Narzissmus:
Sprachverwirrung
von babylonischem Ausmaß
Die
Ideen dieses Artikels sind inzwischen auch publiziert: Klaus Schlagmann: Zur
Rehabilitation von Narziss – Mythos und Begriff. In: Integrative Therapie –
Zeitschrift für vergleichende Psychotherapie und Methodenintegration, Vol. 34, 2008,
443-464
Der Eintritt des Begriffes ‚Narzissmus‘ in
die psychiatrische Terminologie (von der Sprachlogik her müsste es eigentlich
‚Narzissismus’ heißen, wie es auch beispielsweise
im angloamerikanischen Bereich – ‚narcissism’ – übersetzt ist) beginnt wohl im
Jahr 1887 mit einem Text von Alfred Binet, in dem das Verhalten des Narziss,
seine (angebliche) Selbstverliebtheit, als eine Art Perversion etikettiert
wird. Binet beschreibt den Fall eines Mannes, der einen Fetischismus in Bezug
auf weiße Schürzen entwickelt hat (S. 264): „Das, was er liebt, sind die
Schürzen an und für sich. Er kann sie nicht in der Sonne trocknen oder in einem
Geschäft gestapelt sehen, ohne Lust zu haben, sie zu ergattern. Man hat bei ihm
Stöße von gestohlenen weißen Schürzen entdeckt. In diesem letzten Fall hat der
Fetischismus seine vollkommenste Entwicklung erreicht; es scheint unmöglich,
noch darüber hinaus zu gehen; die Bewunderung erstreckt sich allein auf ein
materielles Objekt. In keinem Moment ist die Frau dazwischengetreten.“ Dazu
in einer Fußnote: „Bei diesem Kranken ist die Verknüpfung der Empfindungen
durch ein persönliches, egoistisches Vergnügen bedingt. Es gibt ohne Zweifel
Subjekte, bei denen der Fetischismus ihre eigene Person zum Gegenstand hat. Die
Fabel des schönen Narziss ist ein
poetisches Bild solch trister Perversionen.
Übrigens findet man überall bei diesem Thema, dass die Poesie die pathologische
Tatsache bemäntelt und versteckt.“ Narziss wird ganz auf den Aspekt
Selbstverliebtheit reduziert, und zwar völlig einseitig im Sinne einer
Perversion. (Binet kann also für sich reklamieren, als einer der ersten dem
Narziss eine Perversion attestiert zu haben.) Der Aspekt ‚Selbstbewusstsein’,
der in dem Mythos deutlich hervortritt, wird von Binet völlig übersehen,
ebenso, dass das Betrachten und das vergebliche Umarmen-Wollen des eigenen
Spiegelbildes wohl vor allem das Leiden an der Vergänglichkeit zum Ausdruck
bringt.
Bedeutsam für die weitere (reichlich
verwirrende) Begriffsgeschichte des ‚Narzissmus‘ ist zunächst Havelock Ellis
(1898), der in einem Aufsatz über „Auto-Erotismus“ diesen umschreibt als
„das Phänomen der spontanen geschlechtlichen Erregung ohne irgend welche
Anregung direkter oder indirekter Art seitens einer anderen Person“ (S. 260
). Und (S. 280 f.): „Im weitesten Sinne gehören zum Auto-Erotismus nicht nur
diejenigen Formen von umgewandelter niedergehaltener sexueller Energie, die
einen Faktor so vieler krankhafter Zustände ausmachen, sondern es gehören
hierher auch die normalen Äusserungen von Kunst und Poesie, die dem Leben erst
mehr oder weniger Reiz verleihen“. Und dann: „Um diese Zusammenfassung
des Hauptphänomens des Auto-Erotismus zu vervollständigen, darf ich kurz die
Tendenz erwähnen, die manchmal, vielleicht
besonders vermehrt bei Frauen, gefunden wird, daß nämlich sexuelle Gefühle in der Selbstbewunderung
absorbiert werden und dabei
oft gänzlich verloren gehen. Diese
Narziss-artige Tendenz, deren normaler
Keim bei den Frauen durch den Spiegel symbolisiert wird, wird in
geringerem Grad bei manchen weiblich gesonnenen Männern gefunden, aber sie
scheint sehr selten bei Männern gefunden
zu werden, abgesehen davon, wenn es um sexuelle Anziehungskraft geht, dieser
Anziehungskraft ist sie natürlich in normaler Weise dienlich. Aber gelegentlich
scheint sie bei Frauen für sich selbst zu bestehen, unter Ausschluß irgendeiner
Anziehungskraft für andere Personen. Ein typischer Fall ist der einer Dame von
28, von sehr großen und feinen Proportionen, aktiv und intelligent, jedoch ohne
deutliche sexuelle Hinneigung zum anderen Geschlecht; gleichzeitig ist sie
nicht invertiert, obwohl sie gerne ein Mann wäre, und sie weist einen gehörigen
Grad von Verachtung gegenüber Frauen auf. Sie zeigt eine intensive Bewunderung
für ihre eigene Person, besonders für ihre Schenkel; niemals ist sie
glücklicher, als wenn sie sich alleine und nackt in ihrem Schlafzimmer
befindet, und, soweit es möglich ist, kultiviert sie Nacktheit. ... Sie ist
frei und sicher in ihrem Benehmen, ohne sexuelle Scheu, und während sie
bereitwillig die Aufmerksamkeit und Bewunderung anderer empfängt, unternimmt
sie doch keinerlei Bemühungen, sie zu erhalten, und hat niemals zu irgendeiner
Zeit irgendwelche Gefühle erfahren, die stärker sind als ihr eigenes Vergnügen
an sich selbst.“
Bei den „Narziss-artigen
Tendenzen“ im Sinne von Ellis gehen also sexuelle Gefühle „oft gänzlich verloren“. Darüber
hinaus existieren für Ellis durchaus „normale
Keime“ dieser „Narziss-artigen Tendenz“ – sie dürften in
seinen Augen also ziemlich verbreitet sein; sie zeigen sich vor allem bei Frauen, welche sich gerne im
Spiegel betrachten. Diese Tendenz sei bei Männern einerseits sehr selten
anzutreffen, andererseits sei sie auch ihnen „natürlich in normaler Weise
dienlich“, wenn sie sich um ihre „sexuelle Anziehungskraft“
bemühten.
Ellis erläutert in einem Aufsatz von 1927,
als er die Entstehung des inzwischen in bestimmten Fachkreisen höchst beliebten
Begriffes ‚Narzissmus‘ rekapituliert, dass er um 1898 öfter in Kontakt
gestanden habe mit Paul Näcke, der eine psychiatrische Anstalt in Hubertusberg
bei Leipzig geleitet habe. Mit diesem habe er öfter Aufsätze ausgetauscht, die
sie dann jeweils für Zeitschriften ihrer Heimatländer zusammenfassten. So habe
dann Näcke in einem Artikel (1899 a) auch die Ideen von Ellis (1898)
aufgegriffen.
Näcke schreibt
(1899 a, S. 375): „Auf alle Fälle viel
seltener als das Tagträumen ist der
Narcismus, die Selbstverliebtheit. Hier ist die Grenze gegen blosse
Eitelkeit zu ziehen und nur dort, wo das
Betrachten des eigenen Ich’s oder seiner Theile von deutlichen Zeichen des
Orgasmus begleitet ist, kann mit Fug und Recht von Narcismus gesprochen werden.
[*] Das wäre der klassischste
Fall von ‚auto-erotism’ im Sinne von H. Ellis. Nach ihm soll Narcismus
besonders bei Frauen sich finden, vielleicht weil der normale Keim dazu ‚is
symbolized by the mirror.’ Auch hier giebt es noch viel zu forschen, vor Allem
aber einwandfreies Material herbeizuschaffen.“ Näcke kann also die Urheberschaft des Begriffes „Narcismus“ für sich reklamieren,
wobei er eine Idee aufgreift, die er bei Ellis gefunden hat. Er versteht
darunter jedoch – geradezu im Gegensatz zu
Ellis! – eine sehr seltene,
spezielle Störung, bei der allein das
Betrachten des eigenen Körpers
sexuelle Erregung auslöst. Nach einer Untersuchung habe er dieses
Symptom bei fünf von 1500 untersuchten „Irrsinnigen“ (vier Männern, einer Frau) gefunden (1899
b, zit. nach Ellis, 1907, S. 282) – also in
achtzig Prozent seiner Fälle
bei Männern.
Ellis zeigt sich
im Jahr 1907 anscheinend mit der Übertragung von Näcke (1899 a) noch eher
einverstanden (1907, S. 280 f.): „Die
extremste Form des Auto-Erotismus besteht in der Neigung der sexuellen
Erregung, sich ganz oder teilweise in Selbstbewunderung zu verlieren, die
vielleicht hauptsächlich bei Frauen (obgleich das nicht feststeht) vorkommt.
Diese narzissähnliche Tendenz, deren normaler Ausdruck bei Frauen das Sich im
Spiegel Bewundern ist, findet man in geringerem Grade auch beim Manne“. Und
dann (S. 282): „Seit ich die Aufmerksamkeit auf diese Form des
Auto-Erotismus gelenkt habe, haben verschieden Schriftsteller diesen Zustand
besprochen, besonders Näcke, der dem Winke folgend, diesen Zustand Narzissmus
nennt.“ Einerseits vollzieht Ellis selbst zunächst noch die Ausgestaltung
dieses Begriffes in Richtung einer „extremsten
Form des Auto-Erotismus“ mit, er schränkt auch seine ursprüngliche
Position ein wenig ein, bei der er den Narzissmus vor allem den Frauen
attestiert hatte, wobei er hier seine alte Behauptung wiederholt, ihr jedoch in
Klammern die Bemerkung „obgleich das nicht feststeht“ beifügt.
Andererseits wiederholt Ellis, dass sich die sexuelle Erregung dabei ganz oder teilweise
in der Selbstbewunderung „verliert“.
Näcke schreibt im
Jahr 1906 (S. 125) – etwas im Widerspruch zu seiner ursprünglichen Sichtweise:
„So berichtete ich einmal von einer periodisch erregten Frau, die, wenn sie
im Sturme war, sich Arm und Hand küßte
und dabei ganz verliebt aussah. Diesen Fall rechnete ich zu den so überaus seltenen echten Fällen von Narzißmus. Es ist überhaupt der einzige Fall, der
mir bisher aus einer Irrenanstalt bekannt wurde. Sexuell bedingt ist die Sache
wahrscheinlich.“ Und (S. 127): „Bezüglich des Narzißmus sah ich unterdes
einen zweiten Fall. Ein junger Mann (dem[entia]. Praec[ox]. paranoides), den
29. Juni 1905 in Hubertusburg
aufgenommen, spiegelte sich den 19. August in einer Fensterscheibe ab und küßte
sein eigenes Spiegelbild. Am 11. Oktober bemerkt die Krankengeschichte:
‚Bespiegelt sich in den Fensterscheiben und lacht sein Bild an.’ Wahrscheinlich
liegt hier ein sexueller Hintergrund vor. Man könnte solche Fälle auch
Auto-Erotismus nennen, welche Bezeichnung H. Ellis aber für Onanie gebraucht,
was weniger zweckdienlich erscheint.“
Im Jahr 1906 fasst Näcke also den „Narzißmus“
weiterhin als ein sehr seltenes
Phänomen auf. Überraschend klingt, dass er ihn 1899 noch bei fünf Irrsinnigen gefunden
haben wollte, während er sieben Jahre später berichtet, dass ihm nur zwei Fälle
aus einer Irrenanstalt bekannt geworden sind. Leidet er unter rapidem
Gedächtnisverlust? Oder hat er sich bei dem Bericht von 1899 mehr auf „Irrsinnige“
bezogen, denen er außerhalb von Anstalten begegnet war? Und während er 1899 den
Narzissmus zunächst strikt auf „das
Betrachten des eigenen Ich’s oder seiner Theile“ beschränkt,
spricht er in dem ersten Fall von 1906 ausdrücklich vom Küssen der eigenen Arme und Hände. In dem Artikel von 1906 wird
dann weder beim ersten Fall, noch beim zweiten Fall deutlich, ob es hier zum Orgasmus kommt – ein Aspekt, dem er 1899
noch ganz zentrale Bedeutung beimisst: „nur
dort, wo das Betrachten des eigenen Ich’s oder seiner Theile von deutlichen Zeichen des Orgasmus begleitet
ist, kann mit Fug und Recht von Narcismus gesprochen werden“ (Näcke, 1899
a, S. 375). Schließlich ist mir unklar, was Näcke im Sinn hat, wenn er
bemängelt, dass Ellis die Bezeichnung „Auto-Erotismus ... für Onanie gebraucht,
was weniger zweckdienlich scheint“. Näcke selbst hat 1899 den Begriff „Auto-Erotismus“
noch von Ellis übernommen, der die Onanie zwar darunter subsumiert, aber ganz
ausdrücklich diesen Begriff – wie oben dargestellt – breit gefächert sehen
wollte. „Masturbation nur eine kleine Teilerscheinung des auto-erotischen
Gebiets“ lautet beispielsweise bei Ellis eine seiner Überschriften für ein
Zwischenkapitel (Ellis, 1907, S. XII). Näcke scheint mir also ein recht wirrer
Geist zu sein, der gar nicht so recht umzugehen weiß mit dem, was er da liest.
In seinem rückblickenden Kommentar von 1927
referiert Ellis die oben zitierte Passage von Näcke (1899 a) und kommentiert
dabei an der von mir mit [*]
bezeichneten Stelle, als Näcke zu den Bestimmungsstücken des echten Narzissmus
den Orgasmus beim Betrachten des eigenen Körpers zählt: „Ich hatte das nicht
gesagt und kann diese Aussage nicht akzeptieren.“ Diesen deutlichen und
berechtigten Widerspruch hatte er im Jahr 1907 noch nicht erhoben.
Innerhalb der psychoanalytischen Gemeinschaft
taucht der Begriff des ‚Narzissmus ‘ spätestens ab dem Jahr 1909 auf. Damals
bemüht sich Isidor Sadger um ein Verständnis der Homosexualität. Sie tritt – laut Sadger (S. 111 f.) – „in
der Regel und jedenfalls am stärksten in der Pubertät zutage, für unsere
Breiten also mit 10 oder 11 Jahren. ... Ausgelöst wird das ständige
homosexuelle Empfinden gewöhnlich durch ein bedeutsames Ereignis, das die
Mutter von ihrer bisherigen Rolle der idealen Helferin, Lehrerin und Erzieherin
für immer oder mindestens lange verdrängte. ... Bezeichnend ist auch, daß in
den homosexuellen Idealen neben den Zügen der bisher hetero- wie homosexuell
Geliebten auch die eigene Person ganz deutlich in den Vordergrund tritt und in einer
Reihe von Eigentümlichkeiten unzweifelhaft Verwendung findet. ... Wir sind hier
bei einem ganz neuen Punkte, der für das Ganze der Inversion mir entscheidend
dünkt: der Weg zur Homosexualität führt
nämlich stets über den Narzismus, d.h. die Liebe zum eigenen Ich. Das
konnte ich in all’ meinen Fällen nachweisen und auch Freud hat mir dies über
meine Frage von seinen Urningen bestätigen können. Der Narzismus ist nun nicht etwa ein vereinzeltes Phänomen,
sondern eine notwendige Entwicklungsstufe
beim Übergang vom Autoerotismus zur späteren Objektliebe. Die Verliebtheit in die eigene Person, hinter welcher
sich die in die eigenen Genitalien verbirgt, ist ein nie zu fehlendes
Entwicklungsstadium. Von da erst geht man später zu ähnlichen Objekten
über. ... Der Urning kommt von sich selber nicht los, das ist sein Verhängnis.“
Schon beim Treffen der Mittwochsgesellschaft
vom 10.11.1909 hat Freud sich anerkennend über diesen Gedanken von Sadger
geäußert (Nunberg & Federn, Protokoll v. 10.11.1909): „Neu und wertvoll
scheine die Bemerkung Sadgers, die sich auf den Narzissmus beziehe. Dieser sei
keine vereinzelte Erscheinung, sondern eine notwendige Entwicklungsstufe des
Übergangs vom Autoerotismus zur Objektliebe. Die Verliebtheit in die eigene
Person (= in die eigenen Genitalien) sei ein notwendiges Entwicklungsstadium.
Von da gehe man zu ähnlichen Objekten über. Der Mensch hat allgemein zwei
ursprüngliche Sexualobjekte, und sein weiteres Leben hängt davon ab, bei
welchem er fixiert bleibe. Diese beiden Sexualobjekte sind für jeden das Weib
(die Mutter, Pflegerin etc.) und die eigene Person. Und es komme darauf an,
beide loszuwerden und bei beiden nicht zu lang zu verweilen. Die eigene Person
ist es dann meist, die sich durch den Vater ersetzt, der jedoch bald in die
feindliche Position tritt. Die Homosexualität zweigt an der Stelle ab. Er kommt
von sich nicht so bald los, wie dieser Fall sehr schön zeigt.“
Ein Beitrag zum Narzissismus (1911) von Otto Rank ist der erste Versuch, diesen
Begriff ganz für die Psychoanalyse zu besetzen. Zunächst umreißt Rank relativ
differenziert dessen Entstehungsgeschichte, hebt dabei die Bedeutung von Ellis
hervor (S. 401): „Seitdem Havelock Ellis zuerst die Aufmerksamkeit auf den
pathologischen [1] Zustand der Verliebtheit in die eigene Person als
einer besonderen Form des Autoerotismus gelenkt hat, wurde diese Erscheinung,
die Näcke einem Winke von Ellis folgend ‚Narzissismus’ nannte, von einzelnen
Forschern gelegentlich gestreift. Doch ist außer ein paar recht interessanten
kasuistischen und literarischen Hinweisen, insbesondere bei Ellis, nichts über
Ursprung und den tieferen Sinn bekannt geworden.“ Es trifft allerdings nicht zu, dass Näcke von „Narzissismus“
gesprochen hätte, wie es von der Begriffslogik her tatsächlich heißen müsste.
Näcke schreibt jedoch „Narcismus“ (1899 a, S. 375) oder „Narzißmus“
(1906, S. 125, 127).
Auf diese Einführung in die Entstehung des
Begriffes und die Mitteilung, dass „nichts über Ursprung und den tieferen
Sinn bekannt geworden“ sei, folgt dann eine etwas vollmundige Ankündigung
(ebd.): „Der psychoanalytischen Forschung war es auch hier vorbehalten, ein
erstes Licht auf die Genese und die vermutlichen psychosexuellen Zusammenhänge
dieser eigenartigen Libidoeinstellung zu werfen, ohne daß es jedoch damit
gelungen wäre, deren Bedeutung für das Seelen‑ und Liebesleben der
Menschen ihrem vollen Umfang nach würdigen zu lernen.“ Hier verweist Rank
dann auf die angeblich Untersuchungen zum „Narzissismus“ = „Verliebtheit
in die eigene Person“ als „ein normales Entwicklungsstadium“, als
ein „notwendige[r] Übergang vom reinen Autoerotismus zur Objektliebe“,
wie es Sadger zuvor dargestellt hatte.
Rank lässt sich immerhin etwas näher auf den
dazugehörigen griechischen Mythos ein (Rank, 1911, S. 407): „Diese
Verliebtheit in das eigene unerkannte Ebenbild, welche den narzissistischen
Einschlag in der Wahl des homosexuellen Liebesobjektes deutlich verrät, liegt
auch der euboiisch‑boiotischen Sage von Narkissos zugrunde, der sich nach
Ovid (Metam. III 402‑510) in sein eigenes, im Wasser geschautes
Spiegelbild, das er für einen schönen Knaben hält, dermaßen verliebt, daß er
dahinsi[e]cht. Der römische Dichter stellt diese quälende Selbstliebe,
wie es scheint in freier Erfindung, als Strafe für die verschmähte Liebe der
Echo dar, während Wieseler
(Narkissos, Göttingen 1856) den Mythus auf die
kalte Selbstliebe bezieht. Doch weist der Mythus auch homosexuelle Züge auf: Ameinias entleibt
sich vor der Tür des Narkissos, als dieser ihm ein Schwert als Antwort auf
seine Werbung schickt.“
Rank fixiert sich hier ganz auf die
angebliche „Selbstliebe“ des Narziss. Er entstellt dabei grob die
Sichtweise von Wieseler. Dieser hatte referiert (1856, S. 74): „Den Alten im
Allgemeinen gilt Narkissos als Repräsentant harter Sprödigkeit, eitler oder kalter Selbstliebe, aber auch
lobenswerther Enthaltsamkeit.“
Er weist in seiner Arbeit vor allem akribisch den Bezug des Narkissos zu Vergänglichkeit und Tod nach und betont dies als den zentralen Aspekt des Mythos. Dem Eros – gesehen „als die in Liebe
vereinigende Kraft, welche in der Natur
Leben hervorbringt“ (S.
90) – stehe Narkissos als „Gegenpart“
gegenüber, und zwar wegen seines Bezugs zu dem „in kalter Gleichgültigkeit erstarrenmachenden oder auflösenden
Tod in der Natur“ (ebd.). Rank hat dies geflissentlich
verschwiegen.
Rank verschleiert auch die deutliche
Darstellung der Ablehnung von Homosexualität
durch Narziss. Seine Aussage – „Ameinias entleibt sich vor der Tür des
Narkissos, als dieser ihm ein Schwert als Antwort auf seine Werbung schickt“
– lässt ja nun alle möglichen Wege zur Deutung offen. Ist Narziss vielleicht
ein Rowdy, ein rüpelhafter Bursche, der harmlose Bewerbungen um eine Beziehung
gleich mit symbolischen Morddrohungen quittiert? Oder war das Schwert
vielleicht als Geschenk gedacht, das Ameinias tragisch missverstanden hat? Oder
sollte das vielleicht sogar zum Ausdruck bringen, wie spitz der geile Narkissos
auf Ameinias war? Keine Details. Keine Rede davon, dass mehrere verliebte
Männer erwähnt werden, deren Bewerbung Narziss
ablehnt. Keine Auskunft darüber, dass Ameinias die klare Absage mit dem
Schwert deshalb bekommt, weil er den Narziss so beharrlich umwirbt – und ihm
damit auf die Nerven geht. Und auch keine Mitteilung von der überdeutlichen
Reaktion des Ellops, der den Narziss bewusst tötet, weil er ihm nicht willfährig ist. Dieser ins Auge
springende Charakterzug des Narziss, dass er wiederholt das homosexuelle
Begehren anderer zurückweist, diese
Ablehnung sogar mit dem Leben bezahlt, das passt den psychoanalytischen
‚Wissenschaftlern’ natürlich überhaupt nicht ins Konzept – zu ihren neuesten
Entdeckungen zählt es ja, dass gerade die Homosexuellen typische Vertreter des
Narzissmus sind. Da wird halt das Ganze schön zurecht gebogen: „Doch weist
der Mythos auch homosexuelle Züge auf“. Narziss hat was mit Homosexualität
zu tun. Dagegen lässt sich nichts sagen. Jedoch verschleiert diese schwammige
Erläuterung, dass es hier um Selbstbehauptung
gegen homosexuelle Bedrängnis geht. Zug um Zug wird der Boden bereitet
für die Verdrehung der Wirklichkeit des Mythos.
Drei Jahre nach seinem Schüler betritt
Meister Freud selbst die Arena und widmet dem Thema ‚Narzissmus‘ eine erste
größere Abhandlung. Er selbst bezieht sich an keiner Stelle mehr auf den Gehalt
des Mythos. So muss er sich erst gar nicht mit irgendwelchen Ungereimtheiten
herumschlagen. Seine epochalen Ausführungen leitet er wie folgt ein (Freud,
1914/1924, S. 3): „Der Terminus Narzißmus entstammt der klinischen
Deskription und ist von P. Näcke 1899 zur Bezeichnung jenes Verhaltens gewählt
worden, bei welchem ein Individuum den eigenen Leib in ähnlicher Weise
behandelt wie sonst den eines Sexualobjekts, ihn also mit sexuellem Wohlgefallen
beschaut, streichelt, liebkost, bis er durch diese Vornahmen zur völligen
Befriedigung gelangt. In dieser Ausbildung hat der Narzißmus die Bedeutung
einer Perversion, welche das gesamte Sexualleben der Person aufgesogen hat, und
unterliegt darum auch den Erwartungen, mit denen wir an das Studium aller
Perversionen herantreten.“
Freud tut so, als existierte in der psychiatrischen
Fachwelt bereits die Übereinstimmung, dass bestimmte klinische Phänomene sich
mit dem Begriff „Narzißmus“ klar beschreiben ließen. Er bezieht sich
dabei auf den reichlich verwirrten Näcke, der – wie oben dargestellt – in der
Übersetzung einer Passage von Ellis aus der „Narziss-artigen Tendenz“
den Begriff des „Narcismus“ schöpft, den er dann jedoch ganz anders
ausgestaltet hat, als Ellis offenbar verstanden sein wollte. Freud selbst
wiederum setzt diese Verdrehungen fort, indem er beim „Narzißmus“ von
Streicheln und Liebkosungen redet, was Näcke (übrigens ebenso wie Ellis, 1898)
– jedenfalls bei seiner Definition von 1899, auf die sich Freud angeblich
bezieht – ja geradezu ausgeschlossen
hatte. Freud bleibt wiederum unklar, wenn er von „völliger Befriedigung“
spricht, zu der der Narzisst bei den angeblichen Liebkosungen seines Körpers gelange,
womit er wohl den Orgasmus umschreiben möchte, den Näcke (1899 a) noch als
zwingend notwendige Zutat benannt hatte, um „mit Fug und Recht von Narcismus“
sprechen zu können. Ellis, der den ursprünglichen Anstoß für diesen Begriff
gegeben hatte, hatte dagegen gerade nicht gemeint, dass es bei „Narziss-artigen
Tendenzen“ zum Orgasmus kommen müsse, vielmehr, dass dabei die sexuelle
Erregung in der Selbstbewunderung verloren gehe, wobei auch Näcke in seiner
späteren Betrachtung von 1906 den Orgasmus gar nicht mehr erwähnt.
Mittlerweile wird unter dem Begriff
Narzissmus eine Vielzahl von Phänomenen subsumiert. Beispielhaft seien hier
einige Aussagen zitiert, bezogen auf den angeblichen Narzissmus in der
menschlichen Entwicklung, der Persönlichkeit und der Beziehungsaufnahme.
Der primäre Narzissmus - Heinz Müller-Pozzi
„Das Konzept des primären Narzißmus
versucht, unter dem Gesichtspunkt des Selbst zu erfassen, wie wir uns das
Erleben des Kindes ... sinnvollerweise vorstellen können. Als Teil der
bedürfnisbefriedigenden Mutter lebt das Kind (während „der ersten Lebensphase“; K.S.)
noch weitgehend in der Illusion der automatischen Versorgung und totalen
Befriedigung. Es glaubt, aus unerschöpflichen Quellen zu leben, ohne
Bedürfnis, Mangel und Versagung, ohne Angst, Schmerz und Not. Die Psychoanalyse
stellt sich den primären Narzißmus nach dem Vorbild der intrauterinen
Existenz als spannungslosen, ausgeglichenen Zustand fraglosen Wohlbefindens
und Behagens außerhalb von Zeit, Raum und Kausalität vor“
(Müller-Pozzi, 1995, S.140).
Primärer Narzissmus wird hier verstanden als
„spannungsloser, ausgeglichener Zustand fraglosen Wohlbefindens“. Aber warum
sollte sich ein Kleinkind der Illusion hingeben, dass es „automatisch
versorgt“ würde und „totale Befriedigung“ fände? Es wird doch
wohl oft genug die gegenteilige Erfahrung machen, deshalb kaum glauben können, „aus
unerschöpflichen Quellen zu leben“, unabhängig von den realen
Verhältnissen. Müller-Pozzi attestiert dabei dem hilflosen Säugling
regelrechten Größenwahn: „Der Säugling ... ist absolut abhängig und erlebt
sich omnipotent (Winnicott 1978). Es gibt noch nichts außerhalb seiner
selbst. Was einmal die Mutter werden wird, gehört noch in den Umkreis seiner
Omnipotenz. Die ‘omnipotente Abhängigkeit’ prägt auch die frühesten Phantasien.
Es sind Phantasien der Unerschöpflichkeit, der Unendlichkeit und
Unzerstörbarkeit“ (Müller-Pozzi, 1995, S. 126).
Warum sollte sich ein Säugling allmächtig
fühlen, glauben, dass es außer ihm selbst nichts gäbe auf der Welt? Warum
sollte er die Mutter als ein einfaches Anhängsel seiner selbst betrachten, von
Unerschöpflichkeit, Unendlichkeit und Unzerstörbarkeit phantasieren? Säuglinge
empfinden ihre Situation vermutlich wesentlich differenzierter (vgl. Dornes,
1995)!
Hinter der angeblichen Fassade von
Allmächtigkeit und „fraglosem Wohlbefinden“ werden jedoch gleichzeitig
die bizarrsten triebhaften Abgründe vermutet: „An die Stelle der
automatischen und totalen Versorgung tritt das orale Triebgeschehen ...
Die ‚wunschlose Befriedigung‘ des intrauterinen Lebens differenziert sich in
eine grenzenlose Befriedigung mit hoher sinnlicher und coenästhetischer
Qualität auf der einen, Gier, Ungeduld, Unersättlichkeit und Neid auf
der anderen Seite. ... Die Mutter ist in dieser prekären Situation nicht allein
Triebobjekt. Sie übernimmt auch Ich-Funktion für ihr Baby. ... Indem
sich die Mutter auffressen läßt, ohne sich für die Zerstörung zu
rächen, bindet sie mit ihrer reifen Liebe den destruktiven Anteil im
primitiven Liebesimpuls des Kindes und macht Intensität möglich, eine
Intensität, die wohl mit Gier am besten kennzeichnen läßt. Läßt sich die
Mutter von ihrem Baby gierig lieben, kann das Kind rasch die primitive
Aggressivität für Haßgefühle mobilisieren, die Abgrenzung und Trennung
ermöglichen“ (Müller-Pozzi, a.a.O., S. 126 f).
Die unterstellten narzisstischen Züge des
Kleinkindes setzen sich angeblich über die Phase des „primären Narzißmus“
hinaus fort:
„Das Kind, das der Dyade entschlüpft und
erste Objektbesetzungen aufbaut, begehrt nicht allein Triebbefriedigung,
sondern auch Erfüllung seiner narzißtischen Wünsche. Es verlangt nach
Bewunderung und Bestätigung seiner Phantasien von Unabhängigkeit, Kompetenz,
Erhabenheit und Größe. ... Es will von den Menschen, die es liebt, idealisiert
werden“ (a.a.O., S.137 f).
Die „narzißtischen Wünsche“ des
Kleinkindes werden als eine Art von Rücksichtslosigkeit gefasst: Als
ungehemmter Drang, die Eltern (oder andere) für die eigene Selbstbestätigung
quasi zu missbrauchen. (Dabei besteht das eigentliche Problem doch nur allzu
oft darin, dass gestörte Eltern von dem Kind erwarten, dass sie
in ihrer Allmacht idealisiert werden.)
Müller-Pozzi umschreibt mit dem primären
Narzissmus eine Entwicklungsphase des Kleinkindes, in der dieses allein aus
Gründen des Überlebens darauf angewiesen ist, deutlich auf sich aufmerksam zu
machen. Das so selbstverständliche Sich-Einsetzen des Kindes für seine
Bedürfnisse nach Nahrung, Kontakt oder Körperpflege wird diffamiert als
Omnipotenzgebärde, Allmachtsphantasie oder Anspruch auf Bewunderung, begleitet
von Gier und Unersättlichkeit. Dies schafft ein Zerrbild vom Kleinkind
als triebgesteuertem Monster, das eventuell seine seelische und körperliche
Misshandlung durch Erwachsene rechtfertigt.
Kleiner
Exkurs über „Objekte“
Gerade im Zusammenhang mit kindlicher
Entwicklung und Narzissmus (s.o.) ist immer wieder die Rede von: Objekt,
Triebobjekt, Objektbesetzung, Objektbeziehung,
narzisstisches Objekt u.s.w., wobei das „Objekt“ jeweils auf einen
Mitmenschen verweisen soll.
Ein „Objekt“, so mein etymologisches
Wörterbuch, ist ein „Gegenstand oder Ziel des Denkens und Handelns, Sache
von besonderem Interesse, Vertragsgegenstand“ (EwdD, „Objekt“), abgeleitet
von „lat. obicere (obiectum) ‚entgegenwerfen, -stellen, vorsetzen,
darbieten, vorwerfen‘“ (a.a.O.), also ein Etwas (Neutrum), das
entgegengeworfen, entgegengestellt, vorgesetzt, dargeboten, oder vorgeworfen
wird. Der Begriff ist ursprünglich ganz der Welt der Gegenstände vorbehalten.
Er wird jedoch von Psychologen darauf
übertragen, wie angeblich Kleinkinder ihre mitmenschlichen Beziehungen
entwickeln und Erwachsene sie pflegen. Damit wird den Angesprochenen unterstellt,
dass sie ihr Gegenüber als willenloses Ding betrachteten, und nicht in der Lage
wären, dessen Eigenständigkeit anzuerkennen. Höchste Zeit, diese implizite
Diffamierung derjenigen zu beenden, von denen die angeblichen
„Objektbeziehungen“ ausgehen, und das „Objekt“ aus dem psychologischen
„Sprachschatz“ zu streichen, und z.B. von einem Menschen zu reden, wenn ein
Mensch gemeint ist.
Narzisstische
Persönlichkeiten -
Otto F. Kernberg und Kathrin Asper
Otto F. Kernberg (ihm ist auf dieser Seite
ein ausführliches Kapitel gewidmet)
definiert: „Narzißtische Persönlichkeiten fallen auf durch ein
ungewöhnliches Maß an Selbstbezogenheit im Umgang mit anderen Menschen, durch
ihr starkes Bedürfnis, von anderen geliebt und bewundert zu werden, und durch
den eigenartigen (wenn auch nur scheinbaren) Widerspruch zwischen einem aufgeblähten
Selbstkonzept und gleichzeitig einem maßlosen Bedürfnis nach Bestätigung
durch andere. Ihr Gefühlsleben ist seicht; sie empfinden wenig
Empathie für die Gefühle anderer und haben - mit Ausnahme von
Selbstbestätigungen durch andere Menschen oder eigene Größenphantasien -
im Grunde sehr wenig Freude am Leben; sie werden rastlos und leiden
unter Langeweile, sobald die äußere Fassade ihren Glanz verliert und
momentan keine neuen Quellen der Selbstbestätigung mehr zur Verfügung stehen.“ (1990,
S. 261).
Kathrin Asper sieht als „Wesenszüge des narzißtischen
Menschen“: „Angst vor Verlassenheit ... Gefühlsdefizienz ...
Grandiosität und Depression ... Gestörte Sexualität ... Mangelndes
Symbolverständnis ... Unzureichende Wahrnehmung ... Mangelndes biografisches
Bewußtsein ... Übermäßige Angst ... Unproportionierte Wut ... Unausgewogene
Nähe und Ferne ... Konzentrationsmangel ... Übermäßige Scham ... Unklare
Bedürfnisse“ (Asper, 1994, S. 69-72).
Die Autorin verwendet ihre Begriffe
widersprüchlich: „Narzißmus bedeutet Selbstliebe im Sinne des
Bibelwortes ‘Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst’ (Mt. 19,19).
Kurz gefaßt kann die narzißtische Störung als eine Beeinträchtigung der
Selbstliebe verstanden werden, bedingt durch emotionale Verlassenheit des
Kindes“ (a.a.O., S.63). Dann, zwei Seiten weiter: „Das Selbstwertgefühl
des Narzißten ist demnach nicht stabil, arglos und selbstverständlich,
sondern schwankt. Es schwankt zwischen Grandiosität und Depressivität“ (a.a.O.,
S.65). „Narzißmus“ wird als eindeutig positive Eigenschaft gesehen, aber
der „Narzißt“ soll durch seine emotionale Störung gekennzeichnet sein?
Das passt nicht zusammen.
Kernberg und Asper attestieren der „narzißtischen
Persönlichkeit“ bzw. dem „narzißtischen Menschen“ unzählige
problematische Eigenschaften, deren innere Zusammenhänge unklar bleiben, und
die - wie ich zeigen werde - eher den genauen Gegentyp zu der Figur des
Narkissos bilden.
Narzisstische
Beziehungen -
Otto F. Kernberg und Kathrin Asper
In punkto mitmenschlicher Beziehung ist
Kernberg bei der narzisstischen Persönlichkeit aufgefallen: „Man beobachtet
auch starken Neid auf andere ... Die mitmenschlichen Beziehungen solcher
Patienten haben im allgemeinen einen eindeutig ausbeuterischen und
zuweilen sogar parasitären Charakter; narzißtische Persönlichkeiten
nehmen gewissermaßen für sich das Recht in Anspruch, über andere Menschen ohne
Schuldgefühle zu verfügen, sie zu beherrschen und auszunutzen;
hinter einer oft recht charmanten und gewinnenden Fassade spürt man etwas Kaltes,
Unerbittliches.“ (1990, S. 261f)
Kathrin Asper ergänzt: „Daneben läßt sich
bei narzißtisch beeinträchtigten Persönlichkeiten eine stete Suche nach
idealen Menschen und Verhältnissen beobachten. Sie ist verbunden mit einer
ausgeprägten Idealisierungstendenz und einem Kontrollverhalten,
wonach der Gegenüber die Erwartungen des narzißtisch verwundeten Menschen
vollständig erfüllen muß“ (Asper, 1994, S.64).
Es ist interessant, dass auch hier das
Ausbeuterische, Parasitäre, das Idealisierende oder Kontrollierende, das
Kernberg und Asper der „narzißtischen Persönlichkeit“ zuschreiben, mit
dem Mythos von Narkissos nur insoweit etwas zu tun hat, als es die Beziehungen
kennzeichnet, denen der junge Mann ausgeliefert ist. Ihn selbst einer
solchen Beziehungsgestaltung zu bezichtigen, stellt eine glatte Verkehrung
ins Gegenteil dar.
Bei Kathrin Asper wird an manchen Stellen das
Unverständnis des Mythos geradezu lächerlich. Sie sei hier noch einmal
stellvertretend zitiert als Beispiel für das bizarre Missverständnis, das
psychologische „Fachleute“ Mythen und Geschichten, also auch Lebensgeschichten
von KlientInnen, entgegenbringen können. Sie schreibt:
„Tatsächlich erscheint der narzißtisch
gestörte Mensch als in sich selbst verliebt, egozentrisch und egoistisch. ...
Die Gier nach Echo ist als Versuch eines Menschen zu werten, der sich in
der Tiefe nicht annehmen kann und bestrebt ist, durch Kompensation diesen
Mangel auszugleichen“ (Asper, 1994,
S.85, ähnlich S. 64).
Wie in den Ausführungen zum Mythos von Narziss ausführlich
dargelegt, stellt es eine völlige Verdrehung der Tatsachen dar, Narkissos eine „Gier
nach Echo“ zu unterstellen. Er möchte mit Echo nichts - aber
auch gar nichts - zu tun haben! Weiter missversteht Asper:
„Die mangelnde Beziehungsfähigkeit zu
einem Du zeigt sich ebenfalls im Narzissus-Mythus. Der schöne Jüngling ist von
‘sprödester Härte’ (354). Obgleich er Sehnsucht und Liebe bei anderen erweckt,
kann er nicht lieben, kennt er kein Du. Selbst mit der Nymphe Echo kommt es zu
keiner Beziehung, wie Echo sich nähert, ruft er: ‘(...)Fort! mit den Händen und
Armen! Eher würde ich sterben’ (390/1). Echo, Bewunderung ersehnt
sich der narzißtische Mensch und ist bereit, dafür manchen Kompromiß
einzugehen. Im Gedicht Ovids jedoch kann Narzissus nicht einmal Echo lieben.
Dies weist auf die tiefliegende Unfähigkeit (nicht im moralischen Sinne
gemeint!) narzißtisch beeinträchtigter Menschen hin, echtes Echo, wahre
Anerkennung wirklich auch auf emotionaler Ebene anzunehmen“ (a.a.O., S. 99).
Dass Narkissos von ‚sprödester Härte‘ sei, das
ist lediglich das, was die anderen, der aufdringliche Ameinios und die
geistlose Echo, über ihn fälschlich behaupten. Und: Von „Liebe“ kann doch bei
der Nymphe gar keine Rede sein. Sie ist auf der Suche nach jemandem, dem sie
nachplappern kann. Wenn sie den jungen Mann wirklich „geliebt“ hätte, dann
hätte sie ihn mit ihrem hohlen Geplapper verschont. Narkissos dagegen ist
keineswegs unfähig zu lieben, sondern er will und möchte zu Echo keine
„Liebesbeziehung“ aufbauen. Es gibt da nichts, auf das Narkissos sich beziehen
wollte und könnte. Sie ist kein richtiges Gegenüber, kein „Du“, sie ist
halt nur Echo. Es fiele Narziss nicht im Traume ein, „Echo“ zu „ersehnen“
oder „auf emotionaler Ebene annehmen“ zu wollen.
Und dann: „echtes Echo“ – das ist
zwar eine schöne Alliteration, aber ansonsten genauso unsinnig, als würde man
von einer „echten Kopie“ reden.
Siegfried Zepf und Bernd Nitzschke (1985) zum Begriff des
„Narzißmus“: „man (ist) zunächst erstaunt über die Vielfalt der klinischen
Phänomene, die von verschiedenen Autoren als „narzißtisch“ bezeichnet werden.
Der Schlaf, das Daumenlutschen des Kindes, das strahlende junge Mädchen vor dem
Spiegel, welches sich schön macht, der Wissenschaftler, der über die Verleihung
des Nobelpreises stolz ist, gelten ebenso als „narzißtisch“ wie die höchste
Sublimierung und die tiefste psychotische Regression. In manchen Fällen wird
der Narzißmus für eine Erhöhung der männlichen Potenz verantwortlich gemacht,
in anderen für ihre Abnahme. Man erkennt den Narzißmus in der Frigidität ebenso
wie in der weiblichen Anziehungskraft. Man meint, er könne destruktive Impulse
neutralisieren und gleichzeitig aber auch zu einer Angstquelle für das Ich
werden. Einerseits wird er für den Aufbau einer Abwehr gegen Homosexualität
verantwortlich gemacht, andererseits aber gelten gerade die Homosexuellen als
besonders narzißtisch; und sowohl eine extreme Objektunabhängigkeit wie auch
eine extreme Objektabhängigkeit werden gleichermaßen mit diesem Etikett versehen.
... Vielfach wurde versucht, das Konzept von Verwirrung und Konfusion zu
reinigen. In den verschiedenen theoretischen Bemühungen gelang es jedoch nicht,
die im klinischen Alltag als „narzißtisch“ bezeichneten Phänomene konsistent
mit der Empirie und innerhalb der psychoanalytischen Metapsychologie
widerspruchsfrei, d.h. auch in Übereinstimmung mit anderen psychoanalytischen
Konzepten, auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen“ (Zepf & Nitzschke,
1985, S.865 f).
Die Verwirrung scheint sich bis heute noch nicht
gelegt zu haben: Im Internet-Reader des Psychologischen Instituts der
Universität des Saarlandes zum Thema Narzissmus (betreut von Joachim Wutke) war
noch kürzlich zu lesen: „das Konzept des Narzißmus ist heute innerhalb der
Psychoanalyse (und auch außerhalb) weniger denn je eindeutig bestimmt,
es wird gelegentlich sogar höchst mißverständlich benutzt, es ist theoretisch
nicht eindeutig geklärt und es werden viel zu viele Phänomene unter
diesen Begriff subsumiert. ... Die Unbestimmtheiten erstrecken sich sowohl
auf den theoretischen wie deskriptiven oder auch metaphorischen Gebrauch“ (Wutke,
Download vom 18.08.98).
Der Begriff Narzissmus erweist sich also
insgesamt als völlig diffus, was ihn als Sammelbecken für alle möglichen
ungeprüften Unterstellungen bestens qualifiziert.
Auch rein begriffslogisch ist der Narzissmus
höchst fragwürdig. Ursula und Rebekka Orlowsky (1992, S. 19) stellen hierzu
fest: „Neologismen wie ... Narzißmus sind heute in aller Munde, ohne
daß noch gefragt würde, was der neue Begriff subsumiert hat. Nicht immer ist
den Sprechenden oder Schreibenden auch bewußt, daß die Ableitungssilbe ismus
durch ihre abwertende Implikation ursprünglich auf Gegenstandslosigkeit und
intellektuelle Substanzlosigkeit verweisen sollte. ... Ungeprüft geblieben ist,
ob Freuds Ableitung aus Ovids Text zulässig ist, d.h. ob die Verschmelzung
Narziß = Narzißmus begründet werden kann und die negative Konnotation des
Begriffs Narzißmus überhaupt Substanz hat. Im Deutschen ist zudem die
Silbe is(mus) verschwunden; korrekt müßte es - wie im Englischen
und Französischen narcissism(e) - Narzißismus
heißen“.
Zepf & Nitzschke, Wutke sowie Orlowsky
& Orlowsky erheben - aus der breiten Übersicht der psychologischen
Fachliteratur - gegen den Gebrauch des Begriffes Narzissmus schwerwiegende
Einwände. Dies unterstreicht die von mir beispielhaft erhobene Kritik an
Müller-Pozzi, Kernberg und Asper. Das Konzept des Narzissmus erweist sich als
babylonisches Turmbau-Projekt mit einer gewaltigen Sprachverwirrung.
Es empfiehlt sich in der Regel, auf Bauruinen
mit brüchigen Fundamenten keine weiteren Aufbauten draufzusetzen, statt dessen
zu prüfen, was sich von den Bauelementen noch als verwertbar erweist, ansonsten
baldmöglichst den Abriss vorzunehmen. Der Boden des Ganzen – der ursprüngliche
Mythos – ist auf jeden Fall nach wie vor zu gebrauchen.
[1] pathologisch = krankhaft. Dabei hatte Ellis die „Narziss-artige Tendenz“ gerade NICHT zum krankhaften Zustand erklärt.