Weisheit oder Wahnsinn?
Die Reaktionen – Teil I
Die interessantesten schriftlichen Reaktionen (per
Email oder Brief), die ich auf meine Anschrift hin bekommen hatte, sind in den
folgenden Kapiteln wiedergegeben. Die Rückmeldungen erfolgten auf meine
Email-Anschreiben. Rund 560 Anschreiben erfolgten, ohne dass ich Kernbergs
Namen genannt hatte (49 Antworten). In späteren rund 210 Anschreiben hatte ich
den Namen von Kernberg direkt genannt (6 Antworten). In 11 weiteren direkten
Anschreiben an ausgewählte Adressaten hatte ich 6 mal Kernbergs Namen direkt
genannt, in 5 Fällen nicht (11 Antworten). Auch Herrn Kernberg selbst hatte ich
– vergeblich – per Mail angeschrieben.
Widergegeben sind jeweils meine
Antwortschreiben, aus denen sich z.T. weitere Diskussionen ergeben hatten. (Die
übrigen Antworten finden sich in Teil II.)
Teilweise hatte ich die erhaltenen Schreiben auch kommentiert.
Die verschiedenen Reaktionen habe ich in 5 Kategorien eingeteilt: Ablehnung (A),
tendenzielle Ablehnung (TA), Neutralität bzw. Nichtreaktion (NR), tendenzielle Zustimmung (TZ) und
Zustimmung (Z). (Die hier angelegten Links führen zu den
entsprechenden Kapiteln.) Diese Zuordnung ist natürlich recht grob. Wenn in
einer sehr knappen Antwort in einem Halbsatz eine gewisse Zustimmung
signalisiert wurde, dann auf Mitteilung der genauen Quelle keine Reaktion mehr
erfolgt ist, dann habe ich das bereits als „tendenzielle Zustimmung“ gefasst.
Die Zustimmungen erfolgten auch teilweise auf dem Hintergrund, dass den
Antwortenden der Name des kritisierten Autors nicht bekannt war. Auf eine
Mitteilung des Namens erfolgte in der Regel keinerlei Reaktion mehr.
Durch Klicken auf die einzelnen Namen kommt man
zu den dazugehörigen Stellungnahmen. Von dort gelangt man dann jeweils zurück
zu der Tabelle.
Tabelle
|
A (7) |
TA (3) |
NR (8) |
TZ (10) |
Z (7) |
|
|
Ethikkommissionen, Ministerien u.a.:
Berufsethische
Kommission des Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen FSP
BUNDESMINISTERIUM FÜR GESUNDHEIT
Ethikkommission
der deutschen Gesellschaft für Psychologie, Prof. Dr. Dr. P. Netter
Ethik-Kommission des Bundesgesundheitsministeriums, Frau
Dr. Reiter-Theil
Die
Oberbürgermeisterin der Stadt Lindau, Petra Meier to Bernd-Seidl
Die
Organisatoren der Lindauer Psychotherapie-Wochen
Forum
Berufsethik Psychotherapie, Frau Dr. Hutterer-Kirsch
Gespräch
mit Herrn Ingwardt Tauchert vom saarländischen Gesundheitsministerium
Österreichische
Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie
Vereinigung
der Kassenpsychotherapeuten
„Ihre
Überreaktion lässt mich vermuten, dass scheinbar auch bei Ihnen die Täter-Opfer-Polarität
nicht ganz aufgearbeitet ist.“
„nicht besser im Stil als der kritisierte Autor, der mit vielen unbegründeten
Zuschreibungen arbeitet.“
„Welch schreckliches Mißverständnis! ...
Vielleicht wäre es auch nicht verkehrt, wenn sie sich einmal ihre Motivation
für Ihre Aktion klar machen würden.“
„auch ich bin nach Ihrer Mail sehr besorgt - allerdings nicht über Herrn
Kernberg, sondern über Sie, der Sie - völlig aus dem Zusammenhang gerissen -
offensichtlich wenig von Täter-Opfer-Dynamiken verstehen.“
„Ich kann sowohl Ihre Empörung nicht teilen und empfinde auch Ihre Zitierweise
tendenziös und unfair.“
„(ich) bin aber auch erschrocken über so viel Oberflächlichkeit“
„Ich kann Ihre Kritik in keiner Weise teilen.“
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
auch ich bin nach Ihrer Mail sehr besorgt -
allerdings nicht über Herrn Kernberg, sondern über Sie, der Sie - völlig aus
dem Zusammenhang gerissen - offensichtlich wenig von Täter-Opfer-Dynamiken
verstehen. Ich kann das an dieser Stelle nicht näher ausführen, weil es völlig
den Rahmen einer mail sprengen würde, bin aber auch erschrocken über so viel
Oberflächlichkeit.
Mit freundlichen Grüßen - Prof. A1
Sehr geehrter Herr Prof. A1,
schade, daß Sie Ihrer besorgten Anteilnahme
an meinem Unverständnis von Täter-Opfer-Dynamik nicht etwas mehr Raum geben
konnten, so daß ich Ihrer tiefgründigen Ausführungen dazu verlustig gehe. Daß
ich mich in meinem Schreiben - und womöglich auch in meinem Leben? - so
schrecklicher Oberflächlichkeit befleißige - wie ich Ihrer profunden Deutung
wohl zu entnehmen habe -, das hat mich nun sehr betroffen und nachdenklich
gemacht, und werde nun wohl zu eruieren haben, aus welchem Quell präödipaler
Konfliktsituationen sich dieses Verhängnis speist. Mit Ihrer tiefgehenden
Analyse haben Sie mir jedenfalls etliche Stunden Lehranalyse erspart!
Dafür herzlichen Dank - Ihr Klaus Schlagmann
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
schade, dass meine Reaktion auf Ihren Rundumschlag
nurmehr dazu führt, dass Sie sich in Ihrem Urteil über Psychoanalyse bestätigt
fühlen. Dass Sie es nur ironisieren können, anstatt sich auseinanderzusetzen
und die Tiefgründigkeit Ihrer Aktion vielleicht noch einmal zu begründen,
bestätigt mich in meinem Eindruck. Aber vielleicht wollen Sie das ja
revidieren.
Mit freundlichen Grüßen - Prof. Dr.
A1
(Ich wollte nicht, weil ich bei diesem
Adressaten jeden Versuch für zwecklos hielt. Darüber hinaus ist es ein wenig seltsam,
wenn jemand, der meine mehrseitigen Ausführungen nur mit einem Halbsatz
abfertigt, meint, ich wolle mich wohl nicht auseinandersetzen. Den Eindruck des
Herrn Prof. A2 da in irgendeiner Art und Weise revidieren zu wollen, hätte nur
Energieverschwendung bedeutet.)
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,
anbei übersende ich als Anlage eine sehr
kritische Stellungnahme zu dem Artikel, den Herr Schlagmann verfasst hat. Ich
kann mich seiner Sichtweise in keinem Punkt anschließen. [Eine deutliche
Stellungnahme!!! K.S.]
Mit freundlichen Grüßen A2
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
hiermit möchte ich zu Ihrem Artikel Stellung
nehmen, für dessen Übersendung ich Ihnen zunächst einmal danke.
Es ist sehr schade, dass Sie ein so großes
Geheimnis um die Bibliographie machen. Ich vermute, dass es sich um eine Arbeit
von Kernberg handelt, da mir einige zitierte Beispiele aus einem Vortrag von
ihm bekannt vorkommen. Auch wenn Kernberg eine Autorität ist, hätte ich kein
Problem damit, ihn zu kritisieren. Beispielsweise fand ich seine Vorlesung über
"Liebe und Aggression" im April 2000 auf den Lindauer
Psychotherapiewochen ziemlich langweilig und einseitig, worüber ich mit
zahlreichen Kollegen gesprochen habe, ohne bei irgend jemand übermäßigen
Respekt vor dem großen IPA-Vorsitzenden zu bemerken. Deshalb hat mich Ihre
Geheimniskrämerei befremdet, und die Vermutung, wir würden vielleicht nicht so
ehrlich unsere Meinung kund tun, wenn wir wüssten, von wem der Artikel ist.
Ihre Mutmaßungen über den Autor fand ich abenteuerlich und sehr spekulativ. Da
ich nicht die Möglichkeit habe, den kritisierten Artikel im Original zu
studieren, bin ich ausschließlich auf Ihren Artikel angewiesen. Aber selbst aus
dieser Quelle heraus vermag ich Ihre Spekulationen nicht nachzuvollziehen. [Sollte
es aus meinen umfangreichen Zitaten wirklich nicht nachvollziehbar sein, daß
der kritisierte Autor systematisch die Täter-Rolle des Täters ausblendet? Was
ist daran zu spekulativ, wenn ich vermute, daß darin eine aus einer
persönlichen Störung begründete Wahrnehmungsverzerrung liegt? Ist es wirklich
allzu abenteuerlich - der These von dieser Wahrnehmungsverzerrung folgend -
eine entsprechende nachhaltige Prägung des wahrnehmungsgestörten Menschen
anzunehmen? Aber: womöglich habe ich es hier ja mit dem Problem zu tun, einem
Blinden von Farben zu erzählen! K.S.] Was Sie oben im Artikel kritisieren,
nämlich dass uns detaillierte Informationen vorenthalten werden, praktizieren
Sie dann selbst, indem Sie über einen nicht näher bezeichneten Autor auf der
Basis eines geheim bleibenden Artikels Ausführungen machen, die gravierende
Vermutungen über die Kindheit des Autors enthalten. So was ist einfach
unsachlich und nicht professionell. [Mein Vorgehen und meine Ausführungen
sind angeblich unsachlich und nicht professionell. Aber der Antwortende würde
vermutlich keinen Moment lang zögern, Kernbergs Ausführungen als „sachlich“ und
„professionell“ zu etikettieren! Was für eine verkehrte Welt! K.S.]
Inhaltlich finde ich Ihren Artikel überzogen.
Ich vermute, dass die Adressaten des kritisierten Artikels Fachleute sind,
möglicherweise sogar Psychoanalytiker, denen man nicht lang und breit erklären
muss, dass die geschilderten Zusammenhänge unbewusster Natur sind. [Das
Zauberwort „unbewußt“ ist es ja gerade, woraus sich so manches Problem in der
Diskussion mit PsychoanalytikerInnen erst ergibt! Dieses Wörtchen macht es den
VertreterInnen dieser Theorie ja so überaus leicht, an jeder nur erdenklichen
Unterstellung besserwisserisch festzuhalten. Die suizidierte Klientin hat ihren
Therapeuten zum Opfer gemacht - natürlich „unbewußt“. Die 10jährige findet den
Geschlechtsverkehr mit ihrem Vater geil - natürlich „unbewußt“. Ein „Nein“
bedeutet nach Freud ein „Ja“ - natürlich „unbewußt“. Nach Freud bedeutet
Widerspruch übrigens Zustimmung. Vermutlich will mir der Antwortende also mit
seinem Text seine ungeteilte Zustimmung signalisieren - „unbewußt“ natürlich.
K.S.] Wäre es ein Artikel in einer, Laien zugänglichen Zeitschrift, wie
Psychologie Heute, oder einer Illustrierten, würde ich Ihrer Kritik wenigstens
insoweit zustimmen, dass man die geschilderten Dynamiken nicht unerläutert
stehen lassen kann. Dann hätte der Autor erklären müssen, dass es sich um
unbewusste Phänomene handelt. Das KZ-Opfer trifft die Entscheidung, später zum
Täter zu werden, nicht bewusst und absichtlich. In einer Fachzeitschrift für
einen ausgesuchten Kreis von Therapeuten genügt meiner Ansicht nach ein Hinweis
darauf durchaus. Und einen solchen Hinweis haben Sie ja zitiert.
Ich selbst arbeite halbtags auf einer
akutpsychiatrischen Therapiestation und halbtags in eigener Praxis.
Persönlichkeitsgestörte Patienten sind mein Spezialgebiet. Ich orientiere mich
an den Konzeptionen von Dulz, Sachsse und Kernberg. Am Beginn vieler
Behandlungen bin ich erschüttert über das Ausmaß an Traumatisierung, dass
Patienten erleben mussten und empfinde Mitgefühl. Im Stationsteam ergibt es
sich aber oft überraschend schnell, dass andere Therapeuten verärgert, entnervt
oder wütend auf "meinen" Patienten reagieren, für den ich so viel
Mitgefühl empfinde. Es ist uns wichtig, derartige Reaktionen von Kollegen nicht
als unqualifiziertes Überreagieren zu interpretieren, sondern seinen Sinn in
Bezug auf den Patienten zu verstehen. Andere Patienten bringen mich gleich am
Anfang der Behandlung in heftigen ärger, wie gerade kürzlich eine
traumatisierte Borderlinerin. Das ganze Stationsteam war schon genervt, wenn
sie erschien, nur ich hielt tapfer zu ihr. Sie trieb es so weit, dass ich
ziemlich sauer auf sie reagierte. Aber gerade dieses Gespräch wurde dann sehr
wichtig, da sie für sich erkannte, dass sie es schnell schafft, alle gegen sich
aufzubringen, obwohl sie etwas ganz anderes möchte. Meine neurotischen
Patienten lösen eigentlich fast nie derartig heftige Gegenübertragungsgefühle
in mir aus. Dies aber nicht deshalb, weil ich selbst früh traumatisiert wäre,
sondern wegen des Abwehrmechanismus der projektiven Identifizierung. Irgendwann
im Verlauf der Therapie bringen persönlichkeitsgestörte Patienten den
Therapeuten durch unbewusste, manipulative Prozesse in eine Rolle, die der des
früheren Täters vom Erleben her ähnelt. Dies tun sie leider nicht nur mit
Therapeuten, sondern auch mit anderen Personen ihrer Umgebung, wodurch sie sich
viele Schwierigkeiten einbrocken. Gestern hatte ich z.B. ein Erstgespräch mit
einem jungen Mann mit einer Borderline-Störung, der als Kind im Elternhaus oft
geschlagen und drangsaliert wurde. Er erzählte folgende Episode: Als er mit 12
die Schule wechselte, war er sehr aufgeregt wegen der vielen neuen Mitschüler,
die auf ihn zukämen, zumal er wegen einer Blinddarmoperation verspätet in die
Klasse kam. Er war abgemagert und hatte am bauch noch eine frische Narbe. Als
er in die Klasse trat, blickte er sich um und entdeckte einen hochgewachsenen
Jungen, der "sogar schon eine Zahnlücke" hatte, also sich offenbar
gern raufte. Neben diesen setzte er sich und begann ihn "einfach so
vollzumotzen, obwohl er mir gar nichts getan hatte". Schließlich gelang es
ihm auch, einen verbalen Streit zu inszenieren. Damit befand er sich nicht mehr
in ängstlicher Unsicherheit, sondern auf vertrautem Boden. Sich streiten,
gewahr sein, von einem Überlegenen vielleicht gleich geschlagen zu werden,
kannte er zur Genüge, freundlichen, vorsichtigen Kontakt kannte er nicht. Bei
allem Mitgefühl für das Leid, das er erfahren hat, habe ich doch im Hinterkopf,
dass der Patient zu solchen Mechanismen neigt. Noch provoziert er die
Mitschüler in seiner Ausbildung. Trotzdem ahne ich, dass es auch mich
irgendwann treffen könnte. Er wird mich vermutlich unbewusst-manipulativ in
eine Rolle manövrieren, in der ich mich über ihn ärgere, in mir die Tendenz
bemerke, ihn rauszuschmeißen oder vielleicht sogar ihm eine zu kleben. Ehe Sie
sich wieder aufregen betone ich, dass es sich um eine innere Phantasie handelt,
die ich nicht ausagieren würde. Das Wissen darum, was Borderliner im
Therapeuten auslösen können, ist wichtig. [Ich würde nicht einmal leugnen,
daß KlientInnen in einem Therapeuten auch Gefühle auslösen können - z.B. auch
Ärger! Das habe ich niemals bestritten. Aber es gibt sicher deutliche
Unterschiede darin, wie man mit solchen Gefühlen umgeht. Und es scheint mir zu
billig, jedes Gefühl im Therapeuten auf den Klienten und sein Problem zurückzuführen.
Geradezu grotesk ist mir aber Kernbergs Vorschlag, der Therapeut müsse sich auf
das Gefühlsleben des Mißhandlers einstellen. (s.u.) K.S.] Eine nur
verstehende Haltung voller Mitgefühl bringt den Patienten nur bis zu einem
bestimmten Punkt. Wenn es uns nicht gelingt, seine destruktiven Tendenzen in
der therapeutischen Beziehung darzustellen und zu verändern, wird er sie
außerhalb der Therapie immer weiter ausagieren und sein soziales Umfeld wird
sich nicht verbessern. Kernbergs Anliegen ist es immer gewesen, klar zu machen,
dass es sich jeder gut überlegen soll, ob er sich eine Arbeit mit diesen
Patienten zutraut. [Warum hat Kernberg es dann nicht selbst schon längst
aufgegeben? K.S.] Das Hauptproblem bei Borderlinern ist auch nach meiner
Erfahrung nicht, Mitgefühl mit den zumeist schrecklich traumatisierten Menschen
zu entwickeln oder ihre Psychodynamik zu verstehen.
Viel schwieriger ist es, mit den heftigen
Gefühlen von Liebe und Hass, zu denen einen nur diese Patientengruppe bringt,
zurecht zu kommen und mit den sadistischen Phantasien, die sie auslösen können.
Wir im Stationsteam fragen uns immer, was es mit dem Patienten zu tun haben
könnte, wenn sich einer von uns maßlos über ihn ärgert oder ihn am liebsten
rausschmeißen möchte. Ich kann mich nach zehnjähriger Tätigkeit nicht erinnern,
dass ein Neurotiker so heftige Gegenübertragungs-Gefühle bei einem von uns
ausgelöst hätte. Bei Borderlinern kommt es aber sehr häufig vor. Wir hüten uns
davor, von bösartigen Phantasien, die bei einem Therapeuten in Bezug auf einen
Patienten aufkommen mögen, vorschnell auf die Pathologie des Therapeuten zu
schließen. Aber in dem wir über die Phantasien und Gefühle reflektieren,
agieren wir sie nicht aus. Wir schlagen unsere Patienten nicht, genauso wenig
wie wir sie rausschmeißen, vergewaltigen oder mit Worten quälen. Kernberg setzt
sich dafür ein, sich allen Gefühlen und Phantasien bewusst und unzensiert zu
stellen, die diese Patienten auslösen. Identifizieren heißt in diesem Sinne, es
zuzulassen, was die Patienten mit dem Therapeuten unbewusst tun und innerlich
darüber zu reflektieren. [Auch eine interessante Definition von
„Identifizieren“. Aber was bedeutet es genau, sich mit einem KZ-Kommandanten,
einem Folterer, einem Kinderschänder zu „identifizieren“? Wenn der Therapeut
die Lust spürt, Menschen zu quälen oder Brandbomben zu werfen, dann wird das -
unbewußt natürlich - von dem Opfer einer derartigen Behandlung ausgelöst?
Welchen therapeutischen Nährwert sollte es haben, daß sich eine als Kind von
ihrem Vater vergewaltigte Patientin mit der „sexuellen Erregung ihres
sadistischen, inzestuösen Vaters“ „identifiziert“? Wie würde der Antwortende
denn hier den Begriff „identifizieren“ erläutern? K.S.] Damit ist
äußerlich, dem Patienten gegenüber noch nichts gesagt, geschweige denn eine
Handlung ausgeführt. Ihr Missverständnis, Herr Schlagmann, besteht meiner
Ansicht nach darin, dass Sie unter Identifizierung verstehen, sich genauso zu
verhalten, wie der Täter, oder es zumindest zu rechtfertigen, was er getan hat.
[Ich hatte zwar in meinem Text keine „Deutung“ von „identifizieren“ gegeben,
sondern habe es immer nur im Zitat übernommen, aber das ist in der Tat die
Bedeutung, die von meinen zwei „Etymologischen Wörterbüchern“ für den Begriff
„sich identifizieren mit“ nahegelegt wird. Aus Kernbergs Ausführungen läßt sich
jedenfalls kein klarer Reim darauf machen, was er an der genannten Stelle
meint, außer, daß es wohl darum geht, - für Therapeuten wie für Patienten
- das Gefühlsleben der Täter nachzuempfinden, während - zumindest der Therapeut
- peinlich vermeiden soll, das Leid des Opfers zu spüren und zu empfinden -
Mitleid sei ja nichts anderes als sublimierte Aggression! K.S.] Davon bin
ich und ist Kernberg weit entfernt. Aber nur Mitleid mit den PatientInnen zu
haben und sie zu mehr Selbstkompetenz und Abgrenzung zu ermutigen, wie Sie es
vorschlagen, reicht nach meiner Erfahrung nicht aus. [Habe ich das gesagt?
Aber was hält der Antwortende konkret für fehlend? K.S.] Und noch eines:
Das Anliegen des kritisierten Artikels war nicht, sich mit gesellschaftlicher
Gewalt oder der Grausamkeit der Täter auseinander zu setzen. Das tut Kernberg
ausgiebig andernorts. Ihm zu unterstellen, er identifiziere sich mit einem
KZ-Kommandanten unreflektiert, weil er lieber auf Seiten der Täter, als der der
Opfer stehe, zeugt davon, dass Sie nur wenige seiner Arbeiten gelesen,
geschweige denn Kenntnis von seiner Lebensgeschichte haben.
Abschließend noch zu dem Fall mit dem KZ-Opfer,
das zum Täter wird: Auch Dulz und Sachsse äußern sich ausführlich zu dem
Problem, dass persönlichkeitsgestörte Patienten, die schwer traumatisiert
worden sind, in ihrem späteren Leben zu Tätern werden. [Immer? Zwingend? Ich
stelle ja nicht in Abrede, daß Opfer zu Tätern werden können. Aber selbst dann
steht bei einer derartigen Heil-Behandlung immer zunächst die Opfer-Seite im
Vordergrund! Und ich würde in Abrede stellen, daß es einen derartigen
Automatismus gibt. Es gibt m.E. durchaus Betroffene, die in einer Opfer-Rolle
verharren. Wieder andere gelangen womöglich zu einer guten Verarbeitung des
Geschehens. Was ich kritisiere ist die sofortige, automatische, im Vordergrund
stehende Beschuldigung des Opfers wegen seiner Triebe. Das ist so, als würde
die Polizei bei jedem Delikt von Körperverletzung, Raubüberfall oder
Geiselnahme zunächst einmal ermitteln, warum sich denn die Opfer dem Geschehen
ausgeliefert hatten - ob da womöglich („unbewußte“) Sensationsgier,
masochistische Neigung oder ähnliches eine Rolle gespielt habe. Und als würde
dann die einzige Konsequenz in Anklagen und Bußgeldbescheiden gegen die
Betroffenen bestehen, weil sie durch ihre Anwesenheit am Ort des Geschehens zur
Tatzeit das Verbrechen erst möglich gemacht hätten! K.S.] Das entspricht
auch meiner Erfahrung. In der Klinik arbeite ich auch gruppentherapeutisch mit
Persönlichkeitsgestörten. In der Borderline-Gruppe kann ich erstaunlicherweise
zuhörend da sitzen, im Gegensatz zur Neurotikergruppe. Die Borderliner sind
sehr fürsorglich untereinander, sehr aktiv, sehr engagiert und oft in einer
Weise zueinander ehrlich, wie ich es mir manchmal nicht trauen würde. Letzte
Woche berichtete ein recht neuer Patient, wie grausam er als Kind emotional vom
Vater maltretiert worden war, wie er ihn dem Bruder gegenüber zurückgesetzt und
wie brutal er ihn geschlagen hatte. Die Gruppe empfand Mitgefühl und tröstete
ihn. In der nächsten Stunde erzählte er, wie er am Abend zu vor sich nicht
beherrschen konnte und seinen Sohn wegen einer Bagatelle verprügelt hatte. In
der Gruppe entspann sich, ohne dass ich eine einzige Äußerung dazu gemacht
hätte, ein lebhaftes Gespräch. Einige der anderen Patienten äußerten zunächst,
fast wie aus einem Munde, er sei vom Opfer zum Täter geworden und mache mit
seinem Sohn etwas Ähnliches, wie sein Vater mit ihm. Andere begannen Überlegungen,
dass es ihnen in diesem oder jenem Lebensbereich auch so gehe, dass sie von
Opfern zu Tätern würden. Ich glaube, dass niemand meiner Patienten, die zum
geschilderten Patienten sagten, er sei vom Opfer zum Täter geworden, auch nur
ansatzweise Verständnis für dessen Vater empfanden, oder ihn in Schutz nehmen
wollten. Auch ich, der ich während der ganzen Stunde fast nichts von mir gab,
empfand keine Sympathie für den Täter, also den Vater des Patienten. Im
Gegenteil: Ich kenne den Vater von einem Gespräch her und finde ihn unter uns
gesagt "ätzend". Trotzdem reicht in solchen Situationen Mitgefühl mit
dem Patienten nicht aus. Einen Menschen ernst nehmen heisst für mich, alle
seine Seiten wahrzunehmen, die liebevollen, aber auch die grausamen. Der
erwähnte Patient fand bis zu der Gruppenstunde nichts dabei, seinen Sohn zu
schlagen. Nur dass seine Frau deshalb mit ihm stritt und neuerdings sogar mit
Scheidung drohte, verunsicherte ihn zusehends und brachte ihn auf unsere
Station. Durch die ehrlichen und kritischen Äußerungen seiner Mitpatienten
begann er, sein Verhalten zu überdenken. Insofern bestätigen meine praktischen
Erfahrungen das, was Kernberg in seinen Arbeiten ausführt.
Persönlichkeitsgestörte Patienten manövrieren
den Therapeuten (und viele andere Personen ihrer Umgebung) durch projektive
Identifizierung in eine Täterposition oder transformieren unbewusst selbst in
eine Täterrolle. Der Borderline-Therapeut sollte sich über die Heftigkeit der
Affekte klar sein, die in einer therapeutischen Beziehung zu diesen Patienten
entstehen können. Er sollte sich unzensiert den Phantasien stellen, die in ihm
ausgelöst werden. Wer heftige Affekte oder ungewöhnliche Phantasien nicht
ertragen mag, sollte die Finger von der Therapie Persönlichkeitsgestörter lassen.
Der Borderline-Therapeut wird die Gefühle und Phantasien, die in ihm
aufsteigen, nicht sofort äußern oder gar ausagieren. Er wird sie sinnvoll und
vorsichtig zu nutzen wissen. Dies scheint mir der Sinn des von Ihnen
kritisierten Artikels zu sein. Insofern kann ich Ihre Kritik in keiner Weise
teilen.
Mit freundlichen Grüßen - A2
Sehr geehrter Herr A2,
vielen Dank für Ihre umfangreiche Antwort.
Sie sind anscheinend ein Kenner der Materie. Sie haben recht. Das von mir
ursprüngliche gewählte Vorgehen - den Autor ungenannt zu lassen - ist
problematisch. Und ich muß wohl auch mittlerweile einsehen, daß damit -
erkennbar - bislang kaum etwas gewonnen ist.
Die von mir kritisierten Passagen finden sich
in dem Artikel: Persönlichkeitsentwicklung und Trauma. In:
Persönlichkeitsstörungen - Theorie und Therapie (PTT), Jg. 3 (1999), Heft 1, S.
5-15. Der Autor ist tatsächlich der amtierende Präsident der Internationalen
Psychoanalytischen Vereinigung, Mitherausgeber der entsprechenden Zeitschrift,
Wissenschaftlicher Beirat der Lindauer Psychotherapietage, und sicherlich
vieles andere mehr: Otto F. Kernberg.
Es ist mir übrigens rätselhaft, wie Sie sagen
können: "Ich orientiere mich an den
Konzeptionen von Dulz, Sachsse und Kernberg." Sachsse hat ein völlig
anderes - eher genau gegenteiliges - Herangehen als Kernberg. ...
Daß Sie Kernbergs Äußerungen anscheinend
verständlich finden - z.B. das Problem eines 10jährigen, von ihrem Vater
vergewaltigten Mädchens darin zu sehen, daß sie sich schuldig mache, einen
sexuellen Triumph über die Mutter zu erleben -, das läßt womöglich auch einige
Rückschlüsse auf Ihr Seelenleben zu. Und wenn Sie Ihre KlientInnen nach diesem
Muster "behandeln", dann tun diese mir herzlich leid. Daran
ändern auch Ihre weitschweifigen Rationalisierungen nichts, in denen Sie auf
keines meiner Argumente eingehen. Aber das macht ja auch nichts. Ich setze
keine Hoffnung mehr darein, Menschen wie Sie durch Argumente aus Ihrer
dogmatischen Verblendung zu erlösen. Ich bemühe mich statt dessen derzeit, Kernbergs
Äußerungen vor diversen Ethik-Kommissionen zur Sprache zu bringen - in der
Hoffnung, daß noch nicht alle psychotherapeutisch tätigen Menschen vollkommen
verrückt geworden sind. Ich werde mich dafür einsetzen, daß diese
widerwärtigen, entwertenden Theorie-Konstrukte im Psychotherapiebereich -
zumindest offiziell - geächtet werden.
Ich weiß übrigens auch nicht, auf welche
Kenntnis Kernbergscher Literatur Sie zurückzuschauen wissen. Jedoch habe ich
bereits 1996 bzw. 1997 drei von Kernbergs Veröffentlichungen einer Kritik
unterzogen, die voll sind von Verachtung und Entwertung für seine KlientInnen
(vgl.: Schlagmann, 1997: Zur Rehabilitation der Könige Laios und Ödipus. Oder:
Die Lüge der Iokaste. Saarbrücken). (Wenn Sie von etwas anderem berichten
könnten, warum geben Sie nicht konkrete Belege dafür an?)
MfG - Klaus Schlagmann
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
ich meine, sehr ausführlich auf Ihre Argumente
eingegangen zu sein, sicherlich auf meine Weise, indem ich mich bemüht habe, Kernbergs
Äußerungen mit meinen eigenen Erfahrungen zu verknüpfen. [vgl. das
Eingangsstatement von A2: „Ich kann mich seiner Sichtweise in keinem Punkt
anschließen.“; K.S.] Schade, dass Sie es aufgegeben haben, Typen wie mich
mit rationalen, ich würde sagen fachlichen Argumenten zu überzeugen. Ob Sie mit
Hieben unter die Gürtellinie = pathologisierenden Vermutungen über das
Seelenleben Ihrer Kollegen weiterkommen, da hätte ich meine Zweifel.
Merkwürdig, dass Sie sich gegen eine Pathologisierung von PatientInnen wehren,
im gleichen Atemzug aber uneinsichtige Kollegen pathologisieren. Naja, trotzdem
hat mich das Thema zum Nachdenken angeregt. Vielleicht gelingt es Ihnen ja, mit
etwas mehr Sachlichkeit, fruchtbare Diskussionen in Ethik-Kommisionen in Gang
zu bringen.
Mit freundlichen Grüßen – A2
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
vielen Dank für Ihren Brief vom 6.12.00, den ich
erst jetzt beantworten kann, weil ich die Weihnachtsferien brauchte, um mich
mit Ihren Ansichten über Kernbergs Aufsatz auseinanderzusetzen.
Ich kannte den Aufsatz von Kernberg in der
Vortragsfassung (Lindau 1997) und habe ihn jetzt noch einmal gelesen. Ich
verstehe Kernberg ganz anders als Sie. Als Freudianer und zum Teil Kleinianer
hatte er lange den Trieb und sogar die Heredität als Ursprung der Entwicklung
von Persönlichkeitsstörungen gesehen und hat eine große Begabung, in das Chaos
der BorderlineStörungen System hineinzubringen. Das hat ja auch seinen Ruhm
begründet. Was er jetzt versucht ‑ immerhin ‑ ist, die
traumatisierenden Umwelteinflüsse sowohl familiärer als auch akzidenteller Art
einzubeziehen. Daher ist er manchmal unentschlossen und inkonsequent.
Aber das werfen Sie ihm ja gar nicht vor. Das
Hauptmissverständnis scheint mir an einer ungeklärten Definition des Begriffs
"identifizieren" zu liegen. Kernberg meint doch nicht, dass man den
KZ‑Wächter gut finden und sein Handeln akzeptieren muss, sondern meint es
eher (und seine mangelnde Übung der deutschen Sprache wird ein übriges tun) so,
dass der Patient den Therapeuten mit dem Täter identifiziert, es
geht also um Übertragung und Projektion.
Die anderen Bereiche: Kennen Sie denn nicht die Identifikation
mit dem Aggressor, die im Zusammenhang mit Traumatisierung regelmäßig auftritt,
wie es Ferenczi (193 3) zuerst so genial beschrieben hat. Das macht auch das
Tragische aus, dass das Opfer sich mit dem Täter identifiziert und so weiter
Opfer bleibt, von schweren Schuldgefühlen geplagt, die es dem Täter sozusagen
abgenommen hat. Meine Position finden Sie in beiliegendem Sonderdruck, ... .
Wie ich es sehe, werden wir uns wohl kaum
einigen können.
Mit freundlichen Grüßen – Dr. med. Mathias
Hirsch, Arzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse
(Dass wir uns wohl kaum einigen könnten,
hatte ich auch so gesehen. Deswegen hatte ich auch keinen Versuch mehr
unternommen, mit Herrn Dr. H. eine Diskussion über das „Identifizieren“ zu
beginnen; in den folgenden Auseinandersetzungen - z.B. A1, TA2 oder Z4 - ist
dies durchaus eingeflossen.)
23.1.01
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
vielen Dank für Ihr Schreiben vom 14.1. und Ihre
diskussionsanregenden Zusendungen.
... Wir hatten ja zu Ihrem Beitrag [Die Mythen
von Ödipus und Narziss als Geschichten von Traumatisierungen, Lengerich, 2001]
bereits telefoniert, ich finde Ihre Sichtweise sehr aufschlußreich und
bereichernd. Was Ihren Artikel in Auseinandersetzung mit Kernberg betrifft,
kann ich das so nicht sagen. Ich finde, daß Sie ihm in der Art der Zitierung
und Interpretation nicht gerecht werden. Kernberg schreibt bewußt aus einer
klinischen Perspektive, nicht aus einer allgemein‑menschlichen. Ich kann
sowohl Ihre Empörung nicht teilen und empfinde auch Ihre Zitierweise tendenziös
und unfair. Darüber hinaus habe ich eine grundsätzlichere Kritik. Sie stellen
das Trauma‑Modell dem Trieb‑Modell gegenüber ‑ eine Dualität,
die es vor 100 Jahren gegeben haben mag, die aber der heutigen Psychoanalyse in
keinster Weise gerecht wird. Ich möchte nur auf den Übersichtsartikel von
Bohleber in der "Psyche" Ende letzten Jahres verweisen. Worauf dieser
allerdings im Gegensatz zu Kernberg entschieden hinweist ist die Anerkennung
des realen Traumas vor der therapeutischen Bearbeitung dessen, was
dieses Trauma mit der intrapsychischen Realität gemacht hat. Dies ist mir bei
Kernberg nicht eindeutig genug herausgestellt, wenngleich ‑ ein Anhänger
des Triebmodells ist er nun wirklich nicht. (Wer sollte das denn überhaupt noch
sein?)
Dennoch: Haben Sie vielen Dank für Ihre
Anregungen und seien Sie freundlich gegrüßt – Ullrich Bahrke, Facharzt für
Neurologie/Psychiatrie, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin,
Psychoanalytiker, Oberarzt
19.06.2001
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
hoffentlich rechnen Sie nach dem jetzt
verstrichenen viertel Jahr nicht mit einer umfassenden, detaillierten
Stellungnahme zu Ihrem Text.
Ich kann mich, kurz gesagt, mit Ihrer Sichtweise
nicht recht anfreunden, jedenfalls, was die Person und den Autor Kernberg und
den beigelegten Text von ihm betrifft. Es ist ja durchaus als Gefahr in dem
Ansatz der Psychoanalyse angelegt, dass eine zumindest innere Beteiligung des
Opfers an einem Gewaltakt untersucht wird und, dieses, aber da wird es in
meinen Augen schon unfachlich, gar mit verantwortlich gemacht werden mag. Wenn
in diesem Sinne etwa einem Vergewaltigungsopfer 1: 1 unterstellt werden würde,
sie sei „selber Schuld“, dann ist das natürlich hahnebüchen ‑ aber so
etwas würde Kemberg auch, wie ich ihn verstehe, nie tun. Deswegen ist die
Person des Opfers aber nicht unhinterfragt gut bzw. ihre Motive außen
vorzulassen, sondern sie gehören durchaus zum Verständnis der Situation. Es ist
doch alles Psychologie, es geht um Verstrickungen zwischen Personen, nicht nur
auf der Ebene des Faktischen, sondern auch der Projektion, Fantasien.
Sind nicht auch Ihnen Fälle, wie der von
Kernberg geschilderte, geläufig, in denen Menschen, die in ihrer Kindheit gequält
und zurückgesetzt wurden, als Erwachsene tatsächlich brutale Aggressoren
wurden? Mir scheint nicht, dass Kernberg Täter, Psychopathen, Gewaltverbrecher
.... exkulpieren möchte. (Ich habe gerade ein ausgezeichnetes Video über das
Leben des Sexualverbrechers Jürgen Bartsch gesehen, dessen schauriger
Lebenslauf von einer Studentin empathisch veranschaulicht wurde. Hier ist es
eher die menschliche Umgebung des Täters, die denkbar schlecht wegkommt...)
Sie können diesen Zeilen gern entnehmen, dass
ich kein Psychoanalyse‑Experte bin. Es könnte sein, so mein Eindruck,
dass Sie einem durchaus systematisch gegebenen Risiko der psychoanalytischen
Theoriebildung auf der Spur sind, sich aber in der Person und bezüglich der
Ausführung von Otto Kernberg irren...
Vielen Dank für die Texte und die Anregung.
Mit freundlichen Grüßen – Eckhard Giese
Sehr geehrter Herr Schlagmann
Meine Stellungnahme wird Ihnen kaum Freude
bereiten. Doch erlaube ich mir, ebenso wie Sie, mit mangelnder Information
meine Meinung dazu abzugeben. Fuer mich scheint vieles aus dem Zusammenhang
gerissen. Das Opfer zu Täter werden können, ist ja nichts neues. Ob jeder unter
dem Begriff "identifizieren" das Gleiche versteht, möchte ich
bezweifeln. Ihre Überreaktion lässt mich vermuten, dass scheinbar auch bei
Ihnen die Täter-Opfer-Polarität nicht ganz aufgearbeitet ist. Bei mir übrigens
auch nicht, falls ihnen das ein Trost ist.
mit freundlichen Grüssen, A6
Lieber Kollege Schlagmann!
Welch schreckliches Mißverständnis! Ich denke,
es wäre eine gute Idee, wenn Sie sich mit dem Autor direkt in Verbindung setzen
würden. Ich könnte mir vorstellen, daß dieses Mißverständnis dann schnell
aufgeklärt werden könnte. (Das ist bereits geschehen. Ich warte immer noch
auf Antwort. K.S.) Vielleicht wäre es auch nicht verkehrt, wenn sie
sich einmal ihre Motivation für Ihre Aktion klar machen würden.
In diesem Sinne viele Grüße - A7
„anders
als Sie respektiere ich die Psychoanalyse, wenn auch aus kritischer Distanz“
Prof. Dr. Jan-Philipp
Reemtsma
Sehr geehrter Herr Prof. Reemtsma,
Sie haben sich kürzlich kritisch mit der
Auffassung von Traumatisierung auseinandergesetzt. Ich teile Ihre Einschätzung
von beispielsweise der Haltung von Herrn X. voll und ganz. Sie haben sich auch
so geäußert, daß man sich wohl noch auf einiges an Entgleisungen einzustellen
hätte. Nun - was halten Sie von dem folgenden:
Kürzlich bin ich in einer Fachzeitschrift
(1999) auf die Formulierung einer Position gestoßen, die die Logik des
psychoanalytischen Trieb-Modells auf die Spitze treibt: ...
Mit freundlichem Gruß - Klaus Schlagmann
4. Dezember 2000
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
ich glaube, daß es auf die Kontexte ankommt.
Aussagen wie die von Ihnen referierten können durchaus zutreffend sein.
Unvorsichtig und kontextfrei gehandhabt wirken sie in der Regel diffamierend.
Das von Ihnen erwähnte Therapiekonzept wirkt so natürlich arg krude, aber für
den Fall einer vorliegenden unbewußten Identifikation mit dem Aggressor muß
diese natürlich, um bewußt gemacht und überwunden zu werden, auch durchlebt
werden. Es kommt immer auf den Einzelfall an. Der Fehler liegt in den
generalisierenden Aussagen. Ich möchte mich zu Ihrem Artikel nicht äußern, weil
ich den ursprünglichen Artikel nicht kenne und darum nicht weiß, ob Sie ihn
etwa mit dem Satz, er behaupte, ein vergewaltigtes Kind habe an der
Vergewaltigung "Spaß gehabt", nicht falsch paraphrasieren.
Mit freundlichen Grüßen – Jan Philipp Reemtsma
Saarbrücken, den 5. April 2007
Sehr geehrter Herr Prof. Reemtsma,
vielen Dank für Ihre Antwort auf mein
Schreiben vom 03.09.00.
Sie glauben, daß es auf die Kontexte ankommt.
Dabei kann ich mir nicht vorstellen, in welchem Kontext der von mir
aufgeführten Fallbeispiele die Deutungen plausibel sein sollten, die diese
Opfer von Gewalt zu Tätern stempelt. Mir scheint es ein billiger „Trick“ zu sein,
bei diesem theoriegeleiteten Postulat auf „unbewußte“ Prozesse zu verweisen. Da
kann man bei jedem Opfer von Gewalt - Juden, Indianern, Kurden, Armeniern,
Hexen, Homosexuellen, Partisanen, Heiden, Schwarzen, Behinderten usw. -
behaupten, da habe ein „Todestrieb“ vorgelegen, die Betreffenden hätten in der
Situation ihrer Vernichtung einen „masochistischen Triumph“ erlebt, das
Bedürfnis danach habe sie letztlich in ihre jeweilige Qual getrieben, o.ä. -
„unbewußt“, natürlich.
Wenn Sie so denken, dann erübrigt sich
meinerseits jede weitere Diskussion mit Ihnen über die Opfer von Gewalt. Wenn
Sie sich jedoch ein wenig mehr für den - von mir bewußt zunächst
„geheimgehaltenen“ - „Kontext“ der kritisierten Aussagen interessieren sollten,
dann könnten Sie zunächst den kritisierten Artikel nachlesen in ... Otto
F. Kernberg: Trauma und Persönlichkeit, PTT 1/99, S. 5-15. Kernberg weist
in meinen Augen eine weit massivere psychische Störung auf, als der von Ihnen -
völlig zu recht - kritisierte X. Aber Sie stehen der psychoanalytischen Theorie
anscheinend recht nahe und werden meine Einschätzung in diesem Punkt womöglich
nicht teilen.
Ich weiß nicht, wieweit Sie praktische
Erfahrung mit Psychotherapie aufweisen. Aus meiner Praxis kenne ich jedenfalls
Menschen, denen es nach einer derartigen „Behandlung“ schlechter ging als
zuvor. Das scheint mir bei einer derartig systematischen
Wirklichkeitsverdrehung auch nicht unwahrscheinlich. Vielleicht kennen Sie das
Buch der Hamburgerin Dörte v. Drigalski („Blumen auf Granit“), die Ihre eigenen
Erfahrungen mit der Psychoanalyse (Lehranalyse) schildert. Sie berichtet z.B.,
daß Sie in Ihrem unmittelbaren Umfeld vier Fälle von Suizid während der
Lehranalyse erlebt hat.
...
Sie haben den Begriff des „Identifizierens
mit dem Aggressor“ angesprochen. Das Konzept des „Identifizierens“ paßt m.E. in
diese Strategie des Erzeugens von Konfusion vorzüglich hinein. Betrachten Sie
einmal seine etymologischen Wurzeln: „Identisch ,ein und dasselbe
bedeutend; völlig gleich (auch von Personen)‘ ... identifizieren ‚etwas
genau wiedererkennen; die Identität einer Person feststellen‘“ (Duden,
Herkunftswörterbuch). „Identität f. ‚völlige Übereinstimmung,
Gleichheit, Wesenseinheit‘ wird im 18. Jh. aus spätlat. identitas (Gen.
identitatis) ‚Wesenseinheit‘ entlehnt, einer Ableitung von lat. idem
‚ebendasselbe‘ ... identisch Adj.
‚völlig gleich, übereinstimmend‘ (18. Jh.). identifizieren
Vb. ‚die Identität feststellen, einander gleichsetzen‘ Neubildung des 18. Jhs.
nach Mustern wie klassifizieren, exemplifizieren u. dgl. denen lat.
denominative Verben mit -ficare (vgl. lat. glorificare ‚glorifizieren‘), der
Kompositionsform von lat. facere ‚machen, tun‘ zugrunde liegen. Dazu
Identifizierung f. (19. Jh.).“ (Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, dtv).
Im normalen Sprachgebrauch verweist der
Begriff „identifizieren“ also auf einen sehr bewußten, aktiven, reflektierten,
rationalen Prozess des Vergleichens, Abwägens, Beurteilens, der dann zu einer
Feststellung führt, daß zwei Personen ein und dieselbe sind, oder zumindest
völlig übereinstimmen, wesensgleich sind. „Sich identifizieren mit jmd.“ muß
also so etwas meinen wie „sich in den Eigenschaften eines anderen - sehr bewußt
und reflektiert - wiedererkennen, sich - sehr bewußt und reflektiert - mit
jemand anderem als Wesenseinheit erkennen“. Man „identifiziert“ sich also -
sehr bewußt und reflektiert - z.B. mit einem Freund, einem Idol o.ä.
„Identifizieren“ meint bei Kernberg
einerseits einen relativ normalen, gesunden Prozess des Aufbaus von
Ich-Strukturen (1990, S. 44 ff). Andererseits wird darin ein
„Abwehrmechanismus“ gesehen, z.B. die „Identifikation mit dem Aggressor“. Bei
Anna Freud (1975, S. 125 ff; von ihr v.a. auf Kinder bezogen) oder Otto F.
Kernberg selbst (1990, S. 145f; 198; 348) wird dieses letztere Konzept immer im
Zusammenhang der Umsetzung erlebter Aggressionen in eigene aggressive
Handlungen gebraucht. Das Beobachten entsprechenden Verhaltens führt erst
auf den Rückschluß, daß eine „Identifikation“ vorliege. Der Begriff der - so
wie er von den zwei AutorInnen benutzt wird - impliziert also, daß man
das Verhalten desjenigen, mit dem man sich „identifiziert“, auch zeigt.
Kernberg sagt über den Therapieerfolg bei der
Patientin, die als noch nicht 10jährige vergewaltigt wurde: „Von dem Moment an,
als sie sich nicht mehr als Opfer sehen mußte, konnte sie sich auch mit ihrer
eigenen sexuellen Erregung in diesem unbewußten und jetzt bewußten Sieg über
die ödipale Mutter zurechtfinden und ihre Schuld tolerieren. Sie
erlangte so die Fähigkeit, sich mit dem Täter zu identifizieren,
nämlich mit der sexuellen Erregung des sadistischen, inzestuösen Vaters
... Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie fähig, einen Orgasmus im sexuellen
Verkehr mit ihrem sadistischen Freund zu erleben.“
Nach Kernberg müßte die Klientin -
„identifiziert“ mit dem Täter, mit dessen sexueller Erregung - nun also auch
wesensgleiche Handlungen zeigen können, also sexuelle Erregung bei
sadistischen, inzestuösen Kontakten. Diese (von mir noch bewußt unscharf
gehaltene) Umschreibung wird quasi bestätigt, wenn Kernberg anführt, daß diese
Klientin nun in der Lage ist, bei ihrem sadistischen Partner einen Orgasmus zu
erleben.
Allerdings scheint sich hier bereits etwas zu
verwischen, denn ein solches Verhalten zeigt ja nun gar nicht eine „Identifizierung
mit dem Aggressor“, sondern höchstens eine „Identifizierung mit dem idealen
Opfer des Aggressors“ - nämlich mit einem Opfer, das willenlos seine Rolle
mitspielt. Diese „Identifizierung mit dem idealen Opfer“ - womöglich ein
bedeutendes Phänomen, dessen Entdeckung noch zu feiern ist -, markiert also,
nach Kernberg, offensichtlich ebenso einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur
Heilung.
„Richtiges“ „Identifizieren“ müßte in diesem
Fall aber eigentlich heißen, daß die Klientin nun Lust bekäme, selbst einmal
die Peitsche oder Fessel in Anwendung zu bringen, anstatt sich der sadistischen
Prozedur zu unterwerfen. Vielleicht war etwas derartiges ja auch durchaus
vorgekommen und wurde von Kernberg nur der Kürze der Darstellung wegen nicht
weiter ausgeführt.
Wenn Kernberg tatsächlich gelingt, was ihm da
vorschwebt, dann passiert folgendes: einerseits hat die Klientin -
identifiziert mit ihrem (noch) unbewußten Ödipus-Selbst - ihre Schuld zu
fühlen, daß sie die Vergewaltigung durch ihren Vater als Triumph über die
Mutter erlebt hat. Andererseits muß es ihr - identifiziert mit dem Aggressor -
gelingen, die Vergewaltigung eigener Kinder als „geil“ zu empfinden, als etwas,
dem sie sich als Täterin lustvoll, ungestört von Schuldgefühlen,
überlassen würde. Schließlich muß es ihr - identifiziert mit dem idealen Opfer
- gelingen, beim Vergewaltigt-werden einen befreiten Orgasmus zu erleben. Wenn
sich die Klientin mit diesem Kernbergschen Identifizierungs-Wirrwarr infizieren
läßt, dann wird sie als Schizophrene, wenn nicht gar als multiple
Persönlichkeit auf der Strecke bleiben müssen.
Mir scheint es übrigens erforderlich und
sinnvoll, von dem von seiner Etymologie her als eindeutig aktiven, bewußten
Vorgang der „Identifizierung“ einen eher passiven Mechanismus begrifflich
abzugrenzen, z.B. als „Prägung“: ein Kind übernimmt durch den
alltäglichen Kontakt mit Eltern und Geschwistern unreflektiert deren Gestik,
Mimik, Sprachwendungen, Gepflogenheiten. Oder: einem Kind prägt sich womöglich
durch häufiges Geschlagen-werden ein, daß Kinder eben so behandelt werden
müssen oder dürfen. Dieses Kind mag dann in der Elternrolle seinerseits seine
Kinder schlagen und dies recht bewußt mit einer ähnlichen Einstellung, in einer
ähnlichen Art und Weise tun, wie es selbst geschlagen worden ist.
Wird ein Kind besonders schwer mißhandelt,
dann mag es in diesen Situationen möglicherweise dissoziieren, „in Trance
gehen“. In diesem Zustand können bestimmte Verhaltensmuster besonders
nachhaltig durch „Konditionierung“ verankert werden. (Pawlow ging
übrigens davon aus, daß seine Hunde bei seinen Versuchsanordnungen z.T. sehr
schnell in einen hypnotischen Zustand gerieten und dann besonders effektiv und
nachhaltig lernten!) Ein solches Kind wird später in der Elternrolle womöglich
auch in bestimmten Situationen die eigenen Kinder mißhandeln, und zwar so, daß
es - wie im Reflex - vollkommen „ausrastet“. Es mag danach womöglich sehr genau
erkennen, daß es dies eigentlich gar nicht wollte, daß es sich innerlich
eigentlich von dem gezeigten Verhalten distanziert. Es kann dabei womöglich
auch über das selbst erlebte Ausmaß an Gewalt hinausgehen. (Daß ein Opfer in
seiner Grausamkeit über das hinausgehen kann, was ihm selbst angetan
wurde, zeigt m.E. z.B. der Kindermörder Jürgen Bartsch.)
Lassen Sie mich diese Überlegungen auf meine
Mutmaßung über Kernberg übertragen. Wird ein Kind wegen einer Kleinigkeit
massiv bestraft, und wird es dann auch noch massiv gezwungen, sich für das
„böse“ Verhalten zu entschuldigen, quasi bedingungslos zu kapitulieren, dann
gerät es auf diese Art und Weise in totale Verwirrung und Anspannung, was zu
einer Dissoziation führen kann. In diesem Zustand ist es für Suggestionen
besonders empfänglich, beispielsweise dafür: „Wenn die Mama/der Papa mit dem
Kind schimpft, dann ist auf jeden Fall immer das Kind böse gewesen, ganz egal,
was die Mama/der Papa vorher gemacht hat! Kinder zeigen häufig Haß, Wut, Neid,
Boshaftigkeit - das muß ihnen ausgetrieben werden! Nur so können sie zu
gesunden, normalen Erwachsenen werden!“ Auf diese Art könnte sich eine so
abstruse Einstellung in Kernberg verankert haben, wie er sie in seiner Theorie
vertritt.
„Prägung“ und „Konditionierung“ - wie ich sie
verstehe - sind Prozesse, die bei einem Betroffenen eher passiv ablaufen,
während „Identifizierung“ einen aktiven Prozess impliziert. Es kommt sicher
nicht von ungefähr, daß in der Psychoanalyse mit Vorliebe auf die
„Identifizierung“ zurückgegriffen wird, denn es gehört zur triebtheoretischen
Grundhaltung, in erster Linie den aktiven Anteil des Säuglings an dem
Geschehen zu betonen. In ihm werden die „Perversionskeime“ (Freud,
„Bruchstück ...“ , 1905) verortet, die er nicht kontrollieren könne. Kernberg
ist ein Spezialist für derartige Beschuldigungen von Kleinkindern (vgl.
Schlagmann, 1997 a).
Dem halte ich jedoch meine Position
ausdrücklich entgegen, daß ich den Faktoren einer passiven Beeinflussung gerade
im frühen Kindesalter eine weitaus größere Bedeutung zumesse. Die Befunde der
Säuglingsforschung (vgl. Dornes, 1995, z.B. S. 140-150) scheinen mir diese
Frage eindeutig entschieden zu haben: Kinder re-agieren höchst sensibel
auf die Verhaltensmuster ihrer Eltern! Diese Dynamik bei der Entstehung
schwerer psychischer Störungen auf den Kopf gestellt zu haben - die Opfer zu
Tätern erklärt zu haben - halte ich für die verhängnisvollste Fehlleistung
von Sigmund Freud. Sie ist - meiner Analyse nach (Schlagmann, 1997a, 2000a, b,
c) - auf eine sehr persönliche, konflikthafte Familiengeschichte Freuds
zurückzuführen.
Die Triebtheorie, die die Wirklichkeit in
katastrophaler Weise auf den Kopf stellt, hat Freud als „geistiges Erbe“ seinen
Jüngern hinterlassen. Otto F. Kernberg bewährt sich als sein treuer Verwalter,
der diese Hinterlassenschaft sorgfältig hütet und sogar weiter vermehrt.
Ich habe übrigens meine Kritik an dem Text
von Kernberg - aus eigenem Antrieb bzw. aufgrund mancher Rückmeldungen noch ein
wenig umformuliert. Sollten Sie noch ein wenig Interesse an einer
Auseinandersetzung haben, so sende ich Ihnen dieses aktualisierte Papier gerne
zu. Über eine kritische Diskussion würde ich mich freuen.
Ansonsten verbleibe ich mit freundlichem Gruß
als Ihr - Klaus Schlagmann
5. März 2001
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
anders als Sie respektiere ich die Psychoanalyse,
wenn auch aus kritischer Distanz. Wie jede andere Therapieform auch ist sie für
manche Menschen von großem Nutzen (ich kenne solche), für andere nicht.
Außerdem gibt es gute und schlechte Analytiker. Nach meinem Verständnis
verzerren Sie Kernbergs Aussagen, wenn Sie sagen, hier würden Opfer zu Tätern
gemacht. Sie laden auch Begriffe normativ auf, die es in ihren Kontexten nicht
sind. Dennoch würde mich die Endfassung Ihres Aufsatzes natürlich
interessieren.
Mit freundlichen Grüßen – Jan Philipp Reemtsma
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
vor ein paar Tagen habe ich mir Ihr, mit
offensichtlich viel Mühe und Engagement geschriebenes Papier „Weisheit oder
Wahnsinn?“ gelesen und dann erst einmal zu Seite gelegt.
Ich hatte große Mühe mit der Form Ihres Textes:
nicht zu wissen, von wem und woher der vorliegende kritisierte Text stammt und
wie er vollständig lautet. Andererseits muten Sie dem Leser Ihren
nachvollziehbaren Ärger in Ihren kritischen Anmerkungen zu und sind damit - so
scheint mir - im gleichen Zuschreibungsmodus gelandet wie der vorgestellte
Autor. Schade.
Selbstverständlich, so scheint mir, ist die von
dem Autor vertretene Position, Opfer und Therapeut müßten sich mit den Tätern
identifizieren, um zu einer Heilung gelangen zu können, nicht der heilsame
Schritt in der Therapie. Allenfalls kann dieser Aspekt ein lohnender
Zwischenschritt sein, um eine schicksalhafte Verstrickung verstehen zu lernen -
und auch das enthebt den Betrachter nicht davon, eine „moralische“ Haltung zu
der Situation einzunehmen.
Polarisierung schafft Bindung.
Insofern hilft es, beide Seiten in den Blick zu
nehmen, um Distanz zu schaffen, um sich lösen zu können.
Nivellierung aber schafft keine Lösung.
Es bleibt das Paradox des Verstehens und - in
manchen Fällen - Verurteilens; ohne dass vom Opfer eine Entschuldigung vom
Täter angenommen werden darf. Die Verantwortung und damit Schuld muß beim Täter
bleiben. Der muß damit leben.
Aufgabe des Opfer ist es, zu sehen: manche Dinge
liegen außerhalb unserer Kontrolle. Aber „Erfahrung wird das, was man aus dem
macht, was einem zustößt.“ (Huxley). Und wir sind dafür verantwortlich, ob wir
was Gutes daraus machen. Mißt kann guter Dünger sein. Und wenn der Boden
überdüngt ist, braucht es viel Regen.
Leider - durch die Form des von Ihnen
dargebotenen Textes - in die Gegenübertragungsfalle getappt und damit erst mal
disqualifiziert. Hart ausgedrückt: nicht besser im Stil als der kritisierte
Autor, der mit vielen unbegründeten Zuschreibungen arbeitet.
Ich hoffe, ich konnte mit dieser Kritik Ihrer
Sache dienen.
Mit freundlichen Grüßen – Dr. med. TA2
Sehr geehrter Herr Kollege Schlagmann!
Beim Lesen von Artikeln oder Fallgeschichten,
welche sich mit dem Thema der Gewalt, des Missbrauchs der Täter- oder
Opferschaft befassen, fällt mir immer wieder auf, dass die Verfasser in heftige
Affekte hineingerissen werden, die sie wahrscheinlich außerhalb der
Beschäftigung mit diesem Thema nicht erleben. Ich vermute, es gehört auch nicht
zu Ihren üblichen Phantasien, Brandbomben in Schreibstuben zu werfen (S. 7).
Offenbar kann man sich mit einer solchen Thematik nicht ernsthaft
auseinandersetzen, ohne rasche selbst in die Dialektik von Täter und Opfer hineingezogen
zu werden.
Die von Kernberg angesprochene Psychodynamik,
dass eine der unbewussten Bewältigungsmöglichkeiten von Opfern immer auch darin
liegt, sich mit der Täterseite zu identifizieren, gehört zum einigermaßen
gesicherten psychotherapeutischen Wissen. Es hilft z.B. zu verstehen, wie sich
die Täter-Opfer-Dynamik über Generationen hinweg oder durch die Interaktionen
hindurch immer weiter fortpflanzt. Auch für Psychotherapeuten scheint es mit
unerlässlich, dass er sowohl der Täter- wie der Opferseite begegnet (ohne sich,
wie Sie befürchten, mit der einen oder anderen Seite voll zu identifizieren).
Aus Ihrer Empörung klingt für meine Ohren eine
eher - wenn Sie mir bitte das nicht übel nehmen wollen - naiv-gutgläubige
Position heraus: „Die Täter sind die Täter, die Opfer sind die Opfer, und wir
Psychotherapeuten stehen natürlich als Helfer ganz auf seiten der Opfer. Da
scheint mir die Welt doch etwas zu eindeutig in gut und böse, schwarz und weiß
aufgeteilt. Ich habe Psychotherapeuten mit solchen Einstellungen kennengelernt
und bei manchen den Eindruck gewonnen, dass sie in ihrer kämpferischen
Loyalität mit den Opfern eigentlich dazu beitragen, diesen Opferstatus (mit
allen daran hängenden Wiedergutmachungshoffnungen) zu verfestigen, anstatt
therapeutisch Bewältigungsmöglichkeiten und Neuorientierungen zu eröffnen.
Mich persönlich spricht der Artikel des
erwähnten Autors nicht besonders an, ich könnte Ihre Vermutung teilen, daß
darin Persönliches anklingt. Was jedoch die Empörung betrifft, so vermute ich,
daß sie aus der fehlenden Kenntnis psychodynamischer Konzepte resultiert,
welche sich mit unbewussten intrapsychischen Konflikten und unbewussten
intrapsychischen Bewältigungsstrategien beschäftigen, die in der vorliegenden
Darstellung möglicherweise etwas zu konkretistisch imponieren, von manchen
Lesern als bewusste Einstellungen mißverstanden werden und daher Widerspruch
auslösen.
Mir freundlichen Grüßen - Ihr Prof. Dr. med.
Gerd Rudolf
Sehr geehrter Herr Prof. Rudolf,
Zunächst möchte ich Ihnen für das
umfangreiche Rückschreiben danken.
Nach der Lektüre Ihres Briefes hatte ich den
Eindruck, daß wir wahrscheinlich doch in zu unterschiedlichen geistigen
Regionen - vielleicht sogar „Erdteilen“ - leben, als daß ein Verständigungsversuch
wirklich Aussicht auf Erfolg hätte.
Sie werden es womöglich als „Einmischung in
innere Angelegenheiten“ empfinden, wenn ich mich zu den Gepflogenheiten Ihres
therapeutischen „Lagers“ äußere. Und dennoch reizt es mich zu versuchen, Sie
für so etwas wie eine Deklaration der Psychotherapie-KlientInnen-Rechte zu
gewinnen.
In Ihrem Brief nimmt die Kritik an meinen
Äußerungen einen sehr breiten Raum ein. Demgegenüber setzen Sie sich nur
äußerst spärlich mit der Position Kernbergs auseinander. Sie sagen dazu, daß
sie Sie „nicht besonders anspricht“.
Sie könnten meine „Vermutung teilen, daß darin Persönliches anklingt“.
Das scheint mir eine sehr, sehr milde Beurteilung zu sein. Demgegenüber
bemängeln Sie an meiner Position:
- ich sei in „heftige Affekte hineingerissen“ - anstatt daß ich
womöglich zu recht auf etwas wütend wäre,
- ich würde eine „naiv-gutgläubige Position“ vertreten, die bei Klienten
womöglich den „Opferstatus verfestigen“ würde,
- meine Empörung bezeuge die „fehlende Kenntnis psychodynamischer Konzepte“.
Lassen Sie mich dazu folgende Anmerkungen
abgeben:
Was die Literatur zu Gewalt und Mißbrauch
anbelangt, so darf ich behaupten: es existiert eine breitere Palette davon, die
keineswegs dazu führt, daß ich „in heftige Affekte hineingerissen“ würde. So
etwa durch die Bücher von Alice Miller („Du sollst nicht merken“), Jeffrey
Masson („Was hat ,man dir, du armes Kind, getan?“), Marsha Linehan
(„Dialektisch Behaviorale Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörungen“,
1996), Ullrich Sachsse („Selbstverletzendes Verhalten“, 1994), Ullrich Sachsse
& Luise Reddemann (diverse Ausgaben der PTT), Judith L. Herrmann „Die
Narben der Gewalt“, ...). Meine emotionalen Reaktionen scheinen also nicht so
sehr mit dem Thema, als vielmehr mit der (Un)Art der Darstellung verknüpft zu
sein.
Die Deutung, ich würde eine „naiv-gutgläubige Position“ vertreten, scheint mir
meiner Stellungnahme nicht so ganz angemessen zu sein. Entspricht es etwa
naiver Gutgläubigkeit,
- wenn ich jedenfalls das Gleichsetzen familiärer
Unterdrückungsmechanismen mit dem Betreiben eines Vernichtungslagers als
ungeheuerliche Verharmlosung zurückweise,
- wenn ich entsetzt bin darüber, das Hauptproblem einer vergewaltigten
10jährigen darin zu sehen, daß sie einen sexuelle erregenden Triumph über die
Mutter erlebe,
- bzw. wenn ich das Problem des Suizids einer Klientin nach sexuellem Mißbrauch
in der Therapie nicht darin erklärt finde, daß hier ein Opfer eine
Transformation zum Täter vollzieht, nur weil der entsprechende Therapeut (mitsamt
Kernbergs Klinik) mit den gerichtlichen Konsequenzen dieser Tat konfrontiert
wurde?
Ich bestreite überhaupt nicht, daß es
bei einem Opfer zur Entwicklung von Täterseiten kommen kann. Dies sehe
ich bei dem KZ-Opfer durchaus so, das vermute ich auch bei dem Autor dieses
Artikels. Jedoch scheint mir bei dem ersteren der Grad des Opfer-Seins doch um
ein mehrfaches größer, als der Grad der Täterschaft. Und rätselhaft bleibt mir,
worin die „Täterseiten“ der beiden Frauen tatsächlich liegen sollten. Ich habe
in meinen Ausführungen erwähnt, daß ich durchaus Fälle kennen, in denen die
Opfer in der Opferrolle verbleiben - was durchaus auch problematisch
ist, wobei hieraus jedoch zunächst einmal vor allem Konsequenzen für die
Betroffenen selbst resultieren, und nicht so sehr für ihr soziales Umfeld.
Warum Sie mir indirekt also ein
Schwarz-Weiß-Denken unterstellen, ein Denken in platten Kategorien von Gut und
Böse, das vermag ich nicht nachzuvollziehen. Daß ich bei meiner Arbeit gerade
nicht anstrebe, den „Opferstatus ... zu
verfestigen“, sondern zu aktiver Gegenwehr gegen wiederholte Entwertung und
Gewalt ermuntere, das glaubte ich in meinem Text - z.B. auf S. 8 oder S. 11 -
ausreichend deutlich zum Ausdruck gebracht zu haben. Mich können Sie mit Ihren
Ausführungen also nicht meinen.
Immerhin konstatieren Sie, daß der Artikel
von Kernberg Sie nicht besonders anspricht. Aber damit haben Sie sich in Ihrer
Aussage äußerst bedeckt gehalten. Finden Sie den Artikel langweilig?
Bedeutungslos? Uninteressant? Unwichtig? Nicht skandalös, empörend,
ungeheuerlich oder widerwärtig?
Es freut mich immerhin, wenn Sie schreiben,
Sie könnten sogar meine „Vermutung
teilen, daß darin Persönliches anklingt“. Wegen meiner Mutmaßungen bin ich
bisher von KollegInnen eher gerügt worden.
Deutlich zurückweisen möchte ich jedoch Ihre
Unterstellung, meine „Empörung
(resultiere) ... aus der fehlenden Kenntnis psychodynamischer Konzepte“.
Freud pflegte Kritik immer wieder damit
zurückzuweisen, daß er behauptete, wer seine Methode nicht praktiziert habe,
der dürfe auch nicht über seine Ergebnisse urteilen. Und dies schreibt er in
Abhandlungen, in denen er gleichzeitig enthüllt, er sei hier nicht in der Lage,
seine Methode darzustellen. Die wissenschaftliche Unredlichkeit, ja
Lächerlichkeit, derartiger Argumentationsmuster ist hinlänglich besprochen
(vgl. Dieter E. Zimmer (1986): „Tiefenschwindel“, Hoimar v. Ditfurth (1989):
„Innenansichten eines Artgenossen“, Klaus Schlagmann: „Der Fall Dora ...“,
1997, Han Israels „Der Fall Freud“, 1999). Es scheint mir zu simpel zu
behaupten, derjenige, der sich über bestimmte Konzepte empört, habe diese nur
nicht verstanden. Das kann sicherlich der Fall sein. Aber es ist
keineswegs zwingend! Man muß sich nicht in alle Gedankengebäude vertieft haben,
bevor man sie - eventuell auch mit Empörung - zurückweisen kann. Auch ohne
Faschist oder Stalinist gewesen zu sein, vermag man derartige Lehren von sich
weisen zu können. Oder ein anderes Beispiel: meinen Sie, man müßte den
„Hexenhammer“ studiert haben, um etwas gegen Hexenverbrennungen einwenden zu
dürfen? Darf man die Kritik der Hexenverbrennung nur den Inquisitoren
überlassen, weil sie die Fachleute in dieser Materie sind? Zeigen alle
KritikerInnen der Hexenverbrennungen, daß Sie die Lehren der katholischen Kirche
nicht verstanden haben? Kritisieren sie sie nicht eventuell gerade deshalb,
weil sie sie sehr wohl verstanden haben?
Haben Sie kein Problem damit, daß familiäre
Unterdrückung mit dem Betreiben von Vernichtungslagern gleichgesetzt wird?
Bedeutet Ihre Argumentation, daß Sie Kernberg darin zustimmen, daß ein Opfer
von Vergewaltigung in der Therapie lernen müsse, sich mit der „sexuellen Lust des sadistischen, inzestuösen Vaters“
zu „identifizieren“? Sehen Sie auch das Hauptproblem dieses Mißbrauchs-Opfers
darin, daß es bei diesem Akt einen „sexuell erregenden Triumph über die
Mutter“ erlebe? Glauben Sie auch, daß der Suizid der Klientin vor allem aus
ihrer „Transformation“ vom Opfer zur Täterin zu verstehen ist, und nicht
als katastrophaler „Therapeuten“-Fehler? Meinen Sie nicht, daß es zu
durchsichtig ist, wenn bei entsetztem Widerspruch gegen solche Behauptungen auf
das Zauberwort „unbewußt“ zurückgegriffen wird, mit dem sich dann jede noch so
perverse Unterstellung „begründen“ läßt?
Das kommt mir vor wie bei einem Hexenprozess:
wenn die Beschuldigten die Folter aushalten, dann zeigt sich darin, daß der
Teufel selbst sie mit außergewöhnlichen Kräften ausstattet - also erweisen sie
sich als Hexen; ein Bekenntnis beweist ebenfalls deren Hexennatur.
Ähnlich läßt sich mit dem Widerspruch
hantieren: wird einer Deutung widersprochen, dann zeigt sich darin der
Widerstand. Je stärker der Widerstand, desto stärker das Andrängen des
unterstellten Impulses. Wird der Deutung zugestimmt, dann gilt der Impuls
ebenso als nachgewiesen.
Mir scheint eine große Gefahr darin zu
liegen, jede Form therapeutischen Empfindens - als „Gegenübertragung“ geadelt
und dann über jeden Zweifel erhaben - unreflektiert in den therapeutischen
Prozeß einfließen zu lassen. Mit dieser Einstellung kann ich mich immer darauf
zurückziehen, daß ich ganz deutlich spüre, daß der Klient, vor dessen Augen die
eigene Familie ermordet wurde, sich genauso verhalte wie der Kommandant seines
Lagers, daß die suizidierte Klientin ihren Therapeuten zum Opfer mache, oder
daß das 10jährige Luder beim Sex mit dem Papa die erregende Lust empfinde, die
Mama auszustechen. Selbst wenn in den TherapeutInnen im Kontakt mit
ihren KlientInnen derartige Eindrücke entstehen, dann halte ich das zwar für
vorstellbar und dann auch erstmal für nicht zu ändern, aber ich halte es weder
für legitim, noch für notwendig, diese eigenen (m.E. „perversen“) Phantasien
auf Therapeuten-Seite den KlientInnen als begnadete Deutungen einreden zu
wollen. Denn die KlientInnen (oder ihre Kassen) haben Geld dafür bezahlt, daß
psychische Störungen geheilt werden, und nicht dafür, daß irgendjemand
seine unbewältigten Neurosen an ihnen ausläßt.
Das heißt - wohlgemerkt - nicht, daß
ich nicht auch als Therapeut eigene emotionale Reaktionen bei mir wahrnehme und
auch in den therapeutischen Prozeß einfließen lasse. Aber hier sollte man zu
unterscheiden lernen, was nun therapierelevante Emotionen sind, und was aus
eigenen unbewältigten Neurosen entspringt. Es scheint mir zu simpel zu sein,
jede erbärmliche Phantasie eines Therapeuten sofort für therapeutisches Gold
auszugeben. Das von Kernberg empfohlene Spektrum - entwickelt aus dem
„identifizieren“ mit KZ-Kommandanten, Folterern und Kinderschändern - scheint
mir da komplett ungeeignet zu sein. Und - wohlgemerkt - Kernberg meint
ja tatsächlich nicht, daß jedes entstehende Gefühl von
therapeutischem Nutzen sei. Denn Mitleid scheint man ja auf jeden Fall
bei sich unter Kontrolle halten zu müssen. Dagegen scheint man den
sadistischen, inzestuösen Trieben in der Phantasie freien Lauf lassen zu
sollen. Eine solche Haltung ist in meinen Augen pervers!
Vielleicht interessiert es Sie, daß ich durch
meine Ausbildungen (z.B. in katathym-imaginativer Psychotherapie oder Hypnose)
immer wieder mit dem „Unbewußten“ (das ich eher als „Unterbewußtes“ bezeichne)
konfrontiert bin, den Grund vieler Störungen hierin verwurzelt finde, und
dessen Macht und Einfluß auch gerne zu therapeutischen Zwecken nutze. Das
Umgehen mit dieser Seite des Menschen ist mir also durchaus nicht fremd,
wenngleich ich mich doch dagegen verwehre, allen möglichen Unsinn in diesen
Bereich hineinpacken zu lassen.
Lassen Sie mich noch einmal auf Ihren Brief
zurückkommen. Sie haben geschrieben: „Was
jedoch die Empörung betrifft, so vermute ich, daß sie aus der fehlenden
Kenntnis psychodynamischer Konzepte resultiert, welche sich mit unbewussten
intrapsychischen Konflikten und unbewussten intrapsychischen
Bewältigungsstrategien beschäftigen, die in der vorliegenden Darstellung
möglicherweise etwas zu konkretistisch imponieren, von manchen Lesern als
bewusste Einstellungen mißverstanden werden und daher Widerspruch auslösen.“
Es scheint mir gar nicht so klar entschieden
zu sein, wer von uns beiden die „psychodynamischen
Konzepte“ - zumindest diejenigen Kernbergs - besser „verstanden“ hat: geht
es denn Kernberg wirklich um „unbewußte“ Einstellungen? Behauptet er nicht, daß
die Heilung dadurch entstehe, daß sich die KlientInnen ihre Perversionen
„bewußt“ machen, diese also in „bewußte Einstellungen“ umwandeln müßten?
Sollen TherapeutInnen nicht gerade dabei helfen, durch „Identifizieren“ mit
KZ-Kommandanten usw. ihren KlientInnen eine bewußte „Identifizierung“
mit ihren Mißhandlern zu erleichtern? Die Klientin erfährt Heilung - nach
Kernberg - wenn sie realisiere, daß sie als 10jährige den Sex mit ihrem
Vater als geil empfunden hat, womit sie sich gegenüber der Mutter
schuldig gemacht hat. Sie hat auch zu lernen, sich mit der sexuellen
Erregung des sadistischen inzestuösen Vaters zu „identifizieren“.
Als ihr dies - dank Kernbergs Therapie - endlich gelingt, da kann sie nun
endlich beim Sex mit ihrem sadistischen Partner einen Orgasmus erleben. Hier
ist doch also eine Einstellung gemeint, die ins „Bewußtsein“ gehoben werden
muß. Sich „unbewußt“ damit zu identifizieren, wäre ja für die Heilung wohl
irrelevant, denn das tut die Betroffene ja - nach Kernberg - wohl sowieso schon
die ganze Zeit.
Und hätte die andere Klientin ihren Suizid
überlebt und hätte sie sich weiter zur Behandlung in Kernbergs Klinik begeben,
dann hätte doch die „Therapie“ wohl darin bestanden, ihr „bewußt“ zu machen,
daß sich bei ihr eine Transformation vom Opfer zur Täterin vollzogen hätte.
Diese „Einsicht“ wäre doch von ihr gefordert worden, oder nicht?
Ich bin sicher, daß manches von meinen
Äußerungen für Sie schwer anzunehmen sein wird. Deswegen vermag ich hier nur
für den kleinsten gemeinsamen Nenner Werbung zu machen. Ich gehe davon aus, daß
Sie ebenso das Wohl der von Ihnen behandelten KlientInnen im Auge haben wie ich.
Vielleicht mögen Sie dann meiner Argumentation folgen, daß dann, wenn
KlientInnen als Kinder unsägliche Gewalt aus ihrem sozialen Umfeld erlitten
haben, daß sie dann in erster Linie (nicht ausschließlich!) als Opfer
zu betrachten sind, und nicht als Täter. Daß aus dieser Opfer-Situation
- durch die damit einhergehende emotionale Überwältigung - im
wesentlichen die Störung resultiere. Und daß in Situationen, in denen ein
Mensch durch vorgeblich „professionelle“ Heiler zu Schaden kommt, dies nicht
plump dem Opfer angelastet werden darf, sondern in erster Linie als „Kunstfehler“
einzuordnen ist. Schließlich könnten Sie mir womöglich auch noch soweit
entgegenkommen, mein Anliegen zu unterstützen, daß die Opfer schwerster Gewalt
(KZ, Folter usw.) charakterlich nicht allzu leichtfertig mit ihren Mißhandlern
gleichgesetzt werden, es sei denn, daß sie tatsächlich exakt dieselben
Handlungen ausgeführt haben, die sie selbst erlitten hatten. Wenn wir uns
darauf einigen könnten, dann wäre womöglich ein Schritt zur Verständigung auf
minimaler Basis getan.
Mit freundlichem Gruß - Klaus Schlagmann
(Auf diesen Brief folgte keine Reaktion
mehr.)
„sofern
Sie einen Kommentar von mir wünschen, benötige ich dazu den gesamten Text
des Originalartikels, nicht aber einzelne, von Ihnen bereits selegierte
und kommentierte Passagen“
„bitte ich zunächst um die Angabe, um welche Zeitschrift es sich handelt.“
- und nach der Bekanntgabe der Quelle: Keine weitere Reaktion
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
sofern Sie einen Kommentar von mir wünschen,
benötige ich dazu den gesamten Text des originalartikels, nicht aber einzelne,
von Ihnen bereits selegierte und kommentierte Passagen. Mit freundlichem gruß,
Dr. NR1 Professor of Clinical and Community Psychology Dep. Psychology
(Die Kopie des Artikels erhielt ich zurück
mit dem Kommentar: „Mit bestem Dank zurück – NR1“- ansonsten keine
weitergehende Reaktion.)
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
warum zitieren Sie den Text nicht korrekt. Nur
so könnte man sinnvoll Stellung nehmen zu Ihrer Erwiderung. Meine Bitte deshalb
noch einmal: Bitte geben Sie die Textquelle an oder übersenden Sie den
Orginaltext, auf den sich Ihre Stellungnahme bezieht, als Attachment (ebenfalls
mit Quellenangabe).
Mit freundlichen Grüßen - Prof. Dr.
NR2
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
haben Sie herzlichen Dank für die erneute
Übersendung Ihres Beitrages. Werde mir den Orginaltext und Ihren Beitrag in den
nächsten Tagen anschauen.
Mit besten Grüßen - Prof. Dr. NR2
Institut für Prävention u.a.
(Es erfolgte seither keine weitere Reaktion.)
Mail vom 10.09.2000
Ich möchte mich nur äußern, wenn ich eine
konkrete Benennung der Fälle der Quelle vor mir habe. Bitte nennen Sie mir
diese oder senden Sie mir eine Kopie zu. Ich werde mich dann damit
auseinandersetzen und denen antworten.
Mit freundlichen Grüßen - Prof. Dr. NR3
Sehr geehrter Herr Prof. NR3,
Sie haben recht. Das von mir ursprüngliche
gewählte Vorgehen - den Autor ungenannt zu lassen - ist problematisch. Aber ich
meine, daß mir dieses Vorgehen bisher durchaus etwas gebracht hat. Ich habe bisher
zumindest zwei Rückmeldung erhalten, die ich bei Nennung des Namens sicherlich
nicht in dieser Klarheit bekommen hätte.
Die von mir kritisierten Passagen finden sich
in dem Artikel: Persönlichkeitsentwicklung und Trauma. In:
Persönlichkeitsstörungen - Theorie und Therapie (PTT), Jg. 3 (1999), Heft 1, S.
5-15. Der Autor ist der amtierende Präsident der Internationalen
Psychoanalytischen Vereinigung, Mitherausgeber der entsprechenden Zeitschrift,
Wissenschaftlicher Beirat der Lindauer Psychotherapietage, und sicherlich
vieles andere mehr: Otto F. Kernberg.
MfG - Klaus Schlagmann
(Seither keine Reaktion mehr.)
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
danke für Ihre Nachricht, die mich nachdenklich
stimmt. Gerne werde ich Ihnen in den nächsten Tagen eine ausführliche
Stellungnahme zukommen lassen.
Bitte übersenden Sie mir den gesamten Artikel.
Meine Fax Nr. ... - meine Anschrift:
Freundliche Grüße – NR4
(Seit Übersendung des Artikels am 11.09.2000
erfolgte keinerlei Reaktion.)
Sehr geehrter Herr Schlagmann!
Eine wissenschaftliche Veröffentlichung sollte
zur Erkenntnisbildung anregen und Anstöße für einen weiterführenden
wissenschaftlichen Diskurs geben. Der von Ihnen nicht genannte Artikel entrüstete
Sie. Es gibt nichts Naheliegender, als sich selbst in fairer Manier mit einer
wissenschaftlich fundierten Erwiderung in die Diskussion einzuklinken. Aber tun
Sie es selbst. Sie können dabei nur gewinnen. Kaum sonst wo lernt man die
Position des anderen besser kennen, als wenn man sich damit gründlich
auseinandersetzt. Das sollte und kann niemand für Sie tun. Zudem noch, wo der
von Ihnen Aufgeforderte den vollen Text nur auszugsweise und von Ihnen bereits
kommentiert vor sich hat. So kenne ich den wissenschaftlichen Diskurs nicht.
Mit freundlichem Gruß - Prof. NR5
22. März 2001
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
haben Sie vielen Dank für die liebenswürdige
Zusendung Ihrer Arbeit und des Artikels von Kernberg. Ich finde die Thematik
außerordentlich brisant und wichtig und werde mich, sobald ich zeitlich dazu
komme, mit den Materialien beschäftigen. Dann melde ich mich wieder.
Mit freundlichen Grüßen – Ihr NR6, Leiter des
Institutes für ... Psychoanalyse, Honorarprofessor im Fachbereich Humanmedizin
der Universität ...
(Keine weitere Reaktion.)
25.09.00
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
haben Sie Dank für Ihren Brief vom 3. September.
Leider erlaubt mir meine berufliche Belastung nicht, Ihrem Anliegen
nachzukommen.
Ich empfehle Ihnen, sich mit der Fachzeitschrift
in Verbindung zu setzen und ein Forum zu suchen, um sich mit dem Autor direkt
auseinanderzusetzen.
Mit freundlichen Grüßen - Prof. V.
K.
14. September 2000
Herr Kernberg,
kürzlich bin ich in einer Fachzeitschrift von
1999 auf die Formulierung einer Position gestoßen, die mich sehr schockiert
hat:
- ein Opfer von KZ-Gewalt verhalte sich wie der frühere Kommandant seines
Lagers;
- eine vergewaltigte 10jährige genieße den sexuellen Triumph über ihre Mutter;
- eine Frau, die sich nach einem sexuellen Mißbrauch durch ihren Therapeuten
suizidiert hat (woraus eine Anklage gegen den Therapeuten erfolgte) zeige durch
ihre Tat eine Transformation vom Opfer zur Täterin.
Die empfohlene Therapie läuft darauf hinaus,
daß die PatientInnen sich mit ihren Mißhandlern „identifizieren“ müßten. Der
Therapeut helfe, indem auch er sich mit KZ-Kommandanten, Folterern und Kinderschändern
zu „identifizieren“ lerne.
In dem der mail angehängten Text habe ich den
Artikel einer ausführlicheren Kritik unterzogen. Dabei bemühe ich mich auch um
eine Hypothese zur Psychodynamik, die beim Verfassen derartiger
Wirklichkeitsverdrehungen zugrundegelegen haben mag.
Vermutlich kommen Ihnen die kritisierten
Ideen bekannt vor, denn Sie stammen aus Ihrer Feder.
In einer Veröffentlichung von 1996 bzw. 1997
(K. Schlagmann: Zur Rehabilitation der Könige Laios und Ödipus oder: Die Lüge
der Iokaste. ISBN: 3-9805272-1-2) hatte ich bereits die Logik des Triebmodells
kritisiert. In diesem Rahmen hatte ich auch versucht, anhand dreier weiterer
Werke von Ihnen Ihre z.T. massiv entwertende Einstellung gegenüber Ihren
KlientInnen herauszuarbeiten.
Derzeit bemühe ich mich, einige Kolleginnen
und Kollegen auf diese ungeheuerliche Position aufmerksam zu machen. Ich werde
mich dafür einsetzen, Ihre Ausführungen bspw. von einer Ethik-Kommission
begutachten zu lassen. Damit möchte ich eine massive öffentliche Zurückweisung
einer derartigen Verwirrung erreichen. Psychotherapeutisches Denken darf durch
Beiträge wie die Ihrigen nicht länger in Mißkredit gebracht werden.
Als wissenschaftlichen Beirat bei den
Lindauer Psychotherapiewochen halte ich Sie für untragbar. Für diese
Einstellung werde ich werben.
Klaus Schlagmann
(Keine Reaktion auf mein Anschreiben.)
„Nach
oberflächlicher Durchsicht glaube ich, Ihre Empörung zu verstehen und möchte
Sie nicht ganz ohne Antwort lassen. Gleichwohl werde ich
Ihren Wunsch nach einem Kommentar nicht erfüllen ...“
„Ihren Widerwillen gegen diesen Artikel teile ich. Problematisch an Ihrer
Stellungnahme ist, ...“
Lieber Herr Schlagmann,
ich verstehe Ihr Befremden ueber die
Formulierungen. Ich werde sehen, ob in unserer Abteilung jemand, der sich mit
der Thematik mehr befasst hat, sich um eine Antwort kuemmern kann.
Mit freundlichen Gruessen - Prof. Dr. TZ1,
Lehrstuhl Klinische Psychologie und Psychotherapie, Psychologisches Institut
(Es erfolgte keinerlei weitere Reaktion.)
Lieber Kollege Schlagmann,
als AI Mitglied und in Deutschland in
verschiedenen Gruppen taetiger Friedensmensch stossen mich natuerlich solche
zitierten Saetze kraeftig ab. Ich nehme dennoch keine weitere Stellung
dazu, da mir Ihr Schreiben eher wie ein Test (statt einer erschreckenden
Wirklichkeitssituation) vorkommt, da Sie die Quelle nicht offenlegen. - Ob dies
eine Veraenderung der Beurteilung zur Folge hat, wuerde ich dann dem Einzelnen
ueberlassen.
Ich gruesse Sie aus der Ferne. Adios
- NR8
(Nach Zusendung der Quellenangabe keinerlei
Reaktion.)
Sehr geehrter Herr Schlagmann:
Von meinem Sekretariat wurde mir Ihr
Rundschreiben zugeleitet. Nach oberflächlicher Durchsicht glaube ich, Ihre
Empörung zu verstehen und möchte Sie nicht ganz ohne Antwort lassen. Gleichwohl
werde ich Ihren Wunsch nach einem Kommentar nicht erfüllen, aus zwei Gründen:
1. Sie können keinen Kommentar erwarten, wenn
Sie mir nicht zutrauen, in Kenntnis der inkriminierten Quelle ein objektives
Urteil abzugeben: Sie müssen sich auch selbst an "good scientific
practice" halten und mit offenen Karten spielen, um glaubwürdig zu
bleiben.
2. Gegen die Argumentation der von Ihnen
kritisierten Veröffentlichung kann nur wirksam angehen, wer den Zirkel
"psychodynamischer" Deutungen durchbricht. Sie aber bleiben
darin gefangen und deuten den Autor, dessen Deutungen sie kritisieren, selbst
durch ein fragwürdiges argumentum ad hominem. Schade.
Ich jedenfalls möchte der Gebetsmühle der
Deutungen keine weitere Umdrehung hinzufügen. Und ich frage mich, wieviele der
in Ihrem Verteiler aufgeführten Kollegen sich wohl anders verhalten werden.
Mit freundlichen Grüßen - Prof. TZ3
15.08.00
Lieber Herr Prof. TZ4,
nun habe ich doch noch endlich das Zitat
gefunden, das mir im Kopf herum spukte. Freud vertrat anscheinend - nach Sandor
Ferenczi - die "einzelnen Vertrauten mitgeteilte pessimistische Ansicht:
die Neurotiker sind ein Gesindel, nur gut, uns finanziell zu erhalten und aus
ihren Fällen zu lernen, die Psychoanalyse als Therapie sei wertlos"
(Ferenczi, Klinisches Tagebuch vom 4. August 1932, 1989, S. 249). Diese
Einstellung Freuds ist zwar bislang anscheinend nicht durch ein ausdrückliches
Zitat belegt, jedoch hatte Freud bereits in einem Brief vom 20. Oktober 1909 an
Ferenczi festgestellt: "die Patienten sind ekelhaft" (Gay 1989, S.
595).
Die Frage hatte mich beschäftigt, weil ich
mich mit der Empfehlung eines Kollegen herumschlage, der für die Therapie von
KZ- und Vergewaltigungsopfern empfiehlt: "Wir müssen uns also mit dem
Kommandanten des Konzentrationslagers, mit dem Folterer in der Diktatur, mit
dem inzestuösen Vater, mit der sadistischen Mutter identifizieren können. Wir
müssen so auch die Lust verspüren am Zerstören, die Lust, eine Brandbombe zu
werfen, die Lust sadistische Aggressionen zu verspüren, denn die Bereitschaft
dafür haben wir alle in unserem Unbewußten."
Denn auch im Fall einer behandelten Frau, die
als noch nicht 10jährige vom Vater vergewaltigt worden war, sei es für die
Betroffene wichtig: "die Fähigkeit (zu erlangen), sich mit dem Täter zu
identifizieren, nämlich mit der sexuellen Erregung des sadistischen,
inzestuösen Vaters, und so wurde es ihr auch möglich, den Haß gegen den Vater
mit dem Verstehen seines sexuellen und ihres sexuellen Verhaltens zu verbinden.
Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie fähig, einen Orgasmus im sexuellen
Verkehr mit ihrem sadistischen Freund zu erleben."
Abgesehen davon, daß ich nicht nachvollziehen
kann, wie man einen Orgasmus bei sadistischem Sex zum Erfolgskriterium machen
kann, halte ich die hier vertretene Position für fatal. Zumal derselbe Autor
empfiehlt, mit KlientInnen kein "Mitleid" zu haben, denn Mitleid sei
"sublimierte Aggression" - hier bezieht er sich auf eine Äußerung
Freuds. Es gehöre also zu den Regeln der Kunst, sich als TherapeutIn im Rahmen
einer "Behandlungsstrategie" gegenüber den KlientInnen "vor
Mitleid (zu) schützen", Mitleid als Akt der Aggression gegen die
KlientInnen zu verstehen, während man sich in die ekelhafte Welt der
KZ-Kommandanten, Folterer und Kinderschänder einzufühlen, die "Lust ... am
Zerstören, die Lust, eine Brandbombe zu werfen, die Lust sadistische
Aggressionen zu verspüren" auszukosten habe.
Eine solche verächtliche Position gegenüber
den Opfern schwerster Mißhandlung ist m.E. vergleichbar der oben zitierten von
Freud - soweit sie im einen Teil wohl belegt, im anderen von Ferenczi als
Gewährsmann widergegeben wird.
Halten Sie nicht auch den zitierten Kollegen
(Text von 1999!) für abstrus bzw. gar für widerwärtig?
MfG - Klaus Schlagmann
20.08.00
Lieber Herr Prof. TZ4,
verzeihen Sie meine Neugier, aber ich würde
mich dafür interessieren, was Sie von den Ihnen zuletzt zugesandten Zitaten
über die Aufgaben von Psychotherapeuten (Identifikation mit KZ-Kommandanten und
Kinderschändern bzw. Schutz vor Mitleid mit den Patienten) halten. Darf ich
Ihre Einstellung dazu wissen?
Liebe Grüße - Klaus Schlagmann
21.8.2000
Lieber Herr Schlagmann,
da ich auswärts war, habe ich gleich 2 e-mails
von Ihnen vorgefunden. Ich will eine Antwort versuchen, obwohl ich Ihren
Gedankengängen nur schwer folgen kann.
Ich bin nicht der Meinung, daß Therapie nur
möglich ist durch Identifizierung des Therpeuten mit Gefühlen oder Trieben
seiner Patienten. Aber was hat Freuds Aussage über seine Patienten mit den
Gedanken des von Ihnen zitierten Psychotherapeuten über die angeblich
notwendige Identifizierung des Therapeuten mit sadistischen Trieben von
Patienten zu tun? Berechtigt zu dieser Verknüpfung allein die Tatsache, daß
dieser Psychotherapeut sich auf Freud beruft? Oder hängt diese Verknüpfung
vielleicht mit einem Vorurteil Ihrerseits gegenüber Freud zusammen?
Mit besten Grüßen - Ihr TZ4, Institut für ...
21.08.00
Lieber Herr Prof. TZ4,
ich weiß nicht genau, was es Ihnen schwer
macht, meinen Gedankengängen zu folgen. Vielleicht darf ich noch einmal
erläutern: Ausgangspunkt war die Lektüre eines Artikels, aus dem ich Ihnen
zitiert habe, in dem den Therapeuten die Identifizierung mit KZ-Kommandanten
und Kinderschändern empfohlen wird (weil es eine Aufgabe für die Patienten
darstelle, sich mit den sie mißhandelt habenden TÄTERN zu identifizieren, um
wieder gesund werden zu können), während von Mitleid mit dem Patienten
abgeraten wird. In dem letzteren Fall beruft sich der Autor auf einen Brief Freuds
an Pfister von 1916. Mir schien aus dieser Einstellung eine negative Haltung
gegenüber Patienten zu sprechen. In diesem Zusammenhang fiel mir dann ein,
einmal eine negative Äußerung Freuds über die Patienten gehört zu haben -
konnte die Stelle dann aber bei aller Suche nicht finden. Darum hatte ich Sie
um Hilfe gebeten. Kurze Zeit später fand ich die Stelle dann doch - allerdings
nicht als direktes Zitat von Freud, sondern nur als Wiedergabe einer
angeblichen Äußerung Freuds bei Ferenczi, die jedoch von Gay unter Bezug auf
ein Zitat aus einem (bislang noch nicht veröffentlichten?) Freud-Brief an
Ferenczi (1909) ("die Patienten sind ekelhaft, ...") anscheinend für
durchaus authentisch gehalten wird.
Was meine "Vorurteile" gegenüber
Freud anbelangt, so habe ich sicherlich einige. (Da ich ihn nicht mehr
persönlich erlebt habe, komme ich ohne gewisse Annahmen über ihn und sein
Handeln nicht aus.) Von meinen Referaten her hatte ich jedoch gehofft, in
meiner Kritik gegenüber bestimmten Freudschen Deutungsmustern von bestimmten
Mythen durchaus plausibel nachweisen zu können, daß dabei die Handlungslogik
auf den Kopf gestellt wird, daß Opfer der Umstände zu Tätern gestempelt werden.
Meine Hypothese ist, daß die Logik dieses Mißverständnisses in das Vesrtändnis
von PatientInnen mit einfließt. Und mit dieser - wie ich meine: verdrehten -
Logik liegt es nahe, sich nicht allzu sehr in PatientInnen einzufühlen.
Es scheint mir jedoch eine fatale Fortentwicklung zu sein, wenn der von mir
zitierte Autor neben der Warnung davor, Mitleid mit den PatientInnen zu haben,
nun dazu auffordert, sich mit Mißhandlern zu identifizieren, mit
KZ-Kommandanten, Folterern und Kinderschändern. Nämlich mit den Worten:
"Wir müssen uns also mit dem
Kommandanten des Konzentrationslagers, mit dem Folterer in der Diktatur, mit
dem inzestuösen Vater, mit der sadistischen Mutter identifizieren können. Wir
müssen so auch die Lust verspüren am Zerstören, die Lust, eine Brandbombe zu
werfen, die Lust sadistische Aggressionen zu verspüren, denn die Bereitschaft
dafür haben wir alle in unserem Unbewußten."
Diese Empfehlung erfolgt auf der Basis der
Behauptung, daß es für eine als noch nicht 10jährige vom Vater mehrfach
vergewaltigt Frau wichtig sei, "die Fähigkeit (zu erlangen), sich mit dem
Täter zu identifizieren, nämlich mit der sexuellen Erregung des sadistischen,
inzestuösen Vaters, und so wurde es ihr auch möglich, den Haß gegen den Vater
mit dem Verstehen seines sexuellen und ihres sexuellen Verhaltens zu verbinden.
Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie fähig, einen Orgasmus im sexuellen
Verkehr mit ihrem sadistischen Freund zu erleben." Der Therapeut, so die
Argumentation, müsse da also schon einmal mit gutem Beispiel vorangehen in der
Identifizierung mit dem TÄTER (nicht etwa mit dem Betroffenen).
Auch wenn Sie überaus diplomatisch geantwortet haben, so würde mich doch
interessieren, was sie zu einer solchen Vorstellung von therapeutischer Arbeit
denken.
Liebe Grüße - Klaus Schlagmann
22.08.00
Lieber Herr Prof. TZ4,
ich habe meine Gedanken zu dem besagten Text
in einem 8seitigen Text (im eMail-Anhang) einmal etwas ausführlicher dargelegt.
Über Ihre - auch kritische - Rückmeldung wäre ich Ihnen sehr dankbar. Es geht
mir dabei gar nicht um eine Kritik an Freud, jedoch habe ich die Hypothese, daß
sich die dargestellte Position aus seiner Triebtheorie ableitet.
Liebe Grüße - Klaus Schlagmann
24.8.2000
Lieber Herr Schlagmann,
eigentlich dachte ich, klar - und keineswegs
diplomatisch - geantwortet zu haben, wenn ich schrieb: "Ich bin nicht der
Meinung, daß Therapie nur möglich ist durch Identifizierung des Therapeuten mit
Gefühlen oder Trieben seiner Patienten." Damit habe ich doch klar zum
Ausdruck gebracht, daß ich die Meinung des von Ihnen zitierten Autors nicht
teile. Ich konnte aber nicht die Verbindung nachvollziehen, die Sie zwischen
dessen Meinung und Freuds Gedanken herstellen.
Für Ihren Aufsatz danke ich Ihnen. Ich bin aber
nicht in der Lage, mich jetzt in ihn zu vertiefen. In einer Woche möchte ich in
Urlaub gehen. Bis dahin ist noch viel zu erledigen.
In der Hoffnung auf Ihr Verständnis bin ich mit freundlichen Grüßen
Ihr TZ4
24.08.00
Lieber Herr Prof. TZ4,
wenn Sie schreiben: "Ich bin nicht der
Meinung, daß Therapie nur möglich ist durch Identifizierung des Therapeuten mit
Gefühlen oder Trieben seiner Patienten.", dann kann ich daraus noch keine
Rückschlüsse darauf ziehen, was Sie darüber denken, wenn jemand empfiehlt, man
müsse sich als Therapeut mit den Menschen identifizieren, die die betreffenden
KlientInnen in ihrer Kindheit mißhandelt, gefoltert oder sexuell mißbraucht
haben. Es ist also gar nicht von einer Identifizierung mit den Gefühlen der
PatientInnen die Rede, sondern mit denjenigen von deren MISSHANDLERN.
Vielleicht finden Sie ja einmal Zeit, meine etwas breiteren Ausführungen zu
lesen, in denen das, was ich kritisiere, etwas ausführlicher umrissen ist -
sofern dies in Ihr Interessensgebiet fällt. Über eine kurze Rückmeldung dazu
würde ich mich freuen. Selbstverständlich will ich Sie mit meinen Themen nicht
belästigen und wünsche Ihnen (und darf dies wohl auch für Ihre Frau tun) einen
erholsamen, interessanten Urlaub. Kommen Sie wohlbehalten an Ihr Ziel - und
auch wieder zurück.
Liebe Grüße - Klaus Schlagmann
15.08.00
Lieber Herr TZ5,
ich wollte schon Entwarnung geben, denn heute
nacht habe ich doch noch endlich das Zitat gefunden, das mir im Kopf herum
spukte. Freud vertrat anscheinend - nach Sandor Ferenczi - die "einzelnen
Vertrauten mitgeteilte pessimistische Ansicht: die Neurotiker sind ein
Gesindel, nur gut, uns finanziell zu erhalten und aus ihren Fällen zu lernen,
die Psychoanalyse als Therapie sei wertlos" (Ferenczi, Klinisches Tagebuch
vom 4. August 1932, 1989, S. 249). Diese Einstellung Freuds ist zwar bislang
anscheinend nicht durch ein ausdrückliches Zitat belegt, jedoch hatte Freud
bereits in einem Brief vom 20. Oktober 1909 an Ferenczi festgestellt: "die
Patienten sind ekelhaft" (Gay 1989, S. 595).
Die Frage hatte mich beschäftigt, weil ich
mich mit der Empfehlung eines Kollegen herumschlage, der für die Therapie von
KZ- und Vergewaltigungsopfern empfiehlt: "Wir müssen uns also mit dem
Kommandanten des Konzentrationslagers, mit dem Folterer in der Diktatur, mit
dem inzestuösen Vater, mit der sadistischen Mutter identifizieren können. Wir
müssen so auch die Lust verspüren am Zerstören, die Lust, eine Brandbombe zu
werfen, die Lust sadistische Aggressionen zu verspüren, denn die Bereitschaft
dafür haben wir alle in unserem Unbewußten."
Denn auch im Fall einer behandelten Frau, die
als noch nicht 10jährige vom Vater vergewaltigt worden war, sei es für die
Betroffene wichtig: "die Fähigkeit (zu erlangen), sich mit dem Täter zu
identifizieren, nämlich mit der sexuellen Erregung des sadistischen, inzestuösen
Vaters, und so wurde es ihr auch möglich, den Haß gegen den Vater mit dem
Verstehen seines sexuellen und ihres sexuellen Verhaltens zu verbinden. Zum
ersten Mal in ihrem Leben war sie fähig, einen Orgasmus im sexuellen Verkehr
mit ihrem sadistischen Freund zu erleben."
Abgesehen davon, daß ich nicht nachvollziehen
kann, wie man einen Orgasmus bei sadistischem Sex zum Erfolgskriterium machen
kann, halte ich die hier vertretene Position für fatal. Zumal derselbe Autor
empfiehlt, mit KlientInnen kein "Mitleid" zu haben, denn Mitleid sei
"sublimierte Aggression" - hier bezieht er sich auf eine Äußerung
Freuds. Es gehöre also zu den Regeln der Kunst, sich als TherapeutIn im Rahmen
einer "Behandlungsstrategie" gegenüber den KlientInnen "vor
Mitleid (zu) schützen", Mitleid als Akt der Aggression gegen die
KlientInnen zu verstehen, während man sich in die ekelhafte Welt der
KZ-Kommandanten, Folterer und Kinderschänder einzufühlen, die "Lust ... am
Zerstören, die Lust, eine Brandbombe zu werfen, die Lust sadistische
Aggressionen zu verspüren" auszukosten habe.
Eine solche verächtliche Position gegenüber den Opfern schwerster Mißhandlung
ist m.E. vergleichbar der oben zitierten von Freud - soweit sie im einen Teil
wohl belegt, im anderen von Ferenczi als Gewährsmann widergegeben wird.
Halten Sie nicht auch den zitierten Kollegen
(Text von 1999!) für abstrus bzw. gar für widerwärtig?
MfG - Klaus Schlagmann
15.08.00
Lieber Herr Schlagmann,
selbstverständlich ist das widerwärtig und hat
meines Erachtens wenig mit der Psychoanalyse und noch weniger mit Freuds
Einstellung zu tun.
Freuds Äußerungen sind oft zynisch, aber sein
Umgang mit den Patienten ist immer undogmatisch und verstehend gewesen,
allerdings auch offen. Er hat - soweit ich das beurteilen kann - seinen
Patienten immer das entgegengebracht, was Rogers/Tausch "positive
Wertschätzung" genannt haben. [Und wie verträgt sich das mit dem „die
Patienten sind ekelhaft“? K.S.]
Will man Freuds Einstellung zu seinen Patienten
beurteilen, muß man in erster Linie seine Briefe an Patienten lesen.
Auf Ferenczis Bemerkung allein kann man - glaube
ich - keine Argumentation zu Freuds Behandlung aufbauen.
Herzliche Grüße - Prof. Dr. TZ5, Klinik
für Neuropsychiatrie
15.08.00
Lieber Herr TZ5,
ich freue mich, daß Sie die Zitate mit so
klaren Worten kommentieren: "selbstverständlich ist das widerwärtig und
hat meines Erachtens wenig mit der Psychoanalyse und noch weniger mit Freuds
Einstellung zu tun."
Nun möchte ich Ihnen aber auch noch mitteilen,
daß diese Widerwärtigkeiten (und noch einige mehr) aus der Feder des
Präsidenten der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung stammen, von
Otto F. Kernberg. Nachzulesen in der Zeitschrift Persönlichkeitsstörungen -
Theorie - Therapie, Jg. 3, 1999, Heft 1, S. 5 - 15. Sehr, sehr aufschlußreich,
wie ich meine. Und ich glaube schon, daß eine solche Position fast zwingend
ist, wenn man die Logik der von mir in Tübingen ja mehrfach attackierten
"Triebtheorie" auf die Spitze treibt.
Mit freundlichem Gruß - Klaus Schlagmann
15.09.00
Lieber Herr Schlagmann,
vielen Dank für Ihren Kernberg-Artikel. Ich
finde ihn sehr interessant, weiß aber nicht, ob und wo Sie ihn veröffentlichen
wollen. Für eine Fachzeitschrift ist der Stil zu journalistisch, würde also eher
in ein Magazin passen.
Im Prinzip bin ich mit Ihnen einer Meinung, wie
ich Ihnen ja schon schrieb.
Das Grundproblem ist wohl, daß es solche
Verhaltensmuster und Identifikationen (Masochismus, ödipale Konstellationen)
wie die von Kernberg beschrieben wohl auch mal gibt; sie werden aber oft völlig
unzulässig verallgemeinert. Freud hat ja auch von seiner eigenen Selbstanalyse
auf die ganz Menschheit geschlossen. Ich glaube, man muß jeden Fall ganz
individuell sehen und konsequent den Patienten das Material liefern lassen und
sich mit eigenen Deutungen sehr zurückhalten.
...
Und noch etwas zu Freud: Ich werde mit jedem
Jahr, das ich mich mit ihm beschäftige manchen seiner Theorien gegenüber
kritischer, sehe aber gleichzeitig immer mehr, wie undogmatisch er selbst in
der Behandlung vorgegangen ist. Also man muß sehr wohl zwischen
psychoanalytischer Theorie, heutiger psychoanalytischer Praxis und Freuds
eigenem Handeln unterscheiden.
Herzliche Grüße - Ihr TZ5
14.09.00
Sehr geehrter Herr Prof. TZ5,
ich hoffe, Sie waren nicht allzu sehr
geschockt von meiner "Offenbarung" über den Autor der zitierten
Widerwärtigkeiten. Sie wissen, daß ich der Trieb-Theorie sehr kritisch
gegenüber stehe. Die Art, wie Kernberg diese auf die Spitze treibt, werte ich
als Beleg für meine These. (Ich habe Herrn Kernberg übrigens bereits in zwei
früheren Veröffentlichungen wegen seiner entwertenden Einstellung gegenüber
seinen KlientInnen kritisiert, was ich anhand von drei seiner
Veröffentlichungen analysiert habe; vgl. "Zur Rehabilitation der Könige
Laios und Ödipus oder: Die Lüge der Iokaste" 1997, ISBN 3-9805272-1-2).
Mittlerweile habe ich in einem Text eine
ausführlichere Kritik des Artikels erarbeitet (als Anhang bei der Mail). Wenn
Sie Zeit und Lust haben, dann geben Sie mir doch dazu eine Rückmeldung. Ich
glaube, daß es höchste Zeit wird, daß Menschen auch innerhalb der
"Psychoanalyse" sich kritisch mit Freuds Erbe auseinandersetzen.
Beispiele aus jüngerer Zeit sind für mich dabei Ulrich Sachsse und Luise
Reddemann. Für die Vergangenheit ließen sich Personen nennen wie Adler,
Ferenczi, Horney, Winnicott, Miller und sicherlich viele andere mehr. Für mich
ist dabei der Begriff der Psychoanalyse - der Begriff entsteht bereits 1896,
also vor der großen theoretischen Wende - fest mit der "tragischen
Analysis" (Schiller) des Sophokles verbunden. Es lohnt sich m.E. in die
Geschichte zurückzusehen. Josef Breuer wird z.B. bei differenzierterer
Betrachtung dabei einen überaus großen Stellenwert behalten. (Seine
verständnislose Diffamierung durch Borch-Jacobsen läßt sich anhand der
vorliegenden Dokument leicht widerlegen.)
...
Ist es nicht ein großer Vorteil, daß wir aus
der historischen Perspektive auch sehr viel kritischer mit manchen Größen ihrer
Zeit umgehen können? Und ist es nicht manchmal notwendig, die scheinbare Größe
mancher Denker aus dem Rückblick zu relativieren? Mir persönlich scheint dies
jedenfalls bei dem Freudschen Triebmodell dringend erforderlich, damit
Entgleisungen wie diejenigen Kernbergs nicht mehr dazu herhalten können, Kritikern
wie Rolf Degen Munition zu liefern, die mir das Kind mit dem Bade auszuschütten
scheinen.
Mit freundlichem Gruß - Klaus Schlagmann
22.09.2000
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
die Position, die Sie zitieren, klingt in der
Tat abenteuerlich. Nur bin ich außerstande, mich in die Sache zu vertiefen, da
ich anderweitig voll beansprucht bin. So sehe ich mich nicht in der Lage, Ihre
Einladung anzunehmen.
Mit freundlichem Gruß - Prof. Dr. Dr. TZ6
Sehr geehrter Herr Prof. TZ6,
herzlichen Dank für Ihre prompte Reaktion auf
mein Anschreiben („Weisheit oder Wahnsinn?“). Sie bewerten die von mir
kritisierte Position als „abenteuerlich“.
Vielleicht werden Sie es überraschend finden,
wenn ich Ihnen sage, welcher Autor derartig abenteuerliche Thesen in die Welt
gesetzt hat: sie stammen von einem Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der
Lindauer Psychotherapiewochen, dem amtierenden Präsidenten der Internationalen
Psychoanalytischen Vereinigung, Otto F. Kernberg (in:
„Persönlichkeitsentwicklung und Trauma“ in der Zeitschrift Persönlichkeitsstörungen
- Theorie - Therapie, Jg. 3 (1999), Heft 1, S. 5-15). In einer
Veröffentlichung von 1997 (Zur Rehabilitation der Könige Laios und Ödipus oder:
Die Lüge der Iokaste. ISBN: 3-9805272-1-2) hatte ich bereits anhand dreier
anderer Werke Kernbergs dessen massiv entwertende Einstellung gegenüber seinen
KlientInnen herausgearbeitet.
Ich bemühe mich darum, Herrn Kernbergs
Position von einer Ethik-Kommission begutachten zu lassen. Als
wissenschaftlichen Beirat bei den Lindauer Psychotherapiewochen halte ich ihn
für untragbar. Für diese Einstellung werde werben.
Mit freundlichem Gruß
(Auf diesen Brief erfolgte keine Reaktion
mehr.)
09.10.2000
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
inzwischen habe ich Ihren Artikel "Weisheit
oder Wahnsinn?" gelesen. Er hinterläßt mich dezidiert ratlos. Als Grund
dafür sehe ich die Tatsache, daß ich ein "in der Wolle gefärbter"
Verhaltenstherapeut bin, der sich mit dieser Art
psychoanalytisch/tiefenpsychologischer Argumentation immer schwer getan hat.
Insofern wirkt die Diskussion auf mich reichlich verstiegen. Ich kann mir nach
wie vor schwer vorstellen, daß jemand die von Ihnen angegriffene Position
ernsthaft inne hat. Falls Sie den Autor recht verstanden haben, ist Ihre
Empörung natürlich gerechtfertigt. Für mich ergibt sich aber einmal mehr der
Eindruck, daß tiefenpsychologisch/analytische Argumentationen (zumindest
gelegentlich) einen hohen Grad an Beliebigkeit zu haben scheinen. Und ‑
darauf weisen Sie hin ‑ daß sie nicht falsifizierbar sind.
Mit freundlichen Grüßen - Prof. Dr.
TZ7, Institut für ... Therapie, Dipl.‑Psychologe
Lieber Herr Schlagmann,
Ihre weit verteilte mail hat auch mich erreicht,
und ich habe sie mit Interesse gelesen. Ich bin im wesentlichen der VT
verbunden und werde daher kaum in Gefahr sein, einem Analytiker das Wort zu
reden. Mich hat es jedoch sehr nachdenklich gemacht, mit welcher Vehemenz Sie
die Person von Herrn Kernberg angreifen. Letztlich übernimmt er eine Position,
die ihm sein "Schulgebäude" nahelegt und die er konsequent zu ende
denkt. Die Ergebnisse dieses Denkprozesses gefallen mir ebensowenig wie Ihnen.
Das erlaubt mir jedoch nicht, so gegen die Person Kernberg zu Felde zu ziehen.
Es erstaunt mich allenfalls, wie viele Menschen dieses Gebäude überzeugend
finden. Sollte etwas daran sein, dürfte man jedoch nicht "verbieten",
die Konsequenzen eines solchen Systems zu formulieren. Erst dann kann ja ein
fruchtbarer Diskurs entstehen. Zum Glück haben wir ja seit geraumer Zeit
alternative Erklärungsmodelle, die letztlich aus der akademischen Psychologie
stammen.
Wie ich gesehen habe, haben Sie ja auch - an
anderer Stelle - gegen theoretische Positionen der Psychoanalyse argumentiert
und damit sicher auch andere angeregt, sich damit auseinanderzusetzen. Das
halte ich für den besseren Weg.
Mit freundlichen Grüßen - Ihr TZ8,
Priv.-Doz. Dr.med. Dr.phil. Dipl.-Psych., Internist, FA für
Psychotherapeutische Medizin
Sehr geehrter Herr TZ8,
herzlichen Dank für Ihre umfassende Antwort.
Lassen Sie mich kurz erwidern: Sicherlich
baut Kernberg auf einem Schulgebäude auf, aber gleichzeitig ist er einer von
denjenigen, die selbst wiederum ein Schulgebäude errichten. Und ich kann
solchen Ungeheuerlichkeiten nicht einfach kommentarlos zuhören. Ich halte
dieses Geschwätz nicht nur für unsäglich blöde, sondern auch für gefährlich und
schädlich. KlientInnen, die in derartiger Weise - "nach den Regeln der
Kunst" - malträtiert werden, nehmen dadurch seelischen Schaden. Aus
eigener Praxis habe ich Erfahrungen mit "Therapie"-Opfern. Kernberg
setzt mit diesem letzten Artikel seinen bisherigen entwertenden Äußerungen
dabei praktisch nur die Krone auf (vgl. Web-Seite).
Es ist meine Überzeugung, daß es in diesem
Feld nicht so sehr um rationalen Diskurs geht. Es geht hier um Glaubensfragen.
Und der Glaube wird mit Zähnen und Klauen verteidigt - auch wenn es
Menschenleben kostet. Haben Sie schon einmal mit AnalytikerInnen diskutiert?
Einen orthodoxen Freudianer zum Verzicht auf die Triebtheorie zu bringen dürfte
ungefähr so schwierig sein, wie einen mittelalterlichen Inquisitor zum Verzicht
auf Hexenverbrennungen zu bewegen. Wie gesagt: ich halte die Triebtheorie nicht
nur für eine Geschmacksfrage, sondern - weil sie die Betroffenen durch die
damit verbundene Invalidierung der eigenen Wahrnehmung und die unterschwellige
Schuldzuweisung im Grunde re-traumatisiert - für einen systematischen
Kunstfehler. Wer dies nach jahrzehntelanger Erfahrung nicht kapiert hat, wer
weiterhin die Suizide seiner KlientInnen als "selbstdestruktive
Tricks" belächelt oder als Opfer-Täter-Transformation diskreditiert, bei
dem muß man schon eine schwer pathologische Persönlichkeit vermuten dürfen. Und
davor sollte man die Öffentlichkeit warnen.
MfG - Klaus Schlagmann
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
Sie sprechen ein wichtiges Thema an. Ihre Beispiele
zeigen, daß wir immer wieder Gefahr laufen, allzu nachlässig mit unserer
klinischen Sprache umzugehen.
Leider erlaubt mir mein Zeitbudget nicht, Ihre
Anregung aufzunehmen und mich an Ihrer Aktion zu beteiligen. Ich bitte um
Verständnis.
Mit freundlichen kollegialen Grüßen
- Ihr Prof. Dr. med. TZ9
Sehr geehrter Herr Prof. TZ9,
herzlichen Dank für Ihre prompte Reaktion auf
mein Anschreiben. Sie sehen in den von mir zitierten Passagen Beispiele dafür,
„daß wir immer wieder Gefahr laufen, allzu nachlässig mit unserer klinischen
Sprache umzugehen.“
Nun meine ich nicht, daß es sich bei der
Wortwahl des zur Debatte stehenden Autors um eine reine Nachlässigkeit handelt.
Der Artikel, auf den ich mich in meiner kritischen Schrift bezogen habe,
lautet: Persönlichkeitsentwicklung und Trauma. Er findet sich in der
Zeitschrift Persönlichkeitsstörungen - Theorie - Therapie, Jg. 3 (1999),
Heft 1, S. 5-15 und wurde verfaßt von dem amtierenden Präsidenten der
Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung, Otto F. Kernberg. In einer
Veröffentlichung von 1996 bzw. 1997 (letztere: Zur Rehabilitation der Könige
Laios und Ödipus oder: Die Lüge der Iokaste. ISBN: 3-9805272-1-2) hatte ich
bereits anhand dreier anderer Werke Kernbergs dessen massiv entwertende Einstellung
gegenüber seinen KlientInnen herausgearbeitet.
Es würde mich freuen, wenn Sie sich mit Ihrer
Autorität meinem Anliegen anschließen würden, daß diese Position bspw. von
einer Ethik-Kommission begutachtet wird. Herrn Kernberg halte ich z.B. als
wissenschaftlichen Beirat bei den Lindauer Psychotherapiewochen für untragbar.
Für diese Einstellung werde ich auch an anderer Stelle werben.
Mit freundlichem Gruß – Klaus Schlagmann
(Auf diesen Brief erfolgte keine Reaktion mehr.)
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
ich habe Ihre E-Mail über die Mailingliste
"Gesundheitsfoerderung" bekommen.
Ich bin freie Mitarbeiterin des Psychosozialen
Zentrums für Flüchtlinge wo ich seit 5 Jahren die sozialmedizinische Beratung
für traumatisierte Flüchtlinge aus Bosnien und Herzegovina anbiete. Im
Rahmen meiner Forschungstätigkeit habe ich mich mit den gesundheitlichen
Auswirkungen von traumatisierenden Erlebnissen beschäftigt.
Wenn ich an die Menschen, die ich
betreue, denke kann ich es mir kaum vorstellen, dass diese sich
im therapeutischen Prozess mit ihren Mißhandlern "identifizieren"
müßten und dass der Therapeut denen dabei helfen solle.
Ich würde sehr gerne sowohl den Aufsatz aus
dieser Fachzeitschrift von 1999 als auch Ihre Schrift durchzulesen.
Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wen Sie mir per
e-Mail ihre Schrift sowie die Literaturangabe zu dem "kritischen"
Aufsatz übersenden könnten.
Vielen Dank im voraus Mit freundlichem
Gruß TZ10
(Seit Zusendung der Quellenangabe am 11.09.
erfolgte keinerlei Reaktion.)
25. September
2000
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
leider komme ich wegen Ferienabwesenheit erst jetzt
dazu, Ihnen auf Ihren Brief vom 03.09.00 zu antworten. Natürlich bin auch ich
der Ansicht, dass der von Ihnen zitierte Kollege psychoanalytisch nicht
belegbare Theorien verwendet, die zweifellos die Problematik der betreffenden
Patienten verfehlt. Zwar kennen wir seit Freud das psychologische Phänomen der
Identifikation mit dem Feind. Diese richtet sich aber immer (unbewusst) gegen
die eigenen Person.
Was Ihre Beurteilung des „Therapeuten“
anbetrifft, bin ich der Ansicht, dass Sie davon Abstand nehmen sollten, ihn mit
einer Diagnose zu stempeln. Ihr Brief sollte sich meines Erachtens darauf
beschränken, sachlich Ihre Meinung zu sagen.
Mit freundlichen Grüssen - Prof.
Raymond Battegay
(Auf die
Mitteilung der Quelle erfolgte keine Reaktion mehr.)
12.09.2000
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
fast beneide ich Sie wegen Ihrer Fähigkeit, Ihre
berechtigte Entrüstung und Wut zum Ausdruck zu bringen und auch an Wege zu
denken, wie man pragmatisch gegen solche Texte vorgehen kann, die das
Gesamtbild des Psychotherapeuten schädigen. Ich selbst habe nämlich fast
resigniert gegen den Aggressions- bzw. Todestrieb anzugehen, nachdem ich
festgestellt habe, daß mir sonst gutwillig und vernünftig erscheinende Kollegen
nach langen Diskussionen, in denen ich geglaubt habe sie überzeugt zu haben,
sie in stereotyper Weise immer wieder auf diese alten überholten
triebtheoretische Postulate zurückkamen.
Es wäre aber falsch, alle Psychotherapeuten, die
auf der selben Weise wie der von Ihnen noch nicht namentlich genannte
Psychotherapeut, mit schwersten Traumatisierungen umgehen, in einen Topf zu
werfen. Es gibt viele Kollegen, die nur aus Gründen der Loyalität oder
der Gewöhnung oder Angst vor dem Neuen oder aus anderen Gründen weiterhin immer
wieder dasselbe Lied singen. Ich würde es also vorziehen, zunächst nur
die Sache als solche scharf zu kritisieren (und das ist bestimmt in diesem Fall
nicht schwierig!), ohne konkrete Hypothesen über die pathologische psychische
Struktur des Verfassers zu formulieren, auch wenn diese Hypothesen begründet
erscheinen.
Zum zweiten müßte man, um die Kritik noch
glaubhafter zu machen, nicht nur die Psychodynamik der Opfer, in etwa so wie
Sie es tun, beschreiben, sondern auch die Psychodynamik der Täter, also z.B.
ihre triumphalen oder auch Lustgefühle und zwar eben nicht triebtheoretisch,
sondern mit Hilfe der Selbstpsychologie und der Objektbeziehungstheorie.
Ich habe an vielen Stellen in meinen Büchern und sonstigen Aufsätzen versucht,
solche, zu den alten triebtheoretischen Annahmen alternative Konzepte
darzustellen (...).
Insgesamt begrüße ich also Ihre Initiative, bin
aber der Meinung, daß man versuchen sollte, auf der Ebene der sachlichen
Diskussion über die Tragfähigkeit der jeweiligen Konzepte zu bleiben.
mit freundlichen Grüßen
- Prof. Dr. Z1
Sehr geehrter Herr Prof. Z1,
herzlichen Dank für Ihre baldige Antwort, in
der Sie meinem Anliegen so klar seine Berechtigung zusprechen. Sehr gut
gefallen hat mir z.B. die Beschreibung Ihrer Erfahrungen mit manchen
KollegInnen, die sich zwar vordergründig auf ein kritisches Gespräch einlassen,
dann aber doch wieder Positionen vertreten, als hätten sie kein Wort von dem
wirklich ernsthaft in sich aufgenommen und verstanden, das man Ihnen als
Argument gegen bestimmte Dogmen vorgehalten hat. Ähnliche Erfahrungen habe ich
selbst zur Genüge gemacht.
Erlauben Sie mir auch, daß ich Sie auf einen
- aus meiner Sicht - entstehenden Widerspruch aufmerksam mache, wenn Sie am
Ende empfehlen, auf der sachlichen Ebene zu bleiben. Die Erfahrung, die Sie
schildern, zeigen nämlich m.E., daß es in manchen Situationen eher zwecklos
ist, „sachlich“ zu argumentieren. Denn die Menschen, die wir mit unseren
Argumenten konfrontieren, wollen nicht nachdenken, sondern sie wollen glauben -
nämlich an ihr übernommenes Gerüst von Dogmen und Glaubenssätzen. Es macht
vermutlich wenig Sinn, einen Inquisitor der mittelalterlichen Kirche vom Unsinn
der Hexenverbrennungnen, einen Nazi vom gleichen Existenzrecht aller Menschen
auf der Welt oder einen Stalinisten vom Wert persönlicher geistiger Freiheit
überzeugen zu wollen. Ähnlich aussichtslos scheint es mir manchmal zu sein,
einen Vertreter der klassischen Psychoanalyse auf die Problematik der
Triebtheorie aufmerksam zu machen.
Aber da muß man ja richtig dankbar sein, wenn
jemand dann solche Passagen zu Papier bringt, wie ich sie aufgegriffen und
kritisiert habe. Sie finden die Zeilen, auf die ich mich in meiner kritischen
Schrift bezogen habe, übrigens in dem Artikel: Persönlichkeitsentwicklung und
Trauma. Er findet sich in der Zeitschrift Persönlichkeitsstörungen - Theorie
- Therapie, Jg. 3 (1999), Heft 1, S. 5-15 und wurde verfaßt von dem
amtierenden Präsidenten der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung,
Otto F. Kernberg. In einer Veröffentlichung von 1996 bzw. 1997 (letztere: Zur
Rehabilitation der Könige Laios und Ödipus oder: Die Lüge der Iokaste. ISBN:
3-9805272-1-2) hatte ich bereits anhand dreier anderer Werke Kernbergs dessen
massiv entwertende Einstellung gegenüber seinen KlientInnen herausgearbeitet.
Ich hoffe, Sie sind nicht übermäßig
schockiert über diese „Enthüllung“. Es würde mich freuen, wenn Sie sich - trotz
des (m.E. unbegründeten) Renommees des kritisierten Autors - mit Ihrer
Autorität meinem Anliegen anschließen würden, daß diese Position bspw. von
einer Ethik-Kommission begutachtet wird. Herrn Kernberg halte ich z.B. auch im
Licht dieser (und anderer) Veröffentlichungen als wissenschaftlichen Beirat bei
den Lindauer Psychotherapiewochen für untragbar. Für diese Einstellung werde
ich auch an anderer Stelle werben.
Mit freundlichem Gruß – Klaus Schlagmann
(Keine weitere Reaktion auf diesen Brief)
Tuesday,
October 10, 2000
Lieber Klaus Schlagmann,
Ich danke Ihnen für Ihren Brief von 17.
September, mit dem eingelegten Material. Erst mal wundere ich mich aber, daß
Sie meinen Juli-Brief anscheinend nicht bekommen haben. Es tut mir leid. Ich
lege den Brief bei, er war ja im Computer.
Ihre Entrüstung gegen Kernberg scheint mir sehr
berechtigt. Der Kerl hat so viele aggressive Klienten, weil sein Verhalten
solche Gefühle herausfordert, und er sieht die Aggressionen nicht als Antwort
auf sein Benehmen, sondern interpretiert sie ganz anders. Ich weiss wirklich
nicht warum er so beliebt ist, vor allem in Europa.
Ich war einmal, beim 1. Weltkongress mit ihm in
einem Fernseh-Gespräch und habe ihn damals sehr angegriffen. Das war lustig,
und seine Frau fragte mich dann, warum ich das getan hätte. Persönlich ist er
ja sehr höflich und zuvorkommend. Aber ich habe kein Bedürfnis, ihn als Cause
Celebre anzunehmen. Ich würde Ihnen raten einen sogenannten scholarly Artikel
zu schreiben, ohne viele Emotionen, einfach seine Punkte in aller Ruhe
widerlegen ‑‑ die Art von Artikel, der von einem Journal angenommen
wird, ohne Fettgedrucktes etc. Vielleicht könnten Sie das sogar zum selben Heft
schicken, oder auch an ein anderes Journal, das nicht ganz konventionell ist.
Oder gibt es bei Ihnen ein Journal nur über Trauma? Ich glaube es gibt so etwas
in Englisch, aber ich meine, Sie sollten im deutschen Bereich ihre Stimme
erheben, eben so, daß sie mehr gehört wird.
Ich wünsche Ihnen besten Erfolg, mit
freundlichen Grüssen – Sophie Freud
20.1.01
Betr.: Ihre Kritik an O. F. Kernberg
Hier: Ihr Schreiben vom 15.1.01
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
bei Kernberg kann man mit manchem unzufrieden
sein, ich bin es auch in Teilen. Genau genommen ist es für mich sein Verhaftetbleiben
in der psychoanalytischen Triebtheorie und, wahrscheinlich nicht unabhängig
davon, seine "theoretische Anhänglichkeit" an Melanie Klein, auch
wenn ich nicht übersehe, daß er sich von ihr auch teilweise abgrenzt. In der
PTT ist bereits ein Beitrag erschienen, in dem ich Kernbergs Konzeption der
Abwehr beim Borderline-Syndrom kritisiere und eine alternative Betrachtung
vorschlage (PTT 1998, 1, 4-9). Andererseits hat Kernberg Verdienste -
für mich vor allem in seinem Drängen, die psychoanalytische Therapie
empirischer Prüfung zu unterziehen. Wenn man sich den Konservatismus und die
Wissenschaftsfeindlichkeit weiter Teile der IPV anschaut, ist das eine ganze
Menge.
Nun zu Ihrer Frage! Um Ihnen gleich meine
Realität zu vermitteln: die von Ihnen angesprochenen und kritisierten
Zusammenhänge erfordern für eine ernsthafte Auseinandersetzung einen
Zeitaufwand, über den ich einfach nicht verfüge. Ich bin so vorrangig in andere
Zusammenhänge - bei denen es auch um die Folgen von infantilen
Traumatisierungen geht - engagiert, daß ich die gewünschte kritische
Beschäftigung einfach nicht leisten kann. Ich kann Ihr Befremden über die
inkriminierten Äußerungen nachvollziehen, glaube auch, daß es sich hier bei
Kernberg um eine spezifische Schwäche handelt, mir fehlt aber einfach die
Zeit, die Sache gründlich zu prüfen.
Den entscheidenden Teil von Kernbergs Botschaft
würde ich so interpretieren, daß wir uns auch mit der Motivation des Täters
einlassen müssen, um das Opfer ganz zu verstehen. Ob dieser Schritt zur
sinnvollen Behandlung von Traumaopfern tatsächlich erforderlich ist, weiß ich
nicht. Dazu habe ich, im Gegensatz zu Kernberg, zu wenige solcher
Menschen behandelt. Ich konnte immerhin Opfern von "alltäglicher"
sexueller und aggressiver Gewalt sehr wohl ohne diese Identifizierung
nachhaltig helfen und ich konnte es in meinem Verständnis gerade deshalb, weil
ich mich mit ihnen und nicht mit den Tätern innerlich einließ. Auch als
Therapeut stelle ich mich immer erst einmal auf die Seite des Opfers, was gerade
manche Psychoanalytiker versäumen. Da ist es dann nicht selten das infantile
Opfer, das den Täter verführt oder (bei M. Klein) seine eigene Destruktivität
in ihn projiziert hat. Der arme Täter hat sich mit dem bösen Opfer und dessen
eigener Aggression dann "projektiv identifiziert" und es deshalb halt
mißbraucht. Das ist, wohlgemerkt, in meinem Munde Satire, aber gerade bei
dieser Art psychoanalytischen Denkens gilt, "daß es schwierig ist, keine
Satire zu schreiben" (Juvenal).
An solcher Art des Verständnisses ist einiges
auch zutiefst inhuman. Ob das nun aber auf Kernberg zutrifft, dazu möchte ich
mich einer Meinung dezidiert enthalten. Ich habe diesen Teil seines Werks
entschieden zu wenig ernsthaft studiert und werde es sicher auch nicht mehr
tun, weil mir der Gewinn an neuer wissenschaftlicher Erkenntnis heute nicht
mehr innerhalb des psychoanalytischen Paradigmas angesiedelt erscheint.
Mit freundlichem Gruß – Prof. Dr. Sven-Olaf
Hoffmann
Klinik und Poliklinik für Psychosomatische
Medizin und Psychotherapie
Sehr geehrter Herr Prof. Hoffmann,
ganz herzlichen Dank für Ihre prompte,
ausführliche und für mich doch recht klare Antwort! Es freut mich, dass Sie für
Ihre Arbeit die Beschuldigung des Opfers so klar zurückweisen! Gerne werde ich
versuchen, Ihren Artikel aus der PTT nachzulesen, der meiner Aufmerksamkeit
entgangen ist.
Sie haben natürlich auch recht, dass die
Auseinandersetzung mit Kernberg ausführlicher geführt werden müsste. In zwei
Veröffentlichungen von 1996 und 1997 habe ich mich bereits anhand drei seiner
Werke kritisch mit ihm auseinandergesetzt. Der von mir recht schnell
dahingeschriebene Text gegen seinen Artikel von ’99, mit dem ich versucht habe
und noch weiter versuche, ein wenig Widerspruch in der
Psychotherapeuten-Gemeinschaft gegen seine Thesen zu mobilisieren, ist noch
ausbaufähig. Die verschiedenen Rückmeldungen sind mir weiterhin Anregung,
Unklarheiten meiner Darstellung auszuräumen und Einwendungen zu
berücksichtigen. Eine kritische Auseinandersetzung mit Kernberg habe ich auch vor
ca. drei Jahren ins Internet gesetzt (http://members.aol.com/oedipus01/kernberg.html).
Ihre Sicht von Trauma-Opfern als Opfer ist
leider bei weitem nicht selbstverständlich. Ihre satirische Zusammenfassung der
klassischen Haltung ist wohl Realsatire. Falls es Sie ein wenig interessiert:
ich habe anhand der Geschichten von Narziß und Ödipus einmal versucht, den
theoretischen Purzelbaum Freuds von 1897 nachzuvollziehen. Dessen
Interpretation scheint mir noch durch erhebliche Verwirrung vernebelt zu sein.
Masson, dessen hervorragende Recherchen ich sehr schätze, übersieht an diesem
Punkt z.B. m.E., dass die vor 1897 formulierte Trauma-Theorie maßlos einseitig,
und damit eben auch falsch gewesen ist. Die Verkehrung davon ist noch viel
weniger richtig. Ich hoffe, mit meiner etwas neueren Sicht auf den Mythos
Anstöße für ein besseres Verständnis von Freuds theoretischer Entwicklung - die
ich u.a. sehe als Ausdruck eines unbewältigten persönlichen Konflikts - geben
zu können.
Vielleicht ergibt sich ja einmal die
Gelegenheit, etwas ausführlicher zu diskutieren. Darüber würde ich mich freuen.
Herzliche Grüße - Klaus Schlagmann
26.03.2001
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
vielen Dank für die Zusendung. Die heiklen
Publikationen sind mir bekannt. Ich habe dazu auch bereits dezidiert kritisch
Stellung bezogen und mir mit meiner Kritik erwartungsgemäß Ärger, aber auch Zustimmung
eingehandelt. Der artikulierte Ärger macht nichts.
Meine heftig‑kritische Position zur
Psychoanalyse Kernbergs, zum unreflektierten "Ödipus und früher" und
zur psychoanalytischen Vorverurteilung der Familien ... [habe ich ausführlich
vorgetragen]. Kernberg 99, den Sie mir zugeschickt haben, habe ich .. übrigens
ebenfalls als hochgradig problematisch ... [kritisiert].
Ich habe auch auf die Gefahr hingewiesen, dass
sich die Psychoanalyse selbst ins Abseits katapultiert, wenn sie ihre
Argumentationsmodelle nicht radikal modernisiert.
Ich bin also mit Ihnen einer Meinung, dass man
die z.T. "ungehobelten Denk‑ und Sprachschablonen" einiger (bei
weitem nicht aller) Psychoanalytiker zukünftig durchaus kritisch unter die Lupe
nehmen sollte.
Herzlichen Dank und beste Grüße - Prof. Dr. Z2
29.09.2000
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
vielen Dank für Ihren Brief vom 14.09.2000 und
Ihr Manuskript.
Die Vorstellungen von Kernberg finde ich auch
z.T. sehr problematisch. Allerdings basieren sie ja allesamt auf einer Theorie
des Unbewußten, so daß es auch schwierig ist, sie zu widerlegen. Kritisieren
kann man m.E. nur die Therapiestrategien, wenn deutlich wird, daß sie die
Patienten belasten, statt erleichtern. Kernberg anzugreifen ist nicht einfach,
da er hier sehr angesehen ist. Man muß also die Kritik so formulieren, daß man
selbst möglichst unangreifbar bleibt. So halte ich es für problematisch und
gefährlich, wenn Sie über seine Person und sein Unbewußtes spekulieren.
Es gibt eine sehr gute Auseinandersetzung mit
Kernberg von Ulrich Streeck, die in der Zeitschrift für Psychoanalyse und
Sozialpsychologie 1999 erschienen ist. Streeck widerlegt ihn mit seinen eigenen
Mitteln. Das ist klüger.
Ihre Betroffenheit verstehe ich gut. Öffentlich
halte ich es aber für günstiger, so sachlich wie möglich zu bleiben. Kernberg
wird ja auch von van der Kolk im gleichen Heft widerlegt.
Theorien kann man
letzten Endes sowieso so viele haben wie Sand am Meer. Im therapeutischen
Bereich geht es um Heilung oder Linderung von Leiden. Das hat viele
Psychoanalytiker in der Tradition von Freud aber noch nie sonderlich
interessiert. Sie verstehen sich eher als Forscher in den Abgründen der Seele
und finden vielleicht die Eier, die sie selbst versteckt haben. Das zu beweisen
oder zu widerlegen ist schwierig und geht von einem anderen Paradigma her auch
schwer. Man muß sich also auf ein übergeordnetes Paradigma verständigen oder
innerhalb des psychoanalytischen bleiben. Sie scheinen mir das etwas zu verwischen.
Ich selbst habe mich dafür entschieden, weniger „gegen“ Dinge zu kämpfen als
„für“ die Dinge, die mir am Herzen liegen. Das ist für mich persönlich
erfreulicher.
Mit freundlichen Grüßen - Dr. med. Z3
Saarbrücken, den 15. Oktober 2000
Sehr geehrter Herr Dr. Z3,
herzlichen Dank für Ihre ausführliche Antwort
auf mein Schreiben in Bezug auf Kernberg und Ihren Hinweis auf den Artikel von
Streeck. (Leider konnte ich die Zeitschrift „Psychoanalyse und
Sozialpsychologie“ an unserer Uni nicht finden, auch im Internet war sie nicht
verzeichnet. Könnten Sie mir die entsprechende ISSN-Nummer angeben, oder mir
womöglich sogar eine Kopie des Artikels zusenden?)
...
Ich meine, daß z.B. die Überlegungen Josef
Breuers in den „Studien über Hysterie“ bis heute von höchster Bedeutung sind.
Breuer war bei der Behandlung der schweren Störung von Bertha Pappenheim (man
könnte ihr wohl leicht das Etikett „Borderline“ bzw. „affektive Psychose“
anhängen) höchst erfolgreich. (Diffamierungen Breuers aus noch jüngster Zeit
durch z.B. Mikkel Borch-Jacobsen fehlt m.E. eine tiefere Kenntnis der
Zusammenhänge.) Mit der Betroffenen zusammen hatte Breuer ein Verfahren
entwickelt, bei dem „tiefenpsychologisch orientiertes“ Vorgehen (Hypnose;
Katharsis-Prinzip) mit „verhaltenstherapeutischer“ Methode (Konfrontation in
vivo) kombiniert wurde.
Der wichtigste Anlaß, mich mit diesem
Theoriebereich näher zu beschäftigen, bestand darin, daß ich in meiner Praxis
mit einzelnen Menschen zu tun hatte, denen es nach einer psychoanalytischen
Therapie schlechter ging als zuvor. (Ich weiß nicht, ob Ihnen schon ähnliche
Fälle begegnet sind.) Besonders an einem Fall war mir dies besonders deutlich
geworden: ein junger Mann war als Kind vom Vater brutal mißhandelt worden.
Zusätzlich hatte der Vater versucht, ihm den Abschluß einer höheren Bildung zu
vereiteln. Der Klient hatte daraufhin massive Angstzustände entwickelt. In dem
mir vorliegenden Therapieantrag des Psychoanalytikers wurde dem Klienten quasi
vorgehalten, er zeige „Haß gegen den Vater“ und „Leistungsverweigerung“. Das
ganze lief unter der Rubrik: „ödipaler Konflikt“. Nach zwei Jahren dieser
„Behandlung“ benötigte der Klient zusätzlich ein Asthmaspray. Das wundert mich
nicht, denn in gewisser Weise hat der „Therapeut“ hier die frühe Traumatisierung
des Klienten - die völlige Verständnislosigkeit aus dem sozialen Umfeld -
wiederholt, anstatt bearbeitet. Derartige Behandlungsstrategien produzieren
m.E. systematisch „Kunstfehler“.
Dieser Fall hatte mich übrigens 1996
angeregt, einmal bei Sophokles über das Problem von Ödipus nachzulesen, und
dabei hatte ich eine erstaunliche Entdeckung gemacht: Sophokles erzählt die
Geschichte einer Traumatisierung. Ein Kind wird zum Spielball seiner Eltern,
vor allem seiner Mutter. Sophokles bringt keine „Schicksalstragödie“ auf die
Bühne, sondern ein „Familiendrama“. Das Verhängnis ist „hausgemacht“. Ödipus
leidet an den Beziehungsdefinitionen, die von seinen Eltern ausgehen. Er
re-agiert lediglich auf das, was ihm von seinen Eltern entgegen gebracht wird.
Sein Verhalten spiegelt lediglich das Verhalten der Eltern. Das Verhalten der
Eltern ist primär, dort liegt also das Problem. (Dies ist eine Dynamik, die ich
in gestörten Familien bis heute für plausibel und gültig halte.)
Freud erklärt mit seinem Konzept vom angeblichen
„ödipalen Konflikt“ das Opfer zum Täter. Er postuliert, daß jedes Kind sich
triebhaft seiner Eltern bemächtigen wolle. (Schon in der Verallgemeinerung
liegt eine ungeheuerliche Plattheit.) Otto F. Kernberg - quasi Freuds
Stellvertreter auf Erden - hat diese abstruse Position auf die Spitze
getrieben: in seinem Buch „Borderlinestörung und pathologischer Narzißmus“
argumentiert er, daß der Säugling quasi die Eltern-Kind-Beziehung zerstört -
und zwar aus seiner „oralen Wut“ und seinem „oralen Neid“ heraus (was immer das
sein möge).
Dieser Interpretationsfehler - ein Opfer der
Verhältnisse zum Täter zu erklären - durchzieht Freuds Interpretationsmuster.
Ob er die Mythen von Ödipus und Narziß interpretiert, Shakespeares Drama
„Hamlet“ oder Wilhelm Jensens Novelle „Gradiva“. Immer wird das eigentliche
Opfer zum triebhaften Täter gestempelt. Und so, wie Freud Erzählungen und
Dramen gänzlich mißversteht, so mißversteht er auch die Lebensgeschichten von
KlientInnen, so z.B. diejenige von Ida Bauer („Dora“). (Präziser gesagt: Freud
nimmt eine „Verkehrung ins Gegenteil vor“. Dahinter steckt m.E. die Abwehr der
Einsicht in sein persönliches Familiendrama. 1997 habe ich dies ausführlicher
analysiert.)
Han Israels hat - darüber hinaus - in seinem
Buch „Der Fall Freud“ sehr akribisch nachgewiesen, wie skrupellos Freud bereit
war, therapeutische Erfolge zu behaupten, selbst wenn er sich mit eigenen Augen
von den katastrophalen oder unbefriedigenden Wirkungen seiner Maßnahmen
überzeugt hatte. Israels erläutert dies vor allem anhand Freuds Empfehlungen,
mit Kokain eine Morphinsucht zu behandeln. Freud hatte diesbezüglich an seinem
Freund Fleischl-Marxow „experimentiert“. In mehrere Fachartikeln behauptete er
schnelle Erfolge mit seinem „Verfahren“, während er in den Briefen an seine
Verlobte vom katastrophalen Zustand des Freundes berichtete - was er an einer
Stelle sogar mit der Hoffnung verknüpft, die hohen Schulden bei diesem Freund
vielleicht nicht mehr begleichen zu müssen. Ein Arzt, der versucht hatte,
Freuds Empfehlungen empirisch zu überprüfen und die verheerende Wirkung von
Kokaingaben bei Morphinsucht erkannt hatte, war von Freud niederträchtig
diffamiert worden.
Freuds Theorie wird bis heute in ihrer alten
Form weiter tradiert. Daran ändern auch die gebetsmühlenhaft wiederholten
Beteuerungen nichts, daß die Theorie ja heute schon viel weiter sei. Natürlich
hat es einige interessante Theoretiker und Forscher im Umkreis der
Psychoanalyse gegeben, die sehr vernünftige Ideen hatten, z.B. Adler, Ferenczi,
Horney, Winnicott, Miller, Masson. An ihnen hat sich aber auch immer wieder
dasselbe Schicksal erfüllt: sie wurden wegen ihrer kritischen Sichtweise
geächtet, ausgeschlossen, oder haben selbst das Handtuch geworfen. Ich weiß
nicht, wieweit Sie selbst Anfeindungen und Kritiken aus diesem Lager ausgesetzt
sind, könnte es mir jedoch aus eigener Erfahrung heraus lebhaft vorstellen.
Der von mir kritisierte Artikel Kernbergs
treibt die traditionelle, Freudsche Art der Argumentation auf die Spitze. Seine
Position ist jedoch bis heute „hoffähig“. Derartig widerwärtige
Ungeheuerlichkeiten werden tatsächlich begeistert beklatscht. Systematisch
werden Opfer zu Tätern erklärt. Ein „Identifizieren mit den Tätern“ wird als
heilsam propagiert, wobei ausgeblendet wird, daß eine derartige
psychotherapeutische Vergewaltigung wohl nur insofern „wirkt“, als sie die
Opfer noch mehr in die Resignation treibt (und damit womöglich tatsächlich eine
gewisse „Ruhigstellung“ bewirkt).
Ich meine, daß es nicht allein ausreicht, andere,
vernünftigere, plausiblere, hilfreichere Konzepte einem solchen Unsinn
entgegenzustellen. In der Geschichte der Medizin und der Heilkunde gibt es wohl
genügend Beispiele dafür, daß Unwissen oder sogar Unvernunft auf Seiten von
„Fachleuten“ katastrophale Folgen hatte. So hat sich die konsequente Umsetzung
der von Semmelweis empfohlenen Hygienemaßnahmen gegen die Verbreitung des
Kindbettfiebers durch die Uneinsichtigkeit zeitgenössischer Kollegen tragisch
verzögert. So hat es auch bis zu 6 Jahren gedauert, bis Thalidomid (Contergan)
vom Markt genommen wurde. Kritische Studien zu den Nebenwirkungen wurden
verzögert bzw. nicht gedruckt.
Ich meine, es wird höchste Zeit, die
ungeheuerlichen psychotherapeutischen Interventionsmethoden à la Kernberg „vom
Markt“ zu nehmen. Denken Sie nur daran, welch zynischen Kommentar er der
suizidierten Patientin ins Grab hinterher schickt. Mindestens eine
vergleichbare Passage gibt es in seinem Buch „Schwere Persönlichkeitsstörungen“
(S. 422), bei der er einen gravierenden Selbstmordversuch seiner Klientin als
„selbstdestruktiven Trick“ bzw. als „chronischen Selbstmordversuch als
‚Lebensform‘“ belächelt. Die Klientin habe damit die „Behandlung zu
unterminieren versucht“ - eine typische Argumentationsform bei Kernberg, wenn
seine KlientInnen an seiner „Psychotherapie“ verzweifeln oder scheitern, bzw.
beschließen, eine derartige Gehirnwäsche nicht länger mitzumachen - das
letztere in meinen Augen eine eindeutig gesunde Reaktion.
Die genannten Beispiele sollten m.E. Ansporn
dafür sein, daß klarsichtige PsychotherapeutInnen sich dafür engagieren, daß
dieser hirnverbrannte Spuk endlich aufhört. Die mit dem Geschehen um
Kindbettfieber und Contergan m.E. vergleichbare Tragik im Bereich der
Psychotherapie sollte sich nicht mehr allzu lange fortsetzen dürfen. Derzeit
bemühe ich mich darum, womöglich über das Saarländische Gesundheitsministerium
eine gründliche Überprüfung von Kernbergs Position vornehmen zu lassen. (Das
BGM fühlt sich nicht für die Frage zuständig und verweist auf die Länder.) Auch
die Ethik-Kommission der „Deutschen Gesellschaft für Psychologie“ versuche ich
für eine Stellungnahme zu gewinnen. (Derzeit ist die Leitung jedoch wohl nur
kommissarisch besetzt.) Sofern Sie Ideen hätten, wie wir in diesem Sinne ein
wenig kooperieren könnten, würde ich mich sehr freuen.
Mit freundlichem Gruß
17.10.2000
Lieber Herr Schlagmann,
vielen Dank für Ihren Brief vom 15. 10., den ich
rasch kurz beantworten will. Sie haben natürlich recht mit Ihrer Kritik und die
von Ihnen aufgeführten Fälle sind allesamt skandalös. Leider hatte ja trotzdem
z. B. "Was hat man Dir Du armes Kind getan" (Masson) keinerlei
Resonanz unter Psychoanalytikern. Ich hatte das seinerzeit (1989) mal
recherchiert und vom Rowohlt-Verlag erfahren, daß das Buch von keiner einzigen
psychoanalytischen Zeitschrift rezensiert worden ist. Das ist halt das Problem,
daß Kritik tot geschwiegen wird und die Kritiker, wenn möglich auch. So werde
ich von vielen Kollegen auch massiv angefeindet. Ich habe schon auf die
Tatsache hingewiesen, daß Ödipus ein traumatisiertes Kind ist. Aber das alles
interessiert den mainstream wenig.
Wenn Sie über ein Länderministerium etwas tun
können, so finde ich das eine gute Idee. Auch Ihr Psychologen‑Verband ist
eine gute Möglichkeit. ... Ich bin inzwischen ein bißchen müde, habe viel
gekämpft in meinem Leben und will deshalb jetzt einfach viele Menschen mit dem,
was ich kann, erreichen. .... Sie sind vermutlich viel jünger als ich ... und
haben noch mehr Lust am Streit. Dann ist es gut, das auch umzusetzen und ich
bleibe sehr gerne mit Ihnen im Gespräch. Vielleicht lernen wir uns gelegentlich
mal kennen.
Für heute mit guten Wünschen und freundlichen
Grüßen – Z3
Saarbrücken, den 14. Januar 2001
Lieber Herr Dr. Z3,
herzlichen Dank für Ihre Antwort auf mein
Schreiben vom 17.10. Ich bemühe mich immer noch, ein wenig mehr Widerstand
gegen Kernbergs Thesen zu organisieren.
Der Termin im Gesundheitsministerium war
leider nicht sehr ergiebig. Tenor: man könne sich nicht in fachspezifische
Diskussionen einmischen. So muss sich also wohl zunächst noch mehr Widerstand
innerhalb der Disziplin formieren.
Ich wollte Ihnen noch einmal ein wenig
kurzgefasst meine Thesen zu Ödipus und Narziß zukommen lassen, wie ich sie im
Sommer bei einem Kongress in Halle referiert hatte. Sie können ihm entnehmen,
wie sehr ich die triebtheoretischer Deutung dieser Mythen für geradezu
gegensinnig halte. Die psychoanalytische Deutung stellt die Verhältnisse auf
den Kopf, macht die Opfer zu Tätern. Und wer mit Geschichten derartig umgeht,
steht in der Gefahr, denselben Denkfehler gegenüber den Lebensgeschichten von
KlientInnen zu wiederholen. Diese Widersinnigkeit wird m.E. verständlich, wenn
man darin Freuds Abwehr der Einsicht in seinen eigenen Familienkonflikt
erkennt. Natürlich ist es nur menschlich, wenn der Gründer der Psychoanalyse
bestimmten Abwehrmechanismen unterliegt. Tragisch wird es allerdings, wenn im
Dienst dieser Abwehr eine abstruse Theorie menschlichen Verhaltens konstruiert
wird. Auch bei Kernberg vermute ich ja eine schwere psychische Deformation als
Hintergrund seiner theoretischen Konstruktion.
Lassen Sie mich noch einmal eine Bitte
wiederholen: Sie hatten mich auf einen Artikel von Herrn Streeck verwiesen. Die
Zeitschrift, die Sie dabei angegeben hatten („Psychoanalyse und
Sozialpsychologie“), konnte ich weder in unserer Uni-Bibliothek (die auf
psychologische Literatur spezialisiert ist), noch im Internet finden. Könnten
Sie den entsprechenden Literaturhinweis noch einmal überprüfen, womöglich
präzisieren und die entsprechende ISSN-Nummer angeben, oder mir womöglich sogar
eine Kopie des Artikels zusenden? Der Artikel würde mich sehr interessieren.
Ansonsten finde ich das Sammeln von
Rückmeldungen zu meinem Papier recht spannend. Z.T. sind die Antworten sehr
bezeichnend. Eine Standardantwort von eingefleischten AnalytikerInnen ist, dass
ich die Theorie „missverstehen“ würde. Dieses Pauschalargument lässt sich wohl
so ziemlich jeder Kritik an jedem Theorieansatz erst mal entgegenschleudern.
Leider entpuppt sich dann in meinen Augen, dass anscheinend nicht ich, sondern
die Antwortenden etwas an den psychoanalytischen Konzepten nicht verstanden
haben dürften. An den praktischen Konsequenzen des angeblich missverstandenen
Konzeptes - der Beschuldigung von KZ-Opfern, missbrauchten Kindern und
suizidierten Therapie-Opfern -, wird entweder geflissentlich vorbeigesehen (was
schon schlimm genug wäre), oder sie werden (was noch schlimmer wäre) billigend
in Kauf genommen, ohne dass man sich jedoch offen dazu bekennen würde - etwas
derartiges wurde mir gegenüber bislang nicht explizit geäußert. Die
professionelle Ignoranz gegenüber dieser katastrophalen Fehleinschätzung von
Opfern ist für mich ein schier unerträglicher Skandal! Aber das Nicht-Antworten
oder Nicht-Stellung-Nehmen scheint ja ein wichtiger Aspekt der „analytische“
Ausbildung zu gehören.
Jedenfalls werde ich die Rückmeldungen zum
Anlaß nehmen, meine Position noch einmal zu ergänzen und zu präzisieren, dabei
auf erhaltene Einwendungen eingehen.
... Gerne halte ich Sie auch über den Verlauf
meiner kleinen Bemühungen auf dem Laufenden.
Liebe Grüße – Klaus Schlagmann
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
Ihre e-mail habe ich erhalten, gelesen und auch
den dazugehörigen Text von Ihnen. Ich habe überlegt, ob ich Ihnen überhaupt
schreiben sollte, denn ich kann mein Urteil doch nicht auf von Ihnen
herausgegriffene Zitate gründen. Da Sie die Quelle des kritisierten Textes
nicht nennen, zweifle ich auch an Ihrer Seriosität und Integrität. Ich halte es
auch für völlig unangemessen, über die Motive des Autors zu spekulieren
(„Mutmaßungen über den Autor“) – denn vermutlich spricht der Text ja für sich.
Ich schreibe Ihnen trotzdem, weil ich nach den von Ihnen herausgegriffenen
Zitate extreme Auswüchse von Trieb- und Traumatheorie vermute, denen unbedingt
entgegnet werden muß, falls der Artikel wirklich in einer Fachzeitschrift
erschienen ist, und ich solche gerne im Rahmen meiner Lehrveranstaltungen im
Diplomstudium und in der postgradualen Ausbildung darstelle und diskutiere. Ich
habe mich in der Vergangenheit mehrfach mit therapeutischen Mißerfolgen und
Handlungsfehlern beschäftigt und bin auch von daher an der Quelle interessiert.
Mit freundlichen Grüßen - Prof. Dr.
Wolfgang Schulz
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
vielen Dank für die Übermittlung der Quelle. Ich
werde mir den Artikel besorgen und mich dann wieder bei Ihnen melden. Die
Zeitschrift kenne ich nicht, das ist aber wohl kein Manko. Ich hoffe, daß ich
den Artikel aber einfach und schnell bekomme.
Mit freundlichen Grüßen - Prof. Dr. Wolfgang
Schulz
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
mittlerweile habe ich den Artikel von Kernberg
erhalten und gelesen. Ihrer Position stimme ich im Grundsatz zu, auch wenn ich
vieles nicht so formulieren würde wie Sie.
1. M.E. ist dieser Artikel eine konsequente
Fortsetzung und Verbindung von Traumatheorie und Narzißmustheorie. Ich bin in
der Tradition der empirischen Psychologie sozialisiert und Verfechter einer
psychologisch begründeten Psychotherapie (Ausbildung in Gesprächs- und
Verhaltenstherapie). Ich bin kein Psychoanalytiker und habe immer
Schwierigkeiten mit der psychoanalytischen Begriffsbildung gehabt (z.B. mit dem
Begriff der „Identifikation“) und stehe seit langem der psychoanalytischen
Behandlung sehr skeptisch gegenüber. Insofern überrascht mich die komplizierte
und eigenartige Begrifflichkeit nicht. Es paßt sozusagen in die Landschaft. Die
Kritik muß also auch an Traumatheorie und Narzißmustheorie ansetzen.
2. Da sich bei der Mehrzahl der Menschen trotz
massiver Traumatisierung keine psychopathologischen Folgen,
Persönlichkeitsstörungen usf. ausbilden, sind diese Folgen erklärungsbedürftig.
Ich finde übrigens die Frage, warum Menschen trotz massiver Traumatisierung ein
„normales“ Leben führen, viel interessanter.
3. Ich finde es wichtig, und da stimme ich
Kernberg voll zu, den Patienten nicht nur als Opfer zu sehen, sondern die
Täterseite gleichermaßen zu thematisieren. Und natürlich gibt es da vielfältige
Wechselwirkungen, die therapeutisch wichtig sind. Unsere Patienten sind, wie
jeder andere Mensch auch, nicht nur Spielball von Trieben, Verhältnissen,
Traumata usf., sondern gleichermaßen Gestalter ihrer Umwelt und für ihr Handeln
verantwortlich. Ich habe auch nichts gegen Mitleid. M.E. eine Fähigkeit, die in
unserer Gesellschaft verloren zu gehen scheint. Die Beispiele von Kernberg, vor
allem aber seine Interpretationen sind für diese Diskussion aber alles andere
als hilfreich.
4. Der Vergleich mit dem KZ-Kommandanten (Fall
1) ist eine Unverschämtheit, solch „verqueres“ Denken habe ich aber bei
Psychoanalytikern immer wieder angetroffen. Ich weiß aber nicht, ob das mit der
Gleichsetzung wirklich stimmt, ob Sie Kernberg da nicht unrecht tun, denn er
spricht von „als ob“. Der 1. Fall ist vielleicht noch nachvollziehbar, jedenfalls
gedanklich, der 2. Fall ist das aber nimmer („als ein sexuell erregenden
Triumph über ihre Mutter“, “ihre Schuld tolerieren“, Sie zitieren hier übrigens
nicht ganz korrekt) – hier finde auch ich keine Worte mehr und meine Geduld und
Bereitschaft, zu verstehen, sind erschöpft. Beim 3. Fall kommt die „Tat“ des
Therapeuten überhaupt nicht zur Sprache, sie wird nur mit der „schweren
narzißtischen Problemen“ fast entschuldigt.
5. Ich stimme Ihrer Analyse also überwiegend zu.
Leider verlassen Sie immer wieder die sachliche Ebene, z.B. wenn Sie Kernberg
„maßlose Verwirrung im Denken“ unterstellen. Ich weiß auch nicht, ob und
inwieweit in solch einer Erwiderung Ihr Entsetzen zum Ausdruck kommen sollte.
Auf jeden Fall sollten die Argumente deutlich als solche sichtbar und nicht mit
Wertungen vermengt werden. Ihre „Mutmaßungen über den Autor“ sind überflüssig
und schaden dem Anliegen.
Soweit einige Überlegungen von mir zum Artikel
und zu Ihrer Erwiderung. Ich hoffe, daß die Zeitschrift Ihre Erwiderung (in
überarbeiteter Form) abdruckt. Wieviel Rückmeldungen haben Sie erhalten? Wie
ist der Diskussionsstand? In welcher Form wollen Sie die Rückmeldungen in Ihre
Erwiderung einbauen? Welchen Beitrag kann ich als Nichtanalytiker leisten? Mich
interessiert auch, da ich Sie nicht kenne, welcher therapeutischen Richtung Sie
angehören.
Ich werde den Artikel in meiner Vorlesung
Klinische Psychologie in diesem Semester zur Diskussion stellen. Ich würde mich
freuen, von Ihnen zu hören.
Mit freundlichen Grüßen - Prof. Dr. Wolfgang
Schulz
Sehr geehrter Herr Prof. Schulz,
herzlichen Dank für Ihre umfassende und
engagierte Rückmeldung, in der Sie meinen Positionen teilweise zustimmen, aber
auch offen Ihre Abweichungen formulieren. Lassen Sie mich zu Ihren einzelnen
Punkten noch Stellung nehmen:
1.) Ich weiß nicht genau, was Sie mit
psychoanalytischer Traumatheorie meinen. Mir erscheint es gerade als
verhängnisvoll, daß Freud das Prinzip der Genese psychischer Störungen
aus dem Trauma verworfen hat, das er bis 1897 vertreten hatte. Dieser
Trauma-Ansatz, später vollkommen unpassend als „Verführungstheorie“ tituliert,
war allerdings in einer so bizarren Einseitigkeit konzipiert - jede
psychosomatische Störung / „Hysterie“ sei bedingt durch eine väterliche orale
Vergewaltigung im Alter zwischen 2 und 8 Jahren -, daß natürlich klardenkende
Kollegen Freud deswegen kritisiert hatten. Daraufhin hatte er diesen Ansatz mit
seiner Triebtheorie vollkommen auf den Kopf gestellt, wodurch der Unsinn noch
größer wurde.
Leider ist der sehr viel differenzierter
gehaltene Trauma-Ansatz von Josef Breuer (in den „Studien über Hysterie“, 1895)
von Freud aus Geltungssucht beiseite gedrängt worden. Breuer war mit seiner
Therapie bei Bertha Pappenheim äußerst erfolgreich. (Seine Diffamierung in
jüngster Zeit durch z.B. von Borch-Jacobsen - „Anna O. zum Gedächtnis“ -
beeindruckt durch die Kenntnislosigkeit der Materie.)
Daß Sie durch die psychoanalytische
Begrifflichkeit verwirrt sind, ist nicht verwunderlich. Ich meine, daß Freud
ziemlich bewußt eine Menge an Verwirrung erzeugt hat. Verwirrung wird z.B. in
der Hypnose benutzt, um Menschen abzulenken, zum Abschalten des Bewußtseins
anzuregen, damit man in diesem Zustand leichter seine Suggestionen anbringen
kann.
Wenn man sich die Begriffe wie „Narzißmus“ und
„ödipaler Konflikt“ ansieht, dann kann man feststellen, daß in ihnen nicht nur
eine große Verwirrung angelegt ist, sondern daß damit auch ein systematischer
Denkfehler verbunden ist: ein Opfer wird zum Täter erklärt. Ich habe
mich in den letzten Jahren recht ausführlich damit auseinandergesetzt und dies
das an verschiedenen Stellen dargestellt (Schlagmann, 1996, 1997 a, 2000a, b,
c).
Freud bietet vielfach plastische Kostproben
von Begriffsverwirrung: „Nein“ heißt „Ja“, Ablehnung bedeutet Zuwendung, Kritik
an anderen meint eigentlich Selbstkritik, Widerspruch beweist Zustimmung (diese
Beispiele stammen aus dem ‚Bruchstück einer Hysterieanalyse‘, vgl. Schlagmann,
1997 b), Mitleid zeugt von Aggression (Freud an Pfister nach Kernberg).
In diese Strategie des „Konfusionierens“ paßt
übrigens das Konzept des „Identifizierens“
vorzüglich hinein. Betrachten Sie einmal seine etymologischen Wurzeln: „Identisch
,ein und dasselbe bedeutend; völlig gleich (auch von Personen)‘ ... identifizieren
‚etwas genau wiedererkennen; die Identität einer Person feststellen‘“ (Duden,
Herkunftswörterbuch). „Identität f. ‚völlige Übereinstimmung,
Gleichheit, Wesenseinheit‘ wird im 18. Jh. aus spätlat. identitas (Gen.
identitatis) ‚Wesenseinheit‘ entlehnt, einer Ableitung von lat. idem
‚ebendasselbe‘ ... identisch Adj.
‚völlig gleich, übereinstimmend‘ (18. Jh.). identifizieren
Vb. ‚die Identität feststellen, einander gleichsetzen‘ Neubildung des 18. Jhs.
nach Mustern wie klassifizieren, exemplifizieren u. dgl. denen lat.
denominative Verben mit -ficare (vgl. lat. glorificare ‚glorifizieren‘), der
Kompositionsform von lat. facere ‚machen, tun‘ zugrunde liegen. Dazu
Identifizierung f. (19. Jh.).“ (Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, dtv).
Im normalen Sprachgebrauch verweist der
Begriff „identifizieren“ also auf einen sehr bewußten, aktiven, reflektierten,
rationalen Prozess des Vergleichens, Abwägens, Beurteilens, der dann zu einer
Feststellung führt, daß zwei Personen ein und dieselbe sind, oder zumindest völlig
übereinstimmen, wesensgleich sind. „Sich identifizieren mit jmd.“ muß also so
etwas meinen wie „sich in den Eigenschaften eines anderen - sehr bewußt und
reflektiert - wiedererkennen, sich - sehr bewußt und reflektiert - mit jemand
anderem als Wesenseinheit erkennen“. Man „identifiziert“ sich also - sehr
bewußt und reflektiert - z.B. mit einem Freund, einem Idol o.ä.
...
„Prägung“ und „Konditionierung“ - wie ich sie
verstehe - sind Prozesse, die bei einem Betroffenen eher passiv ablaufen,
während „Identifizierung“ einen aktiven Prozess impliziert. Es kommt sicher
nicht von ungefähr, daß in der Psychoanalyse mit Vorliebe auf die
„Identifizierung“ zurückgegriffen wird, denn es gehört zur triebtheoretischen
Grundhaltung, in erster Linie den aktiven Anteil des Säuglings an dem
Geschehen zu betonen. In ihm werden die „Perversionskeime“ (Freud,
„Bruchstück ...“ , 1905) verortet, die er nicht kontrollieren könne. Kernberg
ist ein Spezialist für derartige Beschuldigungen von Kleinkindern (vgl.
Schlagmann, 1997 a).
Dem halte ich jedoch meine Position
ausdrücklich dagegen, daß ich den Faktoren einer passiven Beeinflussung gerade
im frühen Kindesalter eine weitaus größere Bedeutung zumesse. Die Befunde der
Säuglingsforschung (vgl. Dornes, 1995, z.B. S. 140-150) scheinen mir diese
Frage eindeutig entschieden zu haben: Kinder re-agieren höchst sensibel
auf die Verhaltensmuster ihrer Eltern! Diese Dynamik bei der Entstehung
schwerer psychischer Störungen auf den Kopf gestellt zu haben - die Opfer zu
Tätern erklärt zu haben - halte ich für die verhängnisvollste Fehlleistung
von Sigmund Freud. Sie ist - meiner Analyse nach (Schlagmann, 1997a, 2000a, b,
c) - auf eine sehr persönliche, konflikthafte Familiengeschichte Freuds
zurückzuführen.
Die Triebtheorie, die die Wirklichkeit in
katastrophaler Weise auf den Kopf stellt, hat Freud als „geistiges Erbe“ seinen
Jüngern hinterlassen. Otto F. Kernberg bewährt sich als sein treuer Verwalter,
der diese Hinterlassenschaft sorgfältig hütet und sogar weiter vermehrt.
2.) Möglicherweise ist es tatsächlich so, daß
gravierende spätere Traumatisierungen (KZ, Folter, Vergewaltigung u.a.) allein
(oder zumindest überwiegend) bei „früh gestörten“ Menschen zu schweren
Schädigungen der Persönlichkeit führen. Diese Position scheint übrigens Alice
Miller (die ich sehr schätze) auf dem Hintergrund ihrer Erfahrung mit
derartigen Menschen zu vertreten. (Das würde dann quasi auch erklären, warum so
viele Menschen traumatische Erfahrungen relativ gut zu überstehen vermögen.)
Wenn in einer „frühen Störung“ der zentrale
Faktor für die Entwicklung einer schweren Persönlichkeitsstörung liegen
sollte, dann ist zu klären, ob denn nun eine angeborene, mangelhaft
kontrollierte Triebhaftigkeit des Säuglings zur Zerstörung der
Eltern-Kind-Beziehung führt (Kernberg, 1990), oder ob nicht die Reaktion auf
Beziehungsmuster der Erwachsenen das Kind in seinen Handlungsweisen
entscheidend prägt. Die Säuglingsforschung scheint - wie bereits gesagt - die
letztere Position zu bestätigen (vgl. Dornes 1995, z.B. S. 140-150). Sollten
also gerade traumatische Erlebnisse in der frühen Kindheit verantwortlich
sein dafür, daß spätere Traumatisierungen zu schweren Persönlichkeitsstörungen
beitragen, dann ist Kernbergs Argumentation doppelt und dreifach zynisch. Er
leugnet nämlich zunächst, daß die Betroffenen schon früh an Entwertung,
Mißachtung, Mißhandlung, mangelnder Fürsorge und Zuwendung o.ä. gelitten haben
könnten. Vielmehr attestiert er den Säuglingen unbewältigte „orale Wut“ oder
unbewältigte „ödipale Konflikte“. Spätere Trauma-Situationen werden nur
deswegen als schädlich klassifiziert, weil das Kind dort seine unbewältigten triebhaften
Deformationen einbringt. Schließlich wird, wenn es sein muß, dem Opfer auch
noch für alle folgenden Mißhandlungen bis ins Erwachsenenalter hinein
vorgeworfen, daß es sich die schädlichen Folgen davon mit seiner mißratenen
Persönlichkeit ganz allein selbst zuzuschreiben habe:
- Das KZ-Opfer bringt seinen Haß mit ins
KZ - vermutlich den an ihm haften gebliebenen „oralen Neid“ - „Klinisch gesehen steht also ein haßerfülltes Opfer
haßvoll einem haßerfüllten sadistischen Täter gegenüber“.
- Das unter 10jährige Mädchen prägt die
Situation seiner Vergewaltigung durch seinen ungelösten „Ödipus-Komplex“ - nur deswegen
hat sie ja Grund, das (nach Kernberg) für die Pathogenese verantwortliche
Schuldgefühl zu entwickeln. Hätte sie ihren Komplex bereits in dem von Freud
dafür vorgesehenen Alter (2-5 Jahre) bewältigt, dann hätte sie nämlich als
10jährige die ihr vom Papa gebotene Chance, die Mama auszustechen, entrüstet
abgelehnt. Daß es später zu dem kleinen Arrangement wie „in der Novelle ‚O‘“ kommt, daß sie also „als
Geschenk“ den Freunden des Gatten angeboten wird, das hat sie allein ihrer
masochistischen Persönlichkeit zuzuschreiben.
- Mindestens dreifach versagt hat auch die
suizidierte Klientin: daß sie eine antisoziale Persönlichkeit entwickelt hat,
liegt vermutlich daran, daß sie weder ihren „oralen Neid“ noch ihren
„Ödipus-Komplex“ bewältigt hat. Wohl deswegen nutzt sie dann später auch
skrupellos die Chance, durch den Sex mit ihrem Papa mit der Mama zu
rivalisieren. Diese „ödipale Schuld“ treibt sie in die Depression. Ihre
Boshaftigkeit findet ihren Höhepunkt, als sie ihren Therapeuten verführt, um
sich dann unter Verweis auf diese Situation umzubringen - und damit dem
Therapeuten (und sogar Kernbergs Klinik!) das Gericht auf den Hals zu hetzen.
Ein durch und durch verdorbenes Geschöpf!
3.) Daß Opfer zu Tätern werden können
(aber nicht müssen), habe ich ausdrücklich bestätigt. Kernbergs
Ungeheuerlichkeiten - so meine Hypothese - sind womöglich aus erlebten
Opfer-Situationen heraus verständlich. Aus eigener mehrjähriger Praxis kenne
ich persönlich jedoch eigentlich nur eine Betroffene, die in sehr deutlicher
Form „Täterverhalten“ reproduziert hat. Vermutlich landen diese Menschen eher
im Gefängnis und werden dort - wenn sie Glück haben - mit einem guten
Psychotherapeuten konfrontiert. Kernberg selbst führt kein wirklich
ernstzunehmendes Beispiel dafür an. Seine Gleichsetzung von Opfer und Täter
stellt für mich eine grobe Geschmacklosigkeit dar (KZ-Opfer) bzw. ist
vollkommen widersinnig (10jährige; Suizidopfer). Insofern habe ich bei meiner
Kritik diesen Punkt der Opfer-Täter-Transformation nicht vertieft (was ich
womöglich noch hätte machen sollen). Sehr stimmig finde ich übrigens Aussagen
von Alice Miller zu diesem Thema.
Kernbergs Argumentation läuft - um es mit
einem Vergleich auszudrücken - auf folgende Situation hinaus: als ob die
Polizei bei jedem Fall von Körperverletzung ihre Ermittlungen im wesentlichen
darauf beschränken würde, die Beteiligung der Geschädigten an dem Geschehen
aufzuklären - ob da nicht Provokation, masochistische Neigung, problematisches
Risikoverhalten oder ähnliches vorliegen würde -, und die einzige Konsequenz würde
in Bußgeldbescheiden bzw. Anklagen gegen die Betroffenen bestehen, weil sie
durch ihre Anwesenheit am Ort des Geschehens zur Tatzeit das Delikt zu
verantworten hätten. Dies scheint ungefähr die Logik zu sein, die ich in
Kernbergs Haltung wahrnehme. Hiergegen richtet sich vor allem meine Kritik.
4.) Wie das mit dem „als ob“ nun genau zu
verstehen ist, das könnte womöglich tatsächlich strittig sein. Ich habe dieses
„als ob“ gelesen als ein „genauso wie“. Das mag ein Interpretationsfehler sein,
aber ich meine, es ist bestenfalls unklar. Danke, daß Sie mich auf den
Zitatfehler aufmerksam machen. Er wird in einer Überarbeitung bereinigt.
5.) Ich bin tatsächlich immer wieder entsetzt
über das, was ich in dem Artikel gelesen habe. Und ich habe wirklich größte
Mühe, mich mit „Beherrschung“ mit diesen Ungeheuerlichkeiten
auseinanderzusetzen. Ich strebe eigentlich auch gar nicht an, rein „sachlich“
an diesen Text heranzugehen, denn er ist es ja auch selbst nicht, sondern bis
ins Letzte geprägt von (pseudotheoretisch getarnten) Entwertungen und
pathologischen Entgleisungen. Tatsächlich glaube ich, daß Kernberg von einer
maßlosen Verwirrung im Denken behaftet ist. Bei ihm handelt es sich
offensichtlich um einen psychisch schwerst gestörten Menschen, der es trotz - oder
vielleicht besser: gerade wegen - seiner Profession nie geschafft hat, das
selbst erlebte Leid einmal gründlich zu bearbeiten. Denn die Lehranalyse nach
klassischem Muster, der er sich als Analytiker zu unterziehen hatte, ist eine
Paradesituation, in der einem Menschen in Bezug auf alle möglichen
Opfer-Situationen unter den Hauptrubriken „Narzißmus“ und „ödipaler Konflikt“
eine Täterschaft suggeriert wird.
Meine Mutmaßungen über Kernberg sind immer
wieder kritisiert worden. (Lediglich ein Psychoanalytiker, Prof. R., hat
gemeint, für ihn klinge aus Kernbergs Argumentation ebenfalls Persönliches an.)
Wenn Sie weiter unten ein wenig zu meiner Person lesen, werden Sie womöglich
verstehen, warum ich „Deutungen“ durchaus für interessant halte. (Z.B. schätze ich
sehr die Ausführungen von Alice Miller zur Lebensgeschichte von bestimmten
Menschen. Ich weiß nicht, inwiefern meine „Mutmaßungen“ tatsächlich meinem
Anliegen schaden sollten. Immerhin habe ich sie ausdrücklich als solche
deklariert. Und sie sind ja sogar geschrieben in dem Bemühen um Verständnis,
quasi als Gegengewicht zu dem bei mir vorhandenen Ärger, Entsetzen und Abscheu.
Das unterscheidet mich m.E. deutlich von Kernberg selbst, der seine Deutungen
ja regelmäßig in einer entwertenden, negativen Art vornimmt. Für mich stellte
es eine Notwendigkeit dar, Kernbergs Text als Ausdruck einer massiven Störung
zu verstehen, sonst wäre ich bei der Besprechung wohl vollständig ausgerastet.
Es hat mich übrigens auch bei Freud selbst überaus fasziniert, Mutmaßungen über
seinen persönlichen Hintergrund anzustellen, warum er z.B. so sehr an den
Geschichten von Narziß und Ödipus gehangen hat, und warum er sie so
systematisch mißversteht. Da hat wohl eine gewisse „tiefenpsychologische“
Prägung mitgewirkt.
Nun darf ich Ihnen vielleicht kurz meinen
biographischen Hintergrund erläutern: als Psychologe habe ich zunächst ein
„tiefenspsychologisch fundiertes Verfahren“ - die
katathym-imaginative-Psychotherapie - erlernt, ein Verfahren, das ich bis heute
durchaus zu schätzen weiß. Für meine „Selbsterfahrung“ habe ich von der Methode
an sich sehr profitiert. Allerdings haben mehrere Unstimmigkeiten, v.a. auch
die theoretischen Unklarheiten der DozentInnen und ihre Unfähigkeit, die
Freudschen Dogmen überhaupt auch nur zu diskutieren, dazu geführt, daß ich dem
entsprechenden Verein vor einigen Jahren den Rücken zugekehrt habe. Im
Nachhinein wird mir erst deutlich, welch bizarren „Deutungen“ ich dort z.T.
ausgesetzt war. Auch eine früher absolvierte 2jährige „Analyse“ - im Anschluß
an eine womöglich auch „psychosomatisch“ bedingte Nervenwurzelentzündung
(Guillain-Barré-Syndrom), die mich fast vollständig lahmgelegt hatte -
durchschaue ich erst im Nachhinein in ihrer Absurdität.
Meine Exkursionen in den Bereich der
„Tiefenpsychologie“ habe ich durch eine verhaltenstherapeutische Ausbildung
ergänzt. Seit 1993 bin ich in eigener Praxis als Verhaltenstherapeut tätig.
Seit 1998 erlerne ich die Hypnose.
Der wichtigste Anlaß, mich mit der Theorie
der Psychoanalyse einmal näher zu beschäftigen, bestand darin, daß ich in
meiner Praxis mit einzelnen Menschen zu tun hatte, denen es nach einer
psychoanalytischen Therapie schlechter ging als zuvor. Besonders an einem Fall
war mir dies besonders deutlich geworden: ein junger Mann war als Kind vom
Vater brutal mißhandelt worden. Zusätzlich hatte der Vater versucht, ihm den
Abschluß einer höheren Bildung zu vereiteln. Der Klient hatte daraufhin massive
Angstzustände entwickelt, was ihn zu einer Gruppentherapie bei einem Analytiker
führte. In dem mir vorliegenden Therapieantrag des Psychoanalytikers wurde dem
Klienten quasi vorgehalten, er zeige „Haß
gegen den Vater“ und „Leistungsverweigerung“. Das ganze lief unter
der Rubrik: „ödipaler Konflikt“. Nach zwei Jahren dieser „Behandlung“
benötigte der Klient zusätzlich ein Asthmaspray. Das wundert mich nicht, denn
in gewisser Weise hat der „Therapeut“ hier die frühe Traumatisierung des
Klienten - die völlige Verständnislosigkeit aus dem sozialen Umfeld -
wiederholt, anstatt bearbeitet. Derartige Behandlungsstrategien produzieren
m.E. systematisch „Kunstfehler“.
Dieser Fall hatte mich übrigens 1996
angeregt, einmal bei Sophokles über das Problem von Ödipus nachzulesen, und
dabei hatte ich eine erstaunliche Entdeckung gemacht: Sophokles erzählt die
Geschichte einer Traumatisierung. Ein Kind wird zum Spielball seiner Eltern,
vor allem seiner Mutter. Sophokles bringt keine „Schicksalstragödie“ auf die
Bühne, sondern ein sehr spezielles (keineswegs universelles!) „Familiendrama“.
Das Verhängnis ist „hausgemacht“. Ödipus leidet an den Beziehungsdefinitionen,
die von seinen Eltern ausgehen. Er re-agiert lediglich auf das, was ihm von
seinen Eltern entgegen gebracht wird. Sein Verhalten spiegelt lediglich das
Verhalten der Eltern. Das Verhalten der Eltern ist primär, dort liegt also das
Problem. (Dies ist eine Dynamik, die ich in gestörten Familien bis heute für
plausibel und gültig halte.)
Freud erklärt mit seinem Konzept vom
angeblichen „ödipalen Konflikt“ das Opfer zum Täter. Er postuliert, daß jedes
Kind sich triebhaft seiner Eltern bemächtigen wolle. (Schon in der
Verallgemeinerung liegt - typisch für Freud - eine ungeheuerliche Plattheit.)
Otto F. Kernberg - Freuds Stellvertreter auf Erden - hat diese abstruse
Position auf die Spitze getrieben: in seinem Buch „Borderlinestörungen und
pathologischer Narzißmus“ argumentiert er, daß der Säugling die
Eltern-Kind-Beziehung zerstört - und zwar aus seiner „oralen Wut“ und seinem
„oralen Neid“ heraus (was immer das sein möge).
Dieser Interpretationsfehler - ein Opfer der
Verhältnisse zum Täter zu erklären - durchzieht Freuds Interpretationsmuster.
Ob er die Mythen von Ödipus und Narziß interpretiert, Shakespeares Drama
„Hamlet“ oder Wilhelm Jensens Novelle „Gradiva“. Immer wird das eigentliche
Opfer zum triebhaften Täter gestempelt. Und so, wie Freud Erzählungen und
Dramen gänzlich mißversteht, so mißversteht er auch die Lebensgeschichten von
KlientInnen, so z.B. diejenige von Ida Bauer („Dora“). Präziser gesagt: Freud
begeht eine „Verkehrung ins Gegenteil“. Dahinter steckt m.E. die Abwehr der
Einsicht in seine eigenes, persönliches Familiendrama. In „Zur Rehabilitation
der Könige Laios und Ödipus oder: die Lüge der Iokaste“ (1997 a) habe ich dies
ausführlicher analysiert. (Eine Kurzfassung meiner Ideen im Internet unter http://members.aol.com/oedipus01.)
Han Israels hat in seinem Buch „Der Fall
Freud“ (1999) sehr akribisch nachgewiesen, wie skrupellos Freud bereit war,
therapeutische Erfolge zu behaupten, selbst wenn er sich mit eigenen Augen von
den katastrophalen oder unbefriedigenden Wirkungen seiner Maßnahmen überzeugt
hatte. Israels erläutert dies vor allem anhand Freuds Empfehlungen, mit Kokain
eine Morphinsucht zu behandeln. Freud hatte diesbezüglich an seinem Freund
Fleischl-Marxow „experimentiert“. In mehrere Fachartikeln behauptete er
schnelle Erfolge mit seinem „Verfahren“, während er in den Briefen an seine
Verlobte vom katastrophalen Zustand des Freundes berichtete - was er an einer
Stelle sogar mit der Hoffnung verknüpft, die hohen Schulden bei diesem Freund vielleicht
nicht mehr begleichen zu müssen. Ein Arzt (Erlenmeyer), der versucht hatte,
Freuds Empfehlungen empirisch zu überprüfen und die verheerende Wirkung von
Kokaingaben bei Morphinsucht erkannt hatte, war von Freud niederträchtig
diffamiert worden.
Freuds Theorie wird bis heute in ihrer alten
Form weiter tradiert. Daran ändern auch die gebetsmühlenhaft wiederholten
Beteuerungen nichts, daß die Theorie ja heute schon viel weiter sei. Natürlich
hat es einige interessante Theoretiker und Forscher im Umkreis der
Psychoanalyse gegeben, die sehr vernünftige Ideen hatten, z.B. Adler, Ferenczi,
Horney, Winnicott, Miller, Masson. An ihnen hat sich aber auch immer wieder
dasselbe Schicksal erfüllt: sie wurden wegen ihrer kritischen Sichtweise
geächtet, ausgeschlossen, haben z.T. irgendwann einsehen müssen, daß es
keinerlei Zweck hatte, mit den früheren Kollegen diskutieren zu wollen.
Im Rahmen einer Kritik des Triebmodells (1997
a) hatte ich bereits einmal anhand dreier weiterer Werke von Kernberg dessen
menschenverachtende Einstellung gegenüber seinen KlientInnen aufzuzeigen
versucht. In der jüngsten Publikation treibt er jedoch m.E. seine
Ungeheuerlichkeiten auf die Spitze. Seine Position ist jedoch bis heute
„hoffähig“, sie wird von sog. „PsychoanalytikerInnen“ begeistert beklatscht. Es
sind Positionen - wie gesagt -, die systematisch Opfer zu Tätern erklären, die
ein „Identifizieren mit den Tätern“ als heilsam propagieren, die dabei
ausblenden, daß eine derartige psychotherapeutische Vergewaltigung wohl nur insofern
„wirkt“, als sie die Opfer noch mehr in die Resignation treibt (und damit
womöglich tatsächlich eine gewisse „Ruhigstellung“ bewirkt).
Es reicht wohl nicht allein aus, andere,
vernünftigere, plausiblere, hilfreichere Konzepte einem solchen Unsinn entgegenzustellen.
In der Geschichte der Medizin und der Heilkunde gibt es wohl genügend Beispiele
dafür, daß beharrliches Unwissen oder sture Unvernunft auf Seiten von
„Fachleuten“ katastrophale Folgen hatten. So hat sich die konsequente Umsetzung
der von Semmelweis empfohlenen Hygienemaßnahmen gegen die Verbreitung des
Kindbettfiebers durch die Uneinsichtigkeit zeitgenössischer Kollegen tragisch
verzögert. So hat es auch bis zu 6 Jahren gedauert, bis Thalidomid (Contergan)
vom Markt genommen wurde. Kritische Studien zu den Nebenwirkungen wurden
verzögert bzw. nicht gedruckt.
Ich möchte mich dafür engagieren, daß der
hirnverbrannte Spuk der Triebtheorie endlich aufhört. Die mit dem Geschehen um
Kindbettfieber und Contergan m.E. vergleichbare Tragik im Bereich der
Psychotherapie sollte sich nicht mehr allzu lange fortsetzen dürfen. Meine
kleine Kampagne gegen diese pathologischen Widerwärtigkeiten setzt an
verschiedenen Punkten an:
Zunächst habe ich meine Kritik an dem
Kernberg-Text an diverse KollegInnen (ca.500) versandt. Die Auswahl war v.a.
durch leichte Erreichbarkeit per Internet bestimmt. Dabei hatte ich jeweils um
eine Rückmeldung gebeten. In ungefähr der Hälfte der Texte hatte ich nicht
preisgegeben, wer der Autor der kritisierten Thesen war. Dadurch habe ich zwei
überaus interessante Rückmeldungen von zwei prominenten Analytikern erhalten.
(Prof. Z2: „Sehr geehrter Herr
Schlagmann, fast beneide ich Sie wegen Ihrer Fähigkeit, Ihre berechtigte
Entrüstung und Wut zum Ausdruck zu bringen und auch an Wege zu denken, wie man
pragmatisch gegen solche Texte vorgehen kann, die das Gesamtbild des
Psychotherapeuten schädigen. Ich selbst habe nämlich fast resigniert
gegen den Aggressions- bzw. Todestrieb anzugehen, nachdem ich
festgestellt habe, daß mir sonst gutwillig und vernünftig erscheinende Kollegen
nach langen Diskussionen, in denen ich geglaubt habe sie überzeugt zu haben,
sie in stereotyper Weise immer wieder auf diese alten überholten
triebtheoretische Postulate zurückkamen.“ Prof. Raymond Battegay: „Sehr
geehrter Herr Schlagmann, ... Natürlich bin auch ich der Ansicht, dass der von
Ihnen zitierte Kollege psychoanalytisch nicht belegbare Theorien verwendet, die
zweifellos die Problematik der betreffenden Patienten verfehlen. Zwar kennen
wir seit Freud das psychologische Phänomen der Identifikation mit dem Feind.
Diese richtet sich aber immer (unbewusst) gegen die eigenen Person.“)
Die Reaktionen reichen insgesamt von
Gleichgültigkeit über boshafte Kommentare
(Sehr geehrter Herr Schlagmann, auch ich bin nach Ihrer Mail sehr besorgt -
allerdings nicht über Herrn Kernberg, sondern über Sie, der Sie - völlig aus
dem Zusammenhang gerissen - offensichtlich wenig von Täter-Opfer-Dynamiken
verstehen. Ich kann das an dieser Stelle nicht näher ausführen, weil es völlig
den Rahmen einer mail sprengen würde, bin aber auch erschrocken über so viel
Oberflächlichkeit. Mit freundlichen Grüßen - Prof. A1) bis hin
zu deutlicher Zustimmung. Interessanter Weise habe ich ca. 45 Rückmeldungen
erhalten in den Fällen, in denen ich den Autor nicht angegeben hatte, gegenüber
ca. 6 Rückmeldungen, in denen ich den Autor genannt hatte. Von etlichen
KollegInnen, die bei der anonymisierten Fassung zunächst Kritik an Kernbergs
Thesen angedeutet hatten, jedoch ein Urteil bis zur Kenntnis der Quelle
aufschieben wollten, habe ich - nach Mitteilung der Quelle - bis heute nichts
mehr gehört.
Prof. Buchheim, einer der Herausgeber der
Zeitschrift, in der Kernberg veröffentlicht hat (Kernberg ist auch
Mitherausgeber) hat zwar im Editorial vollmundig verkündet, man wünsche sich
eine kritische Diskussion, auf mein Anschreiben habe ich jedoch bis heute keine
Reaktion erhalten. Auch Kernberg hat - wie zu erwarten - nicht auf mein
Anschreiben reagiert.
Die erhaltenen Rückmeldungen haben z.T. dazu
geführt, daß ich meine Position - als Erwiderung auf typische Einwände - weiter
ausformuliert habe. Ich stelle mir im Moment vor, die gesammelten Rückmeldungen
etwas zu typisieren, durch meine weiteren Stellungnahmen zu ergänzen, das ganze
als Datei oder in einer Art Broschüre drucken oder vervielfältigen zu lassen
und interessierten Menschen zugänglich zu machen.
Derzeit bemühe ich mich auch darum, daß
Kernbergs Position bspw. von einer Ethik-Kommission bei der „Deutschen
Gesellschaft für Psychologie“ begutachtet wird. Die Kommission ist derzeit wohl
nur kommissarisch von Prof. Netter besetzt. Er hat mich um Geduld gebeten, bis
eine neue Besetzung gewählt ist. (Der BDP fühlt sich dafür übrigens nicht
zuständig.)
Ich hatte mich auch darum bemüht, das Bundesgesundheitsministerium
auf diese m.E. gesundheitsschädliche Position aufmerksam zu machen. Die
Leiterin der Ethik-Kommission des BGM für den Bereich Psychologie (Frau Dr.
Reiter-Theil) hat bis heute nicht geantwortet. Ein Mitarbeiter des BGM (Dr.
Redel) hat mich auf die Landesministerien verwiesen. (Ende November habe ich
einen Termin im saarländischen Gesundheitsministerium.) Möglicherweise läßt
sich ja von Seiten des Gesetzgebers ein wenig Druck entfalten, daß bspw. die
Wirkung der von Kernberg empfohlenen Therapie einmal gezielt ein wenig unter
die Lupe genommen wird. Vielleicht ist es ja erreichbar, daß von politischer
Seite so etwas wie ein offizieller Warnhinweis abgegeben wird.
Schließlich habe ich mich auch bei den
BürgermeisterInnen von Lindau bemüht, dafür zu werben, daß Kernberg in Lindau
„geächtet“ wird, daß von dort z.B. Druck gemacht wird, daß er den
„wissenschaftlichen Beirat“ zu verlassen hat. Die Rückmeldungen von dort sind
bisher wenig ermutigend. Man schrieb mir, man habe mein Anliegen an das
Organisationsbüro der „Lindauer Psychotherapiewochen“ weitergeleitet - die
entsprechenden Herrschaften hatte ich bereits zuvor angeschrieben, ohne daß
eine beachtenswerte Reaktion erfolgt wäre. Ich werde mich allerdings weiterhin
bemühen, die örtliche Presse auf den Fall aufmerksam zu machen.
Neulich ist mir das Buch von Dörte v.
Drigalski in die Hände gefallen („Blumen auf Granit. Eine Irr- und Lehrfahrt
durch die deutsche Psychoanalyse“. 1991). Sie beschreibt sehr kritisch ihre
Erfahrungen in zwei „Lehranalysen“. In ihrem Buch berichtet sie mehrfach über
die katastrophalen schädlichen Folgen einer „Psychoanalyse“ - Suizide, tödliche
Unfälle etc. In ihrem Vorwort schreibt sie: „Die
Berufsgruppe der Psychoanalytiker hat intellektuell für mich abgedankt. Ich
habe viel korrespondiert und diskutiert, kam aber bei jedem, aber wirklich
jedem an den Punkt, wo er päpstlicher als der Papst wurde bzw. sehr feindselig:
wenn die Infragestellung der Psychoanalyse ein Spürchen zu weit ging. Letztlich
fand ich sie einzeln und als Gruppe intellektuell desinteressiert,
verantwortungslos ihrem Tun und ihren Patienten und ihrem Nachwuchs gegenüber.“
(Vorwort S. IX). Das entspricht ziemlich genau den Erfahrungen, die ich
ähnlich gemacht habe.
Neulich fiel mir auch wieder ein, daß ich
Anfang 1999 an einer Delphi-Studie der Uni Saarbrücken zum Thema „Trauma und
Erinnerung“ teilgenommen hatte. (Der Initiator, Herr Prof. Krause, leistet
Kernberg in dem Heft der PTT m.E. quasi Schützenhilfe bzw. Kernberg scheint
sich auch ein wenig an ihn zu klammern.) Schon die Art der Befragung hat mich
teilweise ziemlich geschockt. Bspw. werden in einigen Statements Kriterien
benannt, die von TherapeutInnen als Hinweis für das Vorliegen einer „retrospektiven Phantasie“ (deren Vorkommensmöglichkeit
ich gar nicht bestreiten möchte!) gewertet werden. Die Statements waren nach
dem Ausmaß der Zustimmung zu gewichten.
„20.4: Die Schuldfrage wird eher externalisiert
und bei dem/der Täterin gesucht.
04,7 % stimme gar nicht zu 29,7% stimme
überwiegend nicht zu 51,6% stimme im wesentlichen
zu 14,1% stimme völlig zu
20.5 Die Pat. gehen mit einer größeren
Überzeugung und Sicherheit davon aus, dass eine sexuelle Traumatisierung
stattgefunden haben müßte.
04,9 % stimme gar nicht zu 31,1%
stimme überwiegend nicht zu 50,8% stimme im wesentlichen
zu 13,1% stimme völlig zu“
(Aus: Anke Kirsch, 1999)
Gibt das nicht ein erschreckendes Bild vom
Zustand der (überwiegend deutschen) Psychotherapie? Über 60% der (91) Fachleute
ordnen die ihnen geschilderten Traumatisierungen eher einer „retrospektiven
Phantasie“ zu, weil die Betroffenen dies mit sicherer Erinnerung und ohne
eigenes Schuldbewußtsein tun! Bei der Studie waren übrigens drei Antwortende
ausgeschlossen worden. Womöglich gehört meine Antwort dazu, was ich derzeit
noch zu klären versuche. Ich hatte nämlich auf sieben Seiten eine detaillierte
Rückmeldung zu den einzelnen Statements gegeben. [Inzwischen weiß ich, dass meine Antwort tatsächlich für
die Studie nicht verwertet wurde. K.S.]
Es freut mich sehr, daß meine kleine Aktion
bei Ihnen eine so engagierte Resonanz gefunden hat. Ich würde mich freuen, wenn
Sie womöglich noch die eine oder andere Anregung haben oder Ideen für eine
weitere Kooperation. Gerne werde ich Sie über den weiteren Verlauf informieren.
Mit freundlichem Gruß - Klaus Schlagmann
26.10.2000
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
herzlichen Dank für Ihr umfangreiches Schreiben.
Ich muß schon sagen, daß mich Ihre Intensität der Auseinandersetzung sehr
beeindruckt. Ich habe Ihren Brief soeben studiert, muß ihn aber mindestens noch
ein- zweimal lesen bis ich alles verstanden habe. Vieles kann ich einfach nicht
nachvollziehen, da ich Kernberg – mit Ausnahme des besagten Artikels – vorher
nie im Original gelesen habe. Da habe ich aber wohl nichts versäumt. Auch Ihre
Lesart der Freudschen Theorie ist mir nicht geläufig.
Ihr Vorgehen finde ich mittlerweile sehr interessant. Mir leuchtet nun auch
ein, warum Sie Kernberg im ersten Schreiben nicht genannt haben. Die Reaktionen
sprechen für sich. Der Stil des Briefes von A1 ist eine Unverschämtheit. Das
Problem der Täter-Opfer-Problematik ist bei weitem nicht ausgelotet. Mir liegt
hier mehr die sozialpsychologische Lesart a la Greve oder Montada.
Ich habe mich vor vielen Jahre mit dem Problem der therapeutischen Mißerfolge
beschäftigt, dieses auch empirisch untersucht (in dieser Zeit bin ich auch auf
das Buch von Drigalski gestoßen). In diesem Zusammenhang wandte ich auch eine
ehemalige jahrelang psychoanalytisch behandelte Patienten an mich. Sie hatte
ihre Leidensgeschichte aufgeschrieben und wollte diese publizieren. Ich habe
alle möglichen Verlage angeschrieben und bekam entweder keine Antwort oder mir
wurde beschieden, daß man das Werk wegen möglicher Regreßansprüche nicht
drucken könne. Ich befürchte, daß es Ihnen ähnlich ergehen wird.
Ich kenne die Delphi-Studie nicht, habe aber nicht verstanden, warum die
Ergebnisse Kernberg Schützenhilfe leisten. M.E. geht es bei der Delphi-Studie
um etwas ganz anderes, um die „Korrektheit“ von Erinnerungen.
Ich werde den Artikel von Kernberg am 12.12. in
meiner Vorlesung Klinische Psychologie zum Thema „Zur Bedeutung der frühen
Kindheit“ vorstellen und mich dann wieder bei Ihnen melden.
Mit freundlichen Grüßen – Wolfgang Schulz
Saarbrücken, den 26. Oktober 2000
Sehr geehrter Herr Prof. Schulz,
zunächst erneut herzlichen Dank für Ihren
freundlichen Zuspruch!
Wenn Sie möchten, dann hier noch eine kurze
Erläuterung zu dem von mir wahrgenommenen Zusammenhang zwischen Kernberg und
Delphi-Studie:
Die Triebtheorie ist ja von Freud als
Gegenpol zur Trauma-Perspektive entwickelt worden. Es hatte ja Tradition
innerhalb der Psychoanalyse, PatientInnen, die davon berichteten, daß sie z.B.
sexuell mißbraucht worden wären, einzureden, daß dies nur ihren Wunschvorstellungen
entsprochen hätte. Eine solche Sichtweise ist ja schon schlimm genug. Kernberg
treibt es auf die Spitze, indem er bei einem sogar attestierten Mißbrauch in
der Kindheit der Triebkomponente dabei (der ödipalen Lust und Schuld) das
Hauptgewicht zumißt. Er sagt also ungefähr: Ich zweifle zwar nicht daran, daß
ein Mißbrauch stattgefunden hat, aber das Problem der Klientin entsteht im
wesentlichen daraus, daß Sie dies als erregenden Triumph über die Mutter erlebt
hat, woraus ihr dann Schuldgefühle erwachsen sind.
Vermutlich, weil eine derartige Position beim
Publikum nicht so gut ankommt, wird als Begleitmusik immer wieder die Leier
abgespielt, daß ja sowieso immer fraglich sei, wieweit man Erzählungen von
einem Mißbrauch überhaupt Glauben schenken dürfe. Es gebe zwar einzelne Fälle,
in denen derartiges vorkomme, aber ... . Mit einer solchen Sichtweise wird die
Triebperspektive eher gestützt (die PatientInnen wollen sich so etwas
einbilden), das Vorkommen von Traumatisierungen wird eher heruntergespielt.
Würde der Traumatisierung als ätiologisches Moment ein größerer Stellenwert
zugemessen, dann müßte man sich ja einmal mehr Gedanken über dessen zerstörende
Wirkung auf die Psyche machen. Solche Gedanken wurden von Freud ja ab September
1897 stark tabuisiert.
Die Infragestellung der Erinnerung steht m.E.
also stark im Dienst der Stärkung der Triebposition. (Ich will dabei - wie in
meinem Brief ausgeführt - nicht in Abrede stellen, daß falsche Erinnerungen
vorkommen können. Allerdings habe ich in meiner Praxis noch nie einen Fall
erlebt, in dem ich entsprechende Zweifel entwickelt hätte, wohl aber ca. 25
Fälle, in denen ich keinerlei Grund hatte, an den Erzählungen der Betroffenen
zu zweifeln.) In diesem Zusammenhang finde ich es dann katastrophal, wenn über
60% der befragten TherapeutInnen bei bestimmten Kriterien - nämlich Sicherheit
der Erinnerung und Externalisierung der Schuld (für mich absolut angemessene
Reaktionsweisen, Hinweise auf eine "gesunde" Konfrontation mit dem
Thema) - davon ausgehen, daß es sich um falsch erinnerte Geschichten handelt.
Sie sagen dann den Betroffenen ungefähr: "Je sicherer Sie sich sind, daß
bei Ihnen ein Mißbrauch stattgefunden hat, und je mehr Sie dem Täter die Schuld
dafür zumessen, desto sicherer bin ich mir, daß es sich bei Ihren Erzählungen
um reine Phantasieprodukte handelt!" Entweder man verläßt dann umgehend
eine derartige Praxis, oder man wird depressiv, oder wahnsinnig.
Soweit zu dem von mir wahrgenommenen Zusammenhang zwischen Triebtheorie à la
Kernberg und Überlegungen zur "falschen Erinnerung".
Daß Ihnen meine Lesart der Freudschen Theorie nicht geläufig ist, das braucht
Sie übrigens nicht so sehr zu verwundern. Sie ist ziemlich einzigartig, hat es
aber bisher schwer gehabt, wahrgenommen zu werden, weil ich auch nicht in einem
etablierten Wissenschaftsbetrieb verankert bin, sonder als
"Einzelkämpfer" so langsam meine Ideen unter die Leute zu bringen
versuche.
Mit freundlichen Grüßen - Klaus Schlagmann
Ministerien, Ethikkommissionen, Gesellschaften u.a.
Ethik-Kommission des Bundesgesundheitsministeriums, Frau
Dr. Reiter-Theil
04.09.2000
Sehr geehrte Frau Dr. Reiter-Theil,
im Internet habe ich wahrgenommen, daß Sie in der
Ethik-Kommission des Bundesgesundheits-Ministeriums u.a. für den Bereich
Psychologie zuständig sind. In dieser Funktion möchte ich Sie gerne auf ein
m.E. gravierendes ethisches Problem aufmerksam machen:
...
Ich hoffe, Sie teilen meine Einstellung, daß
einem solchen Konzept ausdrücklich und vehement widersprochen werden muß! ...
Mit freundlichem Gruß - Klaus Schlagmann
(Keine Reaktion auf das Anschreiben.)
BUNDESMINISTERIUM FÜR GESUNDHEIT
Betr.:
Psychotherapie ‑ ethische Probleme
Bezug:
Ihre Nachricht vom 12.9.2000
Bonn, den 26. September 2000
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
Frau Ministerin Fischer dankt Ihnen für Ihr o.g.
Schreiben. Sie hat mich beauftragt, Ihnen zu antworten.
Die Zuständigkeit des Bundes für den Bereich der
Psychotherapie erschöpft sich in der Regelung der Ausbildungen zu den Berufen
des Psychologischen Psychotherapeuten und des Kinder‑ und
Jugendlichenpsychotherapeuten im Psychotherapeutengesetz. Für die Durchführung
des Gesetzes sind die Länder zuständig. Das gleiche gilt für die Frage der
Einrichtung von Kammern für die genannten Berufe. Mit der Bildung von
Psychotherapeutenkammern übernehmen diese den Ärztekammern vergleichbare Funktionen.
Gegenstand ihrer Tätigkeit sind dann u.a. auch ethische oder berufsständische
Angelegenheiten.
Hinsichtlich der Anerkennung wissenschaftlicher
Verfahren hat das Psychotherapeutengesetz den Ländern einen wissenschaftlichen
Beirat zur Seite gestellt, dessen Gutachten diese in Zweifelsfällen einholen
können.
Mit der Schilderung der Zuständigkeiten möchte
ich klar zum Ausdruck bringen, dass das Bundesministerium für Gesundheit keine
Zuständigkeit hat in der Beurteilung von psychotherapeutischen Konzepten oder
psychodynamischen Krankheitsmodellen.
Mit freundlichen Grüßen - Im Auftrag - Dr. Redel
Ethikkommission der
deutschen Gesellschaft für Psychologie, Prof. Dr. Dr. P. Netter
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
ich erhielt von Ihnen den an Prof. Schuler
geschickten Brief mit Ihrer Stellungnahme zu dem Artikel, da Prof. Schuler den
Vorsitz der Ethikkommission abgegeben hat, und ich dies kommissarisch
uebernommen habe, bis ein neuer Vorsitzender bestimmt ist.
Es ist mir nicht ganz klar, welche Intention Sie
damit verbunden haben, diese Korrespondenz und Ihre Stellungnahme an die
Ethikkommission der Deutschen Gesellschaft fuer Psychologie zu schicken. Ich
konnte Ihrem Schreiben nicht entnehmen, ob Sie eine Stellungnahme dazu
erwarten, und welchen Zweck Sie damit verfolgen. Normalerweise ist es ja so,
wenn man Kritik an einem wissenschaftlichen oder auch weniger
wissenschaftlichen Artikel aeussern moechte, schreibt man an die Zeitschrift oder
den Autor und schickt dort seine Stellungnahme hin. Es wird sehr viel
wissenschaftlicher Unsinn oder auch ethisch Bedenkliches geschrieben.
Die Ethikkommission sieht nicht ihre Aufgabe
darin, die saemtlichen Publikationen auf dem Sektor halbwissenschaftlich
publizierender Autoren daraufhin durchzusehen, ob sie unethische Aussagen
enthalten. Es geht hier um Handlungen, Experimente und therapeutische
Absichten, die Psychologen haben, zu denen die Ethikkommission ihre
Stellungnahme abgeben muss, um damit Richtlinien zu gewaehrleisten fuer
zukuenftige Aktionen von Psychologen. Wenn Meinungen oder Fehlinterpretationen
von wissenschaftlichen Befunden kundgetan werden, ist dies eine Frage der
Auseinandersetzung zwischen den Kritikern und den Autoren.
Wenn Sie moechten, dass von seiten der
Ethikkommission eine Stellungnahme abgegeben wird, wuerde ich Sie bitten, das
mitzuteilen. Ich wuerde dann allerdings warten, bis der neue Vorstand dieser
Kommission im Amt ist, um dann in einem autorisierten Gremium ueber eine solche
Stellungnahme zu entscheiden.
Mit freundlichen Gruessen - Prof.
Dr. Dr. P. Netter
Sehr geehrter Herr Prof. Netter,
vielen Dank für Ihre Antwort auf mein
ursprünglich an Herrn Prof. Schuler gerichtetes Schreiben.
Lassen Sie mich mein Anliegen an Sie noch
etwas genauer formulieren (Sie haben Recht mit der Kritik, daß dies aus meinem
Schreiben nicht so recht deutlich wird, wobei ich aber auch nicht über die
Möglichkeiten der Ethik-Kommission informiert bin).
Ich würde mir wünschen, daß die Ethik-Komission
den von mir in dem Schreiben "Weisheit oder Wahnsinn?" kritisierten
Artikel begutachtet und zu den dort vorgetragenen Patienten-Bewertungen und
"Therapie-Empfehlungen" ausdrücklich Stellung bezieht. (Ich darf mir
wohl die Wiederholung der Ungeheuerlichkeiten ersparen.) M.E. müßte eine
ausdrückliche Warnung ausgesprochen werden, derartigen Richtlinien zu folgen:
* In dem kritisierten Artikel wird dazu
aufgefordert, Patienten und Patientinnen bei Vorliegen von Mißhandlungen in der
Kindheit dazu zu bringen, sich mit ihren Mißhandlern zu
"identifizieren". In meiner Praxis habe ich Patienten erlebt, die
eine derartige "Therapie" miterlebt hatten. Sie waren quasi als Opfer
zum Täter erklärt worden. Dies hatte bei ihnen zu einer GESUNDHEITLICHEN VERSCHLECHTERUNG
geführt.
* Ein krasser Therapeuten-Fehler, der zum
Suizid einer Patientin geführt hat (Verführung der Patientin durch den
Therapeuten; zugrundeliegende Mißbrauchserfahrung), wird bagatellisiert, indem
die Schuld ganz dem Opfer zugeschoben wird. Derartige Empfehlungen ermuntern
dazu, Therapeutenfehler unreflektiert zu lassen. Es wird quasi ein offizieller
Abwehrmechanismus geschaffen, mit dessen Hilfe Therapeuten ihre eigenen Fehler
ihren KlientInnen zuzuschieben vermögen.
Ausdrücklich hervorheben möchte ich, daß
derjenige, der dies empfiehlt (Otto F. Kernberg), keineswegs dem "Sektor
halbwissenschaftlich publizierender Autoren" zuzurechnen ist. Als
Präsident der "Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung" hat
seine Stimme erhebliches Gewicht in dieser Theapierichtung, die zumal von den
Krankenkassen in der Bundesrepublik mit einem herausragenden
Leistungskontingent (300 finanzierte Therapie-Stunden) besonders ausgezeichnet
ist. Ich behaupte, daß Kernberg lediglich mit äußerster Konsequenz das von
Sigmund Freud in die Welt gesetzte Trieb-Modell ausformuliert und dabei dann zu
seinen - m.E. höchst zweifelhaften und vermutlich schädlichen -
Therapieempfehlungen gelangt. Ich hatte darauf hingewiesen, daß ich bereits
1997 anhand früherer Publikationen von Kernberg seine Einstellung gegenüber
Klientinnen als äußerst problematisch eingeschätzt hatte.
Mit den Behauptungen, die ich hier aufstelle,
packe ich natürlich ein heißes Eisen an. Aber ich meine, daß ich gute Gründe
für meine Position ins Feld führen kann bzw. daß die kritisierten Passagen für
sich sprechen. Als in einer Einzelpraxis niedergelassener Therapeut verfüge ich
natürlich nicht über die nötigen Ressourcen, um bspw. eine gründlichere Studie
zu diesem Thema veranlassen zu können. Dies könnte ein weiterer Punkt sein, in
dem Sie mich womöglich unterstützen könnten, indem Sie z.B. gegenüber
verschiedenen Instituten die Anregung geben würden, diese Fragestellung
empirisch zu untersuchen.
Schließlich würde ich mich sehr freuen, wenn
Sie auch in Ihrer Stellung als kommissarischer Leiter der Ethik-Kommission eine
quasi vorläufige Stellungnahme dazu abgeben könnten. Ich bemühe mich derzeit,
auch im politischen Bereich Entscheidungsträger für diese Frage zu
sensiblisieren, so daß eine vorliegende Stellungnahme aus Ihrem Munde hier
hilfreich sein könnte. (Da das Bundesgesundheitsministerium sich für diese
Frage als "nicht zuständig" erklärt hat, habe ich mich an das meinem
Wohnort zugehörige Saarländische Gesundheitsministerium gewendet. Ebenso habe
ich die Bürgermeister der Stadt Lindau angeschrieben, da Otto F. Kernberg u.a.
im wissenschaftlichen Beirat der Lindauer Psychotherapiewochen wirkt. Auf
diesem Hintergrund werde ich auch noch das Bayrische Gesundheitsministerium
anschreiben.)
Bei Rückfragen stehe ich Ihnen gerne zur
Verfügung. Gerne mach ich Ihnen die auf mein Schreiben hin entstandenen
Rückmeldungen aus dem Kollegenkreis zugänglich.
Über eine Rückmeldung Ihrerseits würde ich
mich freuen.
Mit freundlichem Gruß - Klaus Schlagmann,
Saarbrücken
(Keine weitere Reaktion.)
Österreichische Gesellschaft für wissenschaftliche
Gesprächspsychotherapie
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
wir danken für Ihr mail und reichen es an den
Vorstand und die Wissenschaftskommission der ÖGWG weiter. Mit freundlichen
Grüßen und guten Wünschen für Ihr Unterfangen Gunda Hochfilzer (Leiterin der
Geschäftsstelle)
(Keine weitere Reaktion.)
Berufsethische Kommission des Föderation der Schweizer
Psychologinnen und Psychologen FSP
Sehr geehrter Herr Schlagmann
Wir haben Ihre Anfrage zur Beantwortung an
unsere Berufsethische Kommission weitergeleitet.
Mit freundlichen Grüssen - Felix Schneuwly -
Generalsekretär FSP
(Keine weitere Reaktion.)
Forum Berufsethik Psychotherapie, Frau Dr.
Hutterer-Kirsch
Mein Standardschreiben vom 3. September (ohne
Autorenangabe) erhielt ich zurück mit der handschriftlichen Notiz:
„Ich werde es in der 1. Sitzung nach Herbst =
vorauss. 12.12. zur Sprache bringen.“
MfG - Renate Hutterer
(Keine weitere Reaktion.)
Vereinigung der Kassenpsychotherapeuten
04.09.00
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
da wir ein Berufs- und kein Fachverband sind, können
wir zu dem Artikel nicht Stellung beziehen. Da es sich um eine
psychoanalytische Fragestellung handelt, sollten Sie sich an den Verband DGPT
wenden.
Mit freundlichen Grüßen – Dieter Best,
Vereinigung der Kassenpsychotherapeuten
Gespräch mit Herrn Ingwart Tauchert vom saarländischen
Gesundheitsministerium
Am 19. Dezember 2000 führte ich ein Gespräch mit
Ingwart Tauchert vom Saarländischen Gesundheitsministerium zum Thema. Fazit:
Die Politik fühle sich nicht zuständig, sich in die fachlichen Angelegenheiten
von Berufsverbänden einzumischen. Es sei ja geplant, eine
Psychotherapeutenkammer zu gründen, die für solche Angelegenheiten zuständig
wäre.
Die Organisatoren der Lindauer Psychotherapie-Wochen
Saarbrücken, den 14. September 2000
Sehr geehrte Damen und Herren,
Sie sind mit der Organisation der
alljährlichen "Lindauer Psychotherapie-Wochen" betraut, an denen ich
auch bereits zu meiner Freude teilgenommen habe.
Kürzlich bin ich in einer Fachzeitschrift von
1999 auf die Formulierung einer Position gestoßen, die mich sehr schockiert
hat: ... [der übliche Standard-Text]
Teilen Sie meine Einstellung, daß einem
solchen Konzept ausdrücklich und vehement widersprochen werden muß?
Nun werden Sie womöglich fragen, was das
Ganze mit Ihnen zu tun hat. Nun: Der Autor, der dies schrieb, sitzt im
wissenschaftlichen Beirat der Lindauer Psychotherapie-Wochen. Derzeit bemühe
ich mich darum, dessen Ausführungen vor die eine oder andere Ethik-Kommission
zu bringen. Womöglich halten Sie es auch für geraten, Ihrerseits die Sache zu
begutachten. Derartige "Experten" bringen die Psychotherapie in
Mißkredit.
Meine Position habe ich - neben umfangreichen
Zitaten aus dem kritisierten Artikel - in einer 11seitigen Schrift
niedergelegt, die der eMail angehängt ist (Format Word '95). Meine Kritik
verbinde ich mit dem Versuch, die zugrunde liegende Psychodynamik einer solchen
Argumentationslogik zu erschließen.
Über eine kurze Rückmeldung Ihrerseits würde
ich mich freuen.
MfG - Klaus Schlagmann
(Keine Reaktion.)
Die Oberbürgermeisterin der Stadt Lindau, Petra Meier to
Bernd-Seidl
4. Oktober 2000
Sehr geehrter Herr Schlagmann,
Ihren Brief vom 15. September 2000 habe ich erhalten
und an die zuständige Stelle der „Lindauer Psychotherapie-Wochen“
weitergeleitet.
Damit wären auch Ihre Bitten an Herrn
Bürgermeister Dr. Birk und Frau Bürgermeisterin Seberich zunächst erledigt.
Mit freundlichen Grüßen - Petra Meier to
Bernd-Seidl, Oberbürgermeisterin
(Keine weitere Reaktion.)
[Mir war damals noch gar nicht bewusst, dass
Kernbergs Artikel von 1999 einem Vortrag entsprungen war, den er 1997
anlässlich der „Lindauer-Psychotherapiewochen“ gehalten hatte.]
Hier zurück zur Kernberg-Übersicht, hier zum Beginn dieser Seite.
Literatur
Borch-Jacobsen, Mikkel (1997): Anna O. zum Gedächtnis. Eine
hundertjährige Irreführung. München
Breuer,
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Dornes,
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Drigalski,
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Psychoanalyse. Frankfurt a.M.
Duden
(1989): Herkunftswörterbuch, Mannheim
Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), München
Freud,
Anna (1975): Das Ich und die Abwehrmechanismen. München
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Israëls,
Han (1999): Der Fall Freud. Hamburg
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Otto F. (19905): Borderline-Störungen und Pathologischer Narzißmus. Suhrkamp
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Otto F. (19913): Schwere Persönlichkeitsstörungen. Theorie, Diagnose,
Behandlungsstrategien. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart.
Kernberg,
Otto F. (1993): Psychodynamische Therapie bei Borderline-Patienten. Unter
Mitarbeit von Michael A. Selzer, Harold W. Königsberg, Arthur C. Carr und Ann
H. Appelbaum. Verlag Hans Huber, Bern u.a.
Kirsch,
Anke (1999): Arbeiten der Fachrichtung Psychologie, Universität des Saarlandes.
Nr. 190. Erste Ergebnisse eines Expertendelphis zum Thema „Trauma und
Erinnerung“. Saarbrücken, 1999. Fachrichtung 6.4 Psychologie, Postfach 15 11
50, D 66041 Saarbrücken.
Nunberg,
Hermann & Ernst Federn (Hg.) (1976-1981): Protokolle der Wiener
Psychoanalytischen Vereinigung (Bd. I - IV). Frankfurt a.M.
Schlagmann,
Klaus (1996): Die Wahrheit über Narziß, Iokaste, Ödipus und Norbert Hanold.
Versuch einer konstruktiven Streitschrift. Saarbrücken
Schlagmann,
Klaus (1997 a): Zur Rehabilitation der Könige Laios und Ödipus oder: Die Lüge
der Iokaste. Saarbrücken
Schlagmann,
Klaus (1997 b) Zur Rehabilitation von ‚Dora‘ und ihrem Bruder oder: Freuds
verhängnisvoller Irrweg zwischen Trauma- und Triebtheorie. Bd. I: Der Fall
‚Dora‘ und seine Bedeutung für die Psychoanalyse. Saarbrücken
Schlagmann,
Klaus (2000 a) Der Widerspruch zwischen dem Begriff des Narzißmus und dem
Inhalt des entsprechenden Mythos - auf dem Hintergrund von Freuds theoretischem
Umbruch von 1897. Material zu einem Vortrag beim 13. Symposion „Zur Geschichte
der Psychoanalyse“ vom 18.-20.02.2000 in Tübingen
Schlagmann,
Klaus (2000 b): Die Mythen von Narziß und Ödipus als Geschichten von
Traumatisierungen. Vortrag, gehalten auf dem Internationales Symposion
„Kränkung und Krankheit. Katathym-imaginative Psychotherapie bei somatischen
Erkrankungen und Mißbrauchstraumen“ vom 30.06-02.07.2000 in Halle/Saale.
Abgedruckt in: "Psychotraumatologie und Katathym-imaginative
Psychotherapie", hrsg. von U. Bahrke und W. Rosendahl, Pabst Science
Publishers, Lengerich u.a., 2001, S. 108-119.
Schlagmann,
Klaus (2000 c): Ödipus - positiv gesehen. Widersprüche zur
psychoanalytischen Deutung. Material zum Vortrag beim 2. Weltkongress für
Positive und transkulturelle Psychotherapie, „Psychotherapy for the 21st
Century“, 5.-9. Juli in Wiesbaden