Vom
Frosch, dem Storch und Ilse Rohr
Oder:
Opfer-Täter-Umkehr – leicht gemacht!
Für die
Veranstaltung des Saarländischen Instituts für Aus- und Weiterbildung in
Psychotherapie (SIAP) und der Psychotherapeutenkammer des Saarlandes am
27.10.2007 mit Prof. Dr. Nossrat Peseschkian zum Thema „transkulturelle
Psychotherapie“ hatte die Ko-Referentin Dr. Sheyda Rafat eine Folie mit dem
nebenstehenden Motiv mitgebracht. Dieses Bild gefiel dem folgenden Referenten,
Franz-Peter Zimmer, so gut, dass er darum bat, es auch während seines Vortrags
projiziert zu lassen.
In ihrer abschließenden Bemerkung
ließ sich die (damals amtierende, inzwischen – am 31.08.2009 – zurückgetretene)
Kammerpräsidentin Ilse Rohr dann ungefähr wie folgt vernehmen: Sie frage sich,
ob sich eigentlich jemand aus dem Publikum auch mit dem Storch identifiziere.
Sie gehe davon aus, dass die meisten Anwesenden sich mit dem Frosch
identifizierten, aber wer denke eigentlich an den Storch, der sich doch
bestimmt auch wünsche, dass der Frosch ihn loslasse!?
Nach ihren Ausführungen musste die
(Ex-)Kammerpräsidentin leider abrupt die Veranstaltung verlassen, um noch
rechtzeitig ihr Flugzeug in Frankfurt zu erreichen. So konnte sie keine
Stellungnahme mehr zu dieser Interpretation entgegennehmen.
Dieser tiefgründigen Analyse möchte
ich hier noch einen kleinen Kommentar nachreichen:
Liebe Frau Rohr! Ich glaube, Ihre Bemerkung zu dem schönen Bild mit dem Frosch und dem Storch zeigt, dass eine Opfer-Täter-Umkehr, wie sie der von Ihnen offenbar hoch geschätzte, zäh und aufopferungsvoll verteidigte Herr Prof. Kernberg so mustergültig vertritt, auch von Ihnen selbst aus dem Effeff beherrscht wird! Nach Ihrer Auffassung hätte sich das Publikum der Tagung „Transkulturelle Psychotherapie“ wohl fragen müssen, warum es einseitig die Partei des dreisten Frosches ergriffen, und dabei völlig übersehen – abgewehrt? verdrängt? verleugnet? – habe, welch zudringlicher Gewalt der arme Storch durch diesen glitschigen Schleimer ausgesetzt sei. Haben Sie denn wirklich schon einmal in natura beobachtet, wie eine Fretsche dem Meister Adebar auflauert, ihm in den Schnabel springt, um ihn von dort aus bequem zu erwürgen? Ist Ihnen jemals ein derartig zugerichteter Storchen-Kadaver untergekommen? (Oder gehen Sie davon aus, dass entsprechende Frösche durch Verschlingen ihrer Beute auch gleich sämtliche Spuren restlos zu beseitigen pflegen?) Glauben Sie, man könnte die Masse der von Fröschen erwürgten Stelzvögel mühelos mit der Zahl der von diesen verschlungenen Amphibien gegenrechnen? Kommen Sie bei dieser Bilanzierung vielleicht auch auf ein „Unentschieden“, wie Kernberg, der den Hass und Sadismus des KZ-Kommandanten gegen den Hass des in das KZ verschleppten Jungen abwägt, den dieses Kind – angeblich! – schon an der Mutterbrust entwickelt und dann ins Lager mit hineingebracht habe?
Nach Freud (vgl. „Der Witz und
seine Beziehung zum Unbewussten“ bzw. „Zur Psychopathologie des Alltagslebens“)
können wir davon ausgehen, dass Ihr Umgehen mit dieser Karikatur etwas über Sie
selbst aussagt. Wenn Sie indirekt dem Frosch in der Karikatur nahe legen, doch
einmal loszulassen, dann ist jedem vernünftig denkenden Menschen die
unmittelbare Folge dieser Handlung klar. Genauso fatal ist es, wenn Sie in
Ihren Therapien bei der Auflösung von Opfer-Täter-Situationen darauf
einschwenken, die Täter-Seiten des Opfers zu analysieren, und dem Opfer damit
indirekt nahe legen, die Verantwortung für das Geschehen zu übernehmen. Während
Ihrer Sozialisation zur Analytikerin haben Sie vermutlich gelernt, nicht nur in
derartigen Bildern, sondern auch in den Ihnen geschilderten Lebensgeschichten
von Ihren Klienten und Klientinnen blitzschnell die „Perversion“, das
Gewalttätige, Triebhafte derer zu „erkennen“, die von der Natur der Sache her
ganz eindeutig die OPFER von solcher Gewalt geworden sind. Und so können
auch Sie vermutlich mit Leichtigkeit herbeianalysieren, dass sexuell
missbrauchte Kinder solche Situationen „in typischer Weise ... als einen
sexuell erregenden Triumph über ihre Mutter“ erleben. Wie sonst auch könnten
Sie meine Kritik an derartig menschenverachtenden Thesen als „Polemik und
Vorurteil“ oder „Verunglimpfung von Arbeitsmethoden“ zu diskreditieren
versuchen?
Ihre Fehlleistung beweist wohl, dass Menschen, die in Ihre Praxis kommen, damit rechnen müssen, dass Sie sich mühelos mit denjenigen zu „identifizieren“ verstehen, unter denen ihre Klienten und Klientinnen unsäglich gelitten haben. Und da liegen Sie dann ganz auf der Linie Ihres großen Vorbildes Kernberg, der ja genau dies von kompetenten Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen verlangt: „Wir müssen uns also mit dem Kommandanten des Konzentrationslagers, mit dem Folterer in der Diktatur, mit dem inzestuösen Vater, mit der sadistischen Mutter identifizieren können. Wir müssen so auch die Lust verspüren am Zerstören, die Lust, eine Brandbombe zu werfen, die Lust sadistische Aggressionen zu verspüren, denn die Bereitschaft dafür haben wir alle in unserem Unbewußten.“
Sofern Betroffene sich nach Ihrer
engagierten Anteilnahme am Schicksal des Täters noch mehr als zuvor gedemütigt,
resigniert, hilflos oder pervers fühlen, dann wird das möglicherweise dazu
beitragen, dass sie sich mit ihren Klagen nun mehr zurückhalten, verstärkt an
sich zweifeln, und sich so mit ihren Bedürfnissen noch weniger zu Wort melden.
Das mag dann wie ein „Erfolg“ Ihrer Therapie erscheinen. Aber wirklich geholfen
haben Sie damit nicht!
Im Gegenteil!
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