Zur Rehabilitation von Narziss.
Oder:
Ermunterung, von einem liebgewordenen Begriff
Abschied zu nehmen!
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Der
inzwischen geradezu zum Allgemeingut gewordene Begriff ‚Narzissmus‘ erlaubt –
wie der ‚Ödipuskomplex‘ – eine scharfe Kritik an der psychoanalytischen
Theorie. Zunächst möchte ich hier den Mythos von Narziss entsprechend der
antiken Überlieferung darstellen – die Geschichte von dem schönen,
selbstbewussten Jüngling, der beim Betrachten seines Spiegelbildes stirbt. Sein
Problem erweist sich zum einen als Verzweiflung über den Verlust geliebter
Angehöriger beziehungsweise über die eigene Vergänglichkeit, zum anderen als
Verzweiflung über die Aufdringlichkeit ungeliebter Menschen (Der Mythos von Narziss in 7 Versionen).
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Trotz
der eigentlich klar erzählten Geschichte herrscht um den Begriff des
„Narzissmus“ ein heilloses, groteskes Durcheinander (Die Entwicklung des Begriffes
Narzissmus).
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Mit
dem Begriff „(primärem) Narzissmus“ bekommen Kleinkinder oder Erwachsene unsympathische
Eigenschaften attestiert, ohne dass die Plausibilität der Vorwürfe überprüft
oder die Entstehungszusammenhänge mit reflektiert würden. PsychotherapeutInnen,
die den Begriff gebrauchen, laufen Gefahr, auch die Leidensgeschichte ihrer
KlientInnen nicht zu verstehen. Musterbeispiel dafür ist der an anderer Stelle
ausführlich gewürdigte „Narzissmus-Experte“ Otto F. Kernberg. Er zeigt eine beispiellose Kälte und
Verständnislosigkeit gegenüber seinen KlientInnen.
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Der
Widerspruch zwischen dem „eigentlichen“ Inhalt des Mythos und der klassischen
psychoanalytischen Deutung entspricht dem Gegensatz zwischen Freuds vor
September 1897 vertretenen „Trauma-Theorie“ und der danach formulierten
„Trieb-Theorie“ (vgl. S. Freud).
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Die
Lektüre des Mythos von Narziss als Jahrtausende alte „Fallgeschichte“ legt
nahe, die Entstehungsbedingungen psychischen Leidens in schwerer
Beeinträchtigung durch andere (körperlicher und seelischer Misshandlung) oder
in tragischen Umständen (z.B. dem Tod nahestehende Menschen) zu sehen, was die
Betroffenen in der Folge emotional überwältigt und ihnen die Lebensenergie
raubt („Trauma-Theorie“). Vor allem Kinder sind gegenüber solchen Bedingungen
besonders verletzlich. Psychotherapie sollte – als lebendige Resonanz – altem
Leid zu vollem Gehör verhelfen, die Integration abgespaltener Gefühle
ermöglichen, und auf dieser Basis zu authentischer, selbst-bewusster
Lebensgestaltung ermuntern. Das entspricht jedenfalls dem Therapiekonzept, wie
es Joseph Breuer bereits im Jahr 1880/1881 gegenüber
seiner Patientin Bertha Pappenheim umgesetzt hat.
Literatur:
Asper, Kathrin (1994): Verlassenheit und Selbstentfremdung. Neue
Zugänge zum therapeutischen Verständnis. München
Breuer, Josef & Sigmund Freud (1991): Studien über Hysterie. Frankfurt a.M.
Dornes, Martin (1993): Der kompetente Säugling. Die präverbale
Entwicklung des Menschen. Frankfurt a.M.
Ethymologisches Wörterbuch des Deutschen (EWdD) (1993). München
Freud, Sigmund (1995): Bruchstück einer Hysterieanalyse. Frankfurt
a.M.
Kernberg, Otto F. (1990 5): Borderline-Störungen und
Pathologischer Narzißmus. Frankfurt a.M.
Lurker, Manfred (1988): Wörterbuch der Symbolik. Stuttgart, 4. Aufl.
Masson, Jeffrey M. (1986): Sigmund Freud. Briefe an Wilhelm Fließ 1887
- 1904. Ungekürzte Ausgabe. Frankfurt a. M.
Miller, Alice (1979): Das Drama des begabten Kindes und die Suche
nach dem wahren Selbst. Frankfurt a. M.
Miller, Alice (1981): Du sollst nicht merken. Variationen über das
Paradies-Thema. Frankfurt a.M.
Miller, Alice (1998): Wege des Lebens. Sieben Geschichten.
Frankfurt a.M.
Müller-Pozzi, Heinz (1995): Psychoanalytisches Denken: eine Einführung.
Bern, Göttingen, Toronto, Seattle, 2. korrig. Aufl.
Orlowsky, Ursula und Rebekka Orlowsky (1992): Narziß und Narzißmus im Spiegel von
Literatur, Bildender Kunst und Psychoanalyse. Vom Mythos zur leeren
Selbstinszenierung. München
Ovid (1980 9): Metamorphosen. In der Übersetzung von Erich Rösch.
München
Sophokles (1995): König Ödipus. Übersetzung, Anmerkungen und
Nachwort von Kurt Steinmann. Stuttgart
Wieseler, Friedrich (1856): Narkissos. Eine kunstmythologische Abhandlung
nebst einem Anhang über die Narcissen und ihre Beziehung im Leben, Mythos und Cultus
der Griechen. Göttingen
Wutke, Joachim (1998): http://www.cops.uni-sb.de/joachim/reader/narziss/TOPFRAME.HTM,
Download vom 18.08.98
Zepf, Sigfried & Bernd Nitzschke (1985): Zur Kritik der Narzißmus-Theorie von Otto
Kernberg. Psyche 10, S. 865-976