Therapie - aber wie!
Anhand des oben geschilderten Falles 5 erläutert der Autor sein
therapeutisches Vorgehen: das Opfer solle sich mit dem Täter „identifizieren“
– dann gehe es ihm besser. In direktem Anschluss an das Zitat zu diesem Fall
wird formuliert (a.a.O., S. 13): „Sie erlangte so die Fähigkeit, sich mit
dem Täter zu identifizieren, nämlich mit der sexuellen Erregung des
sadistischen, inzestuösen Vaters, und so wurde es ihr auch möglich, den Haß
gegen den Vater mit dem Verstehen seines sexuellen und ihres sexuellen
Verhaltens zu verbinden [was immer das heißen möge; K.S.]. Zum ersten
Mal in ihrem Leben war sie fähig, einen Orgasmus im sexuellen Verkehr mit ihrem
sadistischen Freund zu erleben.“
Welchen Wert sollte es haben, dass sich ein
Opfer sexuellen Missbrauchs mit der „sexuellen Erregung des sadistischen,
inzestuösen Vaters“ „identifiziert“? Und ist es nicht geradezu
zynisch, bei einem Opfer von anscheinend chronischer Vergewaltigung ein
Erfolgskriterium darin zu sehen, dass es beim Sex mit dem sadistischen Partner
einen Orgasmus erlebt? Vorrangig hätte die Klientin m.E. zu lernen gehabt, sich
vor wiederholter Traumatisierung zu schützen, sich gegen die gewalttätige
Zudringlichkeit ihres Partners zur Wehr zu setzen.
Im Kapitel „Behandlungsstrategien ...“
wird die Aufgabe des Therapeuten bei dieser Prozedur erläutert (ebd.): Da
KlientInnen zu lernen haben, sich mit ihren Misshandlern zu identifizieren,
muss der Therapeut mit gutem Beispiel vorangehen: „Die Toleranz der
Aggression des Täters [des Vergewaltigers usw.; K.S.], die auf uns [die
TherapeutInnen; K.S.] projiziert wird, ist unerhört entscheidend für den
Erfolg der Therapie, indem wir zum Täter werden können und wir uns als Täter
identifizieren und es so dem Patienten erleichtern, sich selbst als Täter zu
identifizieren.“
Warum sollte die Lösung für die inneren (und
äußeren) Konflikte der Betroffenen darin liegen, sich mit ihren jeweiligen
Misshandlern zu „identifizieren“, also deren Aggressionen zu tolerieren,
während sie nirgends dazu ermuntert werden, die eigenen Aggressionen zur
Gegenwehr gegen die Gewalt zu mobilisieren?
Tatsächlich werden („wir“) TherapeutInnen
konkret aufgefordert: „Wir müssen uns also mit dem Kommandanten des
Konzentrationslagers, mit dem Folterer in der Diktatur, mit dem inzestuösen
Vater, mit der sadistischen Mutter identifizieren können. Wir müssen so auch
die Lust verspüren am Zerstören, die Lust, eine Brandbombe zu werfen, die Lust
sadistische Aggressionen zu verspüren, denn die Bereitschaft dafür haben wir
alle in unserem Unbewußten.“ (a.a.O., S. 14)
Tatsächlich verspüre ich bei der Lektüre dieser
Zeilen eine gewisse Lust, Brandbomben in bestimmte Schreibstuben zu werfen, in
denen derartige Sätze formuliert werden. Aber ich weigere mich beharrlich, mir
das Tagewerk eines KZ-Kommandanten, Folterers oder Kinderschänders plastisch
auszumalen, mich mit diesen Menschen und ihrer Tätigkeit zu „identifizieren“,
und darin eine Aufgabe zur Schulung meiner therapeutischen Kompetenz zu sehen.
Und ich will mir auch nicht aufschwätzen lassen, dass „wir alle“ „die
Bereitschaft dafür haben“, angeblich in unserem „Unbewußten“, dem
unerschöpflichen Reservoir für derartige – dort nicht mehr bestreitbare –
Unterstellungen.
Ich hoffe inständig, dass ich niemals – nie,
nie, nie, nie, nie – eine derartige Verwirrung der Sinne erleide, dass ich mich
mit dem Vergewaltiger eines Kindes oder dem feigen Folterer und Schlächter
hilfloser und unschuldiger Gefangener „identifizieren“ könnte.
Kernberg krönt seine Ausführungen mit folgenden
„technischen“ Hinweisen (ebd.): „Es ist wichtig – ich zitiere da
Freud in einem Brief von 1916 an Pfister – daß wir uns vor Mitleid schützen.
Wie Sie wissen, ist Mitleid sublimierte Aggression. ... Wir müssen daher versuchen
... den Patienten, die uns fragen ‚Glauben Sie mir nicht? Sind Sie nicht meiner
Meinung? War das nicht entsetzlich?‘ zu erwidern: ‚Warum brauchen Sie meine
Meinung, anstatt eine eigene zu haben?‘“
Das scheint mir vollkommen paradox. Während wir
dazu aufgefordert werden, dass wir uns in die Situation des KZ-Kommandanten
hineinversetzen oder der Lust des vergewaltigenden Vaters nachspüren, wird uns
gleichzeitig dringend davon abgeraten, uns in das Leid unserer KlientInnen
einzufühlen, werden wir angewiesen, den Wunsch der Opfer nach einer Parteinahme
eiskalt abzuweisen. Diese Selbstherrlichkeit entspricht vielleicht am ehesten
dem Modell des „pathologischen Narzissten“, über den Kernberg so gerne
nachdenkt.
Das empfohlene Vorgehen läuft letztlich darauf hinaus,
die Betroffenen in der weiteren Duldung alter Verletzungsmuster, Entwertungen
und Gewalttätigkeiten zu bestärken. Dies mag sogar – zumindest kurz- und
mittelfristig – relativ leicht sein. Therapieerfolge bestehen dann letztlich
darin, dass die Opfer gegenüber der weiteren Misshandlung resignieren und sich
in ihr Schicksal fügen. Da mag es wohl möglich sein, dass eine Klientin
erstmals bei der sexuellen Quälerei durch ihren Gatten ihren Orgasmus erlebt.
Zweifellos trägt also eine solche „Behandlung“ zu einer gewissen Entspannung
bei – als würden bei einem Beinbruch zur „Therapie“ die schmerzleitenden
Nervenbahnen durchtrennt.
Die Beispiele von Kernbergs therapeutischer
„Kunst“ sind damit keineswegs erschöpft. Weitere sind an den angegebenen
Stellen nachzulesen. Sie geben m.E. einen Beleg dafür ab, wie leicht die
individualisierende, triebtheoretische Perspektive der Psychoanalyse die
realen, systemischen Verhältnisse aus den Augen verliert und dann den KlientInnen
Schuldvorwürfe macht, wenn diese sich in ihrem Leiden völlig unverstanden
fühlen müssen. Das Trauma aus der Kindheit wird durch einen restlos
inkompetenten Therapeuten neu inszeniert, das Leiden wird verschlimmert.
Hier zurück zur Übersicht, da geht’s weiter zu den ersten Ansätzen einer
ANTI-KERNBERG-KAMPAGNE – ein 11seitiges
Anschreiben zu Kernbergs Aufsatz von 1999 und die entsprechenden Reaktionen darauf.