbst. Ebensoviele sehen einen Hinweis auf ein Phantasiegeschehen, wenn die Betroffenen mit größerer Sicherheit davon ausgehen, dass der Missbrauch tatsächlich stattgefunden hat.[5] (Es würde hier zu weit führen, die ganzen Ungereimtheiten dieser Studie zu erörtern.) Übrigens: Auch Anke Kirsch hat ihre Thesen inBild 4) Angenagelt: Anschlag einiger Thesen gegen Kernberg und Krause am psychologischen Institut, Saarbrücken
dem besagten Heft (PTT 1, 1999)
untergebracht.[6]
In seinem Lindauer Vortrag hebt Kernberg als Beitrag
von Rainer Krause hervor, dass dieser gesagt habe: „Das Wichtigste ist
– wichtiger, als das, was in der wirklichen äußeren Wirklichkeit
geschah – was sich jetzt in der Übertragung und
Gegenübertragung abspielt.“ Dies sei „ein sehr, sehr
tiefer, wichtiger Beitrag zu diesem Thema“. Herr Kernberg und Herr
Krause sind – jedenfalls in eigener Einschätzung – ausgesuchte
Spezialisten, aus „Übertragung“ und „Gegenübertragung“
Strebungen von Größenwahn, Gier, Aggression, Wut und Hass,
Verführung, Inzest usw. bei ihren Patienten aufzuspüren, die sie
bereits als Säuglinge (angeblich) entwickelt haben. So wird dann in einer
Therapie nicht das Entsetzen über die brutale KZ-Erfahrung geteilt und
Mitleid gezeigt, sondern es wird die Gier des Säuglings an der Mutterbrust
getadelt. Die quälenden Erfahrungen des sexuellen Missbrauchs werden
ignoriert, satt dessen werden die „ödipalen“ Phantasien der
kleinen Perversen durchleuchtet. Das reale Geschehen in Situationen von Not und
Gewalt bleibt außer Betracht. Hier reichen sich Kernberg und Krause
selbstzufrieden die Hände.[7]
Übrigens
gehe ich davon aus, dass eine respekt- und vertrauensvolle Beziehung zwischen
TherapeutInnen und KlientInnen für den Behandlungserfolg sehr wichtig ist.
Kernbergs Empfehlungen zur Beziehungsgestaltung in seinem Vortrag/Artikel sind
m.E. jedoch geradezu grotesk: TherapeutInnen sollten sich mit Folterern,
Vergewaltigern und KZ-Kommandanten „identifizieren“. Mitleid
hingegen sei ein Zeichen von Aggression. Die Frage von PatientInnen:
„Glauben Sie mir nicht? Sind Sie nicht meiner Meinung? War das nicht
entsetzlich?“ sei zu beantworten mit: „Warum brauchen Sie meine
Meinung, anstatt eine eigene zu haben?“ Und: „Wenn alles gut geht
…“, so Kernberg, dann sollten die TherapeutInnen die Lust
spüren, ihre PatientInnen aus dem Fenster zu werfen, „besonders wenn
unser Büro im 80. Stock liegt, und dann langsam und freudevoll warten, bis
wir unten leise ein ‚Plopp’ hören.“ Gelächter des
Publikums. Darauf Kernberg: „Ich meine das ganz ernst.“ Das
fürchte ich auch.
Im Jahr 2000 hatte ich Kernbergs „Lindauer
Thesen“ erstmals gelesen. Damals war ich noch so naiv zu glauben, es
würde unter meinen Kollegen und Kolleginnen einen Sturm der
Entrüstung auslösen, wenn derartige Opferbeschuldigungen und Behandlungsempfehlungen
bekannt würden. Per Email und Post hatte ich mich mit ausgiebigen Zitaten
aus diesem Artikel und meiner Kritik daran an ca. 700 Fachleute gewandt. Das
Ergebnis war niederschmetternd. Von den meisten Kollegen wurde mein Protest
schlicht ignoriert. Einige Professoren und Doktoren hielten mir vor, ich
hätte offenbar keine Ahnung von Psychotherapie. Ich wüsste wohl
nicht, wie man mit kindlichen Gewaltopfern umzugehen hätte, hieß es.
Ich solle doch selbst einmal eine Psychoanalyse machen, um mir darüber
klar zu werden, warum ich so eine „verfolgende Haltung einnehmen“
müsse.
Meine
Kernberg-Kritik wollte ich auch per Leserbrief im Organ der Psychotherapeutenkammer
des Saarlandes, dem „Forum“, unterbringen. Der Leserbrief wurde vom
Vorstand der Psychotherapeutenkammer, dem die Redaktion des Blattes unterliegt,
mehrfach abgeschmettert. Das „Forum“ wolle keine „Plattform
für Polemik und Vorurteil“ bieten. Meine Kritik würde
„Behandlungsmethoden verunglimpfen“. (Der Entwurf meines
Leserbriefs ist auf meiner Webseite nachzulesen: http://www.oedipus-online.de, dort
unter den Ausführungen zur Saarländischen Therapeutenschaft.) Im
Vorstand der Kammer saß damals auch Professor Krause. Herr Krause selbst
wurde schon mehrfach von mir auf Kernbergs Thesen angesprochen und hat dabei
jeweils in keiner Weise reagiert.
So bin ich inzwischen reichlich desillusioniert, was
die Bereitschaft der Therapeutenschaft anbelangt, diese Fragen einmal zu
klären, die makabere psychoanalytische Opferbeschuldigung zu
überwinden. Auch bei Herrn Krauses Emeritierung wurde am Ende mit einem
gewissen Nachdruck Wert darauf gelegt, dass der Protest beendet würde.
Erfolgreich hat Rainer Krause selbst beim Saarländischen Rundfunk gegen
eine Auseinandersetzung mit Kernbergs Thesen anlässlich seiner
Emeritierung interveniert.
Neulich
hat mir eine Klientin berichtet, dass sie als 13-Jährige von 3
Mitschülern vergewaltigt worden war. In einer „Therapie“ vor
ca. 5 Jahren habe ein Saarbrücker Psychoanalytiker sie im Anschluss an
ihre Darstellung gefragt: „Und warum haben Sie das nicht verhindert?“
Ihre irritierte Nachfrage – „Wie bitte? Wie meinen Sie das?“
– wurde beantwortet mit: „Sie wissen schon, wie ich das
meine!“ Die Klientin war selbstbewusst genug, dort keine Sitzungen mehr
wahrzunehmen. Aber sie war in den Jahren danach gehemmt, in einem neuen
Therapieversuch die erlebte Gewalt anzusprechen, wurde weiterhin jede Nacht von
entsprechenden Albträumen geplagt und hatte darunter einen schweren
Medikamentenmissbrauch entwickelt.
In
Lindau hatte ich über Jahre hinweg, zuletzt in 2007 und 2008, bei den
Stadträten und Bürgermeistern sowie den entsprechenden ReferentInnen
der Psychotherapiewochen dagegen protestiert, dass Kernberg dort weiterhin im
wissenschaftlichen Beirat sitzt. Er solle entweder seine Thesen widerrufen,
oder aus dem Beirat entfernt werden. Von einem Widerruf seinerseits habe ich
nichts gehört. Jedoch ist er dieses Jahr, 2009, erstmals nicht mehr als
Mitglied im wissenschaftlichen Beirat geführt.
So hatte ich auch im Vorfeld an den Präsidenten
der Universität des Saarlandes appelliert, Herrn Kernberg nicht die Ehre zukommen
zu lassen, die Festrede bei einer Feierstunde der Universität des Saarlandes
halten zu dürfen, jedenfalls nicht, solange er seine „Lindauer
Thesen“ nicht widerrufen hat. Dazu wollte sich Herr Prof. Linneweber
jedoch leider nicht bereit finden. Als Psychologie-Professor hat er allerdings
bereits für das Kultusministerium in Sachsen-Anhalt Überlegungen zur
Prävention von sexuellem Missbrauch von Kindern angestellt. Bei Kernbergs
Auftritt von mir angesprochen hat er die Bereitschaft signalisiert, die
Auseinandersetzung mit Kernbergs Thesen an der Universität des Saarlandes
zu unterstützen. Eine solche Auseinandersetzung könne womöglich
über Rainer Krauses Nachfolgerin, Tanja Michael, mit der er mich bei
dieser Gelegenheit bekannt gemacht hat, geführt werden.
Kernbergs
Auftritt im Saarland bei Krauses Emeritierung bietet m.E. eine gute Anknüpfungsmöglichkeit,
für eine offene rückschauende Aufarbeitung
(griech. = Analyse) des Phänomens, dass die psychoanalytische Doktrin sich
in so vieler Herren Länder etabliert hat und damit auch das Handeln von
entsprechend ausgebildeten ExpertInnen bis heute bestimmt. Womöglich
lassen sich daraus Schlüsse ziehen, wie solche Verirrungen des Geistes in
Zukunft schneller gebremst werden können.
Alice Miller hat in ihren Büchern
mit viel Verständnis den Hintergründen von z.B. politischen Gewalttätern
nachgespürt. Sie hat überzeugende Hinweise gefunden, dass eigene
Leidenserfahrungen in der Kindheit hier prägend waren. Auch bei Freud,
Kernberg & Co. kann ich mir solche Mechanismen vorstellen, so dass ich bei
Kenntnis ihrer Lebensgeschichte ihnen als Person sicherlich Mitleid (griech. =
Sym-Pathie) aufbringen könnte. Das ändert jedoch nichts an der
allerschärfsten Ablehnung des Inhalts ihrer menschenverachtenden Thesen.
[1]) Otto Kernberg (1999):
Persönlichkeitsentwicklung und Trauma. In: Persönlichkeitsstörungen –
Theorie und Therapie (PTT), Jahrgang 3, Heft 1, S. 5-15.
[2]) Bei seinem mündlichen Vortrag sagt Kernberg:
„im Alter von 8 Jahren“. Zu beziehen ist diese CD mit der Aufnahme von 1997 beim Auditorium
Netzwerk, Hebelstr. 47, 79379 Müllheim (CD Nr. 450 C).
[3]) a)
(2001)
Die
Mythen von Ödipus und Narziss als Geschichten von Traumatisierungen. In: U.
Bahrke, W. Rosendahl (Hg.) Psychotraumatologie und Katathym-imaginative Psychotherapie
b) (2005)
Ödipus
– komplex betrachtet. Männliche Unterdrückung und ihre
Vergeltung durch weibliche Intrige als zentraler Menschheitskonflikt
c) (2007)
Opferbeschuldigung
als Psychotherapiestrategie? In: psychoneuro 33: 361-365
d) (2008)
Zur
Rehabilitation von Narziss. Mythos und Begriff. In: Integrative Therapie 34:
443-464
e) (2009) Ein markanter Freudscher Flüchtigkeitsfehler. Plädoyer
für die Revision von Freuds Verwerfung der Trauma-Perspektive. In:
Psychodynamische Psychotherapie 8: 67-77
[4]) Rainer Krause (1999): Trauma und Erinnerung. In: Persönlichkeitsstörungen – Theorie und Therapie (PTT), Jahrgang 3, Heft 1, S. 36-44
[5]) Anke Kirsch (1999 a): Erste
Ergebnisse eines Expertendelphis zum Thema „Trauma und Erinnerung“.
Saarbrücken: Arbeiten der Fachrichtung Psychologie des Saarlandes Nr. 190.
Dort wird der Grad an Zustimmung zu verschiedenen Stellungnahmen prozentual
erfasst.
Hinweise auf eine reale sexuelle Traumatisierung:
„11.2 Die Pat. suchen zumindest zu Beginn der Therapie die Schuld bei
sich selbst, nicht bei dem/der Täter/in.“
Zustimmung: 63,8 % im wesentlichen, 20,3 % völlig.
Wohlgemerkt: Das eigene Schuldgefühl wird hier nicht als (mögliches)
„Phänomen“ betrachtet, sondern von 84,1 % der „Experten“
als „Hinweis[.] für eine reale sexuelle Traumatisierung“.
Hinweise auf
eine Phantasie:
„20.4 Die Schuldfrage wird eher externalisiert und bei dem/der
Täter/in gesucht.“
Zustimmung: 51,6 % im wesentlichen, 14,1 % völlig.
Auch jenseits des Erstgesprächs sollte man bei ca. zwei Dritteln der
Experten nicht allzu sehr die Schuld beim Täter suchen. Zeitweilige
Zerknirschung und eigenes Schuldbewusstsein wirken auf jeden Fall
förderlich dabei, von diesem Teil der ExpertInnen ernst genommen zu
werden.
„20.5 Die Pat. gehen mit einer größeren Überzeugung und
Sicherheit davon aus, dass eine sexuelle Traumatisierung stattgefunden haben
müsste.“
Zustimmung: 50,8 % im wesentlichen, 13, 1 % völlig.
Um glaubhaft zu erscheinen bei seiner Schilderung, sollten Betroffene also bei
ca. zwei Dritteln der ExpertInnen immer wieder deutliche Zweifel an den eigenen
Darstellungen durchblicken lassen.
[6]) Anke Kirsch (1999 b): Trauma und
Wirklichkeits(re)konstruktion: Theoretische Überlegungen zu dem
Phänomen wiederauftauchender Erinnerungen in: In: Persönlichkeitsstörungen
– Theorie und Therapie (PTT), Jahrgang 3, Heft 1, S. 45-53
[7]) Ein makaberes Beispiel für die
psychoanalytische Zuschreibung von perversen Impulsen gegenüber Kleinkindern
findet sich in „Zur Zentrierung auf innere und äußere
Faktoren als zwei Perspektiven klinischen Verstehens“ (Psyche
12/2002, 601-629) von Jörg Scharff. Dieser zitiert den Fallbericht eines
Kollegen Britton von 1998, der von der Behandlung der 4jährigen Tracy berichtet.
Sie hatte am Abend zuvor erlebt, wie der Vater die Mutter beim Stillen von
Tracys Geschwisterchen verprügelt hatte, worauf die Mutter einen
Suizidversuch unternommen hatte und vom Krankenwagen abtransportiert worden
war. Britton deutet eine spieltherapeutische Szene der 4-Jährigen –
am nächsten Tag – so, dass der Vorfall ihre eigenen Mord- und
Beseitigungsimpulse gegen die Mutter zeige: „Daraus wurde deutlich,
dass Tracys eigene aggressive und gierige Phantasien (von ihrer Wut auf die
Mutter herrührend, weil diese noch ein Baby bekommen hatte, und auch aus
ihrer Rivalität mit ihrer Mutter heraus, weil diese den Vater besaß)
auf erschreckende Weise durch den Vater verwirklicht worden war“;
„meine kleine Patientin [musste] ihre eigenen Wünsche
anerkennen, die eine Quelle für Schuldgefühle waren.“ Scharff
stellt dieser Perspektive nun eine andere gegenüber, wonach das
nächtliche Desaster ja auch z.B. Vernichtungsangst bei Tracy mobilisiert
haben müsse. Und sein Fazit: „Beide Perspektiven [„zwischen
je spezifischer Schuldspannung und Vernichtungsangst“] haben ihre
Geltung, und wir können annehmen, dass auch der Patient danach sucht, in
beider Sinn verstanden zu werden. Geht man aus von dem Geschehen, dem Tracy
ausgesetzt war, dann vollzieht Britton bei Tracy den zweiten Schritt vor dem
ersten.“ Nachdem Scharff immerhin noch anerkennt, dass das Kind durch
die nächtliche Aktion geschockt worden ist, will er aber doch die
„Perspektive“ retten, dass dabei ihre innersten Sehnsüchte und
Wünsche zum Ausdruck gebracht worden seien, die Mama aus gieriger
Eifersucht heraus aus dem Weg zu räumen (der sog. „ödipale
Konflikt“). Jedoch habe diese Deutung erst in einem „zweiten
Schritt“ zu erfolgen.