Mit
Sophie Freud gegen „falsche Propheten“
Verleugnung und Verharmlosung von Traumata von Freud bis Kernberg
Zusammenfassung: Anhand eines Artikels von Kernberg (1999) kritisiere
ich ein Denkmuster, das bei Opfern von Gewalt nach Täterseiten sucht. Diese
Kernberg-Kritik berührt einen wunden Punkt der Psychoanalyse, Freuds
fundamentalen theoretischen Umbruch im Jahr 1897, der hier – auf dem
Hintergrund seines familiären Konflikts – neu verstanden wird. Damals glaubte
er den Gewaltschilderungen seiner Patienten nicht mehr und hielt statt dessen
unbewusste „Triebe“ für den Ursprung psychischer Störungen. Bis heute
beeinflusst Freuds Theorie das therapeutische Handeln: Laut einer Delphi-Studie
der Universität Saarbrücken (1999) schreiben ca. 65 % von 91 befragten
ExpertInnen die Schilderungen ihrer PatientInnen von sexuellem Missbrauch mit
fragwürdigen Argumenten einer retrospektiven Phantasie zu: Wenn die Betroffenen
mit größerer Sicherheit davon ausgehen, dass die Ereignisse stattgefunden haben
bzw. wenn sie die Schuld dafür eher bei dem Täter suchen. Meine Kritik solcher
Positionen führte bislang zu Zustimmung, Nichtreaktion und Ablehnung. Eine
weitere Auseinandersetzung mit dem Thema scheint erforderlich.
Schlüsselwörter:
Opferbeschuldigung (in der Psychotherapie) – chronische Aggression –schwere
Persönlichkeitsstörung – chronifizierte posttraumatisches Belastungsstörung –
„Verführungstheorie“ (und deren Verwerfung)
Drei Fälle
Fallbeispiel 1 aus einem Vortrag von Otto F.
Kernberg aus dem Jahr 1997 bei den Lindauer Psychotherapiewochen (Kernberg,
1999, S. 9): „Ich spreche hier von einem Mann, der als einziger
Überlebender seiner ganzen Familie als Kind im Alter von 12 Jahren aus dem Konzentrationslager
befreit wurde, in dem seine ganze Familie vor seinen Augen ermordet wurde.“ Welcher Mensch bliebe unberührt, wenn er
sich aufgrund dieses einen Satzes für einen kurzen Moment in die Situation
dieses Kindes hineinversetzt? „Die
Untersuchung dieses Patienten und seiner Familie ergab ein erschreckendes Bild
eines Mannes, der ein absoluter Diktator seiner Familie war, seine Tochter in
ihrer Kindheit sexuell vergewaltigt hatte, verhinderte, daß sich seine Söhne
von ihm unabhängig machen konnten und seine Frau wie eine Sklavin behandelte“.
Sehr gut kann ich mir vorstellen, dass
die KZ-Erfahrungen das Seelenleben dieses Jungen und sein (problematisches)
Verhalten geprägt haben, dass diese Erfahrungen noch heute sein Leben
überschatten und auch seine Familie in Mitleidenschaft ziehen. Kernberg schickt voraus, worin er
das eigentliche Problem sieht: Der Klient müsse seinen Hass bereits ins KZ mit
hineingebracht haben. „Klinisch gesehen
steht also ein haßerfülltes Opfer haßvoll einem haßerfüllten sadistischen Täter
gegenüber.“ Das Kind wird fast gleichlautend als „haßvoll“ bzw. „haßerfüllt“
etikettiert, wie der Täter („haßerfüllt“ und „sadistisch“). Fast
entschuldigend schickt Kernberg das „klinisch gesehen“ voraus – als gebe
er seine Aussage nur widerstrebend von sich. Der Mann habe seine
Persönlichkeitsstörung eben nicht im KZ, sondern an der Mutterbrust entwickelt.
Resümee: „Ich übertreibe nicht, wenn ich meinen Eindruck wiedergebe, dass
dieser Mann sich seiner Familie gegenüber so verhielt, als ob er der Kommandant
des Konzentrationslagers sei, in dem seine ganze Familie ermordet wurde.“
Diese Äußerung verhöhnt alle, die eine solche Hölle – mit nur allzu
verständlichen, schwersten seelischen Blessuren – überlebt haben.
Fallbeispiel 2 (ebd., S. 11) handelt Kernberg
ab unter „Störungen und Gefährdungen der
therapeutischen Beziehung durch typische Syndrome“. Unter der
Zwischenüberschrift „Transformation eines
Opfers in einen Täter“ heißt es (vollständig zitiert)[1]:
„Ein drittes Syndrom, das auch sehr
häufig vorkommt, ist die Transformation des Opfers in einen Täter. Der
schwerste uns bekannte Fall ist eine Patientin mit einer antisozialen
Persönlichkeit, die, nachdem ihr Vater sie sexuell mißbraucht hatte, unter den
Folgen des Inzests an schweren Depressionen und Selbstmordversuchen litt und
die ihren Therapeuten sexuell verführte. Sie rief ihn unter Androhung von
Selbstmord zu sich nach Hause, empfing ihn im Negligé und gab ihm zu verstehen,
daß nur er sie retten könne - ein junger Psychiater in Ausbildung mit schweren
narzißtischen Problemen. Sie schrieb ein Tagebuch, beging Selbstmord, sandte
zuvor das Tagebuch mit einer genauen Beschreibung des sexuellen Verkehrs mit
ihrem männlichen Therapeuten ihrer homosexuellen Freundin, die ein
Gerichtsverfahren gegen den Therapeuten und gegen unser Spital einleitete. Wir
sehen hier, wie die Patientin noch im Tode Opfer und Täter zugleich wurde. Ein
tragischer Fall, der aber nicht so außerordentlich oder ungewöhnlich ist, wie
man erwarten würde. Wir sehen hier eine leichtere Ausprägung der Problematik
der zuvor geschilderten Patientin, die ohne Slip kam und in Wut geriet, weil
ich mich als ihr Therapeut weigerte, mit ihr eine sexuelle Beziehung
aufzunehmen.“ Bereits in der Überschrift wird die Patientin zum „Täter“ erklärt. Mit dem Hinweis, es
handle sich um den „schwerste[n] uns bekannte[n] Fall“, wird die Betroffene massiv pathologisiert. Nur ein paar
Zeilen weiter wird diesem „Fall“
dagegen – im völligen Widerspruch – attestiert, er sei „nicht so außerordentlich oder ungewöhnlich ..., wie man erwarten würde“ – was auch immer
Kernberg in solchen Fällen „erwarten“ mag. Mit der Diagnose einer „antisozialen Persönlichkeit“ und dem
Hinweis, dass sie ihren Therapeuten „verführte“,
wird der Patientin die maßgebliche Verantwortung zugeschoben. Der Therapeut ist
indirekt bereits zum „Opfer“ des „Täter[s]“ erklärt. Verstärkt durch den
Hinweis, dass er sich noch „in Ausbildung“
befunden und an „schweren narzißtischen
Problemen“ gelitten habe, wird für Verständnis ihm gegenüber plädiert.
Dagegen wird die Freundin, die die tödliche Therapie nicht klaglos hingenommen,
sondern gegen Klinik und Therapeuten ein Gerichtsverfahren angestrebt hatte, in
diskreditierender Absicht als „homosexuell“
gebrandmarkt. So wird eine völlig verfehlte Psychotherapie dem Opfer selbst
angelastet. Anstatt die kritische Reflexion von Therapeutenfehlern zu fördern,
bereitet Kernberg einer Opferbeschuldigung den argumentativen Boden.
Fallbeispiel 3 (ebd., S. 13) erzählt von einer
Frau, die im Alter von weniger als 10 Jahren von ihrem Vater, einer „antisozialen Persönlichkeit“, sexuell
missbraucht wurde. „Sie hatte in
typischer Weise das Verhalten des Vaters in vielfältiger Art erlebt, als
brutalen Eingriff und Verletzung ihrer physischen Identität, als verwirrenden
Einbruch und Zerstörung der liebevollen Beziehung zu beiden Eltern, als
zerstörenden Einfluß auf die Entwicklung ihres moralischen Gewissens und als
einen sexuell erregenden Triumph über ihre Mutter.“ Abgesehen davon, dass
der sexuelle Missbrauch hier sehr pauschal abgehandelt wird: Kernberg versucht
gar nicht ernsthaft, das Geschehen in seiner Wirkung als „brutalen Eingriff“ zu erfassen, sondern sieht das wesentliche
Problem offenbar darin, dass das Mädchen den sexuellen Missbrauch „in typischer Weise ... als einen sexuell
erregenden Triumph über ihre Mutter“ erlebt habe. „Dieses letztere Element war natürlich vollkommen unbewußt und mit
schweren Schuldgefühlen verbunden, die in ihrer masochistischen Persönlichkeit
zum Ausdruck kamen und sie sich so ihr ganzes Leben wegen dieser ödipalen
Schuld opfern ließ. Von dem Moment an, als sie sich nicht mehr als Opfer sehen
mußte, konnte sie sich auch mit ihrer eigenen sexuellen Erregung in diesem
unbewußten und jetzt bewußten Sieg über die ödipale Mutter zurechtfinden und
ihre Schuld tolerieren.“ Kernberg berichtet, die Frau sei die Geliebte eines Bandenführers
gewesen, der sie seinen Freunden „sozusagen
als Geschenk“ angeboten hatte. Dass die Frau den sexuellen Verkehr mit
diesen Männern über sich ergehen ließ, wird nicht etwa so verstanden, dass sie
schon früh daran gewöhnt worden war, derartige Grenzverletzungen zu ertragen.
Vielmehr deutet Kernberg, dass die Patientin zum Ausdruck bringe, dass sie
Sühne für ihre „ödipale Schuld“ leisten
müsse. Sie müsse „ihre Schuld tolerieren“
– erst dadurch finde sie Heilung. Eine solche Haltung finde ich skandalös.
Der Hintergrund
Unter der Überschrift „Trauma, chronische
Aggression und Persönlichkeitsstörung“ (S. 5-6) trifft Kernberg gleich
zu Beginn seines Artikels eine Unterscheidung: „Erstens muß man
unterscheiden zwischen dem Syndrom der posttraumatischen Belastungsstörung und
dem Trauma als ätiologischer Faktor von Persönlichkeitsstörungen.“ Zunächst
war ich geneigt, Kernbergs Forderung nach Unterscheidung zwischen „Syndrom“
und „ätiologische[m] Faktor“ zuzustimmen. Aber dann fand ich:
Selbstverständlich kann ein „Trauma“ – vermittelt über eine dadurch
ausgelöste posttraumatische Belastungsstörung – die Persönlichkeit prägen, und
somit als „ätiologischer Faktor“
einer Persönlichkeitsstörung aufgefasst werden.
Und noch während mich dieser verwirrende Satz
beschäftigt, gibt mir schon der folgende Abschnitt zu denken: „Zweitens ist
es wichtig, zwischen Trauma und chronischer Aggression zu
differenzieren. ... Chronische
Aggressionen sind für die Entstehung von Persönlichkeitsstörungen ein
wichtiges ätiologisches Element, und wir denken dabei zum einen an die
angeborenen Fähigkeiten oder Dispositionen zur Entstehung von Wut als einem
Grundaffekt und an die abgeleiteten aggressiven Affekte wie Haß und Neid, andererseits
an die Folgen schmerzlicher Erlebnisse und schwerer Krankheiten im ersten
Lebensjahr, weiterhin an die Auswirkungen von chronisch‑aggressivem
mißhandelnden Verhalten von Müttern oder beiden Eltern, weiterhin an physischen
und sexuellen Mißbrauch.“
Kernberg denkt also bei „chronischer
Aggression“
1.) an angeborene Verhaltensprogramme von
Säuglingen,
2.) an die „Folgen“
von „schmerzliche[n]
Erlebnisse und schwere[n] Krankheiten“ bei Kleinkindern,
3.) an die „Auswirkungen“
von „chronisch‑aggressivem
mißhandelnden Verhalten von Müttern oder beiden Eltern“ auf deren
Kinder und
4.) (streng nach der Satzlogik) an „physischen
und sexuellen Missbrauch“ selbst. (Mag sein, dass hier der „Missbrauch“ als Pendant zum „misshandelnden
Verhalten“, also als Auslöser der „chronischen Aggression“, gemeint
ist.)
Drei Sätze weiter spricht er von Situationen,
in denen „das Kleinkind chronisch Aggressionen ausgesetzt ist“.
Kernberg jongliert hier also mit Begriffen: Vom adjektivischen Gebrauch des „chronisch“
(„chronische Aggression“) gleitet er zum adverbialen über („chronisch
Aggressionen ausgesetzt“), ordnet die „chronische
Aggression“ mal den Kleinkindern selbst, mal den sie misshandelnden
Erwachsenen zu, lässt den „physischen und sexuellen Missbrauch“ selbst
als „chronische Aggression“ erscheinen, meint ihn aber vielleicht als
deren Ursache. Obwohl es ihm gerade noch so wichtig war, eine „Unterscheidung“
zu treffen zwischen „Trauma“ und „chronischer Aggression“, ist
sein eigener Begriff von „chronischer Aggression“ so diffus, dass er zur
Abgrenzung vom „Trauma“ gerade nicht taugt.
Auch der nächste Satz ist eindeutig unklar: „Alles [Misshandlung, Krankheit u.s.w.;
K.S.] sind Beispiele für intensive schmerzhafte
Erlebnisse, die eine reaktive Aggression auslösen und somit insgesamt das
Vorherrschen primitiver Aggressivität als den ätiologischen Faktor in der
Entwicklung von schweren Persönlichkeitsstörungen darstellen.“ Im Zentrum
des Satzes steht die Behauptung von der „primitive[n] Aggressivität als de[m] ätiologischen Faktor in der Entwicklung von
schweren Persönlichkeitsstörungen“. Kernberg scheint seine Behauptung „somit“
begründen zu wollen, dass die „intensive[n] schmerzhafte[n] Erlebnisse“
(angeblich) „reaktive Aggression“ auslösen. (Ich frage: Nicht auch, oder
sogar eher, Angst, Schmerz, Hilflosigkeit, Verzweiflung oder Scham?) Als würde
allein die Existenz von Krankheit und Misshandlung begründen („darstellen“),
dass Kernbergs Behauptung über den „ätiologischen Faktor“ namens „primitive Aggressivität“ korrekt ist.
Ist es Projektion, wenn Kernberg im nächsten
Abschnitt die Begriffsverwirrung bei seinen Widersachern beklagt? Ohne einen
einzigen Satz von ihnen zu zitieren, meint er: „Die Verwischung von Trauma
und chronischer Aggression als ätiologischem Element findet sich typisch in der
Traumaliteratur, in den Tendenzen vieler Autoren der Traumadiagnostik, die vom
Trauma ausgehend auf das Konzept des komplexen Traumas und des chronischen
Traumas gekommen sind“.
Im Kapitel „Traumakonzepte“ (S.
6) behauptet Kernberg nun, dass in Frage steht, „ob Trauma noch ein
hilfreiches Konzept“ sei. (Unklar: Hilfreich oder nicht hilfreich wofür
genau?) In den USA gebe es jedenfalls zwei Richtungen: Die Vertreter der einen
Richtung „[sehen] das Konzept des komplexen oder chronischen Traumas als
hilfreich an[...]“; „diese Ansicht [wird] von den Vertretern der
anderen Richtung absolut verneint.“ Er macht als Vertreterin der ersten
Richtung Judith L. Herman (1992) aus. Ihre „Einstellung“, nämlich „Respekt
und Anerkennung gegenüber den Opfern und Überlebenden schwerer Traumatisierung
sowie [...] Zurückhaltung, die Opfer zu belasten, andererseits aber auch
eine Kritik der Verleugnung der traumatischen Ursachen“ zu zeigen, werde „von
anderen als zu sehr ideologisch begründet angesehen“. Ihre Sicht sei
ideologieträchtig, weil von ihr „die spezifischen und unterschiedlichen
psychopathologischen Folgeerscheinungen der verschiedenen Krankheiten, der zehn
‚Plagen’[[2]],
die ich Ihnen nannte, unterschätzt“ würden. (Unklar: Inwiefern genau
werden die „psychopathologischen Folgeerscheinungen“ „unterschätzt“?)
Darüber hinaus würden ebenso „unterschätzt“: „die unterschiedlichen
Behandlungsmöglichkeiten für Patienten, die an den Folgen chronischer
Aggression leiden“. Unterschätzt im Hinblick worauf? Auf Dauer, Kosten,
Effektivität, ...?
„Die Gegner dieser Vermischung von
ideologischen Einstellungen und behandlungstechnischen Konzepten vertreten die
Position, daß ...“. En passant bemüht Kernberg sich zu suggerieren, seine
Widersacher vermischten „behandlungstechnische[.] Konzepte[.]“
mit „ideologischen Einstellungen“. Er und seine Mitstreitern
seien strikte „Gegner“ dieser „Vermischung“ und verneinten „absolut“
die Ansicht von der Bedeutung des [komplexen und chronischen] Traumas. Denn
diese „Vermischung“ oder „Verknüpfung ... verhindert, adäquate
Behandlungsmethoden für diese Patienten einzusetzen“. Es sei „aus
klinischer und therapeutischer Sicht hilfreich [...], die
posttraumatische Neurose als solche von den psychopathologischen Folgen
langwieriger Aggressionen[3]
zu unterscheiden.“
Unter der Überschrift „Zum
Posttraumatischen Stresssyndrom“ (S. 6) will Kernberg auf dieses
Syndrom „nur kurz eingehen“: „Dieses akute Erscheinungsbild tritt in
ähnlicher Form auf als Folge schwerer Traumen durch Konzentrationslager, Krieg,
Unfälle, Vergewaltigung, Geiselnahme, Terror, politischen Terror, Folter und
anderer Formen schwerer körperlicher und sexueller Mißhandlung, besonders in
der frühen Kindheit und in den ersten 10 bis 15 Lebensjahren. Die klinischen
Charakteristika dieses Syndroms, das 2 bis 3 Jahre lang anhalten kann, sind ...
[4].“
Für Kernberg bereitet das Trauma also „2 bis 3 Jahre lang“ ein paar
Probleme, die sich dann aber (von selbst?) auflösen. „Schwere Traumen können somit langwierige Psychopathologische Folgen
haben, die aber von typischen Persönlichkeitsstörungen zu unterscheiden sind.“
Im Kapitel „Die besondere
Funktion von Haß und Neid für die Psychopathologie schwerer
Persönlichkeitsstörungen“ (ebd. S. 8-9) erklärt Kernberg den Neid als „eine
Sonderform des Hasses “; er sei „sogar auf eine gefährlichere Art
pathologisch als der Haß selbst“, da er „uns veranlaßt die Hand zu
beißen, die uns füttert“. Ähnlich formuliert er schon Jahre zuvor (Kernberg,
1990, S.315): Patienten mit
„Konflikte[n]
im Umkreis
von oraler
Wut und
Neid ... müssen
alles, was
ihnen Liebe
und Befriedigung
spenden könnte,
zerstören, um
die Anlässe
für ihren
Neid und
ihre projizierte
Wut zu
beseitigen“.
In den kleinkindlichen Reaktionsmustern liege allein
der Keim zur Entwicklung schwerer
Persönlichkeitsstörungen. Die eingangs zitierten Fallgeschichten sind
das Resultat dieser Haltung.
Abschließend, ohne Kommentar, eine Passage aus
dem Kapitel „Behandlungsstrategien ...“ (Kernberg, 1999, S.
13-14): „Die Toleranz der Aggression des Täters, die auf uns projiziert
wird, ist unerhört entscheidend für den Erfolg der Therapie, indem wir zum
Täter werden können und wir uns als Täter identifizieren und es so dem
Patienten erleichtern, sich selbst als Täter zu identifizieren. ... Wir müssen
uns also mit dem Kommandanten des Konzentrationslagers, mit dem Folterer in der
Diktatur, mit dem inzestuösen Vater, mit der sadistischen Mutter identifizieren
können. Wir müssen so auch die Lust verspüren am Zerstören, die Lust eine
Brandbombe zu werfen, die Lust sadistische Aggressionen zu verspüren, denn die
Bereitschaft dafür haben wir alle in unserem Unbewußten.“
Woher kommt’s?
Sigmund Freud hat m.E. mit seiner Theorie ein
Modell für die Ignoranz gegenüber dem Leid von kindlichen Gewaltopfern
geliefert. Seine Behandlung von ‚Dora’ (= Ida Bauer) – sie erstreckte sich Ende
des Jahres 1900 über 10 Wochen – illustriert sehr schön sein Verständnis von
Hysterie (damaliger Sprachgebrauch für psychosomatische Störung): Der 27jährige
Herr Z.[5]
presst die 13jährige[6]
Ida in seinem menschenleeren Büro an sich und küsst sie – gegen ihren Willen –
auf den Mund (Freud, 1905/1993, S. 30-31). Obendrein, so Freud, spüre sie „in
der stürmischen Umarmung ... das Andrängen des erigierten Gliedes gegen ihren
Leib“. Sie ekelt sich, reißt sich los und rennt weg. Dies beweise, dass das
Mädchen bereits „ganz und voll hysterisch“ sei: „Anstatt der
Genitalsensation, die bei einem gesunden Mädchen unter solchen Umständen gewiß
nicht gefehlt hätte, stellt sich bei ihr … der Ekel [ein]“. Freud: „Ich
kenne zufällig Herrn Z.; .... ein noch jugendlicher Mann von einnehmendem
Äußern“. Zwei Jahre später quittiert das Mädchen einen „Liebesantrag“
dieses (feschen, jugendlichen und mit der Geliebten ihres Vaters verheirateten)
Herrn mit einer Ohrfeige. Einige Tage danach erzählt sie ihrer Mutter davon.
Freud (ebd., S. 94): „Dass sie von dem Vorfalle ihre Eltern in Kenntnis
gesetzt, legte ich als eine Handlung aus, die bereits unter dem Einflusse
krankhafter Rachsucht stand. Ein normales Mädchen wird, so sollte ich meinen,
allein mit solchen Angelegenheiten fertig.“ Freud erkennt also „gesunde“
und „normale“ Jugendliche daran, dass sie bei erotischen
Zudringlichkeiten von Erwachsenen still halten, ihre sexuelle Erregung genießen
und ihren Eltern gegenüber dies alles verschweigen. Jugendliche dagegen, die „voll
und ganz hysterisch“ sind, zeigen, nach Freud, eine Abneigung gegen
derartige Attacken und rennen bei irgendwelchen Belästigungen gleich zu ihren
Eltern. Die Ursache ihrer Störung sieht er in – verdrängtem, unbewussten –
Antrieb zu Homosexualität, Selbstbefriedigung und Inzest.
Aus Freuds eigener Fallschilderung ist
abzulesen, dass die damals 18jährige Ida Bauer seine selbstherrlich
sexualisierenden Deutungen ihres „Unbewussten“ zunächst ironisch kommentiert,
dann die „Kur“ am 31. Dezember – von einem Tag auf den anderen. – abrupt
beendet. Damit will sie offenbar Freud eine kleine Lektion erteilen, sich in
der Deutung des Verhaltens anderer ein klein wenig mehr Bescheidenheit
aufzuerlegen. Anlässlich seiner Ernennung zum Professor (zum 1. April [1902] –
nach Bestechung des Kultusministers durch eine reiche Patientin Freuds; vgl.
Masson, 1986, S. 501-503) besucht sie ihn noch einmal kurz und schickt ihn in
witziger Manier in den April (vgl. Schlagmann, 2005, S. 458-466). Freuds
Analyse findet allerdings bis in jüngste Zeit ihre Bewunderer (Schlagmann, 1997,
157-175; Freud and Dora, 2005).
Freud hatte im September 1897, also drei Jahre
vor dieser Behandlung, einen fundamentalen theoretischen Umbruch vollzogen
(Schlagmann, 2005, S. 466-492; Web). Ich möchte hierzu – knapp skizziert – eine
neue Position vortragen.
Freuds Vorstellungen von den Ursachen
psychischer und psychosomatischer Störungen sind bereits früh stark fixiert auf
Sexualität (Freud, 1898/1952, S. 491): „Durch eingehende Untersuchungen bin
ich in den letzten Jahren zur Erkenntnis gelangt, dass Momente aus dem
Sexualleben die nächsten und praktisch bedeutsamsten Ursachen eines jeden
Falles von neurotischer Erkrankung darstellen.“ Depressionen seien bedingt
(bei Männern und Frauen) durch Selbstbefriedigung oder (bei Männern) durch
nächtliche Samenergüsse (ebd., S. 497). Angststörungen seien (bei Männern und
Frauen) bedingt durch „Coitus interruptus“ (ebd., S. 498) oder (bei
Frauen) durch „Coitus reservatus“ (Benutzung von Kondomen) (Freud,
1895/1952, S. 326). „Zwangsvorstellungen sind jedes Mal verwandelte, aus der
Verdrängung wiederkehrende Vorwürfe, die sich immer auf eine sexuelle, mit Lust
ausgeführte Aktion der Kinderzeit beziehen“ (Freud, 1896/1952, S. 386).
Hysterien (psychosomatische Störungen) seien bedingt durch Vergewaltigung durch
den jeweiligen Vater im Alter zwischen zwei und acht Jahren (Briefe an Fließ
zwischen Dezember 1896 und September 1897).
In Bezug auf die Hysterie akzeptiert Freud
1896/1897 also immerhin noch uneingeschränkt ein – allerdings sehr spezielles –
Trauma als zentralen Ursprung. Inspiriert war er dabei von Josef Breuer[7],
der psychosomatische Störungen auf die traumatisierende Wirkung von
fortgesetzter Entwertung, Unterdrückung, Tabuisierung, Missachtung oder
ähnlichem zurückführte. Sexualität war für Breuer ein Lebensbereich, in dem
problematische Erfahrungen häufig waren; sexuellen Missbrauch zählte er
selbstverständlich auch (aber keineswegs allein) zu traumatisierenden
Erfahrungen. Zusammen mit den Betroffenen versuchte er, z.T. unter Nutzung
einer Art moderner Selbsthypnose, die traumatische Ursprungssituation zu
ergründen. Er hatte gegenüber Freud das von ihm entwickelte Verfahren
„Psychoanalyse“ benannt (Breuer, o.J.) – in Anlehnung an das Theaterstück
„König Ödipus“ von Sophokles, das Schiller ca. 100 Jahre zuvor in einem Brief
an Goethe als „tragische analysis“ (Beutler, S. 435) bezeichnet hatte:
Der Ödipus des Sophokles ist ein Held, der aufrichtig und selbstlos die lange
zurück liegenden Umstände seiner familiären Verstrickung – aus der Rückschau –
aufzulösen versteht (vgl. Schlagmann, 2005, S. 35-68, S. 103-113).
Nach Breuers (und seiner eigenen) Begriffslogik
diagnostiziert Freud seine gelegentlichen Anfälle von Herzrasen und andere
Symptome ohne körperliche Ursache mehrfach als Hysterie, z.B. am 14. August 1897
(Masson, 1986, S. 281) oder am 03. Oktober 1897 (ebd., S. 289). Und – in diesem
Zusammenhang (ebd., S. 281): „Der Hauptpatient, der mich beschäftigt, bin
ich selbst.“ Daher also Freuds leidenschaftliches Umkreisen der Hysterie.
Zwischen Dezember 1896 und September 1897 führt er sie, wie skizziert, auf eine
väterliche Vergewaltigung zurück. Der Großvater kommt als Täter offenbar schon
nicht mehr in Betracht – jedenfalls etikettiert er am 28. April 1897 einen
Traum von Fließ, „der den sonst gebräuchlichen Vater durch den Großvater
ersetzen wollte“, als einen „Abwehrtraum“ (ebd., S. 251). Am 8.
Februar 1897 beschuldigt er den (bereits verstorbenen) eigenen Vater als
perversen Kinderschänder (ebd., S. 245). Er bezieht sich in dem Brief zwar nur
auf seine als „hysterisch“ diagnostizierten Geschwister, muss sich aber auch
selbst – gemäß seiner Theorie – zu den Opfern zählen. In seinen gesamten
Erinnerungen findet sich jedoch kein einziger konkreter Hinweis darauf. Ende
1897 revidiert er ausdrücklich den Vorwurf gegen den Vater.
Die zwischen 1896 und 1897 in den Briefen an
Fließ präsentierten Indizien aus seinen Fallgeschichten, die ihn auf
Vergewaltigungen durch die Väter schließen lassen, sind bisweilen höchst
zweifelhaft (ebd.): Einen „hysterischen“ Frostschauer führt er auf das
Herausnehmen aus dem warmen Bettchen zurück, Kopfschmerz und Angst vor dem
Fotografen auf das Festhalten des Kopfes zum Zweck der oralen Vergewaltigung
(die Fotografen der damaligen Zeit pflegten den Kopf durch entsprechende
Gerätschaft festzuklemmen). (Ähnlich zweifelhafte Schlussfolgerungen finden
sich in den Briefen vom 6. Dezember 1896 bzw. 3. Januar und 16. Mai 1897.) Oder
aber ein plausibel angedeuteter Missbrauch wird von der Patientin nicht in dem
von Freud vermuteten Alter und offenbar nicht im Sinne seiner konkreten
Vorstellung geschildert (28. April 1897), worauf er der Patientin seine Sicht –
„im frühesten Kindesalter ähnliche und ärgere Dinge“ – aufdrängt.
Freuds auffällige Fixierung auf das Thema
Eltern-Kind-Inzest verstehe ich als Reaktion auf sein eigenes Familiendrama,
das von diesem Thema überschattet war: Mutter Amalia, als tyrannisch, schrill
und launisch geschildert, hatte wohl mit ihrem Stiefsohn Philipp während einer
längeren Abwesenheit von Vater Jakob die kleine Anna gezeugt[8]
(gut zwei Jahre jünger als Sigmund) (vgl. Krüll, S. 186-192; Schlagmann, 2005,
S. 501-505). (Philipp, Sohn von Jakob Freud aus erster Ehe, war ca. ein Jahr
älter als seine Stiefmutter.) Amalia hatte später auch ihren Sigmund als
Partnerersatz für sich vereinnahmt.[9]
Diese – sicherlich nicht sexuelle – Vereinnahmung lässt sich wohl ebenso
(überspitzt) als „Inzest“ symbolisieren.
Bei der Suche nach dem zentralen sexuellen
Auslöser der Hysterie, die Freud in seiner Familie gehäuft diagnostiziert,
identifiziert er nun also den Inzest. Gemessen am familiären Hintergrund
verschiebt er dabei jedoch die Täterschaft von der Mutter auf den Vater. Freud
gelingt damit der Spagat, einerseits den familiären „Inzest“ ausgiebig zu
thematisieren, andererseits den offenen Konflikt mit Amalia zu vermeiden.[10]
Der als sanftmütig und humorvoll geschilderte Vater Jakob war vor seiner
Beschuldigung und dem Aufkommen der Väter-Vergewaltigungs-Theorie bereits
verstorben. (Den für diesen Theorie-Teil gebräuchlichen Begriff
„Verführungs-Theorie“ benutze ich ausdrücklich nicht, weil er m.E. die von
Freud gedachte Dynamik unzulässig verharmlost.)
Als sich im Herbst 1897 für Freud selbst die
Pauschal-Anklage gegen die Väter immer weniger als haltbar erweist, da rettet
er seine Theorie durch eine nochmalige, doppelte Verschiebung: Der Inzest wird
nicht mehr dem Vater, sondern dem betroffenen Kind selbst angelastet. Und er
hat nicht in der Realität stattgefunden, sondern nur in der Phantasie.
Das Modell für eine solche Verschiebung hatte
Freud bereits zwischen 1895 und 1897, also kurz vor seinem Umbruch, erprobt,
als er hartnäckig die Folgen realer Verletzungen als Folgen eines
Phantasiegeschehens abtat: Freuds Patientin Emma Eckstein[11]
litt an Magenbeschwerden. Fließ und Freud hatten herausgefunden, dass
Magenbeschwerden keine wahrscheinlichere Ursache haben, als Masturbation.[12]
Eine erfolgreiche Behandlung musste also an dieser zentralen Stelle ansetzen.
Fließ hat in seinem Werk „Die Beziehungen zwischen Nase und weiblichen
Geschlechtsorganen“ (1897) eine Möglichkeit beschrieben, derartige
Magenbeschwerden zu heilen (zit. nach Masson, 1995, S. 118): „Exstirpiert
man gründlich diese Partie der linken mittleren [Nasen-]Muschel, was
leicht mit einer geeigneten Knochenzange ausgeführt wird, so schafft man den
Magenschmerz dauernd fort.“ Bei einer derartigen, von Freud befürworteten,
Operation (Ende Februar 1895 in Wien) hatte Fließ offenbar ein größeres Gefäß
von Emma Eckstein verletzt. Nachdem er die Wunde mit Gaze verstopft hatte, war er
nach Berlin abgereist. Der Zustand der Patientin hatte sich drastisch
verschlechtert; ein hinzugezogener Wiener Arzt entdeckte und entfernte nach 14
Tagen die zurückgelassene Gaze. In Freuds Berichten an den Freund spiegelt sich
zunächst noch sein Schrecken über die Folgen der Operation (z.B. Masson, 1986,
S. 117-126).[13]
Aber nachdem dieser sich gelegt hat, knapp ein Jahr später (26. April 1896),
schiebt er die ganze Angelegenheit der Betroffenen selbst zu; er folgt dabei
offenbar der Rechtfertigungsstrategie von Fließ (Masson, 1986, S. 193): „Ich
werde dir nachweisen können, dass Du recht hast, dass ihre Blutungen
hysterische waren, aus Sehnsucht erfolgt sind und wahrscheinlich zu
Sexualterminen.“ Und Freud bekräftigt am 04. Juni 1896 (ebd., S. 202): „daß
es Wunschblutungen waren, ist unzweifelhaft“. Noch knapp zwei Jahre nach
Emma Ecksteins Verstümmelung, am 17. Januar 1897, wiederholt Freud hartnäckig
diese Beschwichtigung (ebd., S. 238): „An dem Blut bist du überhaupt
unschuldig.“ Erstaunlich leicht lässt sich doch auf Behauptungen über das
Phantasieleben anderer beharren.
Mit seiner damals parallel sich abzeichnenden
„Entdeckung“ der Bedeutung des (väterlichen) sexuellen Missbrauchs als
Standardursache psychosomatischer Störungen hatte er es schwerer: Der
Widerspruch gegen diese Behauptung eines angeblichen Geschehens ließ sich nicht
so leicht ignorieren. Freud geriet mit seinen Generalisierungen – zu recht. –
in die Kritik von Kollegen. Auch manche PatientInnen verließen diese „Kur“ –
was unangenehme finanzielle Verluste mit sich brachte. Er selbst musste in
Bezug auf den von ihm zunächst beschuldigten Vater kleinlaut seinen Irrtum
eingestehen. Da hat er seine These ein klein wenig verschoben: Ja, Hysterie hat
mit früher sexueller Erfahrung zu tun, ja, im Alter zwischen zwei und acht
Jahren, ja, es geht um Inzest mit einem Elternteil. Nein, der Inzest hat nicht
real stattgefunden, sondern ist vom Kind – aus seinem Inzesttrieb heraus –
phantasiert worden.
An dieser Stelle wird deutlich, warum die
Verleugnung des Traumas für Freud eine so zentrale Rolle spielt: Sie
erleichtert ihm die Suggestion. Und sie hilft ihm, so zu tun, als behalte er
seine bisherigen Theorieansätze bei.[14]
Der kleine Unterschied hatte große Folgen: Seitdem ist in der Psychoanalyse die
Kategorie Opfer abgeschafft.[15]
Reale Gewalterfahrungen werden eher negiert. Sofern sie nicht geleugnet werden
können, werden zumindest die zentralen Folgeschäden dem triebhaften Innenleben
der Betroffenen selbst zugeschrieben (vgl. Emma Eckstein). Genau dieses
Gedankengebäude – Resultat von Freuds fundamentaler Konfusion – liegt der
Position Otto Kernbergs zugrunde. Aber auch dem Denken und Handeln manch
anderer KollegInnen.
Phantasie
oder Wirklichkeit?
Nach Freud sind Kleinkinder „polymorph
pervers“, nach Kernberg entwickeln sie leicht „orale Wut“ und „oralen
Neid“ bzw. „chronische Aggression“. In der Therapie geschilderte
kindliche Gewalterfahrungen entspringen eher der kreativen Vorstellungswelt der
Betroffenen. Im Jahr 1999 hat Anke Kirsch 91 ExpertInnen (überwiegend
psychologische oder ärztliche PsychotherapeutInnen aus ganz unterschiedlichen
Therapierichtungen) in einer Delphi-Studie zum Thema „Trauma und Erinnerung“
befragt, wie sie dazu gelangten, den ihnen berichteten sexuellen Missbrauch als
Ausdruck der Phantasie zu werten (Kirsch, 1999, S. 31): „Die folgenden
Statements beziehen sich auf Kriterien, die von Ther. als Hinweise für
retrospektive Phantasien angesehen werden. Die Statements waren nach dem Ausmaß
der Zustimmung zu gewichten. ...
20.4 Die Schuldfrage wird eher externalisiert und bei dem/der Täter/in gesucht.
...
20.5 Die Pat. gehen mit einer größeren Überzeugung und Sicherheit davon aus,
dass eine sexuelle Traumatisierung stattgefunden haben müßte.“ Diesen zwei
Stellungnahmen haben 65,7 % bzw. 63,9 % „überwiegend“ oder „völlig“
zugestimmt. Ungefähr zwei Drittel der Experten für die Behandlung von schwer
traumatisierten PatientInnen würden den ihnen geschilderten Missbrauch also
einer „retrospektiven Phantasie“ zuordnen, wenn die Betroffenen die
Schuld dafür eher dem Täter zuschieben und mit größerer Sicherheit von der
Realität des Ereignisses überzeugt sind. Nur winzige 4,7 % bzw. 4,9 % lehnen
eine solche Schussfolgerung entschieden ab.
Resultat einer kleinen Befragung
Bereits in früheren Publikationen[16]
hatte ich Opferbeschuldigungen in drei Werken Kernbergs[17]
attackiert. Direkt angesprochene KollegInnen reagierten jedoch i.d.R. mit
großer Zurückhaltung auf meine Kernberg-Kritik. Nach meiner ersten Lektüre von
Kernbergs Aufsatz (1999), zitierte und kritisierte ich spontan den Text
ausführlich in einem 11seitigen Papier, verschickte es an knapp 800 mir zumeist
unbekannte Adressaten per Email und bat um Rückmeldung. In der Mehrzahl der
Schreiben hatte ich zunächst Kernberg nicht als Autor benannt. In diesem Fall
bekam ich Rückmeldung von 49 Personen (8,7
%), die ihre Antwort teilweise auf die Kritik an der fehlenden bibliografischen
Angabe beschränkten. In aller Regel verstummten die Antwortenden, wenn ich
Kernberg als Urheber des Textes nannte. Bei direkter Angabe von
Kernbergs Namen bekam ich 6 Rückläufen (2,9 %). (Es kamen noch 13 Antworten von
einigen Prominenten hinzu, die ich gezielt brieflich befragt hatte.) Die
Bereitschaft, auf die Kritik von Kernbergs Artikel zu reagieren, war also
geringer ausgeprägt, wenn die KollegInnen seinen Namen vor Augen hatten. Sofern
reagiert wurde, fand meine Kritik teilweise Zustimmung, teilweise jedoch auch
deutliche Ablehnung. Sämtliche Kommentare sind – mitsamt meinen teilweise
gegebenen Antworten – auf meiner Webseite nachzulesen (Schlagmann, Web). Einige
Antworten sind hier im Anhang wiedergegeben.
Das Ringen um
einen Leserbrief
Im Jahr 2004 hatte sich im Saarland eine
Psychotherapeuten-Kammer konstituiert. Im Mitteilungsblatt dieser Kammer, dem
FORUM, wurde in seiner zweiten Nummer ein „Diskussions-FORUM“ eröffnet. Ein
Kollege hatte für einen „menschlichen, empathischen und respektvollen Umgang“
zwischen Therapeut und Klient geworben. Ich selbst formulierte dann in einem
Leserbrief, auf der Grundlage einiger Zitate von Kernberg: „Im Interesse
unserer KlientInnen und im Interesse unseres Rufes sollten wir derartig
unmenschlichen Positionen, wie oben zitiert, ausdrücklich eine
gemeinschaftliche Absage erteilen.“
Es wurde dann eine Erklärung der Redaktion
(Leitung: Kammerpräsidentin Ilse Rohr) abgedruckt: Mein Beitrag für das
Diskussions-FORUM sei nicht aufgenommen worden, weil das Organ „keine
Plattform für Vorurteile oder Polemik“ bieten wolle. In
der Vertreterversammlung vom 28.02.2005 stellte ich meinen Beitrag zur Debatte.
Drei Vorstandsmitglieder und ein Mitglied der Vertreterversammlung
argumentierten ausdrücklich gegen dessen Veröffentlichung. Zwei übrige
Vorstandsmitglieder bezogen keine Stellung. Allein Dr. Raimund Metzger votierte
für die Publikation. Das Protokoll dieser Sitzung hält fest: Mein Artikel
enthalte „tendenziell manipulative Elemente[.], die Arbeitsmethoden
verunglimpfe“.
In einem dritten Anlauf wollte ich per
ganzseitiger Anzeige im FORUM (Kosten: 200,00 €) Werbung für mein Anliegen betreiben (Schlagmann, Web).
Fehlanzeige. Ilse Rohr mit Schreiben vom 18. Mai 2005: An dem „unsachlichen,
sich eben nicht kritisch auseinandersetzenden Inhalt“ des Beitrags habe
sich nichts geändert. Man sehe sich „leider weiterhin nicht imstande“,
den Artikel im FORUM zu veröffentlichen. „Das betrifft ebenso Ihren Wunsch
nach Veröffentlichung als Anzeige.“
Eine vierte Version, in der ich mich praktisch
ganz auf das Zitieren der kritisierten Thesen beschränkte, wurde im FORUM 9
abgedruckt. Allerdings fiel immer noch eine Passage dem Rotstift der
Kammerpräsidentin zum Opfer: „Über eine Rückmeldung freut sich:“ –
mitsamt meiner Adresse. Bis heute hat mich auch keine einzige Reaktion
erreicht.
Meine Kritik am Vorgehen der Kammer gegenüber
dem Saarländischen Minister für Justiz, Gesundheit und Soziales, Dr. Josef
Hecken, am 15. August 2006 wurde mit Schreiben vom 12. Dezember 2006
beschieden, wonach das Vorgehen der Kammer nicht zu beanstanden sei.
Resümee und
Ausblick
Sigmund Freud hat Traumatisierungen ab 1897 regelrecht
verleugnet, neurotische Störungen nicht mehr als unmittelbare Traumafolgen,
sondern als Folgen verdrängter perverser Kinderphantasien aufgefasst
(Triebtheorie). Diesen oft diskutierten Umbruch sehe ich im Zusammenhang eines
Mutter-(Stief-)Sohn-„Inzests“ in seiner Familie. Freud thematisiert den Inzest,
weicht jedoch der offenen Konfrontation mit seiner vereinnahmenden Mutter aus.
Eine erste Verschiebung führt zu einer Väter-Vergewaltigungs-Theorie. Eine
zweite (doppelte) Verschiebung, geprägt von Freuds Erfahrungen mit Emma
Eckstein, führt zur Triebtheorie, die die Betroffenen selbst ihrer perversen
Phantasien beschuldigt.
Schwere Persönlichkeitsstörungen gehen demnach
auf innerliche Prozesse im frühen Kindesalter zurück. Kernberg konzentriert sich
dabei auf „chronische Aggression“ bzw. „orale Wut“ und „oralen
Neid“. Hinter dieser Ätiologie sollen selbst brutalste Trauma-Erfahrungen –
„Konzentrationslager, Krieg, ... Vergewaltigung, Geiselnahme, Terror, ...
Folter ... schwere[.] körperliche[.] und sexuelle[.] Misshandlung“ –
zurückstehen. Ich stimme bspw. mit Judith Herman (1998) überein, die
umfangreiche Belege gegen diese Sichtweise vorbringt.
Vielleicht ist gerade eine detaillierte Sicht
auf Kernbergs Thesen von 1999 dazu angetan, schärfer und klarer über diese alte
Kontroverse zu diskutieren und sie zu „analysieren“ – d.h. aus der Rückschau
aufzulösen. Dies halte ich für eine zentrale Herausforderung für die aktuelle
Psychotherapieforschung.
Auf meine Kritik habe ich bislang nur spärliche
und recht gemischte Resonanz erhalten. Ausdrücklich danke ich denjenigen, die
sich namentlich zu ihrer Ablehnung meiner Kritik bekannt haben. Aus ihrer
offenen Stellungnahme könnten sich Anknüpfungspunkte für weitere Diskussionen
ergeben. Dagegen scheint mir das mehrfache Abschmettern des bloßen
Diskussionsversuchs durch den Vorstand meiner örtlichen Therapeutenkammer mehr
als unbefriedigend.
Einige im Anhang stellvertretend abgedruckte
Rückmeldungen zeigen, dass das Eintreten für solche Kritik Standfestigkeit und
Durchhaltevermögen erfordert. Ich danke natürlich denjenigen, die meiner Kritik
ursprünglich zugestimmt hatten, die aber heute nicht mehr namentlich genannt
sein wollten. Und ich danke ganz besonders und herzlich dem kleinen Kern von
Fachleuten, Herrn Prof. Battegay, Frau Prof. Freud, Herrn Prof. Hoffmann und
Herrn Prof. Schulz, für ihren Mut, sich mit ihrer Kritik an Kernberg offen an
meine Seite zu stellen. Sophie Freud, die ihren Großvater im Jahr 2002 in Wien
einen „falschen Propheten“ genannt hat, spart auch nicht mit harter
Kritik an Otto Kernberg. Gerade ihre Stellungnahme – aus berufenem Mund – mag
einen nachhaltigen Anstoß geben zu einem gründlichen Überdenken
psychoanalytisch geprägter Verharmlosung und Verleugnung von Traumata.
Anhang: 13 Antworten auf eine kleine Umfrage
Zunächst einige mehr oder weniger deutliche
Ablehnungen meiner Position:
Dr. med. Ulrich Bahrke (Halle):
„Ich finde, daß Sie ihm [Kernberg]
in der Art der Zitierung und Interpretation nicht gerecht werden. Kernberg
schreibt bewußt aus einer klinischen Perspektive, nicht aus einer allgemein‑menschlichen.
Ich kann sowohl Ihre Empörung nicht teilen und empfinde auch Ihre Zitierweise
tendenziös und unfair. Darüber hinaus habe ich eine grundsätzlichere Kritik.
Sie stellen das Trauma‑Modell dem Trieb‑Modell gegenüber ‑
eine Dualität, die es vor 100 Jahren gegeben haben mag, die aber der heutigen
Psychoanalyse in keinster Weise gerecht wird. Ich möchte nur auf den Übersichtsartikel
von Bohleber in der „Psyche“ Ende letzten Jahres verweisen. Worauf dieser
allerdings im Gegensatz zu Kernberg entschieden hinweist ist die Anerkennung
des realen Traumas vor der therapeutischen Bearbeitung dessen, was
dieses Trauma mit der intrapsychischen Realität gemacht hat. Dies ist mir bei
Kernberg nicht eindeutig genug herausgestellt, wenngleich – ein Anhänger des
Triebmodells ist er nun wirklich nicht. (Wer sollte das denn überhaupt noch
sein?)“
Dr. Bahrke hat der Veröffentlichung seiner
Antwort vom 12. September 2000 auf mein damaliges Anschreiben am 13. März 2007
ausdrücklich zugestimmt.
Prof. Dr. Eckhard Giese (Erfurt): „Ich kann mich, kurz gesagt, mit Ihrer Sichtweise nicht recht anfreunden, jedenfalls, was die Person und den Autor Kernberg und den beigelegten Text von ihm betrifft. Es ist ja durchaus als Gefahr in dem Ansatz der Psychoanalyse angelegt, dass eine zumindest innere Beteiligung des Opfers an einem Gewaltakt untersucht wird und, dieses, aber da wird es in meinen Augen schon unfachlich, gar mit verantwortlich gemacht werden mag. Wenn in diesem Sinne etwa einem Vergewaltigungsopfer 1: 1 unterstellt werden würde, sie sei „selber Schuld“, dann ist das natürlich hahnebüchen – aber so etwas würde Kemberg auch, wie ich ihn verstehe, nie tun. Deswegen ist die Person des Opfers aber nicht unhinterfragt gut bzw. ihre Motive außen vorzulassen, sondern sie gehören durchaus zum Verständnis der Situation. Es ist doch alles Psychologie, es geht um Verstrickungen zwischen Personen, nicht nur auf der Ebene des Faktischen, sondern auch der Projektion, Fantasien. Sind nicht auch Ihnen Fälle, wie der von Kernberg geschilderte, geläufig, in denen Menschen, die in ihrer Kindheit gequält und zurückgesetzt wurden, als Erwachsene tatsächlich brutale Aggressoren wurden? Mir scheint nicht, dass Kernberg Täter, Psychopathen, Gewaltverbrecher ... exkulpieren möchte. (Ich habe gerade ein ausgezeichnetes Video über das Leben des Sexualverbrechers Jürgen Bartsch gesehen, dessen schauriger Lebenslauf von einer Studentin empathisch veranschaulicht wurde. Hier ist es eher die menschliche Umgebung des Täters, die denkbar schlecht wegkommt ...) Sie können diesen Zeilen gern entnehmen, dass ich kein Psychoanalyse‑Experte bin. Es könnte sein, so mein Eindruck, dass Sie einem durchaus systematisch gegebenen Risiko der psychoanalytischen Theoriebildung auf der Spur sind, sich aber in der Person und bezüglich der Ausführung von Otto Kernberg irren ...“
Prof. Dr. Giese hat der Veröffentlichung seiner
Antwort vom 19. Juni 2001 auf mein damaliges Anschreiben am 14. März 2007
ausdrücklich zugestimmt.
Dr. med. Mathias Hirsch (Düsseldorf):
„Ich kannte den Aufsatz von Kernberg in
der Vortragsfassung (Lindau 1997) und habe ihn jetzt noch einmal gelesen. Ich
verstehe Kernberg ganz anders als Sie. Als Freudianer und zum Teil Kleinianer
hatte er lange den Trieb und sogar die Heredität als Ursprung der Entwicklung
von Persönlichkeitsstörungen gesehen und hat eine große Begabung, in das Chaos
der BorderlineStörungen System hineinzubringen. Das hat ja auch seinen Ruhm
begründet. Was er jetzt versucht – immerhin – ist, die traumatisierenden
Umwelteinflüsse sowohl familiärer als auch akzidenteller Art einzubeziehen.
Daher ist er manchmal unentschlossen und inkonsequent.
Aber
das werfen Sie ihm ja gar nicht vor. Das Hauptmissverständnis scheint mir an
einer ungeklärten Definition des Begriffs ‚identifizieren’ zu liegen. Kernberg
meint doch nicht, dass man den KZ‑Wächter gut finden und sein Handeln
akzeptieren muss, sondern meint es eher (und seine mangelnde Übung der
deutschen Sprache wird ein übriges tun) so, dass der Patient den Therapeuten
mit dem Täter identifiziert, es geht also um Übertragung und Projektion.
Die
anderen Bereiche: Kennen Sie denn nicht die Identifikation mit dem Aggressor,
die im Zusammenhang mit Traumatisierung regelmäßig auftritt, wie es Ferenczi
(1933) zuerst so genial beschrieben hat. Das macht auch das Tragische aus, dass
das Opfer sich mit dem Täter identifiziert und so weiter Opfer bleibt, von
schweren Schuldgefühlen geplagt, die es dem Täter sozusagen abgenommen hat.
Meine Position finden Sie in beiliegendem Sonderdruck, der sozusagen eine
Kurzfassung meines ausführliches Buches Schuld und Schuldgefühl. Zur
Psychodynamik von Trauma und Introjekt. Vandenhoeck & Ruprecht, 1997
darstellt.
Wie
ich es sehe, werden wir uns wohl kaum einigen können.“
Dr. Hirsch hat der Veröffentlichung seiner
Antwort vom 08. Januar 2001 auf mein damaliges Anschreiben am 12. März 2007
ausdrücklich zugestimmt.
Prof. Dr. med. Gerd
Rudolf (Heidelberg): „Beim
Lesen von Artikeln oder Fallgeschichten, welche sich mit dem Thema der Gewalt,
des Missbrauchs der Täter- oder Opferschaft befassen, fällt mir immer wieder
auf, dass die Verfasser in heftige Affekte hineingerissen werden, die sie
wahrscheinlich außerhalb der Beschäftigung mit diesem Thema nicht erleben. Ich
vermute, es gehört auch nicht zu Ihren üblichen Phantasien, Brandbomben in
Schreibstuben zu werfen (S. 7) [Bezug
auf mein Papier „Weisheit oder Wahnsinn?“, vgl. Web; K.S.]. Offenbar kann man sich mit einer solchen Thematik nicht ernsthaft
auseinandersetzen, ohne rasch selbst in die Dialektik von Täter und Opfer
hineingezogen zu werden.
Die
von Kernberg angesprochene Psychodynamik, dass eine der unbewussten
Bewältigungsmöglichkeiten von Opfern immer auch darin liegt, sich mit der
Täterseite zu identifizieren, gehört zum einigermaßen gesicherten
psychotherapeutischen Wissen. Es hilft z.B. zu verstehen, wie sich die
Täter-Opfer-Dynamik über Generationen hinweg oder durch die Interaktionen
hindurch immer weiter fortpflanzt. Auch für Psychotherapeuten scheint es mir
unerlässlich, dass er sowohl der Täter- wie der Opferseite begegnet (ohne sich,
wie Sie befürchten, mit der einen oder anderen Seite voll zu identifizieren).
Aus
Ihrer Empörung klingt für meine Ohren eine eher – wenn Sie mir bitte das nicht
übel nehmen wollen – naiv-gutgläubige Position heraus: ‚Die Täter sind die
Täter, die Opfer sind die Opfer, und wir Psychotherapeuten stehen natürlich als
Helfer ganz auf seiten der Opfer.’ Da scheint mir die Welt doch etwas zu
eindeutig in gut und böse, schwarz und weiß aufgeteilt. Ich habe
Psychotherapeuten mit solchen Einstellungen kennengelernt und bei manchen den
Eindruck gewonnen, dass sie in ihrer kämpferischen Loyalität mit den Opfern
eigentlich dazu beitragen, diesen Opferstatus (mit allen daran hängenden
Wiedergutmachungshoffnungen) zu verfestigen, anstatt therapeutisch
Bewältigungsmöglichkeiten und Neuorientierungen zu eröffnen.
Mich
persönlich spricht der Artikel des erwähnten Autors nicht besonders an, ich
könnte Ihre Vermutung teilen, daß darin Persönliches anklingt. Was jedoch die
Empörung betrifft, so vermute ich, daß sie aus der fehlenden Kenntnis
psychodynamischer Konzepte resultiert, welche sich mit unbewussten intrapsychischen
Konflikten und unbewussten intrapsychischen Bewältigungsstrategien
beschäftigen, die in der vorliegenden Darstellung möglicherweise etwas zu
konkretistisch imponieren, von manchen Lesern als bewusste Einstellungen
mißverstanden werden und daher Widerspruch auslösen.“
Prof. Dr. Rudolf hat der Veröffentlichung
seiner Antwort vom 14. September 2000 auf mein damaliges Anschreiben am 16.
März 2007 ausdrücklich zugestimmt.
Prof. Dr. Jan Philipp Reemtsma:
„ich glaube, daß es auf die Kontexte ankommt.
Aussagen wie die von Ihnen referierten können durchaus zutreffend sein.
Unvorsichtig und kontextfrei gehandhabt wirken sie in der Regel diffamierend.
Das von Ihnen erwähnte Therapiekonzept wirkt so natürlich arg krude, aber für
den Fall einer vorliegenden unbewußten Identifikation mit dem Aggressor muß
diese natürlich, um bewußt gemacht und überwunden zu werden, auch durchlebt
werden. Es kommt immer auf den Einzelfall an. Der Fehler liegt in den
generalisierenden Aussagen. Ich möchte mich zu Ihrem Artikel nicht äußern, weil
ich den ursprünglichen Artikel nicht kenne und darum nicht weiß, ob Sie ihn
etwa mit dem Satz, er behaupte, ein vergewaltigtes Kind habe an der
Vergewaltigung ‚Spaß gehabt’, nicht falsch paraphrasieren.“
Und in einem weiteren Brief: „anders als Sie respektiere ich die
Psychoanalyse, wenn auch aus kritischer Distanz. Wie jede andere Therapieform
auch ist sie für manche Menschen von großem Nutzen (ich kenne solche), für
andere nicht. Außerdem gibt es gute und schlechte Analytiker. Nach meinem
Verständnis verzerren Sie Kernbergs Aussagen, wenn Sie sagen, hier würden Opfer
zu Tätern gemacht. Sie laden auch Begriffe normativ auf, die es in ihren
Kontexten nicht sind. Dennoch würde mich die Endfassung Ihres Aufsatzes
natürlich interessieren.“
Prof. Dr. Reemtsma hat der Veröffentlichung
seiner Antworten vom 04. Dezember bzw. vom 05. März 2001 auf meine damaligen
Anschreiben am 21. März 2007 ausdrücklich zugestimmt.
Prof. Dr. A: „auch ich bin nach Ihrer Mail sehr besorgt –
allerdings nicht über Herrn Kernberg, sondern über Sie, der Sie – völlig aus
dem Zusammenhang gerissen – offensichtlich wenig von Täter-Opfer-Dynamiken
verstehen. Ich kann das an dieser Stelle nicht näher ausführen, weil es völlig
den Rahmen einer mail sprengen würde, bin aber auch erschrocken über so viel
Oberflächlichkeit“.
Prof. Dr. A. hat auf mein zweifaches
Anschreiben mit der Bitte, seine Äußerung vom 18. September 2000 unter seinem
Namen veröffentlichen zu dürfen, nicht reagiert.
Häufiger hatten die Angesprochenen sich bemüht,
auf meine Kritik nicht näher einzugehen bzw. nicht weiter darauf zu reagieren,
selbst bei teilweiser Zustimmung:
Prof. Dr. med. NR:
„Sie sprechen ein wichtiges Thema an.
Ihre Beispiele zeigen, daß wir immer wieder Gefahr laufen, allzu nachlässig mit
unserer klinischen Sprache umzugehen. Leider erlaubt mir mein Zeitbudget nicht,
Ihre Anregung aufzunehmen und mich an Ihrer Aktion zu beteiligen. Ich bitte um
Verständnis.“ [Der Angeschriebene wusste nicht, dass die Zitate aus
Kernbergs Feder stammten. Nach Aufklärung über den Urheber des Textes erfolgte
keine weitere Reaktion.]
Prof. NR. wollte meiner Bitte, seine Antwort
vom 13. September 2000 auf mein damaliges Anschreiben unter seinem Namen
abdrucken zu dürfen, ausdrücklich nicht entsprechen.
Aber es gab auch eindeutig positive Reaktionen:
Prof. Dr. Raymond Battegay (Basel):
„Natürlich bin auch ich der Ansicht, dass
der von Ihnen zitierte Kollege psychoanalytisch nicht belegbare Theorien verwendet,
die zweifellos die Problematik der betreffenden Patienten verfehlt. Zwar kennen
wir seit Freud das psychologische Phänomen der Identifikation mit dem Feind.
Diese richtet sich aber immer (unbewusst) gegen die eigene Person.
Was
Ihre Beurteilung des ‚Therapeuten’ anbetrifft, bin ich der Ansicht, dass Sie
davon Abstand nehmen sollten, ihn mit einer Diagnose zu stempeln. Ihr Brief
sollte sich meines Erachtens darauf beschränken, sachlich Ihre Meinung zu
sagen.“ [Prof. Battegay wusste nicht, dass die Zitate
aus der Feder Kernbergs stammten.]
Prof. Battegay hatte auf meine Bitte, seine
Antwort vom 25. September 2000 auf mein damaliges Anschreiben abdrucken zu
dürfen, am 08. März 2000 ausdrücklich zugestimmt.
Prof. Sophie Freud (Lincoln):
„Ihre Entrüstung gegen Kernberg scheint mir sehr berechtigt. Der Kerl hat so
viele aggressive Klienten weil sein Verhalten solche Gefühle herausfordert, und
er sieht die Aggressionen nicht als Antwort auf sein Benehmen, sondern
interpretiert sie ganz anders. Ich weiss wirklich nicht warum er so beliebt
ist, vor allem in Europa. Ich war einmal, beim 1. Weltkongress, mit ihm in
einem Fernseh-Gespräch und habe ihn damals sehr angegriffen. Das war lustig,
und seine Frau fragte mich dann, warum ich das getan hätte. Persönlich ist er
ja sehr höflich und zuvorkommend. Aber ich habe kein Bedürfnis, ihn als Cause
Celebre anzunehmen. ... ich meine Sie sollten im deutschen Bereich ihre Stimme
erheben, eben so, daß sie mehr gehört wird. Ich wünsche Ihnen besten Erfolg“.
Prof. Freud hatte auf meine Bitte, ihre Antwort
vom 10. Oktober 2000 auf mein damaliges Anschreiben unter ihrem Namen abdrucken
zu dürfen, am 07. März 2000 ausdrücklich zugestimmt.
Prof. Dr. Sven Olaf Hoffmann (Hamburg):
„Ich kann Ihr Befremden über die inkriminierten
Äußerungen nachvollziehen, glaube auch, daß es sich hier bei Kernberg um eine
spezifische Schwäche handelt, mir fehlt aber einfach die Zeit, die Sache
gründlich zu prüfen. ... Auch als Therapeut stelle ich mich immer erst einmal
auf die Seite des Opfers, was gerade manche Psychoanalytiker versäumen. Da ist
es dann nicht selten das infantile Opfer, das den Täter verführt oder (bei M.
Klein) seine eigene Destruktivität in ihn projiziert hat. Der arme Täter hat
sich mit dem bösen Opfer und dessen eigener Aggression dann ‚projektiv
identifiziert’ und es deshalb halt mißbraucht. Das ist, wohlgemerkt, in meinem
Munde Satire, aber gerade bei dieser Art psychoanalytischen Denkens gilt, ‚daß
es schwierig ist, keine Satire zu schreiben’ (Juvenal). An solcher Art des
Verständnisses ist einiges auch zutiefst inhuman. Ob das nun aber auf Kernberg
zutrifft, dazu möchte ich mich einer Meinung dezidiert enthalten. Ich habe
diesen Teil seines Werks entschieden zu wenig ernsthaft studiert und werde es
sicher auch nicht mehr tun, weil mir der Gewinn an neuer wissenschaftlicher
Erkenntnis heute nicht mehr innerhalb des psychoanalytischen Paradigmas
angesiedelt erscheint.“
Prof. Dr. Hoffmann hatte auf meine Bitte, seine
Antwort vom 20. Januar 2001 auf mein damaliges Anschreiben unter seinem Namen
abdrucken zu dürfen, am 13. März 2007 ausdrücklich zugestimmt.
Prof. Dr. Wolfgang Schulz (Braunschweig):
„Der Vergleich mit dem KZ-Kommandaten (Fall 1) ist eine Unverschämtheit,
solch ‚verqueres’ Denken habe ich aber bei Psychoanalytikern immer wieder
angetroffen. Ich weiß aber nicht, ob das mit der Gleichsetzung wirklich stimmt,
ob Sie Kernberg da nicht unrecht tun, denn er spricht von ‚als ob’. Der 1. Fall
ist vielleicht noch nachvollziehbar, jedenfalls gedanklich, der 2. Fall ist das
aber nimmer (‚als ein sexuell erregenden Triumph über ihre Mutter’, ‚ihre
Schuld tolerieren’ ...) - hier finde auch ich keine Worte mehr und meine Geduld
und Bereitschaft, zu verstehen, sind erschöpft. Beim 3. Fall kommt die ‚Tat’
des Therapeuten überhaupt nicht zur Sprache, sie wird nur mit den ‚schweren
narzißtischen Problemen’ fast entschuldigt. Ich stimme Ihrer Analyse also
überwiegend zu. Leider verlassen Sie immer wieder die sachliche Ebene, z.B.
wenn Sie Kernberg ‚maßlose Verwirrung im Denken’ unterstellen. Ich weiß auch
nicht, ob und inwieweit in solch einer Erwiderung Ihr Entsetzen zum Ausdruck
kommen sollte. Auf jeden Fall sollten die Argumente deutlich als solche
sichtbar und nicht mit Wertungen vermengt werden. Ihre ‚Mutmaßungen über den Autor’
sind überflüssig und schaden dem Anliegen.“
Prof. Dr. Schulz hatte auf meine Bitte, seine
Antwort vom 19. Oktober 2000 auf mein damaliges Anschreiben unter seinem Namen
abdrucken zu dürfen, am 17. März 2007 ausdrücklich zugestimmt.
Prof. Dr. Z1: „fast beneide ich Sie wegen Ihrer Fähigkeit,
Ihre berechtigte Entrüstung und Wut zum Ausdruck zu bringen und auch an Wege zu
denken, wie man pragmatisch gegen solche Texte vorgehen kann, die das
Gesamtbild des Psychotherapeuten schädigen. Ich selbst habe nämlich fast
resigniert gegen den Aggressions- bzw. Todestrieb anzugehen, nachdem ich
festgestellt habe, daß mir sonst gutwillig und vernünftig erscheinende Kollegen
nach langen Diskussionen, in denen ich geglaubt habe sie überzeugt zu haben,
sie in stereotyper Weise immer wieder auf diese alten überholten
triebtheoretische Postulate zurückkamen. Es wäre aber falsch, alle
Psychotherapeuten, die auf der selben Weise wie der von Ihnen noch nicht
namentlich genannte Psychotherapeut, mit schwersten Traumatisierungen umgehen,
in einen Topf zu werfen. Es gibt viele Kollegen, die nur aus Gründen der
Loyalität oder der Gewöhnung oder Angst vor dem Neuen oder aus anderen Gründen
weiterhin immer wieder dasselbe Lied singen. Ich würde es also vorziehen,
zunächst nur die Sache als solche scharf zu kritisieren (und das ist bestimmt
in diesem Fall nicht schwierig!), ohne konkrete Hypothesen über die
pathologische psychische Struktur des Verfassers zu formulieren, auch wenn
diese Hypothesen begründet erscheinen. ... Insgesamt begrüße ich also Ihre
Initiative, bin aber der Meinung, daß man versuchen sollte, auf der Ebene der
sachlichen Diskussion über die Tragfähigkeit der jeweiligen Konzepte zu
bleiben.“ [Der Angeschrieben wusste nicht, dass die Zitate aus der Feder
Kernbergs stammten. Nach Aufklärung über den Urheber des Textes erfolgte keine
weitere Reaktion.]
Prof. Dr. Z1 wollte meiner Bitte, seine Antwort
vom 12. September 2000 auf mein damaliges Anschreiben unter seinem Namen
abdrucken zu dürfen, ausdrücklich nicht entsprechen.
Dr. Z2: „Kernberg
anzugreifen ist nicht einfach, da er hier sehr angesehen ist. Man muß also die
Kritik so formulieren, daß man selbst möglichst unangreifbar bleibt. ...
Theorien kann man letzten Endes sowieso so viele haben wie Sand am Meer. Im therapeutischen
Bereich geht es um Heilung oder Linderung von Leiden. Das hat viele
Psychoanalytiker in der Tradition von Freud aber noch nie sonderlich
interessiert. Sie verstehen sich eher als Forscher in den Abgründen der Seele
und finden vielleicht die Eier, die sie selbst versteckt haben. Das zu beweisen
oder zu widerlegen ist schwierig und geht von einem anderen Paradigma her auch
schwer. Man muß sich also auf ein übergeordnetes Paradigma verständigen oder
innerhalb des psychoanalytischen bleiben. Sie scheinen mir das etwas zu
verwischen. Ich selbst habe mich dafür entschieden, weniger ‚gegen’ Dinge zu
kämpfen als ‚für’ die Dinge, die mir am Herzen liegen. Das ist für mich
persönlich erfreulicher.“ Und in einem zweiten Brief: „Sie haben
natürlich recht mit Ihrer Kritik und die von Ihnen aufgeführten Fälle sind
allesamt skandalös. Leider hatte ja trotzdem z. B. ‚Was hat man Dir Du armes
Kind getan’ (Masson) keinerlei Resonanz unter Psychoanalytikern. Ich hatte das
seinerzeit (1989) mal recherchiert und vom Rowohlt-Verlag erfahren, daß das
Buch von keiner einzigen psychoanalytischen Zeitschrift rezensiert worden ist.
Das ist halt das Problem, daß Kritik tot geschwiegen wird und die Kritiker,
wenn möglich auch. So werde ich von vielen Kollegen auch massiv angefeindet.“
Dr. Z2 wollte meiner Bitte, seine Antwort vom
29. September bzw. 17. Oktober 2000 auf meine damaligen Anschreiben unter
seinem Namen abdrucken zu dürfen, ausdrücklich nicht entsprechen.
Prof. Dr. Z3: „Die heiklen
Publikationen sind mir bekannt. Ich habe dazu auch bereits dezidiert kritisch
Stellung bezogen und mir mit meiner Kritik erwartungsgemäß Ärger, aber auch
Zustimmung eingehandelt. Der artikulierte Ärger macht nichts. [Er vertrete eine] heftig‑kritische
Position zur Psychoanalyse Kernbergs, zum unreflektierten ‚Ödipus und früher’ [...].
Kernberg 99, den Sie mir zugeschickt haben, habe ich ... übrigens ebenfalls als
hochgradig problematisch [kritisiert]
… Ich habe auch auf die Gefahr hingewiesen, dass sich die Psychoanalyse selbst
ins Abseits katapultiert, wenn sie ihre Argumentationsmodelle nicht radikal
modernisiert. Ich bin also mit Ihnen einer Meinung, dass man die z.T.
‚ungehobelten Denk‑ und Sprachschablonen’ einiger (bei weitem nicht
aller) Psychoanalytiker zukünftig durchaus kritisch unter die Lupe nehmen
sollte.“
Prof. Dr. Z3 wollte meiner Bitte, seine Antwort
vom 26. März 2001 auf mein damaliges Anschreiben unter seinem Namen abdrucken
zu dürfen, ausdrücklich nicht entsprechen.
Aus den Briefen wird zum einen deutlich, wie
unterschiedlich die Auffassungen sind: Während mir einerseits vorgehalten wird,
ich hätte Kernberg nicht verstanden, wird mir von anderer Seite attestiert, ich
hätte ihn sehr wohl verstanden, meine Kritik wird bestätigt. Zum anderen wird
in den Briefen, die mir zustimmen, angedeutet, dass bei Widerspruch gegen
psychoanalytische Denkmuster z.T. unangenehme Gegenreaktionen erlebt wurden
(Prof. Dr. Z1, Dr. Z2., Prof. Dr. Z3). Die von mir ausdrücklich um eine
Zustimmung zur Veröffentlichung gebetenen Personen, die ihre Zustimmung
ausdrücklich nicht erteilt hatten, hatten sich im Jahr 2000 allesamt meiner
Kritik mehr oder weniger angeschlossen. Eventuell war ihr Wunsch, anonym zu
bleiben, geprägt von den Erfahrungen mit den erwähnten Anfeindungen.
Zurück:
Zur Übersicht zu Otto F.
Kernberg
Zur Einleitung zu den Artikeln:
Trauma-Zeitschriften als „Feigenblätter“?
With Sophie
Freud against deceitful prophets:
Denying and making light of traumata – from Freud to Kernberg
Summary: By an
article of Kernberg (1999), I criticize a specimen of thoughts, that searches
aspects of perpetrators in the victims of violence. My criticism of Kernberg
hits an old sore point of psychoanalysis: Freud’s radical change of his theory
in 1897. It is understood here – on the background of his own family-conflict –
in a new way. Freud then didn’t belief any longer in the descriptions of his
clients of experiences of violence. He thought of unconscious drives to be the
origin of psychic disorders instead. Until nowadays Freud’s theory has
influence on therapeutic action: According to a Delphi-study of the University
of Saarbrücken (1999), 65 % of 91 interrogated experts ascribe the
descriptions of sexual abuse by their clients with questionable arguments to a
retrospective imagination: If the clients were convinced with greater assurance
that the incident had occurred; or if they rather attributed the guilt to the
perpetrator. My criticism of such positions resulted in consent, not-reaction
or rejection. Further discussion of this subject is needed.
Keywords:
blaming the victim (in psychotherapy) – chronic aggression – serious
personality disorder – chronic posttraumatic stress disorder – seduction theory
(and its rejection)
Klaus Schlagmann, Jahrgang 1960, Diplom
Psychologe, Psychologischer Verhaltenstherapeut, NLP-Master, Ausbildung in
katathym-imaginativer Psychotherapie (Gruppe), in eigener Praxis tätig.
Adresse: Scheidter Straße 62, D - 66123 Saarbrücken, 0681/375 805
Email: KlausSchlagmann@aol.com; Web: http://www.oedipus-online.de/
Literatur:
Beutler, Ernst (Hg.) (1950). Johann Wolfgang
Goethe. Gedenkausgabe der Werke, Briefe und Gespräche. Bd. 20: Der Briefwechsel
zwischen Goethe und Schiller. Zürich, Artemis
Breuer, Josef (o.J.). Brief an Sigmund Freud. (Der Brief befindet sich im Sigmund-Freud-Archiv
in New York und ist bis ins 22. Jahrhundert hinein nur ausgesuchten Personen
zugänglich; meine Information stammt aus zuverlässiger Quelle.)
Decker, Hannah S. (1991). Freud, Dora, and Vienna 1900. New York
u.a., The Free Press
Freud and Dora:
100 years later. Psychoanalytic Inquiry, 2005, 1
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Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten Symptomenkomplex als
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-- (1896/1952). Weitere Bemerkungen über die
Abwehr-Neuropsychosen. In: GW. Bd. 1, S. 379-403
-- (1898/1952). Die Sexualität in der Ätiologie
der Neurosen. In: GW. Bd. 1, S. 491-516
-- (1905/1993). Bruchstück eine Hysterieanalyse.
Frankfurt a.M., Fischer Taschenbuch
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Hirschmüller, Albrecht (1978). Physiologie und
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Israëls, Haen (1999). Die Geburt der
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Kernberg, Otto F. (1990; 5. Aufl.).
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--: Persönlichkeitsentwicklung und Trauma. In:
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Kirsch, Anke (1999). Erste Ergebnisse eines
Expertendelphis zum Thema „Trauma und Erinnerung“. Arbeiten der Fachrichtung
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Krüll, Marianne (1992). Freud und sein Vater.
Die Entstehung der Psychoanalyse und Freuds ungelöste Vaterbindung. Frankfurt
a.M., Fischer Taschenbuch
Masson, Jeffrey M.
(Hrsg.) (1986). Sigmund Freud. Briefe an Wilhelm Fließ.
1887-1904. Ungekürzte Ausgabe. Frankfurt, Fischer
-- (1995). Was hat man dir, du armes Kind
getan? Oder: Was Freud nicht wahrhaben wollte. Freiburg, Kore
Rank, Otto(1926/1974). Das
Inzest-Motiv in Sage und Dichtung. Darmstadt, Wissenschaftliche
Buchgesellschaft
Sachsse, Ulrich (2006). Abschied von meiner
psychoanalytischen Identität. In: Kernberg, Otto; Dulz, Birger & Eckert,
Jochen: WIR: Psychotherapeuten über sich und ihren „unmöglichen“ Beruf.
Stuttgart u.a., Schattauer
Schlagmann, Klaus (1997). Zur Rehabilitation
von „Dora“ und ihrem Bruder. Oder: Freuds verhängnisvoller Irrweg zwischen
Trauma- und Triebtheorie. Bd. 1: Der Fall „Dora“ und seine Bedeutung für die
Psychoanalyse. Saarbrücken, Der Stammbaum und die 7 Zweige
-- (2005). Ödipus – komplex betrachtet.
Männliche Unterdrückung und ihre Vergeltung durch weibliche Intrige als
zentraler Menschheitskonflikt. Nebst Ausführungen zu den Problemen des schönen
und selbstbewussten Jünglings Narziss. Der Beitrag alter Mythen zur Überwindung
eines modernen Irrglaubens. Saarbrücken, Der Stammbaum und die 7 Zweige
-- Web: http://www.oedipus-online.de
- insbesondere /Kampagne1.htm bzw. /reaktionen.htm, bzw. /reaktionen2.htm bzw. /anzeige.htm
Stichwörter:
Opferbeschuldigung (in der Psychotherapie) –
chronische Aggression – schwere Persönlichkeitsstörung – chronifizierte
posttraumatisches Belastungsstörung –Verführungstheorie (und deren Verwerfung)
– komplexes Trauma – retrospektive Phantasie – Psychoanalyse (Ursprung des
Begriffs) – König Ödipus –Verschiebung – orale Wut – oraler Neid – Sigmund
Freud – Otto Kernberg – Josef Breuer – Ida Bauer – Emma Eckstein
[1]
Das vollständige Zitat soll sicherstellen, dass die LeserInnen den gesamten
Argumentationszusammenhang beurteilen können.
[2]
„pathologischen Erscheinungen, in denen
Traumen einen wichtigen ätiologischen Faktor bilden“, seien von van der
Kolk et al (1996) als die zehn ‚Plagen’ festgehalten: 1.) die Borderline‑Persönlichkeitsstörung, 2.) die affektiven
Störungen, 3.) schwere Depressionen, 4.) dissoziative Syndrome einschließlich
der multiplen Persönlichkeit, 5.)
Flash‑backs, 6.) schwere Essstörungen, 7.) antisoziale
Persönlichkeitsstörungen, 8.) chronische Opferbereitschaft, 9.) Somatisierung
und 10.) chronische Suizidalität.
[3]
Meint Kernberg hier „Aggressionen“ ,
denen man ausgesetzt ist, oder die man selbst praktiziert? Ist es egal, dieses
oder jenes zu meinen?
[4]
Kernberg nennt hier: „akute
Angstzustände, Einschränkung der Ich-Funktionen, Wutausbrüche, wiederkehrende
Alpträume und Flash‑backs, … Einschränkungen in zwischenmenschlichen
Beziehungen, in den Bereichen der Arbeit und des sozialen und sexuellen Lebens.
… Bei der Behandlung [Herv. i. Orig.] dieses
Syndroms steht eine Kombination von anxiolytischer Medikation und supportiver
Psychotherapie mit einer stützenden und empathischen Einstellung des
Therapeuten gegenüber dem Patienten im Vordergrund, verbunden mit dem
Ermutigen, sich mit Situationen wieder auseinanderzusetzen, die aufgrund der
Traumatisierung phobisch vermieden wurden.“ Mit leichter Medikation und
begleitender konfrontativer Verhaltenstherapie sind derartige Störungen also
recht gut in den Griff zu bekommen.
[5]
Der tatsächliche Name des von Freud „Herr K.“ genannten Täters lautet: Zellenka
(vgl. Decker, 1991, 65).
[6]
Freud selbst hatte die Altersangabe um ein Jahr erhöht (Decker, a.a.O., 118);
dies geschah vermutlich nicht ohne Grund, denn die erotischen Annäherung an
Mädchen unter 14 Jahren war im alten Österreich strafbar.
[7]
Zur Darstellung von Josef Breuer vgl. die detaillierte Biografie von Albrecht
Hirschmüller. Dort findet sich z.B. wichtiges Material zu Breuers Behandlung
von Bertha Pappenheim.
[8]
Dies ist natürlich kein „Inzest“ im eigentlichen Sinne des Wortes. Aber in der
psychoanalytischen Bewegung gehört es zur Tradition, gerade auch ein
Stiefsohn-Stiefmutter-Verhältnis als Inzest zu verstehen, so z.B. Otto Rank (1926/1974) in Bezug auf z.B. Don
Carlos & Elisabeth bzw. Hippolytos & Phaedra.
[9]
Übrigens thematisiert der „König Ödipus“ von Sophokles, von dem Freud so
besonders angesprochen war, sehr deutlich einen Mutter-Sohn-Inzest, der von der
Mutter ausgeht (vgl. Schlagmann, 2005, S. 60-63).
[10]
Wie sehr Freud durch sein Mutter-Sohn-Verhältnis wohl belastet war, zeigt, dass
die bis ins hohe Alter hinein verpflichtenden allsonntäglichen Besuche bei Mama
Amalia bei Freud regelmäßig Magenverstimmungen auslösten.
[11]
Die Zusammenhänge um Emma Eckstein hat Jeffrey Masson (1995) sehr akribisch
recherchiert und dargestellt.
[12]
So schreibt Freud noch 1905 (Freud, 1905/1993, 78): „Es ist bekannt, wie
häufig Magenschmerzen gerade bei Masturbanten auftreten.“
[13]
Um die Blutung zu stoppen, musste ihr
am Ende ein Teil des Knochens weggemeißelt werden, so dass ihr Gesicht
verunstaltet blieb (Masson, 1995, 111).
[14]
Freud war enorm widerwillig, von alten Thesen abzurücken. So hatte er z.B. in
den 80’er Jahren – gegen bessere Einsicht und gegen das kritische Urteil eines
Fachmannes – an seiner Behauptung der raschen Morphiumentwöhnung durch Kokain
verbissen festgehalten (vgl. Israëls,
1999, 45-53).
[15]
So sieht es z.B. in jüngerer Zeit Ulrich Sachsse (2006).
[16]
In (1996) Die Wahrheit über Narziss, Iokaste, Ödipus und Norbert Hanold.
Versuch einer konstruktiven Streitschrift. Bzw. (1997) in: Zur Rehabilitation
der Könige Laios und Ödipus. Oder: Die Lüge der Iokaste. Jeweils Saarbrücken, Der Stammbaum und die 7 Zweige
[17]
Kernberg (19905), bzw. (19913): Schwere
Persönlichkeitsstörungen. Theorie, Diagnose, Behandlungsstrategien. Stuttgart,
Klett-Cotta; bzw. (1993) Psychodynamische Therapie bei Borderline-Patienten.
Bern u.a., Hans Huber