Email einer
Chefreporterin eines kirchlichen Magazins mit kritischem Anspruch in Reaktion
auf meine Kritik am Auftritt von Otto Kernberg beim Symposium „Von Lust und
Wollust“ in Hamburg (am 4.09.2010)
+ mein Kommentar an
die stellvertretende Chefredakteurin des Blattes
+ deren Antwort darauf
Vor dem diesjährigen
Auftritt Otto Kernbergs in Hamburg hatte ich mit mehreren MedienvertreterInnen
ausführlich gesprochen, u.a. mit der gleich zitierten
Reporterin eines christlichen Magazins. Ich hatte ihr zunächst mehrere Texte
von mir zugeschickt, ihr dann meine Position noch einmal in einem Gespräch von
ca. einer halben Stunde erläutert, bei dem sie sehr aufgeschlossen und interessiert
wirkte. Dann hörte ich länger nichts mehr von ihr. Nach zweifacher Rückfrage
erhielt ich die folgende Mail.
Sehr
geehrter Herr Schlagmann,
wir
hatten vor ein paar Wochen miteinander telefoniert, Sie hatten mir einen Text
geschickt. Mittlerweile habe ich sowohl Ihren Text als auch den Kernberg-Text
"Persönlichkeitsentwicklung und Trauma" gelesen. Ich komme allerdings
zu einem anderen Schluss als Sie. Nämlich entnehme ich dem Text Kernbergs
keineswegs, dass Herr Kernberg das Leid der Opfer von Gewalt verharmlost und
ihnen selbst Schuld zuweist.
(Fortsetzung der
Mail: s. unten)
Es mag ja so sein,
dass Frau X dem Text von Kernberg nichts Problematisches entnimmt. Auch
Kernberg-Anhänger bestreiten ja gerne: „Nein! Kernberg meint das doch nicht so,
dass die Betroffenen da eine Schuld auf sich laden!“
Aber noch einmal:
Kernberg schreibt wörtlich: Die Frau, die als vielleicht 6-, 7-, 8-, oder
9-Jährige (jedenfalls – unkonkret – im Alter von unter 10 Jahren) vom Vater
sexuell missbraucht wurde, sie „konnte [Dank der Therapie; K.S.] … ihre Schuld
tolerieren“! Sie „konnte sich … mit ihrer eigenen sexuellen Erregung in diesem
unbewussten und jetzt bewussten Sieg über die ödipale Mutter zurechtfinden“!
Sein Ziel ist es also, der erwachsenen Frau klarzumachen/einzureden, dass sie
damals einen „Sieg über die ödipale Mutter“ errungen hatte bzw. – laut der
(unsinnigen) Theorie vom „Ödipuskomplex“ – ja sogar erringen wollte. Ist das
keine Schuldzuweisung?
Und im Fall der Frau,
die in der Klinik von Kernberg von ihrem Therapeuten sexuell missbraucht wird
und sich danach umbringt (woraufhin eine Freundin der Frau eine Anklage gegen
Klinik und Therapeuten erwirkt): Es wird davon gesprochen, dass SIE den
Therapeuten „verführte“. Es wird völlig ausgeblendet, auf wessen Seite ganz
klar die wesentliche Verantwortung lag. Ist das keine Schuldzuweisung an das
Opfer? Und dass die ganze Geschichte abgehandelt wird unter der Überschrift
„Transformation des Opfers in einen Täter“: Ist das keine Schuldzuweisung?
Richtig schwierig
wird die Situation bei dem Jungen, der im KZ die Ermordung seiner ganzen
Familie miterleben musste. Hier muss im Grunde eine sehr genaue Textanalyse
vollzogen werden, wie in einem ausführlicheren Artikel von mir geschehen. (Der
Kürze halber sei hier darauf – unter der Überschrift „Fall 1“ – verwiesen.) Es
wird dort (hoffentlich) verständlich, dass sich Kernberg – aus meiner Sicht –
einer sehr ausgefeilten Verwirrungstaktik bedient. Am Ende wird jedenfalls
suggestiv vermittelt, was seinem durchgängigen Credo (gerade im Zusammenhang
seiner weiteren Schriften) entspricht: Wenn Menschen „chronische Aggression“
entwickeln, dann tun sie dies im Säuglingsalter, aus „oraler Gier“ und „oralem
Neid“ heraus. Wenn sich also der Mann, der als Junge aus dem KZ befreit wurde,
seiner Familie gegenüber so aggressiv verhalten hat, dann muss er seinen Hass
in das KZ mit hineingebracht haben, denn er muss ja diese Aggression schon
lange VOR seinem 12. Lebensjahr entwickelt haben – nämlich an der Mutterbrust,
weil er seine Gier und seinen Neid nicht zügeln konnte! Ist das keine
Schuldzuweisung?
Vielmehr
verstehe ich seinen Text, grob zusammengefasst, so: Ein erwachsener Mensch, der
als Kind Gewalt erlitten hat, kommt in die Therapie/Analyse und tritt dort
oder/und gegenüber seinen Nächsten selbst gewalttätig auf. Diese Aggression ist
aber eine Folge seiner Opfererfahrung (denn wer
mag/kann schon mit dem Selbstbild eines Opfers weiterleben?) Erst wenn er diese
seine eigene heutige Aggressivität erkennen kann als seine eigene, kann er sie
trennen von der damals erlittenen Aggressivität, kann auch die Personen wieder
auseinanderdividieren (der Vater damals, er heute, zum Beispiel). Kernberg sagt
aber nicht, dass dieser Mensch DAMALS Mitschuld gehabt habe. Dieser verschlungene
Verarbeitungsweg ist doch ein bekannter seelischer "Mechanismus", so
dünkt mir. Oder etwa nicht?
(Fortsetzung der
Mail: s. unten)
Mir ist nicht ganz
klar, was genau Frau X als den wesentlichen Aspekt des (angeblich) „bekannten
seelischen ‚Mechanismus’“ zu erkennen meint. Ich will ihre komplexe Äußerung in
einzelne Aspekte (wie ich sie verstehe) aufteilen und portionsweise
Stellung nehmen:
a)
Ein erwachsener Mensch, der als Kind Gewalt erlitten hat, tritt gegenüber einem
Therapeut oder/und gegenüber seinen Nächsten selbst gewalttätig auf.
Ja, das KANN wohl
passieren. Aber mir ist hier Folgendes wichtig: In meiner Praxis erlebe ich
ganz überwiegend (in vielleicht 98 % der Fälle) solche Menschen, die
aufgrund ihrer Gewalterfahrung überwiegend mit Ängsten,
Schuldgefühlen, Scham, Unsicherheit, geringem Selbstwertgefühl, Unterwerfung,
Vernachlässigung eigener Bedürfnisse und Gefühle usw. reagieren!
Diejenigen, die als
Opfer später sehr deutlich zu Tätern werden, findet man – außer beim
Gefängnispsychologen – äußerst selten in einer Psychotherapie. In Kernbergs
Fallbeispielen erkenne ich nur bei dem KZ-Jungen Täteranteile. Diese sind
anscheinend nicht unerheblich, allerdings wenig konkret beschrieben. Die
Täterseiten dieses Jungen erscheinen mir jedoch geradezu verschwindend gering
gegenüber dem, was er selbst als Opfer erlebt hat!
Bei den beiden Frauen
sehe ich so gut wie keine „Täteranteile“.
b)
Diese Aggression ist insofern eine Folge dieser Opfererfahrung,
weil die Betroffenen nicht mehr mit dem Selbstbild eines Opfers weiterleben
wollen und deshalb zum Täter mutieren.
Hier gilt das, was
ich bereits oben gesagt habe. Dies ist – überaus platt, und damit so gut wie
falsch ausgedrückt – ein MÖGLICHER Mechanismus, den ich vielleicht in 2 %
der Fälle in meiner Praxis erlebe. (Außerhalb meiner Praxis gibt es sicherlich
mehr solcher Fälle.) Gerade für den Fall des KZ-Jungen, der später (angeblich)
seine Familie drangsaliert, wäre mir ein solcher „Mechanismus“ viel zu plump
dargestellt. Da gebietet schon allein der schier unfassbare widermenschliche
unethische Hintergrund (sprich: dem faschistischen Terror hilflos ausgeliefert
gewesen zu sein!), sehr viel sorgfältiger die zugrundeliegende
Dynamik nachzuzeichnen. Auf jeden Fall bin ich überzeugt, dass die späteren
Verhaltensmechanismen des Mannes wesentlich geprägt waren von der massiven Gewalterfahrung im KZ und deren innerer Verarbeitung – und
NICHT durch eine (unterstellte) fehlentwickelte
Säuglings-Gier. Aber damit Kernberg das anerkennen könnte, müsste er seine
ganze heillose Theorie von der Entstehung der chronischen, „narzisstischen“
Aggression an der Mutterbrust über den Haufen werfen (mitsamt den abstrusen
Hirngespinsten seiner theoretischen Zieheltern, Sigmund Freud und Melanie
Klein).
In den zwei anderen
von mir kritisierten Fallanalysen Kernbergs sehe ich genau das Gegenteil von
einer Opfer-Täter-Mutation: Die Betroffenen lassen sich offenbar alles Mögliche
gefallen: sadistischen Sex des Mannes bzw. Vergewaltigung durch dessen Freunde;
sexuellen Missbrauch durch den Therapeuten in Kernbergs Klinik. Diese Frauen
haben geradezu ihr Opferverhalten zur Gewohnheit gemacht. Sie haben sich daran
gewöhnt, schlecht behandelt zu werden. Und (fataler Weise!) glauben solche
Opfer allzu oft, sie hätten eine solche schlechte Behandlung quasi verdient.
Einem solchen
Mechanismus der Anpassung an den Täter (der in der psychoanalytischen Theorie
verschleiernd und fälschlich als „Identifikation mit dem Aggressor“ bezeichnet
wird) begegnet man beim sog. „Stockholm-Syndrom“: Geiseln, deren Leben ganz in
der Hand von Geiselnehmern liegt, passen sich – aus einem reinen
Überlebensinstinkt heraus! – so sehr an diejenigen an, die sie in der Hand
haben, dass sie am Ende eventuell gegenüber ihren Peinigern eine – auf den
ersten Blick hin: befremdliche – „Sympathie“ zeigen. Von der psycho-logischen
Seite aus betrachtet ist dieses Verhaltensmuster durchaus „logisch“, weil der
Überlebensinstinkt nahe legt, sich der Gefühlswelt des Peinigers sehr genau
anzupassen, sich dort einzuklinken – damit man ihn irgendwie für sich gewogen
macht. (Diese Bindungsprozesse laufen ja überhaupt nicht über den Verstand,
sondern so gut wie vollständig auf der Ebene des Gefühls ab.) Und Sym-Pathie heißt übersetzt so etwas wie Mit-Gefühl.
Die therapeutische
Arbeit mit solchen Opfern besteht dann aber gerade darin, diese enge Bindung an
den Täter AUFZULÖSEN, der – in einem im Prinzip GESUNDEN Überlebensreflex! –
mit seinen Normen teilweise verinnerlicht worden ist! Es kann nicht darum
gehen, die Opfer noch damit zu quälen, dass man ihnen aufdrängt, sie müssten
sich mit dem Täter „identifizieren“ (so schreibt es Kernberg WÖRTLICH: „Sie
erlangte so die Fähigkeit, sich mit dem Täter zu identifizieren, …“! (S.
13).
An dieser Stelle
entgleist Kernberg noch mehr, wenn er diesen Satz fortsetzt mit: „nämlich mit
der sexuellen Erregung des sadistischen, inzestuösen Vaters“. Ich kann mir
vielleicht vorstellen, was es bedeutet, sich mit einem anderen Menschen (zur
Not vielleicht noch mit einem Tier oder einem Fabelwesen) zu „identifizieren“.
Aber mit der „sexuellen Erregung des sadistischen, inzestuösen
Vaters“??? Wie soll das – bitte schön – konkret aussehen? Ekelhaft!
Und an anderer Stelle
schreibt er (S. 13): „… indem wir [Therapeuten; K.S.] zum Täter werden können
und wir uns als Täter identifizieren und es so dem Patienten erleichtern, sich
selbst als Täter zu identifizieren“ – was immer es heißen mag, „sich selbst als
Täter zu identifizieren“. (Eines der vielen Beispiele von Kernbergs völlig
konfuser und verwirrenden Text-Gestaltung – s. ausführlicher Artikel!)
Wenn es gut geht,
dann können die Betroffenen am Ende LOSLASSEN, damit ihre Peiniger nicht weiter
ihr Leben bestimmen! Aber dazu muss ihnen erst einmal geholfen werden, ihre
ganzen Gefühle von Trauer, Angst, Hass, Ekel, Scham, … zu benennen, um in Ruhe
sortieren zu können und wirklich zu spüren, was sie in dieser Situation
eigentlich gebraucht hätten, wie eine angemessene Behandlung, ein angemessener
Schutz ausgesehen hätte. Erst auf dieser Grundlage ist ein „Loslassen“ möglich,
und die Betroffenen können den Versuch unternehmen, ein eigenes gesundes
Körpergefühl wieder zurück zu gewinnen.
c)
Erst, wenn er die eigene Aggression als seine eigene erkennt, dann kann er a.)
sie trennen von der damals erlebten Aggressivität und dann kann er b.) die
Personen (Täter damals, ich heute) auseinanderdividieren. (Und, so soll sich
diese Pseudologik wohl fortsetzen: Wenn das gelungen ist, dann löst man sich
quasi automatisch auch von seinem Täter-Verhalten.)
Ein Beispiel: Ich
habe eine junge Mutter erlebt, die Horrorszenen in einem (kirchlichen)
Kinderheim erlebt hatte, z.B. dass ein Mädchen gezwungen wurde, erbrochenen
Milchreis (den sie nie vertrug) wieder aufzuessen; sie selbst war wegen
Kleinigkeiten an den Haaren durch einen langen Flur geschleift worden. Als
später ihr eigener Säugling einmal auf den Teppich erbrochen hatte, hatte sie
das Kind mit dem Gesicht durch das Erbrochene gezogen, so dass es Schürfwunden
im Gesicht davongetragen hatte. Ihr war völlig KLAR, dass SIE sich hier aggressiv
verhalten hatte, aber sie erlebte es so, dass ihr Verhalten wie ein Film
ablief, ohne dass sie das Geschehen steuern konnte. Es gab nur eine
„beobachtende Instanz“, die sehr wohl erkannte, dass das alles nicht in Ordnung
war, was sie da mit dem Säugling machte.
Es ist – aus meiner
Erfahrung – also genau umgekehrt: In ihrem Bewusstsein können solche Menschen
durchaus mitbekommen, dass sie sich aggressiv verhalten. Sie sind vielmehr
ÜBERRASCHT, wenn sie erkennen, dass diese aggressiven Muster ziemlich haargenau
dem entsprechen, was ihnen selbst zugefügt worden ist. Sie sind erstaunt zu
erkennen, dass diese Aggression quasi gar nicht die „eigene“ ist, sondern nur
eine Kopie des selbst Erlebten.
Neben dieser Klarheit
des Bewusstseins, dass man sich selbst aggressiv verhalten hat, gibt es
durchaus auch das Gegenteil: Die eigene Aggression wird geleugnet. Auch das ist
im Grunde nur psycho-logisch: Die gewalttätige Behandlung der Betroffenen durch
Täter – Heimerzieher, Eltern, Missbraucher, … – ist ja von diesen Tätern in der
Regel auch als angemessen, natürlich, unproblematisch u.s.w.
dargestellt worden. So liegt es dann auf der Hand, dass die Betroffenen
durchaus auch, wenn sie selbst zu „Tätern“ werden, mit ähnlicher „Logik“ die
Problematik ihres Handelns AUSBLENDEN können. (Das kann durchaus sein, muss
aber auch nicht zwangsläufig so geschehen.)
Das Auflösen solcher
quasi nicht oder nur kaum steuerbarer „Aggressions-Filme“ geht dann (aus meiner
Sicht) nicht so, dass man Menschen ihre Täter-Seiten vorhält und „erkennen“
lässt, sondern so, dass man ZUNÄCHST einmal ihnen zeigt, wo und wie sie SELBST
Opfer gewesen sind. Nur auf dieser Basis, indem diese Menschen lernen, Mitleid
und Mitgefühl mit sich selbst zu entwickeln, kann sich auch Mitgefühl für ihre eigenen
Opfer entwickeln. Ein solcher Prozess ist übrigens kein leichter Spaziergang.
Diese Menschen können, ziemlich zäh und ausdauernd, sehr gnadenlos mit sich
selbst sein.
Es geht also zunächst
einmal für die Betroffenen darum, zu sehen, verstehen, fühlen, dass die
scheinbar „eigene“ Aggressivität gar nicht so sehr die eigene ist, sondern eine
Kopie von derjenigen, die sie selbst schon im Übermaß – meist als hilflose
Kinder – erfahren hatten.
Dann geht es bei der
Therapie durchaus auch um’s „Auseinanderdividieren“.
Aber das ist ein komplexes Geschehen und verläuft keineswegs in der von Frau X
skizzierten Weise. Sowohl bei den Betroffenen, die Opfer bleiben, als auch bei
denen, die zu Tätern werden, ist der „verinnerlichte“ oder aufgeprägte
Täter-Anteil (den die Betroffenen mit ihrem Verstand eventuell durchaus klar
verurteilen können) mit einer „guten Absicht“ verbunden, nämlich mit so etwas
wie „Selbstschutz“ durch maximale Anpassung. Die innere Überzeugung, es
verdient zu haben, selbst so schlecht behandelt zu werden (bzw. die
Überzeugung, dass andere verdient haben, für dieses oder jenes so oder so
behandelt zu werden), dient (s. Stockholm-Syndrom) dem Überleben in einem extrem
feindseligen und gefährlichen Milieu. Denn Protest gegen die schlechte
Behandlung – das haben die Betroffenen sehr schnell gelernt – hätte nur weitaus
katastrophalere Konsequenzen gehabt. So geht es nur darum, das unabänderlich
ablaufende Gequält-Werden irgendwie zu erdulden,
damit es – für dieses Mal – so bald wie irgend möglich ein Ende hat. Und für
viele Betroffene steht fest, dass ein nächstes Mal so sicher ist, wie das Amen
in der Kirche.
Es ist wichtig, den
positiven Aspekt des „verinnerlichten Täters“ wertzuschätzen, während der
negative Aspekt davon beseitigt oder verwandelt werden muss. Hier geht es in
der Tat um ein „Auseinanderdividieren“ von geradezu paradox verknüpften,
widersprüchlichen Aspekten: Ein und dasselbe Verhaltensmuster hat sowohl
überaus positive, als auch extrem negative Aspekte! Diese Verarbeitung erreicht
man wohl am ehesten über Symbolisierung, quasi durch Selbsthypnose. Es geht um
„Neuprägungen“. Da spielen der Verstand und irgendwelche rationalen
Erkenntnisprozesse oder logische Berechnungen so gut wie keine Rolle.
Wenn also Frau X am
Ende ihres a.) b.) c.) meint: „Dieser verschlungene Verarbeitungsweg ist doch
ein bekannter seelischer ‚Mechanismus’, so dünkt mir. Oder etwa nicht?“ Dann
kann ich nur sagen: Frau X hat weder Herrn Kernberg verstanden, noch hat sie
irgendeine Ahnung von psychischen Prozessen bei Gewalterfahrung
von Kindern (und Erwachsenen). Und im Grunde bin ich ihr sogar dankbar, dass
sie ihre Position so formuliert hat. Denn ihre Darstellung macht einmal mehr
überdeutlich, wie leicht sich selbst ein kluger Mensch – für den ich sie
durchaus halte – mit den pseudologischen Konstrukten eines Kernbergs oder
seiner Anhänger zufrieden geben kann.
Damit zeigt sich, wie
WICHTIG es ist, eine Öffentlichkeit über die Fallstricke dieser
Pseudo-Psychologie AUFZUKLÄREN! Es ist schlimm genug, dass die Betroffenen
allein gelassen waren, als sie ihr Leid erdulden mussten. Es wäre schön, wenn
sie nicht mehr allzu lange alleingelassen wären in der Frage, was für eine Form
von Psychotherapie für sie als Opfer massiver Gewalt wirklich hilfreich ist!
Auch
der Passus, nachdem das vom Vater missbrauchte Mädchen Überlegenheitsgefühle
gegenüber der Mutter erlebt haben soll, sagt nicht, dass das Mädchen den
Missbrauch schön fand, sondern sagt nur, dass es DANACH AUCH
Überlegenheitsgefühle gab. Letztlich als Versuch, sich nicht als Opfer sehen zu
müssen, sondern als vom Vater Bevorzugte.
Kernberg schreibt
tatsächlich nicht, dass das kleine Mädchen die Vergewaltigung durch den Vater
„schön“ fand. Ich habe ihn auch nie so zitiert. Aber er spricht von ihrer
„eigenen sexuellen Erregung in diesem … Sieg über die ödipale Mutter“. (Die
Vorstellung von „sexueller Erregung“ ist nun mal auch nicht per se mit
„unschön“ assoziiert!) Er sagt NICHTS ausdrücklich darüber, ob diese „sexuelle
Erregung“ vor, während oder nach dem Geschehen stattgefunden haben soll. Aber
die Theorie, auf die er sich da bezieht, diese (angeblichen) „ödipalen“
Prozesse nach Freud, sollen sich ja im Alter zwischen 2 und 5 Jahren abgespielt
haben – unbewusst natürlich! Nicht ganz klar, ob die „sexuelle Erregung“ dabei
dann auch „unbewusst“ ablaufen soll, oder nicht. An dieser „Theorie“ ist eben
insgesamt sehr, sehr vieles einfach völlig unklar.
Dass
AnalytikerInnen/TherapeutInnen
nicht immer einfühlsam mit Opfern umgehen, ist sicher so. In Kernbergs Text
sehe ich dafür aber keinen Grund.
Kernberg schreibt in
seinem Artikel, den Frau X gelesen und verstanden haben will, ausdrücklich (S.
14): „Es ist wichtig, ‑ ich zitiere da Freud in einem Brief von 1916 an
Pfister ‑ daß wir uns vor Mitleid schützen. Wie
Sie wissen, ist Mitleid eine sublimierte Aggression. Wenn wir Mitleid mit
Patienten innerhalb einer Behandlung empfinden, ich will das nicht zu sehr
verallgemeinern, bedeutet das, daß wir den Patienten
herabsetzen und nicht als vollwertige, normale Person respektieren.“ Das soll
kein Grund sein, Kernbergs „Therapie“ als „nicht einfühlsam“ zu
charakterisieren? Wo er doch selbst ausdrücklich das Nicht-Mit-Leiden,
also das Nicht-Mit-Fühlen als Aspekt der
therapeutischen Kompetenz ansieht?
Kernberg sagt
(nachhörbar) bei seinem mündlichen Vortrag: „Wenn alles gut geht, dann gibt es
Momente, in denen wir sie [die Klienten; K.S.] am liebsten aus dem Fenster
werfen würden, besonders wenn unser Büro im 80. Stock liegt, und dann langsam
und freudevoll lauschen, bis wir unten ein leises ‚Plopp’
hören.“ - Gelächter im Publikum - „Ich
meine das ganz ernst!“ In seinem Artikel ist diese Passage verkürzt (S. 13):
„denn es gibt Momente, in denen wir sie am liebsten aus dem Fenster werfen
würden.“ Sieht so eine einfühlsame Therapie aus?
Kernberg schreibt in
seinem Artikel (S. 14): „Wir müssen daher versuchen, … den Patienten, die uns
fragen »Glauben Sie mir nicht? Sind Sie nicht meiner Meinung? War das nicht
entsetzlich?« zu erwidern: »Warum brauchen Sie meine
Meinung, anstatt eine eigene zu haben?«“ Kein Grund, Kernbergs „Therapie“ als
„nicht einfühlsam“ zu charakterisieren? Kein Anhaltspunkt, bei dem von ihm
empfohlenen Vorgehen einen eklatanten Mangel an Einfühlung zu befürchten bzw. zu erkennen?
Für Kernberg ist
Mitleid gegenüber den Opfern von KZ, Folter oder Vergewaltigung eigentlich
Aggression. Solche Opfer brutalster Bestialität, die ihn ausdrücklich um seine
Einschätzung bitten – „Glauben Sie mir, was ich Ihnen erzähle? War das nicht
entsetzlich?“ – wirft er mit einer kaum noch zu überbietenden Kaltschnäuzigkeit
auf sich selbst zurück: „Warum brauchen sie meine Meinung, anstatt eine eigene
zu haben?“ Wenn die Betroffenen irgendwann wütend werden auf diese Form der
Einfühlungs-Verweigerung, die er auch noch für viel Geld als „Psychotherapie“
verkauft, dann nimmt er das nicht etwa zum Anlass, über sein Fehlverhalten
nachzudenken, sondern er genießt die Phantasie, diese Leute jetzt aus dem 80.
Stock zu werfen und freudvoll zu lauschen, wie ihr Körper auf dem Asphalt
zerklatscht. Was ist das anderes, als PURER SADISMUS ???
Kurzum:
Ich möchte das Thema nicht weiterverfolgen. Ich freue mich aber immer über
Anregungen! Und danke für das nette Gespräch neulich!
Mit
herzlichen Grüßen
X
Chefreporterin
Nach Erhalt der Mail
hatte ich übrigens Frau X noch einmal angerufen. Denn es klingt ja heraus, sie
hätte womöglich durchaus noch eine Frage zu ihrem oder meinem Verständnis, bzw.
dass sie sich noch über weitere Anregungen freuen würde. Ich rief also an und
fragte, ob sie denn noch etwas zu ihrer Mail von mir hören wolle? Gegenfrage:
Was ich denn sagen wolle? Ich fing an, ihr zu erläutern, was sie – aus meiner
Sicht – an Kernberg und der psychoanalytischen Position missverstanden hätte.
Wir hatten dann wechselseitig – in einem Gespräch von vielleicht 5 Minuten –
unsere Positionen bezogen. Als sie dann anfing, ihre Sicht auf die
Opfer-Täter-Dynamik zu erläutern, fragte ich nach (sehr ernst gemeint), wieviel konkrete Erfahrung mit Opfern sie denn habe. Bei
mir ist es ja so, dass praktisch zu JEDEM Fall in meiner Praxis dazugehört,
Opfer-Situationen intensiv zu erörtern, wobei ich – wie oben geschildert – das
wesentliche Ziel meiner Arbeit darin sehe, bei den Betroffenen das ÜBERWINDEN
von den in der Vergangenheit geprägten Opfer-Mustern (und eventuell vorhandenen
Täter-Mustern) so rasch und gründlich wie möglich zu fördern. Deswegen
interessierte mich wirklich, mit wie vielen Gewaltopfern Frau X in ihrem Leben
schon gesprochen und welche Eindrücke sie dabei gewonnen hat. Aber als Antwort
auf diese Frage kam nur noch: "Ach Herr Schlagmann, ich mag nicht
mehr!" – und sie legte auf.
Von MedienvertreterInnen erwarte ich übrigens keineswegs, dass
sie sich meine Position kritiklos zu Eigen machen. Es könnte ja durchaus sein,
dass meine Kritik an Kernberg mit einer gegenteiligen Interpretation seines
Textes – z.B. aus Sicht der psychoanalytischen Schule – kontrastiert wird. Aber
ich meine, dass der Hinweis eines Fachmanns (als der ich mich verstehe), der
aus konkreter Erfahrung weiß, dass solche Behandlungsmodelle bei Gewaltopfern
noch zusätzlich zu gesundheitlichen Schäden führen, so ernst genommen werden
könnte, dass – gerade Medien mit kritischem Anspruch – zumindest auf die
Existenz solcher womöglich schädigenden „psychotherapeutischen“ Positionen
aufmerksam machen könnten und darauf, dass sie zumindest – gelinde gesagt –
umstritten sind. Das könnte nämlich ein Anlass sein, dass Betroffene ein klein
wenig vorsichtiger werden in der Auswahl ihres therapeutischen Beistands, und
dass sie bei erlebter Opfer-Beschuldigungen in einer sog. „Therapie“ schneller
und leichter die richtigen Konsequenzen ziehen.
In einem letzten
Versuch hatte ich übrigens die stellvertretende Cheredakteurin des Blattes,
Frau Z, angeschrieben und über das Verhalten von Frau X informiert.
Sehr geehrte Frau Z,
wir hatten vor einigen Tagen
miteinander telefoniert, als ich versucht hatte, Frau X zu erreichen in der
Angelegenheit des Psychotherapeuten, der Missbrauchsopfern eine Schuld zumisst.
Sie hatten mir damals zugesagt, Frau X würde sich noch bei mir melden.
Dies hat Frau X nun vorgestern per
Mail getan. Nun weiß ich nicht, wieweit sie Ihnen bereits ihre Sicht erläutert
hat, Sie den Text dieser Mail kennen.
Lassen Sie mich kurz sagen: Über die
Reaktion von Frau X war ich in zweifacher Weise entsetzt. Einerseits in der
inhaltlichen Stellungnahme zu Kernbergs Thesen, die eine völlig unkritische,
psychoanalytisch eingefärbte Verteidigungs-Haltung spiegelt. Andererseits über
ihre Reaktion am Telefon: Ich hatte sie gestern noch einmal direkt angerufen,
weil aus der Mail herausklang, sie hätte womöglich noch eine Frage oder würde
sich noch über weitere Anregung freuen. Ich rief also an und fragte, ob sie
denn noch etwas zu ihrer Mail von mir hören wolle. Antwort: Was ich denn sagen
wolle. Ich fing an, ihr zu erläutern, was sie - aus meiner Sicht - an
Kernberg und der psychoanalytischen Position missverstanden hätte. Wir hatten
dann wechselseitig - in einem Gespräch von vielleicht 5 Minuten - unsere Positionen
bezogen. Als sie dann anfing, ihre Sicht auf die Opfer-Täter-Dynamik zu
erläutern, fragte ich (sehr ernst gemeint) nach, wieviel
konkrete Erfahrung mit Opfern sie denn habe. Bei mir ist es nämlich so, dass
praktisch zu JEDEM Fall in meiner Praxis dazugehört, Opfer-Situationen intensiv
zu erörtern; dabei sehe ich das wesentliche Ziel meiner Arbeit darin, bei den
Betroffenen das ÜBERWINDEN von den in der
Vergangenheit geprägten Opfer-Mustern so rasch und gründlich wie möglich zu
fördern. Aber ich hatte die Frage noch gar nicht richtig gestellt, als Frau X
sagte: "Ach Herr Schlagmann, ich mag nicht mehr!" - und auflegte.
Nun weiß ich nicht: Wird in Ihrem
Haus generell dem Thema - Missbrauchsopfer werden in einer sogenannten
"Psychoanalyse"/durch Herrn Prof. Kernberg als einem der wichtigsten
Repräsentanten der "Psychoanalyse" systematisch auf sich selbst
zurückgewiesen, beschuldigt, alleingelassen - kein Interesse entgegengebracht?
Oder vermag Frau X - aus welchen Gründen auch immer - in dieser Frage keine
unparteiische Haltung einzunehmen? Sollte das letztere der Fall sein, und
sollte es in Ihrem Haus jemanden geben, der sich zutraut, zu diesem Thema in
eine (sicherlich komplexe) Erörterung einzusteigen, dann stehe ich Ihnen mit
meiner Position und meinem Material gerne weiter zur Verfügung. Um das zu
klären, würde ich Sie vielleicht heute oder morgen einmal kurz telefonisch zu
erreichen versuchen.
Ich erwarte übrigens keineswegs,
dass Sie sich meine Position kritiklos zu eigen
machen. Es könnte ja durchaus sein, dass meine Kritik an Kernberg mit einer
gegenteiligen Interpretation seines Textes - z.B. aus Sicht der
psychoanalytischen Schule - kontrastiert wird. Aber ich meine, dass der Hinweis
eines Fachmanns (als der ich mich verstehe), der aus konkreter Erfahrung weiß,
dass solche Behandlungsmodelle bei Gewaltopfern noch zusätzlich zu
gesundheitlichen Schäden führen, so ernst genommen werden könnte, dass man
zumindest - gerade als Blatt mit kritischem Anspruch - auf die Existenz solcher
„psychotherapeutischer" Positionen aufmerksam macht und darauf, dass sie
zumindest - gelinde gesagt - umstritten sind. Das könnte nämlich ein Anlass
sein, dass Betroffene ein klein wenig vorsichtiger werden in der Auswahl ihres
therapeutischen Beistands und bei erlebten Beschuldigungen schneller
Konsequenzen ziehen.
Bei Frau Jepsen hat ein Fall, der 11
Jahre zurück liegt, bei dem es womöglich - bei einer flüchtigen Ansprache durch
die Schwester eines Missbrauchs-Opfers - bloß zu einem Missverständnis gekommen
war, dazu geführt, dass sie (aus meiner Sicht: zu unrecht!) von ihrem Amt als
Bischöfin zurückgetreten ist.
Welch ein grotesker Kontrast zu den
weltlichen Seelsorgern: Eine bejubelte Koryphäe vertritt in einem sorgfältig
vorbereiteten Vortrag und aus gründlicher Kenntnis der Lebensgeschichte einer
Klientin die These, dass eine 9-, 8-, 7-, 6- oder 5-jährige (oder vielleicht
noch jüngere) Tochter den sexuellen Missbrauch durch ihren Vater "in
typischer Weise" als einen "sexuell erregenden Triumph über ihre
Mutter" erlebe, und dass sie (als Erwachsene) "ihre Schuld
tolerieren" müsse. Dieser Text wird - genau in dem Jahr, in dem Frau
Jepsen flüchtig angesprochen wird - für jeden nachlesbar als Fachartikel für
eine Fachzeitschrift eines renommierten Verlages aufbereitet. Und der Autor
dieser Thesen wird damals zum Präsidenten der "Internationalen
Psychoanalytischen Vereinigung" (IPA) gekürt. Und er wird bis heute von
der Gemeinschaft der Psychotherapeuten (und vielen, vielen anderen, auch von
interessierten Laien, die der "Psychoanalyse" gegenüber positiv
eingestellt sind) weiter als kluger Mann gefeiert. Und er wird ausgerechnet in
DER Stadt als Starreferent zum Symposium "Von Lust und Wollust"
eingeladen und bejubelt, in der wenige Wochen zuvor Frau Jepsen von ihrem Amt
zurückgetreten ist! Welch ein Triumph der Heuchelei! Welch eine Blamage für den
Geisteszustand der Menschheit! Welch eine krasse Offenbarung dafür, dass diese
Gesellschaft (und ihre Medien und ihre Öffentlichkeit) so gut wie GAR NICHTS
aus den Skandalen um den sexuellen Missbrauch von Kindern gelernt hat oder
lernen will!
Im Anhang übersende ich Ihnen noch
den Text der Mail von Frau X, in den ich meine kritischen Anmerkungen (wie ich
es gegenüber Frau X auch ungefähr am Telefon erörtert hatte bzw. erörtern
wollte) eingefügt habe.
Darüber hinaus noch der Text einer
sehr detaillierten Analyse von Kernbergs Artikel und den theoretischen
Hintergründen zu Ihrer freien Verwendung (ca. 22 Seiten). Er beinhaltet u.a. die Reaktionen mehrerer Professoren auf meine
Kernberg-Kritik (ca. 8 Seiten), u.a. die rückhaltlose
Zustimmung zu dieser Kritik durch Frau Prof. Sophie Freud, der Enkeltochter von
Sigmund Freud.
Mit freundlichem Gruß
Klaus Schlagmann
Darauf erhielt ich
die folgende Antwort der angeschriebenen stellvertretenden Chefredakteurin,
Frau Z:
Sehr
geehrter Herr Schlagmann,
Wir
sind mitten im Redaktionsschluss, drum bitte ich um Verständnis, dass ich nicht
mit Ihnen telefonieren kann. Aber ich habe jetzt Ihre ausführliche Mail gelesen
und kann Ihnen versichern: Frau X ist unsere erfahrenste
und sensibelste Reporterin, und ich traue sehr ihrem Urteil. Wie Sie sicher
wissen, ist Ys ureigene Aufgabe - um mit den Worten
des Gründers des Gemeinschaftswerks der evangelischen Publizistik zu sprechen –
den Sprachlosen eine Stimme zu geben. Geschichten vom Opfer-Sein gehören
natürlich zu unserem Auftrag, und gerade Frau X hat in den vielen Jahren ihrer
Redaktionstätigkeit viel dazu beigetragen. Deshalb bitte kein Generalverdacht.
Im
Speziellen mag es sein, dass Sie beide einfach unterschiedliche Auffassungen
haben. Ich finde, Frau X hat sich aus nach vollziehbaren Gründen dafür
entschieden, das Thema an dieser Stelle nicht weiter zu verfolgen. Ich bitte
Sie, diese Entscheidung zu respektieren.
Mit
freundlichen Grüßen
Z
Hier ist wirklich
jeder weitere Versuch einer Aufklärung offensichtlich pure Zeitverschwendung!