Die Blogger
Tjark Kunstreich und Joel Naber
hatten am 1. November 2009 unter „naturemorte“
(http://totenatur.wordpress.com/2009/11/01/der-hass-auf-das-unbewusste/) einen
Text gebloggt, der dort mehrere Wochen lang zu lesen
war. Inzwischen ist er gelöscht. Das ist sicherlich einerseits kein
Verlust. Andererseits ist der Text ein plastisches Beispiel für die Art
und Weise, wie psychoanalytischer Unsinn verteidigt, wie Kritik an z.B. Otto
Kernberg als „Antisemitismus“ diffamiert wird – wobei sich
die Diffamieren-Wollenden dabei als besonders
tiefsinnig geben.
Um dieses Lehrstück
nicht ungenutzt zu lassen, wiederhole ich hier den Text, der dazu dienen
sollte, meiner Kernberg-Kritik in der „Jungen Welt“ zu
widersprechen.
Tjark Kunstreich und Joel Naber:
Die Junge Welt enthüllt: Otto Kernberg ist Psychoanalytiker und Menschenverächter
Der Antisemitismus wird
weithin verstanden als der Hass auf die kalte Moderne, mithin als romantisches
Gefühl, in dem die Juden als Feinde von Wärme und Empfindsamkeit
imaginiert werden. Doch das ist nur die halbe Wahrheit: Denn ebenso gilt jenes
Ressentiment der „jüdischen“ Behauptung vom Unbewussten, vom
Irrationalen. Linke wie Noam
Chomsky, Jean Bricmont oder Peter
Decker, alle notorische Antizionisten, sind mit ihrem Glauben an den
Fortschritt in der modernen Welt so tief identifiziert, dass sie gar nicht mehr
auf den Gedanken kommen, dass es Irrationales an Staat, Kapital und Subjekt zu
begreifen gäbe. Dass der gesellschaftliche Vollzug dennoch nach wie vor
nicht so reibungslos und glatt vonstatten geht, wie es ihrem Modell
kapitalistischer Vergesellschaftung entspricht, stößt ihnen darum
immer wieder unangenehm auf.
In diesen linksradikalen Habermasianern und ihrer Frustration begegnet uns das
andere Gesicht des zeitgenössischen Antisemitismus: Der Jude erscheint
eben nicht als Vertreter der Moderne, eines kalten Rationalismus, sondern im
Gegenteil als aus ihr zu tilgendes altmodisches und störendes
Überbleibsel, welches dem Vollzug der reibungslosen Vergleichung
entgegensteht. Es sind jene Linke, die, sich scheinbar mit Fortschritt und
Moderne identifizierend, die Existenz des Unbewussten und Irrationalen schlicht
leugnen: Stein des fortwährenden Anstoßes ist ihnen deshalb die
Psychoanalyse als Statthalterin des gesellschaftlichen Wissens um das Unbewusste.
So wie der Linguist Chomsky die Sprache katalogisiert, ohne etwas von ihrem
Geheimnis wissen zu wollen; so wie bei Bricmont die
Gegnerschaft zur Postmoderne und zu Israel gut zusammengehen und bei Peter
Decker Positivismus und Marxismus zu einem Antiimperialismus verschmelzen, der
aktuell erneut auf antinationalen, also anti-israelischen Zuspruch
stößt, so sind heute auch die Diplom-Psychologen Legion, die im
Namen der Humanität das Geheimnis der Triebe leugnen, um die Psychologie
zur Wissenschaft vom Mitleid zu machen.
Von Letzteren wird nun die
Rede sein: Die Gegnerschaft dieser Psychologen richtet sich gegen die
Psychoanalyse – gegen wen auch sonst? Dass es im Folgenden um einen
Artikel aus dem Feuilleton der Jungen Welt geht, mag dem Kritiker des Antisemitismus
redundant erscheinen, schließlich befassen wir uns auch nicht mit jedem
Erguss der Nationalzeitung oder der Jungen Freiheit. Der hier zu behandelnde
Artikel verdient jedoch Aufmerksamkeit, weil er erstens außerhalb und
jenseits der in der JW gängigen Rationalisierung des Antisemitismus‘
erscheint, als die der Antizionismus für diese Publikation fungiert, und
weil er zweitens als Einbruch des kleinbürgerlich-wahnhaften Ressentiments
gegen die Psychoanalyse in eine nicht minder wahnhafte linke Vorstellungswelt
begriffen werden muss, die sich bislang mangels Qualifikation und Interesse an
dieses „Thema“ nicht herangewagt hat.
In der JW vom
30.10.09 wird unter dem Titel „Die Heilslehre von der
oralen Wut“ Aufklärung über den „Psychoanalytiker und
Menschenverächter“ Otto Kernberg versprochen, dessen Verbrechen
darin bestehen soll, „eine perfide, quasi neoliberale
Menschenverachtung“ zu predigen: „Jeder Säugling bzw. jedes
Kleinkind ist seines eigenen Glückes Schmied. Grundlage dieser
‚Theorie‘ ist die gläubig übernommene Doktrin Sigmund
Freuds. Ihre Zuspitzung ist Kernbergs persönliche Note.“ Autor
dieser Zeilen ist Klaus Schlagmann, Betreiber der Internetpräsenz „oedipus-online“,
in der er seine Kritik der Psychoanalyse zum Besten gibt. Wir sind uns nicht
sicher, ob die Feuilleton-Redakteure der JW diese Veröffentlichungen
gekannt haben, bevor sie sich zum Abdruck des Schlagmannschen
Textes entschieden haben: Einem einigermaßen ernsthaften Redakteur
wäre jedoch aufgefallen, dass Schlagmann, der sich als
„Diplom-Psychologe/Psychotherapeut in eigener Praxis
(Verhaltenstherapie). Katathym-imaginative
Psychotherapie (Gruppe). NLP-Master. Psychoanalytiker
(sensu Breuer)“ bezeichnet, seine kosmisch
verstrahlten Botschaften aus einem Orbit jenseits jeder Diskursivität
sendet: Ödipus ist gewissermaßen immer online, um die Internet-Community auf die Legitimität seines bislang
erfolglosen Vatermordprogramms einzuschwören. Schlagmann, der sich auf
das manipulativste Programm der Psychotherapie
spezialisiert hat – NLP bedeutet „Neurolinguistisches
Programmieren“ und ist so etwas wie Scientology ohne Ron Hubbard –,
erscheint in der JW als ein seriöser Kritiker Kernbergs, der diese
Öffentlichkeit aber ganz offensichtlich dank seiner maßlosen
Vorwürfe erhält, ohne dass dort seine grundsätzliche
Gegnerschaft zur Psychoanalyse überhaupt deutlich würde. Im Zentrum
der Kritik steht Kernbergs herz- und mitleidloser Stil: „Einer, der im
Alter von zwölf Jahren die Ermordung seiner Familie im KZ miterlebt hat,
verhält sich als Erwachsener gegenüber Frau und Kindern auffallend
aggressiv. Diese ‚chronische Aggression‘, psychoanalysiert Otto
Friedemann Kernberg, müsse der Patient als Säugling an der
Mutterbrust entwickelt und in das KZ mit hineingebracht haben.“
„Eine Therapie
läuft im übrigen nach Kernberg gut, wenn der Analytiker die Lust
verspürt, den Patienten aus dem Fenster im 80. Stock zu werfen und dabei
freudevoll zu warten, bis er unten ein leises ‚Plopp‘
hört.“ Otto Kernberg ist sooo böse!
Neoliberal, menschenverachtend, mitleidlos, hasserfüllt, weigert er sich
sogar bei Opfern offensichtlicher Traumatisierung von deren frühkindlicher
Vorgeschichte abzusehen. Er beharrt darauf, ihnen durch Selbstaufklärung
ihrer pathologischen Identifikationen helfen zu wollen, anstatt sie in die
ideologische Mitleidsverwaltung abzuschieben. Denn wie KZ-Überlebenden und
Opfern sexuellen Missbrauchs individuell
geholfen werden kann, ist Schlagmann völlig gleichgültig: Ihm geht es
um deren moralisierende Benutzung als Exemplare in seinem ödipalen Hass,
von dem seine Internetpräsenz spricht. Im Übrigen gilt dieser Hass
nicht dem Vater, sondern der Mutter, der „Lüge der Iokaste“. Schlagmann beruft sich auf Breuer und
Freuds erste Trauma-Theorie, nach der der Missbrauch
real gewesen sein muss, und wirft Freud vor, von dieser Theorie Abstand
genommen und die Vorstellung des sexuellen Verhältnisses zu Vater oder
Mutter als Ödipus-Komplex begriffen zu haben, der meistenteils
phantastisch und eben nicht real inzestuös abläuft.
Kernberg ist deswegen sein
Hauptfeind, weil er, in einer Radikalisierung Freuds, als Vertreter der
Objektbeziehungstheorie die Phantasie als die zentrale Bühne der
innerpsychischen Dramen begreift, jenseits von äußerer Einwirkung,
die als Täter identifiziert werden kann, selbst wenn es diesen
tatsächlich gibt. Die Erfahrung von Traumatisierten nicht auf einen
äußeren Täter zurückzuführen, hat seine Berechtigung
nicht zuletzt auch darin, dass die Opfer sich schuldig fühlen und dass die
Therapie zumeist nicht mit dem Täter, sondern dem Opfer durchgeführt
wird. Dass in der Übertragung der Analytiker zum Verfolger wird und in der
Gegenübertragung des Analytikers Hass auf das Opfer entsteht, bildet die
Grundsituation des Traumas ab, über die es hinauszugehen gilt. Kernbergs
Mitleidlosigkeit entspricht nicht selten dem Selbsthass der Opfer, mit denen er
zu tun hat. Seine Arbeit mit schwer traumatisierten Menschen in einer solchen Weise
zu denunzieren, spricht vom Hass auf die Existenz des Unbewussten
überhaupt, vom Leugnen jener perversen Arrangements, die weder dem Opfer
noch dem Täter zugänglich sind, deren Erkenntnis aber in der
psychoanalytischen Therapie die Voraussetzung für eine Verbesserung meist
äußerst selbstdestruktiver Symptome sind.
Schlagmanns Angriff ist
zugleich ein Musterbeispiel für die Projektion eigener Aggression, die
immer die Quelle und das Motiv des Opferwahns ist. So kommt ein
kleinbürgerlich-paranoider Frauenfeind zu denselben ideologischen
Schablonen, bei denen zwanzig Jahre zuvor schon die feministische
Anti-Missbrauchsbewegung landete: ein ontologisch präformiertes Mitleid
als Ersatz für eine wirkliche Empörung, die Voraussetzung für
die mühsame analytische Durchdringung der seelischen Gewordenheit der
Traumatisierten ist – nicht ihrer selbsternannten Stellvertreter. Deren
Vorstellung ist, dass das Trauma wegzumachen, wiedergutzumachen
ist; den Traumatisierten geht es um die Auseinandersetzung mit
Schuldgefühlen und Mitverantwortung. Otto Kernberg und anderen
Vertreterinnen und Vertretern der Objektbeziehungstheorie ist es zu verdanken,
dass Traumatisierte in ihren Therapien nicht als Opfer, sondern als Subjekte
begriffen werden.
Der Hinweis, den Schlagmann
in all seinen Angriffen seiner „Kampagne“ gegen Kernberg nicht
müde wird zu wiederholen, ist der auf die Emigration Kernbergs im Alter
von 11 Jahren 1938 aus Wien. Dass Kernberg diese Erfahrung im Nachhinein als
Vertreibung und Befreiung zugleich zu beschreiben in der Lage ist und er zu
keinem Zeitpunkt einen moralischen Mehrwert aus seiner Erfahrung zu beziehen
vermochte, gerät ihm noch zum Nachteil: In den Augen Schlagmanns hat
Kernberg seinen Opferstatus nicht richtig genutzt und damit seinen Kredit auf dem
Soll-und Habenkonto der
christlichen Moral verspielt: Er ist „Psychoanalytiker und
Menschenverächter“ und hat das Recht auf den
„Friedemann“ verwirkt (wozu wird der zweite Vorname sonst
erwähnt?). Im Kontext des allgemeinen Antisemitismus der Jungen Welt stellt
der Text von Schlagmann insofern einen Brückenschlag zu Kreisen dar, die
bislang von der linken Bewegung nichts wissen wollten – zu jenen, die ihr
reines christliches Gewissen vom Wissen um das Unbewusste der menschlichen
Natur bedroht sehen.
Bemerkenswert, dass auch
diese Volte nicht ohne den identifikatorischen Bezug
auf KZ-Opfer auskommt und damit, wie jeder Antisemitismus nach Auschwitz, nicht
umhin kann, unfreiwillig zu bestätigen, dass Auschwitz nicht aus der Welt
zu schaffen ist – und sei es durch Leugnung.