Diplom Psychologe/
Psychotherapeut
Klaus Schlagmann
Scheidter Str. 62
66123 Saarbrücken
Tel.: 0681/375 805
KlausSchlagmann@aol.com
http://www.oedipus-online.de
Sehr geehrter Herr X, sehr geehrte Frau Y,
Sie sind Mitglied beim sog. "Runden Tisch - sexueller
Kindesmissbrauch". Sicherlich gehört es zu Ihren vordringlichen Aufgaben,
das Ausmaß des Problems zu erfassen und Strategien zur Verhinderung
entsprechender Vorkommnisse zu entwickeln. Am Rande werden Sie sich aber wohl
auch mit geeigneten Strategien zur Therapie der Opfer beschäftigen. In dieser
Angelegenheit möchte ich mich an Sie wenden.
Seit 1995 beschäftige ich mich intensiver mit der Therapie
von Traumata. Damals hatte ich mit einem jungen Mann zu tun, dem es nach einer
Therapie wegen Angststörungen noch schlechter ging, als zuvor: Die
Interventionen des Kollegen hatte bei ihm zu Anfällen von Atemnot geführt, so
dass er von nun an noch zusätzlich ein Asthma-Spray benötigte. Ich konnte den
Therapie-Antrag des Analytikers lesen. Er hatte zwar die Lebensgeschichte des
Klienten klar erfasst, dass er von seinem Vater brutal misshandelt worden war.
Aber diese Gewalterfahrung war für den Therapeuten nicht das Problem. Aus
seiner Sicht lag es darin, dass der Klient von sich aus "Hass gegen den
Vater" und "Leistungsverweigerung" entwickelt hatte. Der
Hintergrund für diese Unterstellung ist die Theorie vom sog. "ödipalen
Konflikt".
Im letzten Jahr hatte ich mit einer jungen Frau zu tun, die
mir erzählte, sie habe ca. 5 Jahre zuvor einem Therapeuten berichtet, dass sie
mit 13 Jahren von drei Mitschülern vergewaltigt worden war. Dessen Frage:
"Und? Warum haben Sie das nicht verhindert?" Sie: "Wie meinen
Sie das?" Er: "Sie wissen schon, wie ich das meine!" Sie ist
zwar danach nie wieder zu diesem "Therapeuten" gegangen, getraute
sich aber zunächst nicht, ihr Problem andernorts anzusprechen, litt weiter
unter Schlafstörungen, entwickelte Medikamentenmissbrauch, ist am Ende in die
Privatinsolvenz geraten, aus der sie sich im Moment wieder mühsam
herausarbeitet. Der Intervention dieses Therapeuten liegt die gleiche Logik
zugrunde, wie in dem ersten geschilderten Fall: Es wird bei jeder Art von
Gewalt zunächst einmal nach dem "eigenen Anteil" des Betroffenen
gefragt - und es wird sich darauf konzentriert. (Als würde die Polizei bei
jedem Verbrechens die Ermittlungen darauf konzentrieren herauszufinden, warum
und mit welcher Absicht das Opfer am Tatort aufgetaucht war.)
Eigentlich erstaunlich, dass es ausgerechnet im Lager der
Psychotherapeutenschaft eine beträchtliche Verständnislosigkeit gegenüber dem
traumatisierenden Geschehen gibt. Über den Ursprung dieser bizarren
Opferbeschuldigung konnte ich zwar bereits in der einen oder anderen
Fachzeitschrift publizieren ("Sexueller Missbrauch: Opferbeschuldigung als
Psychotherapiestrategie?", in: psychoneuro, 9/2007, S. 361-365;
"Kommentar zum Kommentar. Opferbeschuldigung als
Psychotherapiestrategie?" In: psychoneuro, 11/2007, S. 475 [Antwort auf
den Kommentar von Prof. Ernst R. Petzold, der meinen Beitrag
"Opferbeschuldigung als Psychotherapiestrategie" in der psychoneuro
9/2007 kommentiert hatte (S. 366-367)]; "Ein markanter Freudscher
Flüchtigkeitsfehler. Plädoyer für die Revision von Freuds Verwerfung der
Trauma-Perspektive." In: Psychodynamische Psychotherapie (PDP), 8/2009,
67-77.) Jedoch blieb die Resonanz darauf nur sehr spärlich.
Einer der schlimmsten Repräsentanten eines solchen Unverständnisses ist für
mich Prof. Otto F. Kernberg, aus dessen Fallgeschichten ich immer wieder
zitiere (z.B. in dem Artikel in der psychoneuro). Kernberg gibt - neben vielen
Ungeheuerlichkeiten - 1999 zum Besten, dass eine von ihrem Vater sexuell
missbrauchte Grundschülerin (es wird nur gesagt, sie sei zum Zeitpunkt der Tat
"unter 10 Jahre alt" gewesen, als mache es keinen Unterschied, ob sie
6,7,8 oder 9 Jahre alt war) diese Situation "in typischer Weise ... als
einen sexuell erregenden Triumph über ihre Mutter" erlebt habe, und dass
Sie "ihre Schuld tolerieren" müsse. Diese Worte wurden bei einer der
größten Psychotherapie-Veranstaltungen im deutschsprachigen Raum, bei den
Lindauer Psychotherapiewochen (1997) als Hauptvortrag präsentiert, von einem
Publikum von ca. 1000 Fachleuten begeistert beklatscht; der Text des Vortrags
wurde 1999 in einer (von Kernberg mit herausgegebenen) Fachzeitschrift -
"Persönlichkeitsstörungen - Theorie und Therapie" PTT publiziert.
Das Problem: Diese Art zu denken - also: bei einem Opfer von
Gewalt selbst nach den Ursprüngen einer seelischen Deformation zu suchen -
entspricht der Theorie von Sigmund Freud, die bis heute von viel zu vielen
Kolleginnen und Kollegen unhinterfragt für gültig erachtet wird.
Meine Bemühungen, in der Fachwelt eine Diskussion über
diesen Text anzuregen, sind - seit gut 9 Jahren - gelinde gesagt ziemlich
enttäuschend. Der Versuch, eine kritische Analyse von Kernbergs Thesen im Jahr
ihres 10-jährigen Jubiläums (2007) bei zwei Trauma-Zeitschriften einzureichen,
scheiterte an deren Gutachtern. KollegInnen (auch solche, die wohl durchaus
einen angemessenen Umgang mit Traumatisierten zeigen) sind in der Regel nicht
geneigt, auf eine Diskussion zu dem Text einzusteigen. Oder, noch schlimmer, es
heißt, ich hätte Kernberg nicht verstanden.
Übrigens hat Sophie Freud - die ihren Großvater Sigmund u.a.
als "falschen Propheten" bezeichnet - meiner Kernberg-Kritik
ausdrücklich beigepflichtet.
Leider wird bis heute solch unangemessenen theoretischen
Auffassungen, wie Kernberg sie vertritt, viel zu oft zugestimmt. Kernberg ist
bis heute gern gesehener Gast bei wissenschaftlichen Tagungen. In diesem Jahr
hat er wieder - Anfang September - bei einem Kongress in Hamburg ("Von Lust
und Wollust") ein Referat gehalten ("Sexualität von
Borderline-Patienten"). Mein Protest bei dem Veranstalter (Chefarzt der
Asklepios-Klinik, Birger Dulz) führte nur zu einer verständnislosen, geradezu
beleidigenden Antwort. So kenne ich es seit Jahren.
Aus Anlass des Kernberg-Besuchs in Hamburg habe ich seinen
Aufsatz noch einmal gründlich unter die Lupe genommen. Wenn Sie mögen, dann
finden Sie im Anhang das Resultat dieser Analyse (inklusive 13 Rückmeldungen
auf meine erste Kernberg Kritik aus den Jahren 2000/2001 von verschiedenen
Professoren und Fachleuten, darunter auch die von Sophie Freud) (vgl.: http://www.oedipus-online.de/Analyse_Kernberg_Artikel_99.htm).
Es ist sehr, sehr wichtig, das Trauma und die Mechanismen seiner Verarbeitung
zu studieren, um möglichst rasche und wirksame Therapien zu entwickeln.
Gleichzeitig ist aber auch erforderlich, klar und deutlich die Stimme zu
erheben gegen die schlimmsten Ignoranten in diesem Bereich, die durch eine Opferbeschuldigung
das Leid der Betroffenen nur vermehren.
Es würde mich sehr freuen, wenn Sie im Rahmen Ihres Engagements für den
"Runden Tisch" darauf drängen, dass auch ausdrücklich vor
unangemessenen Therapiemethoden für Gewaltopfer gewarnt wird. Theoretikern wie
Otto F. Kernberg muss eine ausdrückliche Absage erteilt werden! Die nun mehr
als 100 Jahre andauernde Opferbeschuldigung, von Sigmund Freud in die Welt
gesetzt, muss überwunden werden!
Mit freundlichem Gruß
Klaus Schlagmann
Dipl.-Psychologe
Klaus Schlagmann
Scheidter Str. 62
66123 Saarbrücken
0681/375 805