Sigmund Freuds verhängnisvoller Irrweg zwischen
Trauma- und Triebtheorie
Zur Diffamierung von Ida & Otto Bauer

durch Vertreter der Psychoanalyse
Sigmund Freud hatte in
seiner theoretischen Entwicklung zunächst (1895-1897) eine zunehmend extremere
„Trauma-Theorie“ vertreten: Jede psychosomatische Störungen (Hysterie)
entstehe durch das Trauma einer oralen Vergewaltigung durch den Vater in
frühester Kindheit. Kurz darauf verkehrte er seine Vorstellungen in das
genaue Gegenteil, in die „Trieb-Theorie“: Psychische Störungen wurden ab
dieser Zeit einer Fehlentwicklung der individuellen „sexuellen Konstitution“
und einer mangelhaften Impuls-Kontrolle der PatientIn in frühester Kindheit
angelastet.

Eine Schnittstelle für
diesen Wandel lässt sich ziemlich präzise mit einem Brief Freuds an Wilhelm
Fließ vom 21. September 1897 markieren (Masson, 1986, S.283 ff). Ab diesem
Zeitpunkt hat Freud eine Perspektive eingenommen, die letztlich grundsätzlich
jedes Opfer zum Täter macht. Diese theoriegeschichtliche Entwicklung hat
Jeffrey Masson in einer äußerst spannend zu lesenden Analyse zusammengefasst
(Masson, 1995).
Das angebliche Problem von ‚Dora’
(= Ida Bauer)
Masson (1991, S.71-102) hat
auch die bizarr anmutenden Deutungen Freuds in dem „Bruchstück einer
Hysterieanalyse“ (Freud, 1993), dem Fall ‚Dora’ (resp. Ida Bauer) analysiert.
Diese Fallgeschichte lässt so gut wie keine andere den Widersinn Freudscher Deutungswut
erkennen. Hier hat er erstmals seine abstruse „Triebtheorie“ an einer Klientin
durchexerziert.
Noch
1923 gibt Freud seine aus dem Jahre
1901 stammenden Gedankengänge in einer Fußnote
ausdrücklich als korrekte psychoanalytische Denkweise aus.
Einerseits umreißt Freud
präzise und ausführlich den „systemischen“ Hintergrund der 18jährigen Klientin:
Sie hat als 13- bis 15-jährige von Seiten des Herrn K., eines verheirateten
Freundes ihres Vaters, mehrfach Zudringlichkeiten erlebt, was ihr von den
Eltern nicht „geglaubt“ wurde. Der Vater hatte nämlich seinerseits ein
Verhältnis zu der Ehefrau dieses „Freundes“. Die Vermutung liegt auch für Freud
nahe, dass Doras Vater die eigene Tochter als Ausgleich für dessen Ehebruch
Herrn K. quasi zugeschoben hat. Eine deutliche Traumatisierung der jugendlichen
‚Dora’ durch Verstrickung in dieses Szenario.
Dora wird als 13-jähriges
Mädchen von Herrn K. in dessen Büro an sich gepresst und von ihm auf den Mund
geküsst. Obendrein, so Freud, spüre sie „in der stürmischen Umarmung ... das
Andrängen des erigierten Gliedes gegen ihren Leib“. Sie ekelt sich, reißt
sich los und rennt weg. Dies beweise, dass das Mädchen bereits „ganz und
voll hysterisch“ sei: „Anstatt der Genitalsensation, die bei einem
gesunden Mädchen unter solchen Umständen gewiß nicht gefehlt hätte, stellt sich
bei ihr ... der Ekel [ein]“. Freud: „Ich kenne zufällig Herrn Z.; ....
ein noch jugendlicher Mann von einnehmendem Äußern“. Dass sie dabei ein
Gefühl von Ekel bekommt und wegrennt, klassifiziert Freud als krankhaft,
als „ganz und voll hysterisch“ (Freud, 1993, S.30). Bei einem „gesunden“
Mädchen hätte sich nämlich eine „Genitalsensation“, sexuelle
Erregung, einstellen müssen (a.a.O., S.31). (Hannah Decker, 1991, S. 118, korrigiert
die Altersangaben für die genannte Szene, die Freud fälschlich ein Jahr erhöht
hatte; erotische Annäherung an Mädchen unter 14 Jahren war im alten Österreich
strafbar.)
Dass sich die 15-jährige
eines Tages bei ihren Eltern darüber beklagen muss, dass Herr K. - die eigene
Ehefrau abwertend - ihr einen Heiratsantrag gemacht habe, sei Ausdruck „krankhafter
Rachsucht“ - „ein normales Mädchen wird,
so sollte ich meinen, allein
mit solchen Angelegenheiten fertig“
(a.a.O., S.94).
Dies sind zwei der schlimmsten
aus einer ganzen Fülle von ähnlich verdrehten „Deutungen“ und Interventionen
Freuds, die aus dem Opfer eine Täterin machen!
Es ist immerhin Freuds
Verdienst, die Schilderungen der Klientin einerseits ernst genommen zu haben,
wenngleich andererseits seine Deutungen in katastrophaler Weise die
Wirklichkeit verdrehen.
Zusammengefasst lässt sich
seine Sicht des Falles so umreißen: Die Klientin leide, aufgrund ihrer ererbten
sexuellen Konstitution (a.a.O., S.51), an verstärkt ausgebildeten „Perversionskeimen“
(a.a.O., S.60), nämlich der Neigung zu Inzest, Selbstbefriedigung und
Homosexualität. Die mangelnde Kontrolle über diese Impulse führten - durch
physiologische Vergiftung durch irgendwelche „Sexualstoffe“ - zu den
körperlichen Symptomen (S.111).
Seine eigenen Phantasien
deutet Freud geradezu in zwanghafter Manier in jede Lebensäußerung der Klientin
hinein: So wird beispielsweise das Hineinfahren in ein Portemonnaietäschchen
mit dem Finger zur pantomimischen Darstellung ihrer Selbstbefriedigung, da
diese Geldbörse „nichts anderes als eine
Darstellung des Genitales“ sei
(a.a.O., S.76). Ebenso wird ein Allerweltssymptom wie Magenschmerzen für Freud
zum klaren Beleg ihrer Masturbationsneigung (a.a.O., S.78). Dass sich die junge
Frau über das Fremdgehen ihres verheirateten Vaters mit der Frau seines
Freundes aufregt, mit dem jener sie wiederum quasi zum Ausgleich verkuppeln
möchte, wertet Freud als Eifersucht gegen diese Frau, somit als Liebeswunsch
gegen den Vater (a.a.O., S.56) - also als Inzestwunsch. In Doras Ärger auf
diese Frau K. sieht er aber auch wieder - Verkehrung ins Gegenteil - den Beleg
für ihre lesbische Liebe zu ihr (a.a.O., S.60, S.63). Dies hält er dann auch
noch für die stärkste ihrer „perversen“ Neigungen, macht es also zu ihrem
Hauptproblem (S.117).
Dass die junge Frau allen
diesen Deutungen heftig widerspricht, stört Freud nicht im mindesten. Er sieht
in einem „Nein“ den „Beweis“ für „das
gewünschte Ja“ (a.a.O., S.59). Ihre Nicht-Zustimmung wertet er als ihre
„gewöhnliche Redensart, etwas Verdrängtes anzuerkennen“ (a.a.O.,
Fußnote, S.69), ihren Widerspruch als „häufige Art, eine aus dem
Verdrängten auftauchende Kenntnis von sich wegzuschieben“ (a.a.O.,
S.69).
Diesen Unsinn hat sich die
18jährige junge Frau nur 11 Wochen lang angehört, dann hat sie Freud von heute
auf morgen aus ihren Diensten entlassen. Das hat den Gründer der Psychoanalyse
zutiefst beleidigt. Zumal es für ihn mal wieder eine empfindliche finanzielle
Einbuße bedeutete. In dem Bemühen, die junge Frau abzuwerten, hat er ihr
Dienstmädchenmentalität (a.a.O., S.105) und Rachebedürfnisse gegen seine Person
(a.a.O., S.107) unterstellt.
Als Freud zum außerordentlichen Professor ernannt wurde, ging
es nicht mit rechten Dingen zu. Die Ernennung erfolgte nach einer Bestechung
des Kultusministers durch eine (einfluss)reiche Patientin Freuds. Er beschreibt
dies in einem Brief vom 11.03.1902 an seinen Freund Willi Fließ (Masson, 1986,
S. 501 ff). Ida Bauer (Dora) hat diese Ernennung zum Anlass genommen, den
„Spezialisten“ für seelische Abgründe ca. eineinhalb Jahre später noch einmal
an der Nase herumzuführen. Am 1. April 1902 konsultierte sie ihn lächelnd wegen
erneut aufgetretener Gesichtsschmerzen. Die von Freud selbst geschilderte
Szene stelle ich mir konkret ungefähr so vor:
[Freud steht in seinem Arbeitszimmer und
übt selbstgefällig vor dem Spiegel professorale Haltung, gnädiges Zunicken
gegenüber imaginären ehrfürchtigen Beifallsbekundungen. Es klopft. Freud zuckt
zusammen.]
FR: Moment!
[Er setzt
sich schnell an seinen Schreibtisch, vertieft sich in seine Papiere.]
FR: Ja, bitte!
[Ida Bauer kommt herein.]
ID: Aaah, Herr
Doktor, Aua, helfen’s mir! Aua!
FR: Ja, Fräulein
Bauer, Sie hier? Was ist denn los?
ID: [schmunzelnd] Au, Auuu,
ich hab’ so fürchterliche Schmerzen im G’sicht,
hier, rechts, in der rechten G’sichtshälfte!
FR: Nun, seit wann haben’S
denn den Schmerz?
ID: Also, jetzt schon
seit vierzehn Tagen.
FR: [lächelt wissend] Aha! Da haben wir’s ja schon!
DO: Ja, Herr Doktor,
ham Sie so schnell schon was g’funden?
Ich hab’ Ihnen doch noch kaum was erzählt!?
FR: Nun – gehe ich
recht in der Annahme, daß Sie vor genau 14 Tagen
eine Zeitungsnachricht über mich gelesen haben?
DO: Ja, sind Sie denn ein Hellseher!? Ja, das stiiimmt! Die
Schmerzen ham
ang’fangen, g’rad wie ich das mit Ihrer Ernennung zum Professor
g’lesen hab’! Wie konnten’S denn das bloß wissen?
FR: Nun ja, aus der
Zeit Ihrer Kur ist Ihnen ja doch bekannt,
dass einem Psychoanalytiker die verborgensten
Gedankengänge seiner Patienten nicht geheim bleiben.
Ich will Ihnen Aufklärung geben: da ich nun zum Professor
ernannt worden bin, ist in Ihnen das Bedauern erwacht,
dass Sie meine Kur so schnell verlassen hatten, so wie
Sie es bedauert hatten, den Herrn K. so voreilig verstoßen zu haben.
Die Schmerzen bedeuten also eine Selbstbestrafung für die
ungerechtfertigte Ohrfeige, die Sie Herrn K. und
– im übertragenen Sinne – auch mir verpasst hatten.
Sie haben – zu ihrem eigenem Schaden – die Männer zurückgewiesen,
die für ihr Leben eine so wichtige Bedeutung hätten haben können.
Das möchten Ihnen die Schmerzen zum Ausdruck bringen.
DO: Ja, wie Sie das
immer rausfinden?
Dann hat der Kaiser Sie wirklich zum Professor g’macht?
Ich konnt’ mir das ja gar nicht recht vorstellen!
Aber wo Sie ja wirklich fast hellsehen können – wie diese Nachricht
und meine Schmerzen einen Zusammenhang haben!
Als wär’s für mich ein Schlag ins G’sicht g’wesen!
Ja, jetzt, wo Sie’s sagen, wo Sie mir sagen,
dass es schon richtig ist, dass ich das so empfind’,
da merk’ ich schon eine richtige Besserung!
Da will ich aber nicht länger ihre kostbare Zeit stehlen!
Vielen herzlichen Dank! Leben’S wohl, Herr Professor!
FR: Sie auch! Leben
Sie wohl, Fräulein Bauer. Und seien Sie versichert,
dass ich es Ihnen nicht mehr nachtrage, dass Sie mich
um die Befriedigung gebracht haben, Sie noch gründlicher
von Ihrem Leiden zu heilen.
Leben Sie wohl.
[Dora geht. Von draußen hört man ihr herzhaftes Lachen. Freud schüttelt
irritiert und verständnislos seinen Kopf. Dann steht er wieder auf und stellt
sich erneut zum Üben vor den Spiegel.]
In der Tat musste Ida Bauer
die zum 1. April 1902 erfolgte Ernennung Freuds zum außerordentlichen Professor
wie einen „Schlag ins Gesicht“ empfunden haben. Das hat sie ihn auf unvergleichlich
humorvolle Art und Weise wissen lassen. Das haben ihr Freuds Höflinge wohl nie
verziehen.
Die Abwertung dieser
selbstbewussten Frau wird von Freuds Jüngern geradezu devot übernommen und
gipfelt in einer Äußerung von Felix Deutsch (1957; eigene Übersetzung), der die
Patientin 1923 wiedergetroffen hatte:
„Ihr Tod an
Darmkrebs, der zu spät diagnostiziert worden war, um noch erfolgreich operiert
werden zu können, schien ein Segen für jene gewesen zu sein, die ihr nahe
standen. Sie war, wie mein Informant es ausdrückte, ‚eine der abstoßendsten
Hysterikerinnen’ gewesen, die er je getroffen habe“ (Deutsch, S.167).

„eine
der abstoßendsten Hysterikerinnen“ mit ihrem Sohn (1916)
Der Artikel von Deutsch
strotzt nur so von Fehlern. Patrick Mahony (1996,
S.16) hat ihm auch eine glatte und plumpe Lüge nachgewiesen: „Während er (Deutsch;
K.S.) in dem Artikel sagt, daß Dora stolz gewesen sei, die Hauptperson in
Freuds Falldarstellung gewesen zu sein, schrieb er seiner entfremdeten Frau
Helene im April 1923, daß Dora ‚nichts Gutes über die Analyse zu sagen hatte’.“
Diese Feststellung hindert
Mahony übrigens nicht, immer wieder auf die Unterstellungen von Deutsch
zurückzugreifen und sie für bare Münze zu nehmen. Vielmehr schmückt er sogar
noch Freuds Anklage gegen ihre Perversionen aus und dichtet ihr zusätzlich
Masochismus, Paranoia und Exhibitionismus an.
Freuds Weisheit über
‚Doras’ Homosexualität, Inzestneigung, Rachsucht und ähnliches wird - bis zum
heutigen Tag! - gläubig nachgebetet, so von Stavros Mentzos in seinem Nachwort
zu Freuds Text (1993, S.124-134). Freuds Darstellung wird zum „literarischen
Kunstwerk“ (Marcus, 1974, S.33) stilisiert, „schon literarisch
als ein Meisterwerk“ gewürdigt
(Mentzos, 1993, S.123), seine Analyse wird zur „intellektuellen Leistung
ersten Ranges“ (Marcus, 1974, S.33) erklärt. Der Wert der Studie als „Unterrichtsmaterial
in der Ausbildung von Psychotherapeuten“ (Jennings, S.400) wird betont.
Die in Freuds Studie
glänzend zum Ausdruck kommende Verkehrung ins Gegenteil, vom Opfer zur Täterin,
so meine These, ist kein einmaliger „Ausrutscher“ Freuds und seiner Jünger, im
Gegenteil: Wie an anderer Stelle gezeigt, ist gerade in zentralen Begriffen der
Psychoanalyse - wie z.B. dem des „Narzissmus“ oder des „ödipalen Konfliktes“ -
eine solche „Verkehrung ins Gegenteil“ implizit enthalten.
Eine ähnliche Schmähung
wie Ida Bauer erlebte ihr Bruder, Otto Bauer. Zum Glück ist die
Informationslage über ihn, was seine Persönlichkeit anbelangt, klarer. Er war
einer der führenden Sozialisten in der ersten Österreichischen Republik, wenn
nicht ihr bedeutendster Vertreter dieser Zeit. Das schützte ihn jedoch nicht
vor übelsten Diffamierungen durch Vertreter der „Psychoanalyse“. Einige
Informationen über ihn finden sich hier.
Literatur:
Decker, Hannah (1991): Freud, Dora, and Vienna 1900.
The Free Press, New York u.a.
Deutsch, Felix (1957): A footnote to Freud’s ‘Fragment of
an analysis of a case of hysteria’. In: Psychoanalysis Quarterly 26, S.159-167.
Freud, Sigmund (1993): Bruchstück einer Hysterieanalyse.
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M.
Jennings, Jerry L. (1990): Die ‚Dora-Renaissance’:
Fortschritte in der psychoanalytischen Theorie und Praxis. in: Psyche 5, Jg.
44.
Mahony,
Patrick J. (1996): Freud’s Dora. A Psychoanalytic, Historical, and Textual Study.
Yale University Press, New Haven & London
Marcus, Steven (1974): Freud und Dora. Roman,
Geschichte, Krankengeschichte. In: Psyche 1, Jg. 28, S.32-79.
Masson, Jeffrey M. (Hg.) (1986): Sigmund Freud. Briefe an Wilhelm Fließ 1887 - 1904.
Ungekürzte Ausgabe. Fischer Verlag, Frankfurt.
Masson, Jeffrey M. (1991): Die Abschaffung der
Psychotherapie. Ein Plädoyer. C. Bertelsmann, München.
Masson, Jeffrey M. (1995): Was hat man dir, du armes Kind
getan? Oder: Was Freud nicht wahrhaben wollte. Kore Verlag, Freiburg.
Mentzos, Stavros (1993): Nachwort. In: Freud: Bruchstück
einer Hysterieanalyse. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M.