Mit Sophie Freud gegen falsche Propheten:
Kritik der Verleugnung und Verharmlosung von Traumata!


With Sophie Freud against deceitful prophets:
Criticism of denying and making light of traumata!

 

 

 

Klaus Schlagmann
Psychologischer Verhaltenstherapeut
NLP-Master
Katathym-imaginative Psychotherapie (Gruppe)

Scheidter Straße 62

66123 Saarbrücken

0681/375 805

KlausSchlagmann@aol.com

http://www.oedipus-online.de/

 

 

Zusammenfassung: Anhand eines Artikels von Otto Kernberg (1999) kritisiere ich ein Denkmuster, das bei Opfern von Gewalt nach Täterseiten sucht. Meine Kernberg-Kritik, verschickt im Jahr 2000 an knapp 800 KollegInnen, führte zu Zustimmung (u.a. Sophie Freud), Nichtreaktion und Ablehnung. Sie berührt einen wunden Punkt der Psychoanalyse, Freuds fundamentalen theoretischen Umbruch im Jahr 1897, der hier neu verstanden wird: Als Resultat von Freuds familiärem Konflikt. Damals glaubte er den Gewaltschilderungen seiner Patienten nicht mehr und hielt statt dessen unbezähmte „Perversionskeime“ für den Ursprung psychischer Störungen. Bis heute beeinflusst Freuds Theorie das therapeutische Handeln: Laut einer Delphi-Studie der Universität Saarbrücken (1999) schreiben ca. 65 % von 91 befragten ExpertInnen vollkommen oder überwiegend die Schilderungen von sexuellem Missbrauch von PatientInnen einer retrospektiven Phantasie zu, wenn die Betroffenen mit größerer Sicherheit davon ausgehen, dass die Ereignisse stattgefunden haben bzw. wenn sie die Schuld dafür eher bei dem Täter suchen. Ich plädiere ausdrücklich für Aufklärung gegen derartige Positionen!

Summary: By an article of Otto Kernberg (1999), I criticize a specimen of thoughts, that searches aspects of perpetrators in the victims of violence. My criticism of Kernberg, sent to about 800 colleagues in 2000, resulted in consent (e.g. Sophie Freud), not-reaction or rejection. It hits the old sore point of psychoanalysis: the radical change of Freud in his theory in 1897, which is here understood in a new way: as a result of Freud’s family-conflict. He then didn’t belief any longer in the descriptions of his clients of experiences of violence; he thought of uncontrolled perversion germs to be the origin of psychic disorders instead. Until nowadays Freud’s theory has influence on therapeutic action: In a Delphi-study of the University of Saarbrücken (1999), 65 % of 91 interrogated experts totally or mainly attributed the descriptions of sexual abuse by their clients to a retrospective imagination, if the clients were convinced with greater assurance that the incident had occurred or if they rather attributed the guilt to the perpetrator. I explicitly plead for enlightenment against such positions!

Schlüsselwörter: Opferbeschuldigung (in der Psychotherapie) – chronische Aggression – schwere Persönlichkeitsstörung – Verführungstheorie (und deren Verwerfung) – Koryphäen (Kritik an diesen)

Keywords: blaming the victim (in psychotherapy) – chronic aggression – serious personality disorder – seduction theory (and its rejection) – celebrities (criticism of)

 

Einleitung: Worum geht’s?

Drei Fallbeispiele aus einem zehnseitigen Artikel mit der Überschrift „Trauma und Persönlichkeitsentwicklung“ (Kernberg, 1999[1]), Abdruck eines bei den Lindauer Psychotherapiewochen 1997 gehaltenen Vortrags, hatten mich schockiert: Da wird nach den Täterseiten gesucht bei den Opfern von KZ, sexuellem Missbrauch in der Therapie oder sexuellem Missbrauch in der Kindheit. Die Beispiele werden – belegt anhand ausgiebiger Zitate – referiert und kommentiert (Drei Fälle). Dann arbeite ich – gegen eine verwirrende Rhetorik – die Grundannahme heraus: Ein Trauma wie z.B. KZ-Aufenthalt, Folter, sexueller Missbrauch oder Vergewaltigung führt, nach Kernberg, nur für zwei bis drei Jahre zu gewissen Belastungen; schwere Persönlichkeitsstörungen dagegen entwickelten sich nur durch „chronische Aggression“, die im Kind selbst schon früh angelegt sein müsse. Gegen diejenigen, die dem Trauma per se das Potential für eine langwierige psychische und psychosomatische Schädigung zuerkennen (konkret wird z.B. Judith Hermann genannt), wird quasi der Vorwurf der „ideologischen Verblendung“ erhoben (Der Hintergrund). Meine spontane Reaktion auf die Lektüre des Artikels im Jahr 2000 war eine kleine Umfrage unter knapp 800 Kolleginnen und Kollegen; einige Besonderheiten dieser Rückmeldungen, konkrete Ablehnungen und Zustimmungen werden referiert, namentlich von Dr. Ulrich Bahrke, Prof. Raymond Battegay, Prof. Sophie Freud, Prof. Eckhard Giese, Dr. Mathias Hirsch, Prof. Sven Olaf Hoffmann, Prof. Jan Philipp Reemtsma, Prof. Gerd Rudolf, Prof. Wolfgang Schulz (Eine kleine Umfrage). Die – vergeblichen – Bemühungen zwischen 2004 und 2006, den Artikel innerhalb meiner lokalen Therapeutenkammer zu diskutieren, werden geschildert (Das Ringen um einen Leserbrief). Ebenfalls als vergeblich erwies sich mein Bemühen in 2006, Bernhard Trenkle, den Leiter der Milton-Erickson-Gesellschaft (MEG) Rottweil, dem ich bereits in 2000 meine Kernberg-Kritik vorgetragen und den ich in 2006 nochmals daran erinnert hatte, von einer Veranstaltung mit diesem Autor abzubringen (Otto Kernberg und die MEG Rottweil). Danach ordne ich Kernbergs Artikel in die Denktradition der Psychoanalyse ein und versuche, Freuds Verleugnung des Traumas aus seiner eigenen Familiengeschichte heraus (neu) zu verstehen (Woher kommt’s?). Dass die Verleugnung des Traumas in der Praxis bis heute eine wichtige Rolle spielt, belegt eine Befragung von 91 PsychotherapeutInnen (Delphi-Studie) aus dem Jahr 1999: Fast zwei Drittel der Befragten halten einen geschilderten sexuellen Missbrauch für eine „retrospektive Phantasie“, wenn die Betroffenen mit größerer Sicherheit davon ausgehen, dass das Ereignis real stattgefunden habe bzw. wenn sie die Schuld dafür eher bei der Täterin oder dem Täter suchen! Weniger als fünf Prozent der ExpertInnen hatten dieser Schlussfolgerung klar widersprochen (Phantasie oder Wirklichkeit?). Am Ende plädiere ich für eine engagierte Aufklärung gegen die Verleugnung und Verharmlosung von Traumata (Resümee und Ausblick)!

 

Drei Fälle

Otto F. Kernberg, langjähriger Präsidenten der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPA), hat 1997 bei den „Lindauer Psychotherapiewochen“ einige Thesen vorgetragen und 1999 publiziert, die hier einer gründlichen Betrachtung unterzogen werden sollen.

Fallbeispiel 1 (Kernberg, 1999, 9):Ich spreche hier von einem Mann, der als einziger Überlebender seiner ganzen Familie als Kind im Alter von 12 Jahren aus dem Konzentrationslager befreit wurde, in dem seine ganze Familie vor seinen Augen ermordet wurde. Welcher Mensch bliebe unberührt, wenn er sich aufgrund dieses einen Satzes für einen kurzen Moment ernsthaft in die Situation dieses Kindes hineinversetzt? Die Untersuchung dieses Patienten und seiner Familie ergab ein erschreckendes Bild eines Mannes, der ein absoluter Diktator seiner Familie war, seine Tochter in ihrer Kindheit sexuell vergewaltigt hatte, verhinderte, daß sich seine Söhne von ihm unabhängig machen konnten und seine Frau wie eine Sklavin behandelte“. Sehr gut kann ich mir vorstellen, dass sich der Horror der Verschleppung und des Lagers tief in das Seelenleben dieses Jungen eingegraben hatte, in ihm auch – vermutlich unterschwellig ablaufende – Programme problematischer Verhaltensweisen geprägt hat, dass diese Erfahrungen noch heute sein Leben überschatten und auch seine Familie in Mitleidenschaft ziehen. Kernberg schickt voraus, worin er das eigentliche Problem sieht: Der Klient müsse seinen Hass bereits ins KZ mit hineingebracht haben: „Klinisch gesehen steht also ein haßerfülltes Opfer haßvoll einem haßerfüllten sadistischen Täter gegenüber.“ Das Kind wird fast gleichlautend als „haßvoll“ bzw. „haßerfüllt“ etikettiert, wie der Täter („haßerfüllt“ und „sadistisch“)! Fast entschuldigend schickt Kernberg das „klinisch gesehen“ voraus – als gebe er seine Aussage nur widerstrebend, als Ausdruck seiner klinischen Kompetenz, von sich. Der Mann habe seine Persönlichkeitsstörung eben nicht im KZ, sondern an der Mutterbrust entwickelt! Kernbergs Resümee: „Ich übertreibe nicht, wenn ich meinen Eindruck wiedergebe, dass dieser Mann sich seiner Familie gegenüber so verhielt, als ob er der Kommandant des Konzentrationslagers sei, in dem seine ganze Familie ermordet wurde.“ Was für ein Hohn für alle, die eine solche Hölle – mit nur allzu verständlichen, schwersten seelischen Blessuren – überlebt haben!

Fallbeispiel 2 (ebd., 11): Den zweiten Fall handelt Kernberg ab im Rahmen des Kapitels: „Störungen und Gefährdungen der therapeutischen Beziehung durch typische Syndrome“. Unter der Zwischenüberschrift „Transformation eines Opfers in einen Täter“ heißt es (ich zitiere dieses Zwischenkapitel vollständig): „Ein drittes Syndrom, das auch sehr häufig vorkommt, ist die Transformation des Opfers in einen Täter. Der schwerste uns bekannte Fall ist eine Patientin mit einer antisozialen Persönlichkeit, die, nachdem ihr Vater sie sexuell mißbraucht hatte, unter den Folgen des Inzests an schweren Depressionen und Selbstmordversuchen litt und die ihren Therapeuten sexuell verführte. Sie rief ihn unter Androhung von Selbstmord zu sich nach Hause, empfing ihn im Negligé und gab ihm zu verstehen, daß nur er sie retten könne - ein junger Psychiater in Ausbildung mit schweren narzißtischen Problemen. Sie schrieb ein Tagebuch, beging Selbstmord, sandte zuvor das Tagebuch mit einer genauen Beschreibung des sexuellen Verkehrs mit ihrem männlichen Therapeuten ihrer homosexuellen Freundin, die ein Gerichtsverfahren gegen den Therapeuten und gegen unser Spital einleitete. Wir sehen hier, wie die Patientin noch im Tode Opfer und Täter zugleich wurde. Ein tragischer Fall, der aber nicht so außerordentlich oder ungewöhnlich ist, wie man erwarten würde. Wir sehen hier eine leichtere Ausprägung der Problematik der zuvor geschilderten Patientin, die ohne Slip kam und in Wut geriet, weil ich mich als ihr Therapeut weigerte, mit ihr eine sexuelle Beziehung aufzunehmen.“ Bereits in der Überschrift wird die Patientin zum „Täter“ erklärt. Mit dem Hinweis, es handle sich um den „schwerste[n] uns bekannte[n] Fall“, wird die Betroffene massiv pathologisiert. Nur ein paar Zeilen weiter wird diesem „Fall“ dagegen – im völligen Widerspruch – attestiert, er sei „nicht so außerordentlich oder ungewöhnlich ..., wie man erwarten würde“ – was auch immer Kernberg in solchen Fällen „erwarten“ mag. Indem der Patientin bescheinigt wird, dass sie eine „antisoziale Persönlichkeit“ sei, und dass sie ihren Therapeuten „verführte“, wird ihr quasi die maßgebliche Verantwortung zugeschoben. Der Therapeut ist indirekt bereits zum „Opfer“ des „Täter[s]“ erklärt. Verstärkt durch den Hinweis, dass er sich noch „in Ausbildung“ befunden und an „schweren narzißtischen Problemen“ gelitten habe, wird an Mitleid und Verständnis ihm gegenüber appelliert. Dagegen wird die Freundin, die die tödliche Therapie nicht klaglos hingenommen, sondern gegen Klinik und Therapeuten ein Gerichtsverfahren angestrebt hatte, in eindeutig diskreditierender Absicht als „homosexuell“ gebrandmarkt. So wird eine völlig verfehlte „Psychotherapie“ dem Opfer selbst angelastet. Kernberg bereitet damit einer solchen Opferbeschuldigung den argumentativen Boden, anstatt die kritische Reflexion von Therapeutenfehlern zu fördern!

Fallbeispiel 3 (ebd., 13): Eine Frau ist im Alter von weniger als 10 Jahren von ihrem Vater, einer „antisozialen Persönlichkeit“, sexuell missbraucht worden. „Sie hatte in typischer Weise das Verhalten des Vaters in vielfältiger Art erlebt, als brutalen Eingriff und Verletzung ihrer physischen Identität, als verwirrenden Einbruch und Zerstörung der liebevollen Beziehung zu beiden Eltern, als zerstörenden Einfluß auf die Entwicklung ihres moralischen Gewissens und als einen sexuell erregenden Triumph über ihre Mutter.“ Der sexuelle Missbrauch wird hier sehr pauschal und unklar abgehandelt. Muss er denn tatsächlich vom Kind „in typischer Weise“ erlebt werden als „verwirrender Einbruch und Zerstörung der liebevollen Beziehung zu beiden Eltern“? Besteht nicht in solchen Fällen häufig schon zuvor eine starke Beeinträchtigung der Eltern-Kind Beziehung? Und weshalb sollte zwangsläufig die Beziehung zu beiden Eltern darunter leiden? Schließlich: Warum sollte sich die von außen kommende Gewalt „als zerstörender Einfluß auf die Entwicklung des moralischen Gewissens“ beim Kind auswirken? Geradezu skandalös empfinde ich aber, dass Kernberg das Geschehen gar nicht ernsthaft in seiner Wirkung als „brutaler Eingriff“ zu erfassen versucht, sondern das wesentliche Problem offenbar darin sieht, dass das Mädchen den sexuellen Missbrauch „in typischer Weise ... als einen sexuell erregenden Triumph über ihre Mutter“ erlebt habe! „Dieses letztere Element war natürlich vollkommen unbewußt und mit schweren Schuldgefühlen verbunden, die in ihrer masochistischen Persönlichkeit zum Ausdruck kamen und sie sich so ihr ganzes Leben wegen dieser ödipalen Schuld opfern ließ. Von dem Moment an, als sie sich nicht mehr als Opfer sehen mußte, konnte sie sich auch mit ihrer eigenen sexuellen Erregung in diesem unbewußten und jetzt bewußten Sieg über die ödipale Mutter zurechtfinden und ihre Schuld tolerieren.“ Kernberg berichtet, die Frau sei die Geliebte eines Bandenführers gewesen, der sie seinen Freunden „sozusagen als Geschenk“ angeboten hatte. Dass die Frau den sexuellen Verkehr mit diesen Männern über sich ergehen ließ, wird nicht etwa so verstanden, dass sie schon früh daran gewöhnt worden war, derartige Grenzverletzungen zu ertragen. Vielmehr deutet Kernberg, dass die Patientin zum Ausdruck bringe, dass sie Sühne leisten müsse dafür, als Kind den „sexuell erregenden Triumph über ihre Mutter“ gefeiert zu haben („ödipale Schuld“)! Sie müsse „ihre Schuld tolerieren“ (!) – erst dadurch finde sie Heilung. Die suggestive Behauptung, dass dieser „Triumph natürlich vollkommen unbewußt“ abgelaufen sei, soll dabei offenbar jeden Einwand gegen das beharrliche Festhalten an dieser abstrusen und entwertenden Deutung aushebeln.

 

Der Hintergrund

Wie ist es möglich, dass ein großes Auditorium von Fachleuten sich in aller Ruhe solche Ausführungen anhört? Warum wird dieser Text, publiziert in einer Fachzeitschrift (von Kernberg mit herausgegeben), beharrlich beschwiegen, selbst wenn ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht wird? Womöglich, weil Kernberg seine Thesen mit einer stark suggestiven Rhetorik vorträgt. Dies sei im Einzelnen ein wenig näher beleuchtet. Die jeweiligen Kapitelüberschriften entstammen dem Original (in Klammern die Seitenangaben).

„Trauma, chronische Aggression und Persönlichkeitsstörung“ (5-6): Gleich zu Beginn seines Artikels trifft Kernberg einige Unterscheidungen: „Erstens muß man unterscheiden zwischen dem Syndrom der posttraumatischen Belastungsstörung und dem Trauma als ätiologischer Faktor von Persönlichkeitsstörungen.“ Beim oberflächlichen Lesen war ich geneigt, Kernbergs Forderung nach Unterscheidung zwischen „Syndrom“ und „ätiologische[m] Faktor“ zuzustimmen. Aber bei genauerem Lesen dachte ich: Selbstverständlich kann ein „Trauma“ – vermittelt über eine dadurch ausgelöste posttraumatische Belastungsstörung – die Persönlichkeit prägen, und somit als „ätiologischer Faktor“ einer Persönlichkeitsstörung aufgefasst werden! Warum wartet Kernberg gleich am Anfang mit so einer fragwürdigen Unterscheidung auf? Wir werden es erst weiter unten verstehen.

Und während man noch an dieser verwirrenden Phrase herumkaut, gibt schon der folgende Abschnitt zu denken: „Zweitens ist es wichtig, zwischen Trauma und chronischer Aggression zu differenzieren. ... Chro­nische Aggressionen sind für die Entstehung von Persönlichkeitsstörungen ein wichtiges ätiologisches Element, und wir [[2]] denken dabei zum einen an die ange­borenen Fähigkeiten oder Dispositionen zur Entstehung von Wut als einem Grundaffekt und an die abgeleiteten aggressiven Affekte wie Haß und Neid, andererseits an die Folgen schmerzlicher Erlebnisse und schwerer Krankheiten im ersten Lebensjahr, weiterhin an die Auswirkungen von chronisch‑aggressivem mißhandeln­den Verhalten von Müttern oder beiden Eltern, weiter­hin an physischen und sexuellen Mißbrauch.

Kernberg denkt also bei „chronischer Aggression

1.    an angeborene Verhaltensprogramme von Säuglingen,

2.    an die „Folgen“ von „schmerzliche[n] Erlebnisse und schwere[n] Krankheiten“ bei Kleinkindern,

3.    an die „Auswirkungenvon chronisch‑aggressivem mißhandeln­den Verhalten von ... Eltern“ auf deren Kinder und

4.    (streng nach der Satzlogik) an „physischen und sexuellen Missbrauch“ selbst. (Kernberg mag hier den „Missbrauch“ eher als Pendant zum „misshandelnden Verhalten“, also als Auslöser der „chronischen Aggression“, gemeint haben, aber wer weiß?)

Drei Sätze weiter spricht Kernberg von Situationen, in denen „das Kleinkind chronisch Aggressionen ausgesetzt ist“. Kernberg jongliert hier also mit Begriffen: Mühelos gleitet er vom adjektivischen Gebrauch des „chronisch“ („chronische Aggression“) zum adverbialen über („chronisch Aggressionen ausgesetzt“), ordnet die „chronische Aggression“ mal den Kleinkindern, mal den sie misshandelnden Erwachsenen zu, lässt in seinem verwirrendem Satzbau als „chronische Aggression“ den „physischen und sexuellen Missbrauch“ selbst erscheinen, meint ihn jedoch womöglich eher als deren Ursache. Wir werden also nie wissen, was Kernberg genau mit „chronischer Aggression“ meint. Obwohl es ihm selbst gerade (angeblich) noch so wichtig war, eine „Unterscheidung“ zu treffen zwischen „Trauma“ und „chronischer Aggression“, da verwischt er nun selbst – auf seine Weise – ganz massiv diese Begriffe!

Auch der nächste Satz ist wieder etwas für Rätselfreunde: „Alles [Misshandlung, Krankheit u.s.w.; K.S.] sind Beispiele für intensive schmerzhafte Erlebnisse, die eine reaktive Aggression auslösen und somit insgesamt das Vorherrschen primitiver Aggressivität als den ätio­logischen Faktor [Herv. i. Orig.] in der Entwicklung von schweren Persönlichkeitsstörungen darstellen.“ Was habe ich mir vorzustellen unter „Beispiele[n] für intensive schmerzhafte Erlebnisse, … [die] das Vorherrschen primitiver Aggressivität ... darstellen“? Rate ich richtig, der Autor wolle mit diesem – erneut verwirrenden – Satz sagen, dass „das Vorherrschen primitiver Aggressivität … den ätio­logischen Faktor in der Entwicklung von schweren Persönlichkeitsstörungen darstell[t]“, und diese „primitive Aggressivität“ „reaktiv[.]“ auf schmerzhafte Erlebnisse (wie Krankheiten oder Misshandlungen) entsteht, sich dann aber verselbständigt und zu schweren Persönlichkeitsstörungen führt? Wer weiß?

Ausgerechnet dieser Autor beklagt im nächsten Abschnitt nun die Begriffsverwirrung bei seinen Widersachern: „Die Verwi­schung von Trauma und chronischer Aggression als ätiologischem Element findet sich typisch in der Traumaliteratur, in den Tendenzen vieler Autoren der Traumadiagnostik, die vom Trauma ausgehend auf das Konzept des komplexen Traumas und des chronischen Traumas gekommen sind ....“ Ohne, dass Kernberg einen einzigen Satz der von ihm attackierten AutorInnen zitiert, unterstellt er ihnen eine „Verwischung“ von Begriffen. Handelt es sich hier womöglich um projektive Identifikation?

„Traumakonzepte“ (6): Nach dieser verwirrenden Einführung heißt es: „Bei der Frage, ob Trauma noch ein hilfreiches Konzept ist, gilt es zu berücksichtigen, daß es in den Vereinigten Staaten zwei Richtungen gibt: Während die Vertreter der einen Schulrichtung das Konzept des komplexen oder chronischen Traumas als hilfreich ansehen, wird diese Ansicht von den Vertretern der anderen Schuhrichtung absolut verneint. Nach Ansicht der Befürworter wird dieses Konzept der Anerkennung und dem Respekt der Überlebenden schwerer Traumen gerecht, begegnet Tendenzen, die Opfer selbst zu beschuldigen und einer Verleugnung häuslicher familiärer und sozialer Gewalt, also insgesamt eine Verleug­nung traumatischer Ursachen. Mit dieser Verallgemei­nerung des Traumakonzeptes in der Traumaliteratur verbinden sich einerseits Respekt und Anerkennung gegenüber den Opfern und Überlebenden schwerer Traumatisierung sowie die Zurückhaltung, die Opfer zu belasten, andererseits aber auch eine Kritik der Verleugnung der traumatischen Ursachen.

Diese Einstellung, die ich direkt aus einem Buch von Judith Hermann (1992), einer führenden Expertin in der Traumaliteratur, entnehme, wird von anderen als zu sehr ideologisch begründet angesehen, da sie die spezifi­schen und unterschiedlichen psychopathologischen Folgeerscheinungen der verschiedenen Krankheiten, der zehn ‚Plagen’[[3]], die ich Ihnen nannte, unterschätzt, auch in bezug auf die unterschiedlichen Behandlungs­möglichkeiten für Patienten, die an den Folgen chroni­scher Aggression leiden. Die Gegner dieser Vermi­schung von ideologischen Einstellungen und behand­lungstechnischen Konzepten vertreten die Position, daß diese Verknüpfung auch verhindert, adäquate Behand­lungsmethoden für diese Patienten einzusetzen (Kernberg 1994). Ich schließe mich dieser Position an, da ich meine, daß es aus klinischer und therapeutischer Sicht hilfreich ist, die posttraumatische Neurose als sol­che von den psychopathologischen Folgen langwieriger Aggressionen zu unterscheiden.

Diese Abschnitte enthalten wieder etliche Besonderheiten: Wir bekommen vermittelt, dass in Frage steht, „ob Trauma noch ein hilfreiches Konzept“ sei. Und ich frage sofort: Hilfreich wofür genau? Zum Gurgeln? Fußballspielen? Verständnis der Welt? Verständnis psychischer Störungen? Nebenbei suggeriert das „noch“, dass das Konzept schon längst veraltet ist. Jedenfalls werden wir aufgeklärt, dass es „in den Vereinigten Staaten zwei Richtungen gibt“: Die Vertreter der einen Richtung „[sehen] das Konzept des komplexen oder chronischen Traumas als hilfreich an[...]“; „diese Ansicht [wird] von den Vertretern der anderen Richtung absolut verneint.“ An der letzteren Gruppe von Fachleuten müssen also die Erkenntnisse der neueren Traumaforschung so gut wie vollkommen vorbei gegangen sein!

Als Vertreterin der ersten Richtung macht Otto Kernberg Judith Hermann (1992) aus. Ihre „Einstellung“, nämlich „Respekt und Anerkennung gegenüber den Opfern und Überlebenden schwerer Traumatisierung sowie [...] Zurückhaltung, die Opfer zu belasten, andererseits aber auch eine Kritik der Verleugnung der traumatischen Ursachen“ zu zeigen, werde „von anderen als zu sehr ideologisch begründet angesehen“. Ihre Sicht sei ideologieträchtig, weil von ihr „die spezifi­schen und unterschiedlichen psychopathologischen Folgeerscheinungen der verschiedenen Krankheiten, der zehn ‚Plagen’, die ich Ihnen nannte, unterschätzt“ würden. Auch hier frage ich sofort: Inwiefern genau werden die „psychopathologischen Folgeerscheinungen“ „unterschätzt“? In ihrer Länge, Kürze, Höhe, Tiefe oder Breite? In ihrer Schwere oder Leichtigkeit? In ihrer Therapierbarkeit oder Nicht-Therapierbarkeit? Und darüber hinaus würden ebenso „unterschätzt“: „die unterschiedlichen Behandlungs­möglichkeiten für Patienten, die an den Folgen chroni­scher Aggression leiden“. Unterschätzt im Hinblick worauf? Auf Dauer, Anzahl, Kosten, Effektivität, ...?

HypnotherapeutInnen versuchen, durch möglichst vage und verwickelte Formulierungen die zu Hypnotisierenden zum Aufgeben des rationalen Denkens zu zwingen, den Verstand quasi durch das Herumrätseln an offenen Fragen zu beschäftigen, damit in der Zwischenzeit die Tore zum „Unterbewussten“ für die Suggestionen weit geöffnet sind. Genau diese Absicht vermute ich bei der verwirrenden Rhetorik von Otto Kernberg.

Einen dieser Suggestionsversuche sehe ich hier: „Die Gegner dieser Vermi­schung von ideologischen Einstellungen und behand­lungstechnischen Konzepten vertreten die Position, daß ...“. En passant bemüht Kernberg sich zu suggerieren, seine Widersacher vermischten „behand­lungs­tech­ni­sche[.] Konzepte[.]“ mit „ideologischen Einstellungen“!

Unterschwellig ahnen wir an dieser Stelle: Es gibt die Guten und die Bösen. Die Bösen sehen das „Konzept des ... Traumas [noch?] als hilfreich an“. Ihre Einstellung ist „ideologisch begründet“. Von den Guten wird dagegen die Ansicht der wichtigen Bedeutung des Traumas „absolut verneint“. Sie sind auch strikte „Gegner dieser Vermi­schung von ideologischen Einstellungen und behand­lungstechnischen Konzepten“. Denn diese „Vermischung“ oder „Verknüpfung ... verhindert, adäquate Behand­lungsmethoden für diese Patienten einzusetzen“. Da wir ja – um Himmels Willen! – nicht verantworten können, auf den Einsatz von „adäquaten Behandlungsmethoden“ zu verzichten, ist es klar, welchem Lager wir uns anzuschließen haben. Otto Kernberg weist uns den Weg: „Ich schließe mich dieser [guten] Position an“. Und seine Begründung: Es sei „aus klinischer und therapeutischer Sicht hilfreich [...], die posttraumatische Neurose als sol­che von den psychopathologischen Folgen langwieriger Aggressionen zu unterscheiden.“ Auch hier wieder eine Herausforderung für jeden Rate-Fuchs: Was genau sind die „psychopathologischen Folgen langwieriger Aggressionen“? Sind es psychische Störungen, die entstehen, wenn man „langwierige[n] Aggressionen“ ausgesetzt war? Oder sind es psychische Störungen, die entstehen, wenn man „langwierige[.] Aggressionen“ praktiziert und umgesetzt hat? Oder ist es egal, das eine oder das andere zu meinen?

„Zum Posttraumatischen Stresssyndrom“ (6): Erst jetzt, nachdem Kernberg bezüglich der „chronischen Aggression“ ausreichend Verwirrung gestiftet und schon einmal vorab massiv für die Position derjenigen geworben hat, die die Frage „ob Trauma noch ein hilfreiches Konzept“ seiabsolut vernein[en]“, geht er ein wenig mehr auf das „posttraumatische Stresssyndrom“ ein. Er wolle darauf sowieso „hier nur kurz ein­gehen“: „Dieses akute Erschei­nungsbild tritt in ähnlicher Form auf als Folge schwerer Traumen durch Konzentrationslager, Krieg, Unfälle, Vergewaltigung, Geiselnahme, Terror, politischen Terror, Folter und anderer Formen schwerer körperli­cher und sexueller Mißhandlung, besonders in der frühen Kindheit und in den ersten 10 bis 15 Lebens­jahren. Die klinischen Charakteristika [Herv. i. Orig.] dieses Syndroms, das 2 bis 3 Jahre lang anhalten kann, sind ... [4].“ Hier merken wir erstmals in aller Deutlichkeit, was für Kernberg den wesentlichen Aspekt des „posttraumatischen Stresssyndroms“ ausmacht: An sich bereitet das Trauma „2 bis 3 Jahre lang“ ein paar Problemchen, die sich dann aber – meist wohl ganz von selbst – vollkommen auflösen! Von diesen – relativ harmlosen, mit 2-3 Jahren doch eher erträglich gehaltenen – Traumafolgen sind aber die „typischen Persönlichkeitsstörungen“ zu unterscheiden: „Schwere Traumen können somit langwierige Psychopathologische Folgen haben, die aber von typischen Persönlichkeitsstörungen zu unter­scheiden sind.“ Persönlichkeitsstörungen müssen also auf andere Art und Weise entstanden sein – nach Kernberg bereits in einem sehr frühen Alter!

Diese Nachricht könnte man ja nun begrüßen: Normale und gesunde Kinder brauchen sich über die psychischen und psychosomatischen Folgen von physischem oder sexuellem Missbrauch nicht so sehr zu grausen! Auch gesunde Erwachsene können einem KZ-Aufenthalt, einer Geiselnahme, ihrer Folterung oder Vergewaltigung relativ gelassen entgegensehen! In zwei bis drei Jahren sind alle Folgeschäden überstanden! Aber wehe denjenigen, die als Säuglinge ihre orale Gier und ihren oralen Neid nicht beherrschen und zügeln konnten! Sie brechen dann leicht bei einem an sich recht harmlosen KZ-Aufenthalt, bei leichter Folter, fortgesetzter Misshandlung oder sexuellem Missbrauch in „chronische Aggression“ aus, was ihnen dann die Strafe einer schweren Persönlichkeitsstörung beschert!

Und wir können hier sehen, wie gnadenlos Herr Kernberg die grausame Realität des Traumas ausblendet und sich statt dessen ganz auf „chronische Aggression“ bei Säuglingen und Kleinkindern fixiert. Und wir können begreifen, dass die eingangs zitierten Fallgeschichten geradezu zwangsläufig das Resultat dieser Haltung sind. Und wir müssen uns vielleicht nicht mehr wundern, dass Kernberg das „Mitleid“ mit den Opfern als „Aggression“ wertet und deshalb verpönt (ebd., 14), und dass er empfiehlt (ebd.), die Fragen von PatientInnen: „Glauben sie mir nicht? Sind Sie nicht meiner Meinung? War das nicht entsetzlich?“ frostig zu beantworten mit: „Warum brauchen Sie meine Meinung, anstatt eine eigene zu haben?

Immerhin konstatiert Kernberg noch keck: „Es ist interessant, daß durch Wiedererinnern im Verlauf einer Behandlung, zum Beispiel an das verdrängte Erleben an körperliche oder sexuelle Gewalt, ein akutes posttraumatisches Streßsyndrom auftreten kann, das genau die gleichen typischen Charakteristika aufweist“ – als wäre er nicht in der Lage, seine Beobachtung in der Therapie auf das Alltagsleben der Betroffenen zu übertragen, in dem Tag für Tag Tausende von bildhaften Eindrücken, Begriffen, Namen, Klängen, Körpergefühlen, Gerüchen, Geschmackseindrücken, Gedanken, Erinnerungen, Träumen und vieles mehr sie – oft noch nach Jahrzehnten – mit aller Macht in die Schrecken der Vergangenheit zurückreißen können!

 

Versuch einer kleinen Umfrage

In frühen Publikationen (1996, 1997a) hatte ich bereits Opferbeschuldigungen attackiert, die in drei Werken Kernbergs klar zutage treten. Von mir direkt angesprochene Kolleginnen und Kollegen reagierten jedoch i.d.R. mit großer Zurückhaltung auf meine Kernberg-Kritik. Ich hatte den Eindruck, dass man sich nicht so recht traute, diese „Koryphäe“ zu kritisieren.

Nach der Lektüre von Kernbergs „Lindauer Thesen“ machte ich mich spontan daran, in einem 11-seitigen Papier (2000) ausgiebig aus dem Artikel zu zitieren und ihn zu kommentieren. Dabei nannte ich zunächst nicht den Namen des Autors. Vor allem per Internet schickte ich das Schreiben zwischen dem 4. und dem 10. September 2000 an ca. 560 mir zumeist unbekannte Adressaten (per Suchmaschine aus dem Internet gefischt), mit der Bitte um Rückmeldung. Im Anschreiben verwies ich kurz auf die drei auch hier zitierten Fallbeispiele, und fragte: „Teilen Sie meine Einstellung, daß einem solchen Konzept ausdrücklich und vehement widersprochen werden muß? ... Sie sind eingeladen, meine Analyse kritisch durchzulesen und mir eine Rückmeldung zu geben. Sobald mir ca. 30-40 Antworten vorliegen, möchte ich den Text mitsamt Auszügen aus Ihren Kommentaren der Zeitschrift zur Veröffentlichung anbieten, die den in Frage stehenden Artikel abgedruckt hat, oder eine andere Form der Publikation suchen. Sie können dabei festlegen, ob Sie eine namentliche Nennung Ihrer Person ausschließen wollen. Sie würden von mir direkt über das Ergebnis der ‚Aktion’ in Kenntnis gesetzt. Bitte haben Sie Verständnis, wenn ich die genaue bibliographische Angabe zu dem kritisierten Artikel erst nachreiche, wenn mir einige Rückmeldungen vorliegen. Es liegt selbstverständlich in meinem Interesse, daß auf die genaue Fundstelle aufmerksam gemacht wird. In Diskussionen mit KollegInnen habe ich jedoch schon wiederholt die Erfahrung gemacht, daß die Nennung von bestimmten Namen eine unbefangene Stellungnahme erschweren kann.

Auf diese Email bekam ich Rückmeldung von 49 Personen (8,7 %), die ihre Antwort teilweise auf die Kritik beschränkten, dass ich nicht auch die zitierte Quelle genannt hatte. Manchmal wurde immerhin noch kurz ein Befremden über die kritisierten Passagen geäußert. In aller Regel verstummten die Antwortenden jedoch, wenn ich Kernberg als Urheber des Textes benannte. Wegen der häufigen Kritik am Fehlen der bibliografischen Information hatte ich in weiteren 208 Emails die Quelle direkt angegeben. Dieses Anschreiben führte zu 6 Rückläufen (2,9 %). (Später kamen noch einige sehr gezielte Anfragen bei einigen Prominenten hinzu.) Die Bereitschaft, auf die Kritik von Kernbergs Artikel zu reagieren, sank also offenbar, wenn die KollegInnen seinen Namen vor Augen hatten. Sofern reagiert wurde, fand meine Kritik teilweise Zustimmung, teilweise jedoch auch deutliche Ablehnung. Sämtliche Kommentare, u.a. von einigen Professoren, sind – mitsamt meinen teilweise gegebenen Antworten – auf meiner Webseite nachzulesen (Schlagmann, Web 2).

Eine Auswahl interessanter Antworten ist hier veröffentlicht. Nicht ausdrücklich freigegebene Reaktionen zitiere ich hier, ohne ihre Identifikation möglich zu machen. Die Originalbriefe bzw. eine Mail haben der Redaktion der ZPPM vorgelegen, die damit Gewähr bietet für die korrekte Angabe von Zitat und akademischem Grad von dessen AutorIn.

Zunächst einige mehr oder weniger deutliche Ablehnungen meiner Position:

Dr. med. Ulrich Bahrke (Halle): „Ich finde, daß Sie ihm [Kernberg] in der Art der Zitierung und Interpretation nicht gerecht werden. Kernberg schreibt bewußt aus einer klinischen Perspektive, nicht aus einer allgemein‑menschlichen. Ich kann sowohl Ihre Empörung nicht teilen und empfinde auch Ihre Zitierweise tendenziös und unfair. Darüber hinaus habe ich eine grundsätzlichere Kritik. Sie stellen das Trauma‑Modell dem Trieb‑Modell gegenüber ‑ eine Dualität, die es vor 100 Jahren gegeben haben mag, die aber der heutigen Psychoanalyse in keinster Weise gerecht wird. Ich möchte nur auf den Übersichtsartikel von Bohleber in der „Psyche“ Ende letzten Jahres verweisen. Worauf dieser allerdings im Gegensatz zu Kernberg entschieden hinweist ist die Anerkennung des realen Traumas vor der therapeutischen Bearbeitung dessen, was dieses Trauma mit der intrapsychischen Realität gemacht hat. Dies ist mir bei Kernberg nicht eindeutig genug herausgestellt, wenngleich – ein Anhänger des Triebmodells ist er nun wirklich nicht. (Wer sollte das denn überhaupt noch sein?)

Prof. Dr. Eckhard Giese (Erfurt): „Ich kann mich, kurz gesagt, mit Ihrer Sichtweise nicht recht anfreunden, jedenfalls, was die Person und den Autor Kernberg und den beigelegten Text von ihm betrifft. Es ist ja durchaus als Gefahr in dem Ansatz der Psychoanalyse angelegt, dass eine zumindest innere Beteiligung des Opfers an einem Gewaltakt untersucht wird und, dieses, aber da wird es in meinen Augen schon unfachlich, gar mit verantwortlich gemacht werden mag. Wenn in diesem Sinne etwa einem Vergewaltigungsopfer 1: 1 unterstellt werden würde, sie sei „selber Schuld“, dann ist das natürlich hahnebüchen – aber so etwas würde Kemberg auch, wie ich ihn verstehe, nie tun. Deswegen ist die Person des Opfers aber nicht unhinterfragt gut bzw. ihre Motive außen vorzulassen, sondern sie gehören durchaus zum Verständnis der Situation. Es ist doch alles Psychologie, es geht um Verstrickungen zwischen Personen, nicht nur auf der Ebene des Faktischen, sondern auch der Projektion, Fantasien. Sind nicht auch Ihnen Fälle, wie der von Kernberg geschilderte, geläufig, in denen Menschen, die in ihrer Kindheit gequält und zurückgesetzt wurden, als Erwachsene tatsächlich brutale Aggressoren wurden? Mir scheint nicht, dass Kernberg Täter, Psychopathen, Gewaltverbrecher ... exkulpieren möchte. (Ich habe gerade ein ausgezeichnetes Video über das Leben des Sexualverbrechers Jürgen Bartsch gesehen, dessen schauriger Lebenslauf von einer Studentin empathisch veranschaulicht wurde. Hier ist es eher die menschliche Umgebung des Täters, die denkbar schlecht wegkommt ...) Sie können diesen Zeilen gern entnehmen, dass ich kein Psychoanalyse‑Experte bin. Es könnte sein, so mein Eindruck, dass Sie einem durchaus systematisch gegebenen Risiko der psychoanalytischen Theoriebildung auf der Spur sind, sich aber in der Person und bezüglich der Ausführung von Otto Kernberg irren ...

Dr. med. Mathias Hirsch (Düsseldorf): „Ich kannte den Aufsatz von Kernberg in der Vortragsfassung (Lindau 1997) und habe ihn jetzt noch einmal gelesen. Ich verstehe Kernberg ganz anders als Sie. Als Freudianer und zum Teil Kleinianer hatte er lange den Trieb und sogar die Heredität als Ursprung der Entwicklung von Persönlichkeitsstörungen gesehen und hat eine große Begabung, in das Chaos der Borderline­Störungen System hineinzubringen. Das hat ja auch seinen Ruhm begründet. Was er jetzt ver­sucht – immerhin – ist, die traumatisierenden Umwelteinflüsse sowohl familiärer als auch ak­zidenteller Art einzubeziehen. Daher ist er manchmal unentschlossen und inkonsequent.

Aber das werfen Sie ihm ja gar nicht vor. Das Hauptmissverständnis scheint mir an einer un­geklärten Definition des Begriffs ‚identifizieren’ zu liegen. Kernberg meint doch nicht, dass man den KZ‑Wächter gut finden und sein Handeln akzeptieren muss, sondern meint es eher (und seine mangelnde Übung der deutschen Sprache wird ein übriges tun) so, dass der Patient den Therapeuten mit dem Täter identifiziert, es geht also um Übertragung und Projektion.

Die anderen Bereiche: Kennen Sie denn nicht die Identfikation mit dem Aggressor, die im Zusammenhang mit Traumatisierung regelmäßig auftritt, wie es Ferenczi (1933) zuerst so genial beschrieben hat. Das macht auch das Tragische aus, dass das Opfer sich mit dem Täter identifiziert und so weiter Opfer bleibt, von schweren Schuldgefühlen geplagt, die es dem Täter sozusagen abgenommen hat. Meine Position finden Sie in beiliegendem Sonderdruck, der sozusagen eine Kurzfassung meines ausführliches Buches Schuld und Schuldgefühl. Zur Psychodynamik von Trauma und Introjekt. Vandenhoeck & Ruprecht, 1997 darstellt.

Wie ich es sehe, werden wir uns wohl kaum einigen können.

Prof. Dr. med. Gerd Rudolf (Heidelberg): „Beim Lesen von Artikeln oder Fallgeschichten, welche sich mit dem Thema der Gewalt, des Missbrauchs der Täter- oder Opferschaft befassen, fällt mir immer wieder auf, dass die Verfasser in heftige Affekte hineingerissen werden, die sie wahrscheinlich außerhalb der Beschäftigung mit diesem Thema nicht erleben. Ich vermute, es gehört auch nicht zu Ihren üblichen Phantasien, Brandbomben in Schreibstuben zu werfen  (S. 7) [Bezug auf mein Papier „Weisheit oder Wahnsinn?“, 2000; K.S.]. Offenbar kann man sich mit einer solchen Thematik nicht ernsthaft auseinandersetzen, ohne rasch selbst in die Dialektik von Täter und Opfer hineingezogen zu werden.

Die von Kernberg angesprochene Psychodynamik, dass eine der unbewussten Bewältigungsmöglichkeiten von Opfern immer auch darin liegt, sich mit der Täterseite zu identifizieren, gehört zum einigermaßen gesicherten psychotherapeutischen Wissen. Es hilft z.B. zu verstehen, wie sich die Täter-Opfer-Dynamik über Generationen hinweg oder durch die Interaktionen hindurch immer weiter fortpflanzt. Auch für Psychotherapeuten scheint es mir unerlässlich, dass er sowohl der Täter- wie der Opferseite begegnet (ohne sich, wie Sie befürchten, mit der einen oder anderen Seite voll zu identifizieren).

Aus Ihrer Empörung klingt für meine Ohren eine eher – wenn Sie mir bitte das nicht übel nehmen wollen – naiv-gutgläubige Position heraus: ‚Die Täter sind die Täter, die Opfer sind die Opfer, und wir Psychotherapeuten stehen natürlich als Helfer ganz auf seiten der Opfer.’ Da scheint mir die Welt doch etwas zu eindeutig in gut und böse, schwarz und weiß aufgeteilt. Ich habe Psychotherapeuten mit solchen Einstellungen kennengelernt und bei manchen den Eindruck gewonnen, dass sie in ihrer kämpferischen Loyalität mit den Opfern eigentlich dazu beitragen, diesen Opferstatus (mit allen daran hängenden Wiedergutmachungshoffnungen) zu verfestigen, anstatt therapeutisch Bewältigungsmöglichkeiten und Neuorientierungen zu eröffnen.

Mich persönlich spricht der Artikel des erwähnten Autors nicht besonders an, ich könnte Ihre Vermutung teilen, daß darin Persönliches anklingt. Was jedoch die Empörung betrifft, so vermute ich, daß sie aus der fehlenden Kenntnis psychodynamischer Konzepte resultiert, welche sich mit unbewussten intrapsychischen Konflikten und unbewussten intrapsychischen Bewältigungsstrategien beschäftigen, die in der vorliegenden Darstellung möglicherweise etwas zu konkretistisch imponieren, von manchen Lesern als bewusste Einstellungen mißverstanden werden und daher Widerspruch auslösen.

Prof. Dr. Jan Philipp Reemtsma:ich glaube, daß es auf die Kontexte ankommt. Aussagen wie die von Ihnen referierten können durchaus zutreffend sein. Unvorsichtig und kontextfrei gehandhabt wirken sie in der Regel diffamierend. Das von Ihnen erwähnte Therapiekonzept wirkt so natürlich arg krude, aber für den Fall einer vorliegenden unbewußten Identifikation mit dem Aggressor muß diese natürlich, um bewußt gemacht und überwunden zu werden, auch durchlebt werden. Es kommt immer auf den Einzelfall an. Der Fehler liegt in den generalisierenden Aussagen. Ich möchte mich zu Ihrem Artikel nicht äußern, weil ich den ursprünglichen Artikel nicht kenne und darum nicht weiß, ob Sie ihn etwa mit dem Satz, er behaupte, ein vergewaltigtes Kind habe an der Vergewaltigung ‚Spaß gehabt’, nicht falsch paraphrasieren.

Und in einem weiteren Brief: „anders als Sie respektiere ich die Psychoanalyse, wenn auch aus kritischer Distanz. Wie jede andere Therapieform auch ist sie für manche Menschen von großem Nutzen (ich kenne solche), für andere nicht. Außerdem gibt es gute und schlechte Analytiker. Nach meinem Verständnis verzerren Sie Kernbergs Aussagen, wenn Sie sagen, hier würden Opfer zu Tätern gemacht. Sie laden auch Begriffe normativ auf, die es in ihren Kontexten nicht sind. Dennoch würde mich die Endfassung Ihres Aufsatzes natürlich interessieren.

Prof. A: „auch ich bin nach Ihrer Mail sehr besorgt – allerdings nicht über Herrn Kernberg, sondern über Sie, der Sie – völlig aus dem Zusammenhang gerissen – offensichtlich wenig von Täter-Opfer-Dynamiken verstehen. Ich kann das an dieser Stelle nicht näher ausführen, weil es völlig den Rahmen einer mail sprengen würde, bin aber auch erschrocken über so viel Oberflächlichkeit“.

Häufiger hatten die Angesprochenen sich bemüht, sich heraus zu halten bzw. nicht zu reagieren, selbst bei teilweiser Zustimmung:

Prof. Dr. med. NR: „Sie sprechen ein wichtiges Thema an. Ihre Beispiele zeigen, daß wir immer wieder Gefahr laufen, allzu nachlässig mit unserer klinischen Sprache umzugehen. Leider erlaubt mir mein Zeitbudget nicht, Ihre Anregung aufzunehmen und mich an Ihrer Aktion zu beteiligen. Ich bitte um Verständnis.“ [Der Angeschriebene wusste nicht, dass die Zitate aus Kernbergs Feder stammten. Nach Aufklärung über den Urheber des Textes erfolgte keine weitere Reaktion.]

Aber es gab auch eindeutige positive Reaktionen:

Prof. Raymond Battegay (Basel): „Natürlich bin auch ich der Ansicht, dass der von Ihnen zitierte Kollege psychoanalytisch nicht belegbare Theorien verwendet, die zweifellos die Problematik der betreffenden Patienten verfehlt. Zwar kennen wir seit Freud das psychologische Phänomen der Identifikation mit dem Feind. Diese richtet sich aber immer (unbewusst) gegen die eigene Person.

Was Ihre Beurteilung des ‚Therapeuten’ anbetrifft, bin ich der Ansicht, dass Sie davon Abstand nehmen sollten, ihn mit einer Diagnose zu stempeln. Ihr Brief sollte sich meines Erachtens darauf beschränken, sachlich Ihre Meinung zu sagen.“ [Prof. Battegay wusste nicht, dass die Zitate aus der Feder Kernbergs stammten.]

Prof. Sophie Freud (Lincoln): „Ihre Entrüstung gegen Kernberg scheint mir sehr berechtigt. Der Kerl hat so viele aggressive Klienten weil sein Verhalten solche Gefühle herausfordert, und er sieht die Aggressionen nicht als Antwort auf sein Benehmen, sondern interpretiert sie ganz anders. Ich weiss wirklich nicht warum er so beliebt ist, vor allem in Europa. Ich war einmal, beim 1. Weltkongress, mit ihm in einem Fernseh-Gespräch und habe ihn damals sehr angegriffen. Das war lustig, und seine Frau fragte mich dann, warum ich das getan hätte. Persönlich ist er ja sehr höflich und zuvorkommend. Aber ich habe kein Bedürfnis, ihn als Cause Celebre anzunehmen. ... ich meine Sie sollten im deutschen Bereich ihre Stimme erheben, eben so, daß sie mehr gehört wird. Ich wünsche Ihnen besten Erfolg“.

Prof. Dr. Sven Olaf Hoffmann (Hamburg): „Ich kann Ihr Befremden über die inkriminierten Äußerungen nachvollziehen, glaube auch, daß es sich hier bei Kernberg um eine spezifische Schwäche handelt, mir fehlt aber einfach die Zeit, die Sache gründlich zu prüfen. ... Auch als Therapeut stelle ich mich immer erst einmal auf die Seite des Opfers, was gerade manche Psychoanalytiker versäumen. Da ist es dann nicht selten das infantile Opfer, das den Täter verführt oder (bei M. Klein) seine eigene Destruktivität in ihn projiziert hat. Der arme Täter hat sich mit dem bösen Opfer und dessen eigener Aggression dann ‚projektiv identifiziert’ und es deshalb halt mißbraucht. Das ist, wohlgemerkt, in meinem Munde Satire, aber gerade bei dieser Art psychoanalytischen Denkens gilt, ‚daß es schwierig ist, keine Satire zu schreiben’ (Juvenal). An solcher Art des Verständnisses ist einiges auch zutiefst inhuman. Ob das nun aber auf Kernberg zutrifft, dazu möchte ich mich einer Meinung dezidiert enthalten. Ich habe diesen Teil seines Werks entschieden zu wenig ernsthaft studiert und werde es sicher auch nicht mehr tun, weil mir der Gewinn an neuer wissenschaftlicher Erkenntnis heute nicht mehr innerhalb des psychoanalytischen Paradigmas angesiedelt erscheint.

Prof. Dr. Wolfgang Schulz (Braunschweig): „Der Vergleich mit dem KZ-Kommandaten (Fall 1) ist eine Unverschämtheit, solch ‚verqueres’ Denken habe ich aber bei Psychoanalytikern immer wieder angetroffen. Ich weiß aber nicht, ob das mit der Gleichsetzung wirklich stimmt, ob Sie Kernberg da nicht unrecht tun, denn er spricht von ‚als ob’. Der 1. Fall ist vielleicht noch nachvollziehbar, jedenfalls gedanklich, der 2. Fall ist das aber nimmer (‚als ein sexuell erregenden Triumph über ihre Mutter’, ‚ihre Schuld tolerieren’ ...) - hier finde auch ich keine Worte mehr und meine Geduld und Bereitschaft, zu verstehen, sind erschöpft. Beim 3. Fall kommt die ‚Tat’ des Therapeuten überhaupt nicht zur Sprache, sie wird nur mit den ‚schweren narzißtischen Problemen’ fast entschuldigt. Ich stimme Ihrer Analyse also überwiegend zu. Leider verlassen Sie immer wieder die sachliche Ebene, z.B. wenn Sie Kernberg ‚maßlose Verwirrung im Denken’ unterstellen. Ich weiß auch nicht, ob und inwieweit in solch einer Erwiderung Ihr Entsetzen zum Ausdruck kommen sollte. Auf jeden Fall sollten die Argumente deutlich als solche sichtbar und nicht mit Wertungen vermengt werden. Ihre ‚Mutmaßungen über den Autor’ sind überflüssig und schaden dem Anliegen.

Prof. Dr. Z1: „fast beneide ich Sie wegen Ihrer Fähigkeit, Ihre berechtigte Entrüstung und Wut zum Ausdruck zu bringen und auch an Wege zu denken, wie man pragmatisch gegen solche Texte vorgehen kann, die das Gesamtbild des Psychotherapeuten schädigen. Ich selbst habe nämlich fast resigniert gegen den Aggressions- bzw. Todestrieb anzugehen, nachdem ich festgestellt habe, daß mir sonst gutwillig und vernünftig erscheinende Kollegen nach langen Diskussionen, in denen ich geglaubt habe sie überzeugt zu haben, sie in stereotyper Weise immer wieder auf diese alten überholten triebtheoretische Postulate zurückkamen. Es wäre aber falsch, alle Psychotherapeuten, die auf der selben Weise wie der von Ihnen noch nicht namentlich genannte Psychotherapeut, mit schwersten Traumatisierungen umgehen, in einen Topf zu werfen. Es gibt viele Kollegen, die nur aus Gründen der Loyalität oder der Gewöhnung oder Angst vor dem Neuen oder aus anderen Gründen weiterhin immer wieder dasselbe Lied singen. Ich würde es also vorziehen, zunächst nur die Sache als solche scharf zu kritisieren (und das ist bestimmt in diesem Fall nicht schwierig!), ohne konkrete Hypothesen über die pathologische psychische Struktur des Verfassers zu formulieren, auch wenn diese Hypothesen begründet erscheinen. ... Insgesamt begrüße ich also Ihre Initiative, bin aber der Meinung, daß man versuchen sollte, auf der Ebene der sachlichen Diskussion über die Tragfähigkeit der jeweiligen Konzepte zu bleiben.“ [Der Angeschrieben wusste nicht, dass die Zitate aus der Feder Kernbergs stammten. Nach Aufklärung über den Urheber des Textes erfolgte keine weitere Reaktion.]

Dr. Z2: „Kernberg anzugreifen ist nicht einfach, da er hier sehr angesehen ist. Man muß also die Kritik so formulieren, daß man selbst möglichst unangreifbar bleibt. ... Theorien kann man letzten Endes sowieso so viele haben wie Sand am Meer. Im therapeutischen Bereich geht es um Heilung oder Linderung von Leiden. Das hat viele Psychoanalytiker in der Tradition von Freud aber noch nie sonderlich interessiert. Sie verstehen sich eher als Forscher in den Abgründen der Seele und finden vielleicht die Eier, die sie selbst versteckt haben. Das zu beweisen oder zu widerlegen ist schwierig und geht von einem anderen Paradigma her auch schwer. Man muß sich also auf ein übergeordnetes Paradigma verständigen oder innerhalb des psychoanalytischen bleiben. Sie scheinen mir das etwas zu verwischen. Ich selbst habe mich dafür entschieden, weniger ‚gegen’ Dinge zu kämpfen als ‚für’ die Dinge, die mir am Herzen liegen. Das ist für mich persönlich erfreulicher.“ Und in einem zweiten Brief: „Sie haben natürlich recht mit Ihrer Kritik und die von Ihnen aufgeführten Fälle sind allesamt skandalös. Leider hatte ja trotzdem z. B. ‚Was hat man Dir Du armes Kind getan’ (Masson) keinerlei Resonanz unter Psychoanalytikern. Ich hatte das seinerzeit (1989) mal recherchiert und vom Rowohlt-Verlag erfahren, daß das Buch von keiner einzigen psychoanalytischen Zeitschrift rezensiert worden ist. Das ist halt das Problem, daß Kritik tot geschwiegen wird und die Kritiker, wenn möglich auch. So werde ich von vielen Kollegen auch massiv angefeindet.

Prof. Dr. Z3: „Die heiklen Publikationen sind mir bekannt. Ich habe dazu auch bereits dezidiert kritisch Stellung bezogen und mir mit meiner Kritik erwartungsgemäß Ärger, aber auch Zustimmung eingehandelt. Der artikulierte Ärger macht nichts. [Er vertrete eine] heftig‑kritische Position zur Psychoanalyse Kernbergs, zum unreflektierten ‚Ödipus und früher’ [...]. Kernberg 99, den Sie mir zugeschickt haben, habe ich ... übrigens ebenfalls als hochgradig problematisch [kritisiert] … Ich habe auch auf die Gefahr hingewiesen, dass sich die Psychoanalyse selbst ins Abseits katapultiert, wenn sie ihre Argumentationsmodelle nicht radikal modernisiert. Ich bin also mit Ihnen einer Meinung, dass man die z.T. ‚ungehobelten Denk‑ und Sprachschablonen’ einiger (bei weitem nicht aller) Psychoanalytiker zukünftig durchaus kritisch unter die Lupe nehmen sollte.

Die Briefe sprechen wohl für sich[5]. Zum einen wird deutlich, wie unterschiedlich die Auffassungen sind: Während mir einerseits vorgehalten wird, ich hätte Kernberg nicht verstanden (ein beliebtes Argument, um meine Kritik zu entkräften), wird mir von anderer Seite attestiert, ich hätte ihn sehr wohl verstanden, meine Kritik wird bestätigt. Zum anderen wird in den Briefen, die mir zustimmen, angedeutet, dass bei Widerspruch gegen psychoanalytische Denkmuster z.T. unangenehme Gegenreaktionen erlebt wurden (Prof. Dr. Z1, Dr. Z2., Prof. Dr. Z3). Bei den vierzehn von mir um eine Zustimmung zur Veröffentlichung gebetenen Personen hatte eine Person nicht geantwortet, vier Personen hatten ausdrücklich ihre Zustimmung verweigert; die letzteren vier Personen hatten sich allesamt meiner Kritik mehr oder weniger angeschlossen. Eventuell war ihr Wunsch, anonym zu bleiben, geprägt von den Erfahrungen mit solchen o.g. Anfeindungen. (Ein ähnliches Phänomen spiegelt sich darin, dass bei namentlicher Nennung von Kernberg eine Reaktion auf mein kritisches Anschreiben deutlich seltener erfolgte; womöglich haben die LeserInnen auch selbst schon Anfeindungen auf kritische Äußerungen gegenüber der Psychoanalyse hin erlebt.) 

 

Das Ringen um einen Leserbrief

Im Bemühen um mehr kritische Aufmerksamkeit für Kernbergs Thesen schrieb ich verschiedene Ethikkommissionen von Psychotherapeuten-Verbänden im deutschsprachigen Raum an – ohne Resonanz. Am 19. Dezember 2000 bat ich beim Saarländischen Ministerium für Gesundheit und Soziales um Unterstützung, weil ich überzeugt bin, dass die von Kernberg propagierte „Therapie“ bei den Betroffenen geradezu zwingend Verschlechterungseffekte herbeiführt. Psychiatriereferent Ingwardt Tauchert lehnte ab: Die Politik sei nicht zuständig. Das Problem gehöre in eine Psychotherapeutenkammer. Die gab’s aber damals noch nicht.

Im Jahr 2004 hatte sich im Saarland eine solche Kammer konstituiert. Im Mitteilungsblatt dieser Kammer, dem FORUM, wurde in seiner zweiten Nummer (Mai 2004) ein „Diskussions-FORUM“ eröffnet. Ein Kollege hatte für einen „menschlichen, empathischen und respektvollen Umgang“ zwischen Therapeut und Klient geworben, „die Entstehung einer polemischen Kultur, einer Diskussion im Bezug auf den therapeutischen Umgang mit dem Patienten“ gewünscht. Ein weiterer Kollege hatte im FORUM 3 (Juli 2004) darauf geantwortet. Ich selbst formulierte dann in einem Leserbrief für die nächste Nummer, auf der Grundlage einiger Zitate von Kernberg: „Im Interesse unserer KlientInnen und im Interesse unseres Rufes sollten wir derartig unmenschlichen Positionen, wie oben zitiert, ausdrücklich eine gemeinschaftliche Absage erteilen!

Im FORUM 4 (September 2004) war dann eine Erklärung der Redaktion – unter Federführung der Kammerpräsidentin Ilse Rohr – abgedruckt: Ein eingegangener Beitrag für das Diskussions-FORUM (der Meinige) sei nicht aufgenommen worden, weil das Organ „keine Plattform für Vorurteile oder Polemik“ bieten wolle.

In der Vertreterversammlung vom 28.02.2005 – vor ca. 15 anwesenden FachkollegInnen – stellte ich meinen Beitrag zur Debatte. Präsidentin Rohr, der Vizepräsident Bernhard Morsch und das Vorstandsmitglied Irmgard Jochum argumentierten ausdrücklich gegen dessen Veröffentlichung, ebenso ein Mitglied der Vertreterversammlung, Thomas Anstadt. Zwei übrige Vorstandsmitglieder – Liz Lorenz-Wallacher (Leiterin der MEG Saarbrücken) und Andrea Maas-Tannchen – bezogen keine Stellung. Allein Dr. Raimund Metzger votierte engagiert für die Publikation. Das Protokoll dieser Sitzung hält fest: Mein Artikel enthalte „tendenziell manipulative Elemente[.], die Arbeitsmethoden verunglimpfe“.

In einem dritten Anlauf wollte ich per ganzseitiger Anzeige im FORUM (Kosten: 200,00 €)  Werbung für mein Anliegen betreiben (Schlagmann, Web 3). Fehlanzeige – im wahrsten Sinne des Wortes! Kammerpräsidentin Ilse Rohr mit Schreiben vom 18. Mai 2005: An dem „unsachlichen, sich eben nicht kritisch auseinandersetzenden Inhalt“ des Beitrags habe sich nichts geändert. Man sehe sich „leider weiterhin nicht imstande“, den Artikel im FORUM zu veröffentlichen. „Das betrifft ebenso Ihren Wunsch nach Veröffentlichung als Anzeige.

Als die Kammerpräsidentin bei einer Jubiläumsfeier eines örtlichen Ausbildungsinstitutes ein Podium moderieren sollte, schrieb ich die geladenen Referenten im Vorfeld an und wies auf Kernbergs Thesen sowie auf die Verhinderung meines Leserbriefes hin. Der Leiter des Instituts war sehr bemüht, die Feierstunden nicht durch kritische Debatten zu stören, deutete jedoch mir gegenüber an, dass man sich im Institut im Laufe des Jahres einmal ausdrücklich des Themas annehmen könnte. (Mein Anschreiben – nach nun beinahe zwei Jahren, in denen ich nichts mehr von ihm gehört hatte – wurde lapidar dahingehend beantwortet, dass kein Interesse mehr an der in Aussicht gestellten kritischen Veranstaltung bestehe.) Auch damals ließ sich leider keiner der Referenten für ein öffentliches Ansprechen der Problematik bei der Veranstaltung gewinnen; jedoch führte ich mit einigen engagierte Gespräche.

Vermutlich hatte meine kleine Attacke dazu beigetragen, dass Ilse Rohr in einem Schreiben vom 18.05.2005 ein wenig einlenkte. „Wir stellen Ihnen anheim, den Artikel deutlich gekürzt, mit belegten Zitaten und unter Verzicht auf diffamierende Angriffe der Redaktion zur Veröffentlichung erneut vorzulegen.“ Um keine Möglichkeit ungenutzt zu lassen, reichte ich in einem vierten Anlauf eine Version ein, in der ich mich praktisch ganz auf das Zitieren der kritisierten Kernberg-Thesen beschränkte. Sie wurde im FORUM 9 (Juli 2005) abgedruckt. Allerdings fiel immer noch eine Passage dem Rotstift der Kammerpräsidentin zum Opfer: „Über eine Rückmeldung freut sich:“ – mitsamt meiner Adresse. Bis heute hat mich auch keine einzige Reaktion aus dem Kreis meiner saarländischen KollegInnen erreicht.

Nach einem fünften Vorstoß wurde meine Bitte um Rückmeldung im FORUM 13 (März 2006) teilweise abgedruckt. Zwei Sätze, in denen ich die zentralen Aussagen von Kernberg noch einmal wiederholt hatte, wurden gestrichen. Mein Name, den ich, wie üblich, unter den Text gesetzt hatte, wurde mitten in den Text gestellt. Die Redaktion vermerkte außerdem in einem Zusatz: Es sei im FORUM nicht üblich, eine Adresse anzugeben. Und: „Wer Kontakt mit dem Verfasser eines Artikels aufnehmen möchte, kann dies über die Kammer tun. Die Nutzung von Telefonbucheintragungen usw. stehen ohnehin jedem zur Verfügung.“ Leider hatte die Redaktion vergessen mitzuteilen, welches Telefonbuch die interessierten LeserInnen zur Hand nehmen sollten. Es gab weiterhin keinerlei Resonanz.

Meine Kritik am Vorgehen der Kammer gegenüber dem Saarländischen Minister für Justiz, Gesundheit und Soziales, Dr. Josef Hecken, am 15. August 2006 wurde mit Schreiben vom 12. Dezember 2006 beschieden, wonach das Vorgehen der Kammer nicht zu beanstanden sei. An einer am 16.01.2007 und 23.01.2007 angebotenen näheren Erläuterung der Umstände meinerseits war man nicht interessiert (Bescheid vom 28.02.2007).

 
Otto Kernberg und die MEG Rottweil

Im Oktober 2006 hatte Bernhard Trenkle von der Milton-Erickson-Gesellschaft (MEG) Rottweil in Heidelberg eine Veranstaltung mit Otto Kernberg zum Thema: „Psychoanalyse für Nicht-Psychoanalytiker“ organisiert. (Helm Stierlin saß als Gast im Podium.) Obwohl ich Trenkle bereits im Jahr 2000 persönlich auf meine Kritik an Kernberg aufmerksam gemacht und ihn im Verlauf des Jahres 2006 noch zweimal daran erinnert hatte, ließ er sich von der Veranstaltung nicht abbringen. (Rein betriebswirtschaftlich war sie sicherlich ein großer Erfolg: Bei einer Teilnahmegebühr von 325,00 € und ca. 600 TeilnehmerInnen hatten die 2 Tage immerhin ca. 200.000,00 € eingebracht!)

Kernberg war auf Trenkles Werbe-Flyer (Trenkle, Web 1) mit wärmstem Lob angepriesen: „Einer der brillantesten Köpfe der internationalen Psychotherapie definiert die Essenz der Psychoanalyse aus heutiger Sicht.“ Und: „Otto Kernberg war 1994 als Referent auf der Hamburger Evolution Konferenz. Für diejenigen, die damals noch nicht im Feld waren: 6000 Teilnehmer besuchten diese Konferenz und die Creme de la Creme der internationalen Psychotherapieszene referierte: [… Aufzählung mehrere Koryphäen; K.S.]. Auf dieser Konferenz bekam Otto Kernberg für seinen Workshop das beste Feedback aller Workshops. Unglaubliche 4,95 im Schnitt (5 war sehr gut, 0 war unbrauchbar) und das bei einem Publikum, das sicher mehrheitlich nicht aus Analytikern bestand. Aktuell: 5. Evolution of Psychotherapy 2005 USA, 8700 Teiln. (größte Psychotherapie-Konferenz aller Zeiten) Bestnote auf den Feedbackbögen: Exzellent = 4. Otto Kernberg bei 512 Feedbackbögen im Schnitt 3,9!!!

Für die Abendveranstaltung wurde fröhlich geworben mit den Worten: „Möglicherweise werden Otto Kernberg und Bernhard Trenkle in einer abendlichen Zugabe Therapeutenwitze oder therapeutische Witze erzählen, denn bei jeder unserer Begegnungen ging es immer sehr lustig zu und wir saßen schon Stunden zusammen und hatten viel Spaß mit Witzen und Anekdoten.“ Da ich weiß, wie höhnisch sich Otto Kernberg über KZ-Opfer, sexuell missbrauchte Kinder und in den Suizid getriebene Patienten auslässt, mag ich mir die Geschmacklosigkeit eines solchen Witzeabends gar nicht ausmalen! 

 

Woher kommt’s?

Was macht es so schwer, unter psychotherapeutischen Fachleuten das Thema „Opferbeschuldigung“ offen und vernünftig zu klären, bestimmte Schulen oder Autoren zu kritisieren? Meine Hypothese: Hier leiden wir an dem Erbe, das Sigmund Freud der Welt hinterlassen hat. Er hat mit seiner Theorie ein Modell für die Ignoranz gegenüber dem Leid von kindlichen Gewaltopfern verbreitet. Kritiker in den eigenen Reihen pflegte er durch massive Anfeindungen zum Schweigen oder zum Gehen zu bringen.

Die Behandlung von ‚Dora’ (= Ida Bauer) – sie erstreckte sich Ende des Jahres 1900 über 10 Wochen – illustriert sehr schön Freuds Verständnis von „Hysterie“ (damaliger Sprachgebrauch für psychosomatische Störung): Der 27jährige Herr Z.[6] presst die 13jährige[7] Ida in seinem menschenleeren Büro an sich und küsst sie – gegen ihren Willen – auf den Mund (Freud, 1905/1993, 30-31). Obendrein, so Freud, spüre sie „in der stürmischen Umarmung ... das Andrängen des erigierten Gliedes gegen ihren Leib“. Sie ekelt sich, reißt sich los und rennt weg. Dies beweise, dass das Mädchen bereits „ganz und voll hysterisch“ sei: „Anstatt der Genitalsensation, die bei einem gesunden Mädchen unter solchen Umständen gewiß nicht gefehlt hätte, stellt sich bei ihr … der Ekel [ein]“! Freud: „Ich kenne zufällig Herrn Z.; .... ein noch jugendlicher Mann von einnehmendem Äußern“. Zwei Jahre später quittiert das Mädchen einen „Liebesantrag“ dieses (feschen, jugendlichen und mit der Geliebten ihres Vaters verheirateten) Herrn mit einer Ohrfeige. Einige Tage danach erzählt sie ihrer Mutter davon. Freud (ebd., 94): „Dass sie von dem Vorfalle ihre Eltern in Kenntnis gesetzt, legte ich als eine Handlung aus, die bereits unter dem Einflusse krankhafter Rachsucht stand. Ein normales Mädchen wird, so sollte ich meinen, allein mit solchen Angelegenheiten fertig.“ Freud erkennt also „gesunde“ und „normale“ Jugendliche daran, dass sie bei erotischen Zudringlichkeiten von Erwachsenen still halten, ihre sexuelle Erregung genießen und ihren Eltern gegenüber dies alles verschweigen! Jugendliche dagegen, die „voll und ganz hysterisch“ sind, zeigen, nach Freud, eine Abneigung gegen derartige Attacken und rennen bei irgendwelchen Belästigungen gleich zu ihren Eltern. Die Ursache ihrer Störung sieht er in „verdrängtem“ Antrieb zu Homosexualität, Selbstbefriedigung und Inzest.

Aus Freuds eigener Fallschilderung ist abzulesen, dass die damals 18jährige Ida Bauer seine fortgesetzte Besserwisserei und plumpe Sexualisierung ihrer Lebensäußerungen bald durchschaut und ironisch kommentiert, die „Kur“ dann am 31. Dezember – von einem Tag auf den anderen! – abrupt beendet hat. Damit wollte sie offenbar Freud eine kleine Lektion erteilen, sich in der Deutung des Verhaltens anderer ein klein wenig mehr Bescheidenheit aufzuerlegen. Anlässlich von Freuds Ernennung zum Professor (sie erfolgte zu einem bezeichnenden Datum – dem 1. April [1902] – nach Bestechung des Kultusministers durch eine reiche Patientin Freuds) hat sie den Wiener Seelenarzt noch einmal kurz besucht und in köstlicher Art und Weise in den April geschickt! (Vgl. Schlagmann, 2005, 458-466.) Freuds Analyse wurde bis in jüngste Zeit bewundert (Schlagmann, 1997b, 157-175), zum hundertsten Jahrestag von mehreren Autoren noch einmal ausdrücklich bekräftigt (Freud and Dora, 2005).

Freud hatte im September 1897, also drei Jahre vor dieser Behandlung, einen fundamentalen theoretischen Umbruch vollzogen (Schlagmann, 2005, 466-492; Web 1). Dieser Umbruch wird sehr unterschiedlich interpretiert. Ich möchte hierzu – knapp skizziert – eine neue Position vortragen. Von der unter Freud-Kritikern relativ populären Sicht von etwa Jeffrey Masson, der Freud bescheinigt, einen wichtigen Beitrag zur Entdeckung der zentralen Rolle des sexuellen Missbrauchs bei der Entstehung psychischer und psychosomatischer Störungen geleistet zu haben, weiche ich an diesem Punkt ausdrücklich ab[8].

Ja, Freud hat in seinen Theorieansätzen seit 1895 zunehmend die Sexualität in den Mittelpunkt seines Interesses gerückt[9], und er hat dabei zunächst geglaubt, verschiedene Formen des sexuellen Missbrauchs als Auslöser der Hysterie identifizieren zu können. Aber Freud zieht aus seinen wenigen Beobachtungen (voreilige) Schlüsse, die er sogleich plump verallgemeinert. Er spitzt zwischen dem Dezember 1896 und dem September 1897 seine Theorie zur Entstehung der sog. „Hysterie“ so zu, dass er allein die Vergewaltigung der Betroffenen im Alter zwischen zwei und acht Jahren durch ihre Väter als Ursache dafür annimmt. Immerhin fasst Freud hier noch ein – sehr spezielles! – Trauma als den zentralen Ursprung psychosomatischer Störung auf[10], akzeptiert es uneingeschränkt als deren Auslöser. Aber seine Thesen sind weitaus primitiver, als das Modell, aus dem er sie abgeleitet hatte: Aus der Trauma-Theorie des äußerst differenzierten Josef Breuer. Breuer hatte das Trauma als breit gefasstes Spektrum überwältigender Erfahrungen verstanden: Als fortgesetzte Entwertung, Unterdrückung, Tabuisierung, Missachtung, Nicht-Beachtung und vieles mehr. Breuer sah auch Sexualität als Lebensbereich an, in dem problematische Erfahrungen häufig waren; sexueller Missbrauch gehörte für ihn selbstverständlich zum Spektrum traumatisierender Erfahrungen. Es wäre ihm jedoch niemals eingefallen, in nichts anderem als sexuellen Traumatisierungen den Ursprung psychosomatischer Störungen zu suchen.

Breuer hatte den aristotelischen Begriff Katharsis für seine Therapie reklamiert: Erleichterung bei den Betroffenen dadurch zu bewirken, dass sie sich – durch Hypnose erleichtert[11] – alte Erlebnisse bewusst machten, sie offen aussprachen, die dabei eigentlich erlebten Gefühle zum Ausdruck bringen konnten. Breuer hatte seine Patienten verständnisvoll begleitet und ihre Wahrnehmungen validiert. Er hatte mit den Betroffenen zusammen die Wahrheit dessen zu ergründen versucht, was in der traumatischen Ursprungssituation geschehen war. Breuer hatte gegenüber Freud das von ihm entwickelte Verfahren als „Psychoanalyse“ benannt – in Anlehnung an das Theaterstück „König Ödipus“ von Sophokles, das Schiller ca. 100 Jahre zuvor in einem Brief an Goethe als „tragische analysis“ bezeichnet hatte (Breuer, o.J.): Der Ödipus des Sophokles ist ein Held, der aufrichtig und selbstlos nach der Wahrheit seiner eigenen Herkunft sucht, der die lange zurück liegenden Umstände seiner familiären Verstrickung – aus der Rückschau – aufzulösen versteht! (Vgl. Schlagmann, 2005, 35-68, 103-113.)

Dagegen sind Freuds „geistige Höhenflüge“ dieser Jahre und die Kühnheit seiner Theorienbildung mit geprägt durch seinen damals regelmäßigen Kokaingenuss. Mit generalisierenden Mutmaßungen und schockierenden Scheinoffenbarungen versuchte er, Beachtung zu finden. Seine Vorstellungen von den Ursachen psychischer und psychosomatischer Störungen sind eigenartig fixiert auf Sexualität: Depressionen seien bedingt durch Selbstbefriedigung oder durch nächtliche Samenergüsse; Angststörungen seien bedingt durch Coitus interruptus oder coitus reservatus (Benutzung von Kondomen); Zwangsstörungen seien bedingt durch geschwisterlichen Geschlechtsverkehr; Hysterien (psychosomatische Störungen) seien bedingt durch Vergewaltigung durch den Vater. Wer Freuds diversen verstiegenen Spekulationen in den Briefen an seinen skurilen Freund Wilhelm Fließ folgt (Masson, 1986), muss öfters am nüchternen Verstand dieses Mannes zweifeln.

Freud kennt von sich selbst gelegentliche Anfälle von Herzrasen und andere Symptome ohne körperliche Ursachen. Nach seiner und Breuers Begriffslogik diagnostiziert er diese psychosomatische Störung mehrfach als „Hysterie“. (Deswegen umkreist er gerade diese Störung so leidenschaftlich.) Im Zeitraum von ca. Dezember 1896 bis September 1897 führt Freud nun „Hysterie“, wie skizziert, auf eine väterliche Vergewaltigung zurück. Schon der Großvater kam für Freud als Täter offenbar bereits nicht mehr in Betracht. Am 8. Februar 1897 beschuldigt er den (bereits verstorbenen) eigenen Vater als perversen Kinderschänder (Masson, 1986, 245). (Er bezieht sich in dem Brief zwar nur auf seine als „hysterisch“ diagnostizierten Geschwister, muss sich aber auch selbst – gemäß seiner Theorie – zu den Opfern zählen.) In seinen gesamten Erinnerungen findet sich jedoch kein einziger konkreter Hinweis darauf. Ende 1897 hat er den Vorwurf gegen den Vater auch ausdrücklich revidiert.

Die zwischen 1896 und 1897 in den Briefen an Fließ präsentierten Indizien aus seinen Fallgeschichten, die ihn auf Vergewaltigungen durch die Väter schließen lassen, sind bisweilen höchst zweifelhaft (ebd.): Einen „hysterischen“ Frostschauer führt er auf das Herausnehmen aus dem warmen Bettchen zurück, Kopfschmerz und Angst vor dem Fotografen auf das Festhalten des Kopfes zum Zweck der oralen Vergewaltigung (die Fotografen der damaligen Zeit pflegten den Kopf durch entsprechende Gerätschaft festzuklemmen). (Ähnlich zweifelhafte Schlussfolgerungen finden sich in den Briefen vom 6. Dezember 1896 bzw. 3. Januar und 16. Mai 1897.) Oder aber ein plausibel angedeuteter Missbrauch wird von der Patientin nicht in dem von Freud vermuteten Alter und offenbar nicht im Sinne seiner konkreten Vorstellung geschildert (28. April 1897), worauf er der Patientin seine Sicht – „im frühesten Kindesalter ähnliche und ärgere Dinge“ – aufdrängt.

Freuds auffällige Fixierung auf das Thema Eltern-Kind-Inzest verstehe ich als Reaktion auf sein eigenes Familiendrama, das von diesem Thema überschattet war: Mutter Amalia hatte wohl mit ihrem Stiefsohn Phillip (der ca. ein Jahr älter war, als seine Stiefmutter) während einer längeren Abwesenheit von Vater Jakob die kleine Anna gezeugt[12] (gut zwei Jahre jünger als Sigmund) (vgl. Schlagmann, 2005, 501-505). Die als tyrannisch, schrill und launisch geschilderte Amalia hatte später auch ihren Sigmund als Partnerersatz für sich vereinnahmt. Auch diese – sicherlich nicht sexuelle – Vereinnahmung lässt sich wohl überspitzt als „Inzest“ symbolisieren. So „identifiziert“ Freud irgendwann den Inzest als zentralen Auslöser der Hysterie, die er in seiner Familie gehäuft diagnostiziert. Gemessen am familiären Hintergrund verschiebt er dabei jedoch die Täterschaft von der Mutter auf den Vater. Freud gelingt damit ein Spagat: Einerseits kann er den familiären „Inzest“ ausgiebig thematisieren, andererseits den offenen Konflikt mit Amalia vermeiden.[13] Vater Jakob, der als sehr sanftmütig und humorvoll geschildert wird, war knapp zwei Monate vor dem Aufkommen der „Väter-Vergewaltigungs-Theorie“ und vier Monate vor seiner Beschuldigung verstorben.

Als sich im Herbst 1897 die Hirngespinste für Freud selbst immer weniger als haltbar erweisen, da rettet er sie durch eine nochmalige, doppelte Verschiebung: Der Inzest wird nicht mehr dem Vater, sondern dem betroffenen Kind selbst angelastet. Und er hat nicht in der Realität stattgefunden, sondern nur in der Phantasie!

Das Modell für eine solche Verschiebung hatte Freud bereits 1895, also zwei Jahre vor seinem Umbruch, erprobt, als er hartnäckig die Folgen realer Verletzungen als Folgen eines Phantasiegeschehens abtat: Freuds Patientin Emma Eckstein[14] litt an Magenbeschwerden. Kluge Forscher wie Fließ und Freud hatten herausgefunden, dass Magenbeschwerden keine wahrscheinlichere Ursache haben, als Masturbation.[15] Eine erfolgreiche Behandlung musste also an dieser zentralen Stelle ansetzen. Da die Genitalien wiederum – nach Fließ – eine enge Verbindung zur Nase aufweisen, waren Magenbeschwerden durch nichts besser zu heilen, als durch Herausschneiden oder Verbrennen von Teilen der inneren Nase. Bei dieser von Freud befürworteten Nasenoperation an Emma Eckstein (Ende Februar 1895) hatte Fließ offenbar ein größeres Gefäß verletzt, die Wunde lediglich mit einer größeren Menge Gaze verstopft. Dann war er schnell von Wien in seine Heimatstadt Berlin abgereist. Nach gut einer Woche hatte sich der Zustand der Patientin drastisch verschlechtert; ein hinzugezogener Wiener Spezialist entdeckte und entfernte die zurückgelassene Gaze. Dabei wäre die Patientin zunächst beinahe verblutet. Um die Blutung zu stoppen, musste ihr ein Teil des Knochens weggemeißelt werden, so dass ihr Gesicht verunstaltet blieb. In den folgenden Tagen und Wochen war es bei der Patientin immer wieder zu Blutungen gekommen. Freud hat – über zwei Jahre hinweg! – in den Briefen an Fließ diese fortgesetzten Blutungen als „Wunschblutungen“ (Masson, 1986, 202) verharmlost, und auch gleich ein Motiv dafür angedeutet (ebd., 193): „aus Sehnsucht ... und wahrscheinlich zu Sexualterminen“! (Er hatte hier die offenbar von Fließ vorgegebene Rechtfertigungsstrategie übernommen.)

Freud konnte hier lernen, wie bequem sich die unmittelbaren Folgen von Gewalterfahrungen (die Fließ zu verantworten, Freud immerhin gutgeheißen hatte) als Folgen des Phantasie­ge­schehens der Betroffenen ausgeben ließen. Die reale Verletzung war zwar nicht zu leugnen, aber für die Folgeschäden konnte er eine angeblich zentralere Ursache – die Phantasie – hinzudichten! Wie leicht lässt sich doch auf den Behauptungen über innere Vorgänge eines anderen beharren! Behauptungen über äußere Vorgänge – z.B. die Vergewaltigung durch den Vater – waren dagegen sehr viel leichter zu widerlegen oder zumindest in Frage zu stellen.

Mit seiner damals parallel sich abzeichnenden „Entdeckung“ der Bedeutung des (väterlichen) sexuellen Missbrauchs, den er – völlig pauschal und undifferenziert! – als Standardursache psychosomatischer Störungen suggerieren wollte, war Freud – zu recht! – in die Kritik geraten. Seine plumpe Generalisierung war wohl nicht so sehr von seinem vermeintlichen „Mut“ beflügelt, ein problematisches Thema offen anzusprechen, als vielmehr von seinem Kokaingenuss, seinem Geltungsdrang und seinem Bedürfnis, die Zuhörer – der größeren Aufmerksamkeit wegen – zu schockieren. Aber seine Kollegen schüttelten den Kopf. Auch seine PatientInnen machten nicht mit, wodurch er finanzielle Einbußen erlitt. Er selbst musste in Bezug auf den von ihm zunächst beschuldigten Vater kleinlaut eingestehen, dass er sich geirrt hatte. Da hat er seine These nur ein klein wenig verschoben: Ja, „Hysterie“ hat mit früher sexueller Erfahrung zu tun! Ja, sie geht auf das Alter zwischen zwei und acht Jahren zurück! Ja, es geht um Inzest! Ja, der Inzestpartner ist immer ein Elternteil! Nein, der Inzest hat nicht real stattgefunden; er ist bloß vom Kind – aus seinem Inzesttrieb heraus – phantasiert worden!

An dieser Stelle wird deutlich, warum die Verleugnung des Traumas für Freud eine so zentrale Rolle spielt: Sie erleichtert ihm die Suggestion. Und sie hilft ihm, so zu tun, als seien seine bisherigen Theorieansätzen im Wesentlichen richtig gewesen.[16] Der kleine Unterschied hatte große Folgen: Seitdem ist in der Psychoanalyse die Kategorie Opfer abgeschafft.[17] Reale Gewalterfahrungen werden eher negiert. Sofern sie nicht geleugnet werden können, werden zumindest die zentralen Folgeschäden dem triebhaften Phantasieleben der Betroffenen selbst zugeschrieben (vgl. Emma Eckstein). Von Freuds Gefolgschaft wird dieser Umbruch bis heute als theoretische Großtat gesehen. Genau dieses Gedankengebäude – Resultat von Freuds fundamentaler Konfusion – liegt der Position Otto Kernbergs zugrunde, wenn er eine vergewaltigte Grundschülerin, ein minderjähriges KZ-Opfer oder eine von ihrem Therapeuten sexuell missbrauchte und in den Suizid getriebene Patientin beschuldigt und entwertet!

 

Phantasie oder Wirklichkeit?

Nach der psychoanalytischen Theorie brauen sich also bereits in Säuglingen alle möglichen Triebe, Perversionen oder „chronische Aggressionen“ zusammen. Die geschulte Fachkraft erkennt, dank ihrer fundierten Ausbildung, dass geschilderte Gewalterfahrungen allein der kreativen Vorstellungswelt der kleinen Perversen entspringen. Das ist nicht etwa bloß meine eigene Phantasie: Im Jahr 1999 wurde an der Universität Saarbrücken von der Doktorandin Anke Kirsch eine Delphi-Studie zum Thema „Trauma und Erinnerung“ durchgeführt. 91 „ExpertInnen“ (überwiegend psychologische oder ärztliche PsychotherapeutInnen aus ganz unterschiedlichen Therapierichtungen) waren zu ihren Einschätzungen befragt, wie sie dazu gelangten, den ihnen berichteten sexuellen Missbrauch als Ausdruck der Phantasie zu werten (Kirsch, 1999 a, 31): „Die folgenden Statements beziehen sich auf Kriterien, die von Ther. als Hinweise für retrospektive Phantasien angesehen werden. Die Statements waren nach dem Ausmaß der Zustimmung zu gewichten. ...
20.4 Die Schuldfrage wird eher externalisiert und bei dem/der Täter/in gesucht. ...
20.5 Die Pat. gehen mit einer größeren Überzeugung und Sicherheit davon aus, dass eine sexuelle Traumatisierung stattgefunden haben müßte.
“ Diesen zwei Stellungnahmen haben 65,7 % bzw. 63,9 % „überwiegend“ oder „völlig“ zugestimmt! Ungefähr zwei Drittel der Experten für die Behandlung von schwer traumatisierten PatientInnen ordnen den ihnen geschilderten Missbrauch einer „retrospektiven Phantasie“ zu, weil die Betroffenen die Schuld dafür eher dem Täter zuschieben und mit größerer Sicherheit von der Realität des Ereignisses überzeugt sind! Nur winzige 4,7 % bzw. 4,9 % stimmen diesen Statements „überhaupt nicht“ zu, lehnen eine solche Schussfolgerung also deutlich und entschieden ab!

Bei der „Studie“ war übrigens eine Gruppe von drei Befragten ausgeschlossen worden. Ich selbst gehöre dazu. Von meiner siebenseitigen detaillierten Rückmeldung zu den einzelnen Aussagen, die ich Anke Kirsch bei einer persönlichen Begegnung und einem längeren Gespräch übergeben hatte, ist nichts in die zitierte Darstellung aufgenommen worden. Bei einzelnen Stellungnahmen war es mir z.B. gar nicht möglich, irgendeine der vorgegebenen Kategorien anzukreuzen, z.B. bei den Fragen 2.5 bzw. 2.7 (ebd., 13): „Aufgabe der Psychotherapie ist nicht nur zu schauen, wie ist das erlebt worden und was haben die Pat. für Phantasien dazu, sondern auch zu schauen, was hat das für einen Realitätsgehalt.“ bzw. „Zwar spielen in der Psychotherapie die Phantasien eine ganz wichtige Rolle, aber für das Gelingen einer Therapie ist auch die Rekonstruktion der Wahrheit wichtig.“ Ich hielte es für eine Zumutung, Missbrauchsopfer aktiv danach zu befragen, was für „Phantasien“ sie dazu haben; das dürfte für eine Therapie wohl ziemlich bis vollkommen irrelevant sein, wenn nicht gar schädlich! Zu diesem Teil der Frage hätte ich „überhaupt nicht“ zugestimmt; bei der Frage nach dem „Realitätsgehalt“ oder der „Rekonstruktion der Wahrheit“ würde ich natürlich „völlig“ zustimmen: Mit den Betroffenen zusammen sich der schrecklichen Realität noch einmal zu stellen, um die Erlebnisse behutsam in das eigene Leben integrieren zu können, ist wohl eine zentrale Aufgabe der Therapie mit Traumaopfern!

 

Resümee und Ausblick

Drei Fallbeispiele skizzieren Otto Kernbergs typische Beschuldigung von Gewaltopfern. Er attestiert den Betroffenen das Abgleiten in „chronische Aggression“; den brutalsten Trauma-Erfahrungen selbst misst er lediglich die Wirkzeit von nur zwei bis drei Jahren zu. Meine Versuche, eine kritische Betrachtung dieses Artikels durch ein breiteres Fachpublikum anzuzetteln, führte bislang zu relativ wenig Resonanz, die auch recht gemischt ausgefallen ist.

Ausdrücklich danke ich denjenigen, die sich zu ihrer Ablehnung meiner Kritik bekannt haben, weil sich aus ihrer offenen Stellungnahme Anknüpfungspunkte für weitere Diskussionen ergeben können. Verärgert bin ich dagegen über den Vorstand meiner Therapeutenkammer, der meinen Wunsch mehrfach abgeschmettert hat, das Thema im Kammerblättchen offen zu diskutieren. Irritiert bin ich darüber, dass Bernhard Trenkle meiner Kritik nur statistische Lobeshymnen auf Otto Kernberg und die Vorfreude auf einen gemeinsamen Witzeabend entgegen gesetzt hat. Zweifeln muss ich an den Mechanismen des wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurses, wenn ich sehe, dass ein solcher Verleugner von Trauma und Gewalt wie Kernberg bis heute unangefochten im wissenschaftlichen Beirat der Lindauer Psychotherapiewochen sitzt, und dass meine mehrfachen Hinweise an deren Organisatoren und wissenschaftliche Leitung sowie einige Kommunalpolitiker von Lindau bislang keinerlei Resonanz erbracht haben.

Den Ursprung von Kernbergs Opferbeschuldigung suche ich in den Ansätzen Sigmund Freuds: Er hat Traumatisierungen ab 1897 regelrecht verleugnet; er sieht psychische und psychosomatische Störungen nun nicht mehr als unmittelbare Traumafolgen, sondern als langwierige Folgen verdrängter perverser Kinderphantasien. Zu den Hintergründen dieses immer wieder diskutierten Umbruchs habe ich neue Überlegungen vorgetragen. Kernberg folgt exakt Freuds Schema einer systematisierten Opferbeschuldigung.

Für die Psychotherapeutenschaft stellt es m.E. eine Herausforderung dar, gegen derartige Positionen eine eindeutige und klare ethische Haltung herauszuarbeiten. Es scheint mir unethisch zu sein, über die frühkindlichen Deformationen von KZ-Opfern zu spekulieren und damit die auf der Hand liegenden brutalsten Gewalterfahrungen als Auslöser von gestörtem Verhalten quasi auszublenden. Es scheint mir unethisch zu sein, bei einem unter 10jährigen Grundschülerin über Triumphphantasien bei ihrem sexuellen Missbrauch zu spekulieren und diese in den Mittelpunkt der Therapie zu rücken, sogar noch das „identifizieren ... mit der sexuellen Erregung des sadistischen, inzestuösen Vaters“ zu forcieren, anstatt die Betroffene uneingeschränkt als Opfer zu respektieren und ihr zu helfen, sich von dem Ereignis selbst und von den suggerierten Schuldgefühlen zu befreien. Es scheint mir unethisch zu sein, über Täterseiten von Menschen zu spekulieren, die sich nach einem sexuellen Missbrauch in der Therapie suizidiert haben, anstatt solche Fälle allein zum Anlass zu nehmen, über fatales Fehlverhalten von TherapeutInnen nachzudenken. Und es scheint mir fatal und unethisch zu sein, die Schilderung von sexuellem Missbrauch als Phantasiegebilde abzutun, nur, weil die Betroffenen mit größerer Sicherheit davon ausgehen, dass das Ereignis stattgefunden hat und die Schuld für das Geschehen eher beim Täter suchen – eine solche Logik von Schlussfolgerungen muss bei den Betroffenen geradezu ein Desorientierungstrauma hervorrufen oder verschärfen.

Und ich bin fest überzeugt, dass diejenigen, die sich wirklich um ein Verständnis des Leids von Trauma-Opfern bemühen, sich radikal von Freuds oder Kernbergs Position abgrenzen müssen. Für diese Abgrenzung sollte in offenen Foren, Zeitschriften, auf Kongressen und mit Kampagnen geworben werden. Die Rückmeldungen zeigen, dass das Eintreten für solche Kritik Standfestigkeit und Durchhaltevermögen erfordert. Ich danke natürlich denjenigen, die meiner Kritik ursprünglich zugestimmt hatten, die aber heute nicht namentlich genannt sein wollten. Und ich danke ganz besonders und herzlich dem kleinen Kern von Fachleuten, Herrn Prof. Battegay, Frau Prof. Freud, Herrn Prof. Hoffmann und Herrn Prof. Schulz, für ihren Mut, ihre Sicht frei und offen zum Ausdruck zu bringen! Die Kritik aus berufenem Mund an „falschen Propheten“ – von Freud bis Kernberg – mag denjenigen Fachleuten Mut machen, sich in Zukunft einer solchen Kritik anzuschließen, die bislang nicht dieses offene Bekenntnis gewagt haben bzw. denen diese Problematik bislang nicht so recht bewusst war.

 

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Zur Einleitung zu den Artikeln:
Trauma-Zeitschriften als „Feigenblätter“?

 

Literatur:

Breuer, Josef (o.J.). Brief an Sigmund Freud. (Der Brief befindet sich im Sigmund-Freud-Archiv in New York und ist bis ins 22. Jahrhundert hinein nur ausgesuchten Personen zugänglich; meine Information stammt aus zuverlässiger Quelle.)

Freud and Dora: 100 years later. Psychoanalytic Inquiry, 2005, 1 [Mit Beiträgen von Susan S. Levine, Liliane Weissenberg, Patrick J. Mahony, David M. Sachs, Melvin Bornstein, Emily A. Kuriloff, Jean-Michel Rabaté & Paul H. Ornstein]

Freud, Sigmund (1905/1993). Bruchstück eine Hysterieanalyse. Frankfurt a.M., Fischer TB

Hermann, Judith (1992). Trauma and recovery. New York: Basic Books. (Deutsch: (1993). Die Narben der Gewalt. Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden. München, Kindler.)

Kernberg, Otto F. (1999). Persönlichkeitsentwicklung und Trauma. PTT 1999, 1: 5-15

Kirsch, Anke (1999). Erste Ergebnisse eines Expertendelphis zum Thema „Trauma und Erinnerung“. Arbeiten der Fachrichtung Psychologie des Saarlandes, Nr. 190. Saarbrücken.

Masson, Jeffrey (Hrsg.) (1986). Sigmund Freud. Briefe an Wilhelm Fließ. 1887-1904. Ungekürzte Ausgabe. Frankfurt, Fischer

Schlagmann, Klaus (1996). Die Wahrheit über Narziss, Iokaste, Ödipus und Norbert Hanold. Versuch einer konstruktiven Streitschrift. Saarbrücken, Der Stammbaum und die 7 Zweige

- - (1997a). Zur Rehabilitation der Könige Laios und Ödipus. Oder: Die Lüge der Iokaste. Saarbrücken, Der Stammbaum und die 7 Zweige

- - (1997b). Zur Rehabilitation von „Dora“ und ihrem Bruder. Oder: Freuds verhängnisvoller Irrweg zwischen Trauma- und Triebtheorie. Bd. 1: Der Fall „Dora“ und seine Bedeutung für die Psychoanalyse. Saarbrücken, Der Stammbaum und die 7 Zweige, 1997

- - (2000). Weisheit oder Wahnssinn? Papier zur Kritik an einem Artikel von Otto F. Kernberg. Publiziert unter http://www.oedipus-online.de/Kampagne1.htm

- - (2005). Ödipus – komplex betrachtet. Männliche Unterdrückung und ihre Vergeltung durch weibliche Intrige als zentraler Menschheitskonflikt. Saarbrücken, Der Stammbaum und die 7 Zweige

- - Web 1: http://www.oedipus-online.de/

- - Web 2: http://www.oedipus-online.de/reaktionen.htm & http://www.oedipus-online.de/reaktionen2.htm

- - Web 3: http://www.oedipus-online.de/anzeige.htm          

Trenkle, Bernhard, Web 1: Werbematerial zur Veranstaltung mit Otto Kernberg, Oktober 2006: http://www.milton-erickson-institut.de/programm/workshops/kernberg.html

 



Endnoten:

 

[1] Die Redaktion der ... [Name der Zeitschrift] hatte bei den Kollegen von der PTT um die Erlaubnis gebeten, den Artikel von Kernberg hier abdrucken zu dürfen. Das Vorhaben scheiterte an den finanziellen Vorstellungen der PTT.

[2] Es bleibt unklar, ob dieses „wir“ als Plurale majestatis zu verstehen ist, als Gemeinschaft der verständigen Fachleute, oder wie auch immer. Ich selbst möchte mich jedenfalls von dem „wir“ ausdrücklich distanzieren!

[3]pathologischen Erscheinun­gen, in denen Traumen einen wichtigen ätiologischen Faktor bilden“, seien von van der Kolk et al (1996) als die zehn ‚Plagen’ festgehalten: 1.) die Borderline‑Persönlichkeitsstörung, 2.) die affektiven Störungen, 3.) schwere Depressionen, 4.) dissoziative Syndrome einschließlich der multiplen Persönlichkeit, 5.) Flash‑backs, 6.) schwere Essstörungen, 7.) antisoziale Persönlichkeitsstörungen, 8.) chronische Opferbereitschaft, 9.) Somatisierung und 10.) chronische Suizidalität.

[4] Kernberg nennt hier: „akute Angstzustände, Einschränkung der Ich­-Funktionen, Wutausbrüche, wiederkehrende Alpträume und Flash‑backs, … Einschränkungen in zwischenmenschlichen Beziehun­gen, in den Bereichen der Arbeit und des sozialen und sexuellen Lebens. Bei der Behandlung [Herv. i. Orig.] dieses Syndroms steht eine Kombination von anxiolytischer Medikation und supportiver Psychotherapie mit einer stützenden und empathischen Einstellung des Therapeuten gegen­über dem Patienten im Vordergrund, verbunden mit dem Ermutigen, sich mit Situationen wieder auseinander­zusetzen, die aufgrund der Traumatisierung phobisch vermieden wurden.“ Mit leichter Medikation und begleitender konfrontativer Verhaltenstherapie sind derartige Störungen also recht gut in den Griff zu bekommen.

[5] Sofern ich auf diese Briefe geantwortet hatte, ist dies auf der Webseite wiedergegeben (Schlagmann, Web 2).

[6] Der tatsächliche Name des von Freud „Herr K.“ genannten Täters lautet: Zellenka (vgl. Decker, Hannah S. [1991]. Freud, Dora, and Vienna 1900. New York u.a., The Free Press, S. 65).

[7] Freud selbst hatte die Altersangabe um ein Jahr erhöht (Decker, a.a.O., 118); dies geschah vermutlich nicht ohne Grund, denn die erotischen Annäherung an Mädchen unter 14 Jahren war im alten Österreich strafbar.

[8] Dabei schätze ich Masson und seine Arbeit sehr: Ohne seine unzensierte Herausgabe von Freuds Briefen an Fließ und ohne seine Recherchen zu Freuds Studien in Paris oder zum Schicksal von Emma Eckstein ließe sich m.E. die Entstehung der Psychoanalyse nicht nachvollziehen.

[9] Ich rechne es Freud als gewisses Verdienst an, dass seine zwanghafte Sexualisierung aller Lebensäußerungen dazu beigetragen hat, dass heute in der westlichen Kultur sehr viel unbefangener über Sexualität – und private Dinge überhaupt – gesprochen werden kann. Auch Freuds Hinweis auf die Bedeutung früher kindlicher Erfahrungen für die psychische Entwicklung eines Menschen war nicht unwichtig, war jedoch einerseits auch damals schon bekannt, ist andererseits auch in ihrer Fixierung zu einseitig.

[10] Ich nenne diese Theorie nicht, wie später üblich: „Verführungs-Theorie“, denn der sexuelle Missbrauch wird damit unzulässig verharmlost! Im Prinzip müsste sie „Väter-Vergewaltigungs-Theorie“ benannte werden; i.d.R. spreche ich kurz von „Trauma-Theorie“, um die spätere „Trieb-Theorie“ davon abzugrenzen.

[11] Heute übernimmt häufig auch EMDR diese Funktion.

[12] Dies ist natürlich kein „Inzest“ im eigentlichen Sinne des Wortes. Aber in der psychoanalytischen Bewegung gehört es zur Tradition, gerade auch ein Stiefsohn-Stiefmutter-Verhältnis als Inzest zu verstehen, so z.B. Otto Rank in Bezug auf z.B. Don Carlos & Elisabeth bzw. Hippolytos & Phaedra (in: Das Inzest-Motiv in Sage und Dichtung [1926/1974]. Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft) .

[13] Wie sehr Freud durch sein Mutter-Sohn-Verhältnis wohl belastet war, zeigt, dass die bis ins hohe Alter hinein verpflichtenden allsonntäglichen Besuche bei Mama Amalia bei Freud regelmäßig Magenverstimmungen auslösten.

[14] Die Zusammenhänge um Emma Eckstein hat Jeffrey Masson (1995) in: Was hat man dir, du armes Kind getan? Oder: Was Freud nicht wahrhaben wollte. (Freiburg, Kore) sehr akribisch recherchiert und dargestellt.

[15] So noch 1905/1993 (78): „Es ist bekannt, wie häufig Magenschmerzen gerade bei Masturbanten auftreten. 

[16] Freud war schon früher enorm widerwillig, von alten Thesen abzurücken. So hatte er z.B. in den 80’er Jahren – gegen bessere Einsicht und gegen das kritische Urteil eines Fachmannes – an seiner Behauptung der raschen „Morphinentwöhnung“ durch Kokain verbissen festgehalten (vgl. Israëls, Haen [1999]. Die Geburt der Psychoanalyse aus der Lüge. Hamburg, Europäische Verlagsanstalt).

[17] So sieht es z.B. auch in jüngerer Zeit Ulrich Sachsse in seinem Beitrag: „Abschied von meiner psychoanalytischen Identität“ (in: Kernberg, Otto; Dulz, Birger & Eckert, Jochen [2006]: WIR: Psychotherapeuten über sich und ihren „unmöglichen“ Beruf. Stuttgart u.a., Schattauer).